Silentlambs

 

Donnerstag, 8. Februar 2007

Geschrieben von Robb Pearson um 12:11 Uhr

http://www.dailyrecord.com/blogs/rpearson/2007/02/silent-lambs.html

 

"Wehe den Hirten, die die Schafe meiner Weide zerstören und zerstreuen!" -- Jeremia 23:1

Erlaubt mir, euch eine Geschichte zu erzählen. Es ist eine längere Geschichte und eine schwierige dazu. Aber es ist auch eine wichtige.

Meine frühen Tage


Ich wuchs praktisch al Zeuge Jehovas auf. Eine Tante von mir, der ich sehr nahe stand, hatte eine Anzahl von Jahren mit ihnen zu tun, und als ich zehn Jahre alt war (vor 25 Jahren), stellte sie mich einigen ihrer Zeugenfreunde vor. Es war ein charmantes älteres Ehepaar, sehr gütig und freundlich (ich kann mich allerdings nicht mehr an ihre Namen erinnern; es ist so lange her). In den folgenden fünf Jahren hatten wir mehr oder weniger regelmäßigen Kontakt miteinander, und sie haben mir gesagt, was die Zeugen glauben und wie sie handeln und weiteres über ihren Glauben usw. Meine Tante war natürlich als ständiger Einfluss immer dabei. Gelegentlich hat sie mich zu den Sonntagszusammenkünften mitgenommen, die ich immer genoss. Ich habe mich auch ihrem Bibelstudium mit anderen angeschlossen.

Im Jahre 1987 war meine Zugehörigkeit zu den Zeugen sicher, denn ihr Glaube war der einzige, mit dem ich mich entschieden identifizierte. Ich hatte eine Anzahl von Freunden unter den Zeugen und mich oft ihrem gesellschaftlichem Beisammensein angeschlossen. Dann, in Jahre 1990, als ich 17 war, verfolgte ich mein Studium in der Religion mit größerem Ernst und Eifer, und am 29. Dezember desselben Jahres wurde ich im Alter von 18 Jahren getauft, womit ich offiziell ein Zeuge Jehovas wurde.

Nur drei kurze Jahre nach meiner Taufe, im Januar 1994 und im Alter von 21 Jahren, habe ich die Religion und damit offiziell die Gemeinschaft der Zeugen verlassen.


Wer sind die Zeugen, und warum bin ich gegangen?

Als Gruppe gehören die Zeugen Jehovas zu den Menschen mit den höchsten moralischen und ethischen Maßstäben, die mir je begegnet sind. Ich glaube ist ein Lebensweg, vom Wesen her fast schon mönchisch, und sie sind dem sehr hingegeben. In vielerlei Weise sind sie den Amish extrem ähnlich, mit der Ausnahme, dass die Zeugen in der Welt leben und ihr die Hand reichen, wohingegen die Amish sich von ihr zurückziehen. Die Zeugen haben auch einige Lehren und Praktiken, die sie von der "Christenheit" unterscheiden, wie ihr Glaube über den Tod (ein Zustand der Bewusstlosigkeit), die Hölle (sie ist nur das Gab, wo die Toten ohne Bewusstsein liegen), ihre Einstellung zum Blut (sie lehnen Bluttransfusionen ab; ansonsten sind sie sehr pro Medizin eingestellt), ihre Ablehnung der Dreieinigkeitslehre, ihre Ablehnung der Lehre, dass die Menschen in den Himmel kommen, wenn sie sterben, strenge Vorschriften zum Ausschluss (den sie Gemeinschaftsentzug nennen) für die, die Sünden begehen und sie nicht bereuen, ihr Glaube, dass Harmagedon und das zweite Kommen Christi unmittelbar bevorstehen; er wird die Treuen retten und die Bösen vernichten und die Erde in ein Paradies verwandeln, ihr Dienst von Tür zu Tür und der Gebrauch der Bezeichnung "Jehova" für den Namen Gottes.

Aber warum bin ich gegangen? Also, es war nicht unbedingt wegen des Glaubens und der Lehren der Zeugen als solche, obwohl ich in den dreizehn Jahren, seit ich gegangen bin, meinen eigenen Glauben und ein Gefühl des Glaubens entwickelt habe (ich muss allerdings gestehen, dass es in diesen 13 Jahren ein paar Augenblicke gab, wo ich an eine Rückkehr gedacht hatte).

Meine Gründe für den Weggang waren persönliche und zweifache. Der erste Grund war, dass ich mit der Tatsache fertig werden musste, dass ich schwul bin, und für einen 21-Jährigen, der in einer Religion neu ist, die auf Homosexualität herabblickt und sie verurteilt, war das ein äußerst schwieriger Kampf. Und als der Kampf zu bedrückend wurde, ging ich.

Der zweite Grund, vielleicht der schwerwiegendere, hat damit zu tun, warum mein Kampf so bedrückend war.

Mit drei Worten: die leitende Körperschaft.


Religiöser Despotimus

Was viele nicht erkennen, ist, dass die Zeugen Jehovas zwar eine gute und moralisch einwandfreie Menschengruppe sind, dass sie aber als religiöse Gesellschaft unter dem Dach der Watchtower Bible and Tract Society vereint sind, die von einer kleinen Gruppe von Männern mit absoluter Autorität und Kontrolle über die Organisation geführt wird. Diese etwa elf Männer -- die leitende Körperschaft -- halten ich für eine besondere "gesalbte Klasse" unter den Christen, die Gottes alleiniges Sprachrohr dafür sind, die Welt darüber zu belehren, was Er von der Menschheit fordert. Praktisch sind sie Gottes erwählte Vertreter auf Erden.

Alle Versammlungen der Zeugen Jehovas -- und alle Zeugen Jehovas einzeln -- fallen unter die einzigartige Autorität dieser leitenden Körperschaft (oft "die Gesellschaft" genannt), die Verfahrensmaßstäbe und Lehren für die Religion in Übereinstimmung mit ihrer Auslegung der Bibel festsetzen, die für die höchste und letzte gehalten wird und absolut nicht infrage gestellt werden kann. Auf der örtlichen Ebene werden Älteste von der leitenden Körperschaft ernannt, um sicherzustellen, dass die Mitglieder der Versammlungen streng an die Regeln halten. Überdies wird vor der Taufe von denen, die Zeugen Jehovas werden sollen, die Beantwortung zweier Fragen verlangt:

(1) Hast du auf der Grundlage des Opfers Jesu Christi deine Sünden bereut und dich Jehovas hingegeben, um seinen Willen zu tun?

(2) Bist du dir darüber im klaren, dass du dich durch deine Hingabe und Taufe als ein Zeuge Jehovas zu erkennen gibst, der mit der vom Geist geleiteten Organisation verbunden ist?


Bei der zweiten Frage geht es darum, dass der Täufling die Autorität der Wachtturm-Organisation bestätigt. Und darum geht es letztlich beim Zeuge sein: die Organisation. Und das ist der Grund, warum mein persönlicher Kampf so bedrückend wurde. Als ich "Hilfe" und  Mitgefühl und Barmherzigkeit suchte, begegnete man mir mit dem kalten Professionalismus, dessen Hauptkern die Erzwingung der Organisationsvorschriften war und nicht, das kämpfende Herz eines jungen Mannes zu trösten. Nachdem ich vor mehreren Ältestenkomitees erschienen war, die meinen "Fall" überprüften (die Wachtturm-Gesellschaft hat ihrer eigene Jurisdiktion auf Versammlungsebene), und nachdem mir zahllose Male einfach gesagt worden war, ich solle mehr studieren, mehr beten, alle Zusammenkünfte besuchen, mehr von Haus zu Haus gehen und ansonsten lernen, mit meinem Problem umzugehen -- das grundlegende Wachtturm-Rezept für eine "Heilung" -- war ich die Leere ihres organisationsmäßigen Herangehens leid, an dem sich nichts von Jesus erkennen ließ, und beschloss am Ende, die Organisation zu verlassen.

Zusammengefasst ist der einzige Weg, für Gott annehmbar zu sein, der, ein Zeuge Jehovas unter der absoluten Autorität der leitenden Körperschaft zu sein. Dies ist der Kern ihres ganzen religiösen Indoktrinationsprogramms. Die leitende Körperschaft oder ihre Auslegungen infrage zu stellen, heißt Gott infrage zu stellen und den Ausschluss zu riskieren, der für Zeugen Jehovas bedeutet, dass man von Gott verurteilt wird.

Was aber die Leute nicht wissen, ist, dass die autoritären Vorschriften der leitenden Körperschaft für das Fortbestehen des hinterhältigsten Übels verantwortlich sind.


Silentlambs

Die meisten Leute sind schockiert, wenn sie entdecken, dass die Wachtturm-Gesellschaft -- die Religion der Zeugen Jehovas -- ein Zufluchtsort für Pädophile ist. Tausende von Kindern von Zeugen Jehovas sind sexuell missbraucht worden -- und viele werden noch zweifellos missbraucht --, und die meisten von ihnen sehen wegen der religiösen Vorschriften der leitenden Körperschaft keine Gerechtigkeit, weil die Regeln der "Welt" zugunsten der Regeln Gottes abgelehnt werden.

Wenn jemand in der Organisation der Zeugen Jehovas eine Sünde begeht oder jemanden kennt, der eine Sünde begangen hat, wird vom ihm erwartet, dass er die Ältesten um Hilfe und/oder Führung bittet. In dem Fall, dass jemand über die Sünde eines anderen berichtet, müssen sich die Ältesten an strenge Richtlinien halten, um die Sünde festzustellen: (1) Entweder der Beschuldigte gesteht die Sünde, oder wenn er die Schuld nicht gesteht, werden (2) zwei Augenzeugen gefordert, um die Schuld festzustellen. Diese Regel gründet sich auf eine strenge Auslegung der folgenden Bibelpassage:

 

Überdies, wenn dein Bruder eine Sünde begeht, so gehe hin, lege seinen Fehler zwischen dir und ihm allein offen dar. Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber nicht hört, nimm noch einen oder zwei mit dir, damit jede Sache aus dem Mund von zwei oder drei Zeugen festgestellt werde.” Matthäus 18:15, 16 (NWT)


An diese Regel hält man sich, ohne abzuweichen oder flexibel zu sein. Wenn sich nur ein Zeuge meldet, werden und können die Ältesten nicht sagen, dass ein Beschuldigter schuldig ist, und das, weil die Verfahrensregeln der leitenden Körperschaft ein fragloses Festhalten an dieser strengen Auslegung fordern. Man beachte zum Beispiel die Vorschrift der leitenden Körperschaft in Bezug darauf, wie Älteste mit Missbrauchsbeschuldigungen umgehen sollten:

 

"Wird die Beschuldigung zurückgewiesen, sollten die Ältesten dem Ankläger erklären, dass rechtlich nichts weiter unternommen werden kann. Und die Versammlung wird den Beschuldigten weiterhin als unschuldig betrachten. Gemäß der Bibel müssen zwei oder drei Zeugen vorhanden sein, damit rechtliche Schritte unternommen werden können (2. Korinther 13:1; 1. Timotheus 5:19). Selbst wenn sich mehr als eine Person an einen Missbrauch durch dieselbe Person „erinnert", ist die Natur dieser Erinnerungen doch zu ungewiss, um ohne weitere belastende Beweise rechtliche Entscheidungen darauf zu stützen. Das bedeutet nicht, dass solche „Erinnerungen" als falsch (oder als wahr) betrachtet werden. Aber bei einem Rechtsfall muss man sich an die biblischen Grundsätze halten."

Aus einem Artikel der Zeitschrift Wachtturm vom 1. November 1995. (Der Wachtturm ist das offizielle Organ der Wachtturm-Gesellschaft, um ihre Lehren und autoritären Verkündigungen auszustreuen.)


Es ist genau diese Vorschrift, die zugelassen hat, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern jahrelang in den Versammlungen der Zeugen Jehovas vor sich gehen konnte, ohne dass man sich darum kümmerte. Denn welcher Kinderschänder missbraucht ein Kind schon vor mehr als einem Zeugen, der sein Verbrechen bestätigen könnte? Aufgrund dessen werden Kinder, die sich an Älteste wenden und ihren Missbrauch melden, fast immer abgewiesen, weil der Schänder nicht gesteht und das Kind nicht mehr als einen Zeugen vorweisen kann. Fälle geschlossen, Einzelheiten begraben. Aber es wird noch schlimmer. Kinder, die auf ihrer Anschuldigung bestehen, werden gewarnt, das sie geächtet werden könnten, weil sie sich an Verleumdung einer Person beteiligen, die in den Augen der Religion aufgrund der "Zwei-Zeugen-Regel" sich keines Vergehens schuldig gemacht hat.

Das traurigste und entsetzlichste Element bei alledem ist die Tatsache, dass aufgrund der Indoktrination, Konditionierung und Programmierung der einzelnen Zeugen fast niemand gegen diese Vorschriften aufsteht, weil sie angst haben, damit die Autorität der leitenden Körperschaft infrage zu stellen.

Doch einige erheben die Stimme.

Im Jahre 2001 wurde eine Organisation namens Silentlambs von Bill Bowen ins Leben gerufen, einem früheren Ältesten der Zeugen Jehovas aus Kentucky, der 20 Jahre lang als Ältester gedient hatte und bekümmert war, als er von Fällen von Kindesmissbrauch in seiner eigenen Versammlung erfuhr, die unter den Teppich gekehrt wurden. Er verstand, dass Jesu Lehren nicht so gemeint waren, dass denen Zuflucht gegeben werden sollte, die kleinen Kindern Schaden antun, und dass jede von Menschen geschaffene Organisation, deren Regeln und religiösen Auslegungen der Bibel den Missbrauch der Unschuldigsten unter uns weiter bestehen lassen, unmöglich von Gott gesegnet werden können.

In den ersten zwei Jahren wurde Silentlambs von 6000 sexuell missbrauchten Zeugen Jehovas kontaktiert. Anders als die Wachtturm-Gesellschaft war Silentlambs ein sicherer Zufluchtsort, der für Gerechtigkeit für Kinder eintrat, die unsägliche Verbrechen gegen ihren Körper erduldeten sowie unsägliche Ungerechtigkeit seitens der Ältesten, die doch Hirten für sie sein sollten, und seitens einer Organisation, die den Anspruch erhebt, Hauptvertreter Gottes auf Erden zu sein. Silentlambs half, viele Fälle in ein landesweites Rampenlicht zu stellen, und Dutzende von Schändern -- viele von ihnen waren selbst Älteste -- sind nun unter anderem mit Gefängnishaft bestraft worden.


Warum ich diese Geschichte mitgeteilt habe

Ich bin selbst Überlebender sexuellen Kindesmissbrauchs. Ich weiß, wie es ist, den Verlust der Gerechtigkeit zu erfahren, nachdem man die Unschuld verloren hat. Und das ist der ungesagte dritte Grund, warum ich die Zeugen verlassen habe. Ich hatte Hilfe gesucht, um mit den Auswirkungen meines eigenen Missbrauchs fertig zu werden, und ich erhielt wenig Mitgefühl. Dankbarerweise bin ich in dem Jahr, nachdem ich die Zeugen verlassen habe, in ein Rehabilitierungsprogramm gelangt, das auffallend erfolgreich war, und erlangte die Heilung, die ich so bitter nötig hatte. Ich erhielt auch die Gerechtigkeit, auf die ich ein Anrecht hatte.

Ich möchte heute hiermit meine große Dankbarkeit für Bill Bowen zum Ausdruck bringen, mit de ich das Vorrecht hatte, gestern fast eine Stunde lang zu sprechen. Sein Mut und sein Mitgefühl und sein Glaube an Gott haben Tausenden geholfen. Das Ergebnis dessen ,was er tat, war: Er wurde von der Wachtturm-Gesellschaft ausgeschlossen. Doch er zeigt eigentlich am besten, was wahre Ältestenschaft und gottgegeben Hirtentätigkeit sind, und ich habe Hoffnung für die Zeugenkinder, die zu Opfern gemacht wurden und es sicher noch weiter werden. Ich bete darum, dass Jehovas Hand ihnen allen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit bringen möge.

"Nun begann man, kleine Kinder zu ihm zu bringen, damit er diese anrühre; die Jünger aber verwiesen es ihnen. Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: "Lasst die kleinen Kinder zu mir kommen; versucht nicht, sie daran zu hindern, denn das Königreich Gottes gehört solchen, die wie sie sind.' ... "  -- Markus 10:13, 14