silentlambs
Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich
schreibe Ihnen, um ein Thema anzusprechen, das den religiösen
Glauben überschreitet und eine Wirklichkeit offenbart, die
jeden Tag Tausende von Kindern betrifft. Ich war über
zwanzig Jahre lang als christlicher Diener tätig. Ich kann
den Mitgliedern meiner Kirche jedoch nicht weiter dienen, da
ich nicht mit einer Kirchenpolitik einverstanden bin, die
durchzusetzen ich als Ältester gezwungen bin. Diese Politik
hat meiner Meinung nach Tausenden Schaden zugefügt, lässt
viele ohne Schutz und bietet direkt Kriminellen Zuflucht.
Ich meine damit
die Kirchen-Politik, Informationen über Pädophile, die
Mitglieder sind, vertraulich zu halten. Diese Pädophilen
werden durch einen Kodex des Schweigens geschützt, wo
selbst unmittelbare Angehörige nicht informiert werden dürfen
und in vielen Fällen beschuldigte Pädophile in
verantwortlichen Stellungen in der Kirche bleiben, während
ihre Opfer schweigend leiden oder Sanktionen erwarten können.
Diese Politik ist meiner Meinung nach unethisch und
unmoralisch und in vielen Bundesstaaten ungesetzlich.
Diese Politik
wurde im Wachtturm, einer Publikation meiner
Religion, der Zeugen Jehovas, erklärt. Der Wachtturm,
der zehnmillionenfach veröffentlicht und in über 139
Sprachen auf der ganzen Welt verbreitet wird, sagte in der
Ausgabe vom 1. November 1995, Seiten 28-29, mit Bezug
darauf, wie Kirchenfunktionäre mit sexueller Belästigung
umgehen sollten:
„Wird die
Beschuldigung zurückgewiesen, sollten die Ältesten dem
Ankläger erklären, dass rechtlich nichts weiter
unternommen werden kann. Und die Versammlung wird den
Beschuldigten weiterhin als unschuldig betrachten.
Gemäß der Bibel müssen zwei oder drei Zeugen vorhanden
sein, damit rechtliche Schritte unternommen werden können
(2. Korinther 13:1; 1. Timotheus 5:19). Selbst wenn
sich mehr als eine Person an einen Missbrauch durch dieselbe
Person „erinnert“, ist die Natur dieser
Erinnerungen doch zu ungewiss, um ohne weitere belastende
Beweise rechtliche Entscheidungen darauf zu stützen. Das
bedeutet nicht, dass solche „Erinnerungen“ als falsch
(oder als wahr) betrachtet werden. Aber bei einem Rechtsfall
muss man sich an die biblischen Grundsätze halten.“
Demgemäß ist
einzige Weg, dass jemand innerhalb der
Wachtturm-Organisation von den Kirchenführern des
Kindesmissbrauchs überführt werden kann, ein Geständnis
oder eine Aussage zweier Zeugen, die bei dem Verbrechen
zugegen waren. Wenn ein Pädophiler die Beschuldigung
abstreitet, dann wird er von den Kirchenoberen geschützt.
Die Kirche fordert dann von dem Opfer, sich ruhig zu
verhalten, wenn es nicht wegen Verleumdung eines
Unschuldigen geächtet werden will. Ich selbst glaube, dass ich niemandem
innerhalb der Wachtturm-Organisation in Bezug auf meine
Kinder trauen kann. Sollten meine Kinder einen Pädophilen
der sexuellen Belästigung beschuldigen, brauchte er die
Sache nur abzustreiten, und ich als Vater würde mit der
Drohung des Gemeinschaftsentzuges zum Schweigen gebracht,
sollte ich versuchen, etwas zu sagen, um andere vor einem
Schaden zu warnen und zu schützen..
Ich
möchte einmal die Frage stellen, wie oft es Augenzeugen bei
einer sexuellen Belästigung von Kindern gibt? Wie kann es
„belastende Beweise“ für eine sexuelle Belästigung
geben, wenn 90% der Verbrechen erst Wochen oder manchmal
Jahre später angezeigt werden? Wie viele Pädophile sagen
schon die Wahrheit, wissend, dass sie dafür ins Gefängnis
kommen könnten? Bedeutet die Tatsache, dass der
Durchschnittspädophile in seinem Leben siebzig Kinder belästigt
und nie eines Verbrechens überführt wird, wir sollten ihm
innerhalb unserer Organisation Anonymität zugestehen? Was
ist mit Kirchenmitgliedern, die diese Beschuldigungen nicht
kennen? Sie werden in der Regel im Dunkeln gelassen, ohne
Kenntnis, dass sich ihre Kinder möglicherweise in
Gesellschaft eines beschuldigten Sexualtäters befinden. Überdies:
Wenn der Kinderschänder die Belästigung zugibt und
vertraulich vor den Kirchenführern bereut, rät man dem
Opfer oder der Familie des Opfers davon ab, die Belästigung
bei der Polizei anzuzeigen, und wenn sie nicht angezeigt
wird, fordern die Kirchenoberen von dem Opfer, dass es sich
still verhält. So kann der Pädophile sein Verbrechen
wiederholen, weil niemand seine Vergangenheit kennt.
Wie schlimm ist
das? Aufgrund dieser Politik der Organisation sind wir
meiner Meinung nach durchtränkt mit Pädophilen, die Ämter
von ganz oben bis ganz unten innehaben. In meinen über
vierzig Jahren in der Organisation muss ich immer noch nach
einer Versammlung suchen, die keine schweren Probleme mit
der sexuellen Belästigung von Kindern hat.
Daher werde ich
nicht länger als Kirchenältester in einer Einrichtung
dienen, die solch unethisches und unmoralisches Verhalten
gegenüber Kindern fördert. Ich weigere mich, eine
Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen mitzutragen, die
in unserer Kirche auf der ganzen Welt gefördert wird. Ich
glaube, die Kirche sollte sich nicht damit befassen,
festzustellen, ob ein Angeklagter unschuldig oder schuldig
ist, sie sollte vielmehr als ersten Schritt die Behörden
benachrichtigen, die dann untersuchen werden, ob die Anklage
tragfähig ist. Wenn ein Pädophiler dann vor Gericht für
schuldig befunden wurde, wird er öffentlich identifiziert
und bestraft. Das schützt Unschuldige und könnte dem Opfer
helfen, einen Schlussstrich zu ziehen. Bis dieser Tag kommt,
werden die Lämmer, die Kleinen, die zu Opfern Gemachten,
zum Schweigen gebracht. Sie erwarten von den Dienern Schutz,
aber statt dessen werden sie durch die Politik der
Organisation zerdrückt und geächtet, wenn sie am meisten
Hilfe benötigen.
Ich
hoffe aufrichtig, dass dieser Brief andere darauf aufmerksam
macht, was auch in ihrer Kirche passieren könnte. Es muss
eine Basisbewegung geben, die die Verantwortlichen zwingt,
ihre Kirchenpolitik völlig zu überholen, wenn sie ähnlich
aussieht wie die Politik der Zeugen Jehovas, und die diese
entsetzliche Haltung anspricht, Pädophile zu schützen und
Kinder der Gefahr auszusetzen.
William H. Bowen
info@silentlambs.org
Po Box 311
Calvert City, KY 42029
270-527-5350
Rücktrittsbrief
als Ältester an die Wachtturm-Organisation
31.12.2000
Watchtower
25 Columbia Heights
Brooklyn, NY 11201
Liebe Brüder,
Mit diesem
Brief, wirksam ab dem Datum dieses Briefes, möchte ich als
Ältester und vorsitzführender Aufseher zurücktreten.
Ich habe keinen bösen Willen gegenüber irgend
jemandem in der Versammlung oder der Ältestenschaft, und
ich trage auch niemandem etwas nach. In meinen über zwanzig
Jahren Sonderdienst habe ich mich vieler Vorrechte erfreut,
an die ich viele liebe Erinnerungen habe. So muss ich mit
Traurigkeit folgende Erklärung abgeben: Ich kann einfach
nicht einer Politik der Organisation zustimmen, die ich als
Ältester durchzusetzen gezwungen bin. Diese Politik hat
meiner Meinung nach Tausenden Schaden zugefügt, lässt
viele ohne Schutz und bietet direkten Kriminellen Zuflucht.
Ich
meine damit die Wachtturm-Politik, Informationen über Pädophile
vertraulich zu halten. Pädophile werden durch einen Kodex
des Schweigens geschützt und bleiben in vielen Fällen
Dienstamtgehilfen, Älteste, Pioniere, Kreis- und
Bezirksaufseher, Mitglieder der Bethelfamilie usw., während
ihre Opfer schweigend leiden oder Sanktionen erwarten können.
Diese Politik ist meiner Meinung nach unethisch und
unmoralisch.
Als Ältester
bin ich angewiesen (Ältestendienstschule 1994), wenn das
Wort einer Person gegen das einer anderen steht und es keine
Zeugen für das Fehlverhalten gibt, nichts zu unternehmen
und nicht die Behörden zu informieren. Das Opfer? Gewarnt,
sich ruhig zu verhalten oder innerhalb der Versammlung
bestraft zu werden, was bis zu einem Gemeinschaftsentzug
wegen Verleumdung gehen kann.
Diese Politik
wurde wieder öffentlich im Wachtturm vom 1. November
1995, Seiten 28-29, erklärt, und zwar im Artikel „Trost für
Menschen mit einem niedergeschlagenen Geist“ unter der Überschrift
„Was können Älteste tun?” Dort
wird gesagt:
„Wird die
Beschuldigung zurückgewiesen, sollten die Ältesten dem
Ankläger erklären, dass rechtlich nichts weiter
unternommen werden kann. Und die Versammlung wird den
Beschuldigten weiterhin als unschuldig betrachten.
Gemäß der Bibel müssen zwei oder drei Zeugen vorhanden
sein, damit rechtliche Schritte unternommen werden können
(2. Korinther 13:1; 1. Timotheus 5:19). Selbst wenn
sich mehr als eine Person an einen Missbrauch durch dieselbe
Person „erinnert“, ist die Natur dieser
Erinnerungen doch zu ungewiss, um ohne weitere belastende
Beweise rechtliche Entscheidungen darauf zu stützen. Das
bedeutet nicht, dass solche „Erinnerungen“ als falsch
(oder als wahr) betrachtet werden. Aber bei einem Rechtsfall
muss man sich an die biblischen Grundsätze halten.“
Bietet das Trost
für Menschen mit einem niedergeschlagenen Geist?
Wie oft gibt es bei einem Kindesmissbrauch
Augenzeugen mit „belastenden Beweisen“?
Wenn zwei unterschiedliche Personen sich an einen
Missbrauch durch einen Pädophilen erinnern, wie kann er da
als „unschuldig“ betrachtet werden?
Wie schwer wäre es für jemanden mit der Neigung,
Kinder zu belästigen, die Tat abzustreiten, wenn er
beschuldigt wird? Der Brief an die Ältesten vom 14.3.1997,
Seite 2, Absatz 5, besagt:
„Es mag möglich sein, dass einige, die sich des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht haben, als Älteste, Dienstamtgehilfen oder als allgemeine oder Sonderpioniere dienten oder jetzt noch dienen. Andere waren vielleicht der Belästigung von Kindern schuldig, ehe sie getauft wurden. Die Ältestenschaften sollten keine Einzelpersonen in Zweifel ziehen. Doch die Ältestenschaften sollten die Sache besprechen und der Gesellschaft Bericht erstatten, wenn jemand gegenwärtig in einer von der Gesellschaft ernannten Stellung in ihrer Versammlung dient oder früher diente, der dafür bekannt ist, dass er sich in der Vergangenheit der sexuellen Belästigung von Kindern schuldig gemacht hat.“ Absatz 6 fährt am Ende fort: „Diese Information darf niemandem zugänglich gemacht werden, der nicht betroffen ist.“
Der einzige Weg,
dass jemand innerhalb der Organisation des Kindesmissbrauchs
überführt werden kann, ist ein Geständnis, eine
Verurteilung vor einem weltlichen Gericht oder eine Aussage
zweier Zeugen, die bei demselben Ereignis zugegen waren.
Wenn diese Kriterien auf jemanden zutreffen, so gilt nach
der oben angeführten Information: „Die Ältestenschaften sollten
keine Einzelpersonen in Zweifel ziehen“ und „Diese Information darf
niemandem zugänglich gemacht werden, der nicht betroffen
ist.“
Bei dem, auf den diese Kriterien nicht zutreffen, wie im
Falle eines Opfers, das jemanden beschuldigt, ihn/sie belästigt
zu haben, wird der Kodex des Schweigens noch strenger
durchgesetzt. Was ist mit möglichen Opfern, Eltern von
Kindern, die diese Beschuldigung nicht kennen? Sie werden
ohne Kenntnis im Dunkeln gelassen, dass ihre Kinder einem
beschuldigten Sexualtäter regelrecht ausgeliefert sein könnten.
Diese
Direktiven machen die Wachtturm-Organisation zu einem
Paradies für Pädophile, wo Kinder frei belästigt werden dürfen,
solange es keine belastenden Beweise oder zwei Zeugen für
denselben Vorfall gibt. Pädophile werden durch die
Wachtturm-Politik, die die Ältestenschaften durchsetzen,
geschützt. Wie
oft gibt es für sexuelle Belästigung von Kindern Zeugen?
Wie kann es Beweise für eine Belästigung geben, wenn 90%
der Verbrechen erst Wochen oder manchmal Jahre danach
berichtet werden? Wie viele Pädophile sagen schon die
Wahrheit, wissend, dass sie dafür ins Gefängnis kommen könnten?
Bedeutet die Tatsache, dass der Durchschnittspädophile in
seinem Leben siebzig Kinder belästigt und nie eines
Verbrechens überführt wird, wir sollten ihm innerhalb
unserer Organisation Anonymität zugestehen? Aufgrund dieser
Politik der Organisation sind wir meiner Meinung nach
durchtränkt mit Pädophilen, die Ämter von ganz oben bis
ganz unten innehaben. In meinen über vierzig Jahren in der
Organisation muss ich immer noch nach einer Versammlung
suchen, die keine schweren Probleme mit der sexuellen Belästigung
von Kindern hat.
Die belastendste
Tatsache ist noch nicht einmal, dass die Sache nicht
angezeigt wird; in vielen Fällen, wo ein Wort gegen das
andere steht, wird nicht ein Wort in die
Versammlungsunterlagen aufgenommen. Die Wachtturm-Politik
gibt in dieser Hinsicht keine Anleitung. Wenn Älteste die
Dienstabteilung anrufen oder dorthin schreiben, weil sie
Anleitung in Fällen brauchen, wo es um sexuelle Belästigung
von Kindern geht, wird ihnen gesagt, dass sie selbst eine
Entscheidung treffen sollen, ob die Sache zu einem
Rechtsfall wird. Die Dienstabteilung überlässt die
Entscheidung praktisch den örtlichen Ältesten, und
infolgedessen ruht die Verantwortung auf diesen örtlichen
Ältesten, wenn etwas schief geht. So ist die
Wachtturm-Gesellschaft juristisch außen vor. Wie oft werden
sich Älteste „eines angeklagten Mitältesten annehmen“
und ihn vor Rechtskomitees schützen, wobei technische
Details als Entschuldigung dienen?
Wenn es aber um die Opfer geht, dann werden diese
diskreditiert und gedemütigt und man sagt ihnen, sie
sollten sich ruhig verhalten. Da ist das Schweigen der Lämmer,
der Kleinen, die von Euch und den Ältestenschaften Schutz
erwarten, doch statt dessen werden sie durch eine
Organisationspolitik zerdrückt und geächtet, wenn sie am
meisten Hilfe benötigen. Der Wachtturm wird geschützt; der
Pädophile wird geschützt; zu schlecht für die
schweigenden Lämmer.
Wie schlimm ist
das? Mit dieser Politik lasst Ihr meiner Meinung nach zu,
dass eines von drei „Zeugenkindern“ in seinem Leben
missbraucht wird. Ich kann nicht länger als Ältester in
einer Einrichtung dienen, die unethisches und unmoralisches
Verhalten gegenüber Kindern gutheißt. Ich weigere mich,
eine Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen
mitzutragen, die unter Ältestenschaften auf der ganzen Welt
gefördert wird. Kriminelle sollten ausgeschaltet,
identifiziert und bestraft werden, um Unschuldige zu schützen
und das Opfer einen Schlussstrich ziehen lassen zu können.
Mit jedem Tag,
der vergeht, werden weitere Kinder sexuell belästigt, und
die Opfer leiden wie missbrauchte Lämmer mit einem Hirten,
den das nicht zu kümmern scheint. Ich selbst glaube, dass
ich niemandem innerhalb der Wachtturm-Organisation in Bezug
auf meine Kinder trauen kann. Sollten meine Kinder einen Pädophilen
der sexuellen Belästigung beschuldigen, brauchte er die
Sache nur abzustreiten, und ich als Vater würde mit der
Drohung des Gemeinschaftsentzuges zum Schweigen gebracht,
sollte ich versuchen, etwas zu sagen (Verleumdung eines
erkennbar Unschuldigen), um andere vor einem Schaden zu
warnen und zu schützen. Ich sage zum dritten Mal: Dies ist
verkehrt. Es ist unethisch und unmoralisch, die Kinder nicht
zu schützen.
Ich
habe die aufrichtige Hoffnung, dass dieser Brief zu einer Änderung
führt, dass die Wachtturm-Politik in Bezug auf diese
entsetzliche Haltung, Pädophile zu schützen und Kinder der
Gefahr auszusetzen, völlig überholt wird.
Mit aufrichtigen
Grüßen
William H. Bowen
Presseartikel zu diesem Thema
Bis heute gibt es sieben Geschichten
zu diesem Thema auf Titelseiten. Die Geschichte ist gelaufen
bei Gannet, Associated Press, Christianity Today, MSNBC und
bei zwei Gelegenheiten in den 6-Uhr- und 10-Uhr-Nachrichten.
Wir sind auch Kandidaten für eine Dateline-Geschichte im späten
Frühjahr 2001. Die unten stehenden Ausführungen sind
Artikel in Gannett und bei Associated Press. Wenn nötig, können
wir weiteres Material liefern.
Sonntag, der 4. Februar 2001.
Politik der Zeugen Jehovas in Bezug auf Kinderschänder
angegriffen
Kirche sagt, sie befolgt das Gesetz und zeigt mutmaßlichen
Kindesmissbrauch an
von PETER SMITH, The Courier-Journal
Die in New Jersey lebende Barbara Pandelo [links] und ihre
Tochter Corinne Holloway sind unglücklich darüber, dass
Holloways Großvater, der sie sexuell missbrauchte, zweimal
wieder aufgenommen wurde, nachdem er aus der Versammlung der
Zeugen Jehovas hinausgeworfen wurde. Die Kirchenpolitik lässt
es auch zu, dass er von Haus zu Haus missioniert.
Die Kirchenpolitik erlaubt es
Kinderschändern, die als reumütig angesehen werden,
weiterhin – begleitet von einem anderen Mitglied – von
Haus zu Haus zu missionieren, womit sie mit ahnungslosen
Wohnungsinhabern in Berührung kommen, die nicht wie die
Kirche wissen, dass ein Kinderschänder vor ihrer Tür
steht.
Die Regeln der Kirche zum Thema
sexueller Missbrauch sind seit dem Rücktritt eines Kirchenältesten
aus Westkentucky, der diese Regeln ablehnt, in das Blickfeld
der Öffentlichkeit geraten. Die Gerichtsfälle stellen sich
vor dem Hintergrund einer zunehmenden nationalen Übereinstimmung
dar, dass jeder mutmaßliche Kindesmissbrauch angezeigt
werden muss und als Kinderschänder bekannte Personen kämpferisch
zu kennzeichnen sind.
Ein Anwalt der Kirche der Zeugen
Jehovas, die in den USA fast eine Million und weltweit sechs
Millionen Mitglieder hat, sagte, sie befolge die Gesetze in
den Bundesstaaten, wo die Kirchenältesten verpflichtet
sind, Missbrauchsfälle anzuzeigen.
„Wenn es ein Gesetz gibt, das eine
Anzeige fordert, dann hat das den Vorrang über jegliche
Vertraulichkeit, ob in der Politik oder im Statut der
Kirche“, sagte Mario Moreno, stellvertretender
Generalanwalt der Wachtturm Bibel-
und Traktat-Gesellschaft, einer Rechtskörperschaft
der Kirche.
„Ich weigere mich,
eine Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen mitzutragen“,
sagte William H. Bowen in seinem Rücktrittsbrief als Führer
der Kirche in Draffenville, Kentucky. „In Staaten, die
keine Anzeige fordern, sieht die Sache anders aus“, sagte
Moreno. Älteste könnten wollen, dass ein Opfer woanders
hinzieht als der Täter, oder sie lassen die Eltern oder den
Vormund des Opfers, oder sogar den Beschuldigten, den
Missbrauch bei der Polizei anzeigen, sagte er. „Die
Gesetze dieses Landes wie auch die ethischen Werte der
Menschen sagen einem, dass es ein paar Dinge gibt, die man
vertraulich halten sollte. Das ist der Grund, warum die
Gesetze vertrauliche Gespräche zwischen den Geistlichen und
ihrer Herde schützen.“ Doch Moreno sagte, Älteste, die
in Verdachtsfällen von Missbrauch Kontakt mit der
Rechtsabteilung der Gesellschaft aufnehmen – wie sie es
tun müssen –, würden oft angewiesen, die Opfer an die
Polizei oder an andere Hilfsstellen draußen zu verweisen,
auch wenn das Gesetz das nicht fordert. Opfern und ihren
Eltern steht es frei, sagte Moreno, Hilfe bei der Polizei
oder bei Therapeuten zu suchen. Sie sollten, wenn sie das
nicht tun, nicht die Kirche dafür verantwortlich machen.
„Wir ermuntern die Eltern zu tun, was nötig ist, um ihr
Kind zu schützen“, sagte Moreno. Doch einige Opfer und
ihre Anwälte sagten bei Prozessen und in Gesprächen, die
Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen der Kirchenführer, gepaart
mit der Bedeutung der Kirche in ihrem Leben, habe sie zögern
lassen, den Missbrauch außerhalb der Kirche anzuzeigen.
William H. Bowen trat am 31. Dezember als vorsitzführender
Aufseher (Hauptältester) der Versammlung Draffenville nahe
Paducah zurück und sagte, er könne nicht länger eine
Politik der Kirche unterstützen, bei der seiner Meinung
nach Kinderschänder unerkannt bleiben. „Ich
weigere mich, eine Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen
mitzutragen, die unter Ältestenschaften auf der ganzen Welt
gefördert wird“, schrieb Bowen in seinem Rücktrittsbrief.
„Kriminelle sollten
ausgeschaltet, identifiziert und bestraft werden, um
Unschuldige zu schützen und das Opfer einen Schlussstrich
ziehen lassen zu können.“
ZU DEN ÄLTESTEN GEHEN
Frau fühlte sich bestraft, weil sie ihren Mann anklagte
Sara Poisson aus Claremont, N.H., sagte, sie habe nie daran
gedacht, sich an jemand anderen als die Kirchenältesten zu
wenden, als ihr damaliger Mann Paul Berry begann, einige
ihrer Kinder körperlich zu misshandeln. Berry sollte schließlich
zu 56 Jahren Gefängnis verurteilt werden.
„Welche Dinge auch immer aufkommen,
wo Anleitung nötig ist, sie sollen in der Versammlung von
den Ältesten behandelt werden“, sagte Poisson aus Anlass
der Verurteilung ihres früheren Ehemannes wegen
Kindesmissbrauchs am 31. Oktober
2000.
Bowen sagte, den Mitgliedern der
Zeugen Jehovas werde ständig erzählt, wenn sie ein Problem
in der Familie hätten, müssten sie damit zu den Ältesten
gehen und die würden weiterhelfen.
„Sie müssen die Organisation der
Zeugen Jehovas verstehen“, sagte Bowen. „Ihr Leben dreht
sich darum, all das zu befolgen, was ihnen die Ältesten in
den Ortsversammlungen und die Organisation sagt.“
Doch Sam Neal, Ältester in der
Versammlung der Zeugen Jehovas in Jeffersontown, Kentucky,
sagte, Kirchenmitglieder würden nicht geschützt.
„Jeder von uns hat Zugang zu allen
Dingen in der Gemeinde“, sagte Neal, pensionierter
stellvertretender Dekan der Schule für Sozialarbeit an der
Universität von Louisville. „Was immer wir brauchen, wir
wissen, wohin wir gehen müssen.“
Kirchenanwalt
Moreno sagte, Kirchenanwälte könnten Ältesten den Rat
geben, die Opfer an die Polizei oder an Hilfe aus der Welt
zu verweisen. „Das ist eine persönliche Entscheidung.“
Aber Poisson sagte vor dem
Bezirksgericht in Hillsborough County bei der Verurteilung
ihres Ex-Mannes aus, als sie mit ihren Sorgen zu den Ältesten
gegangen sei, hätten diese ihr wiederholt gesagt, sie müsse
„eine bessere Frau sein“ und „mehr beten“.
„Jedes Mal, wenn ich mit den Ältesten
sprach, wurde ich in irgendeiner Weise bestraft“,
berichtete Poisson dem Gericht. „Mir wurde ein Vorrecht
genommen, weil ich es gewagt hatte, mir die Autorität
meines Mannes anzumaßen.“ Poisson erzählte später einem
Reporter, man habe ihr verwehrt, bei den Zusammenkünften
etwas zu sagen, und ihre Missionierung von Haus zu Haus
eingeschränkt.
Das Gesetz in New Hampshire bestimmt
seit den späten 1970er Jahren, dass „jeder, der Grund zu
der Vermutung hat, ein Kind sei missbraucht oder vernachlässigt
worden, dies anzeigen muss.“
Weder aus den Prozessunterlagen, noch
aus den öffentlichen Erklärungen der Ältesten geht
hervor, dass die Kirche wegen der Beschuldigungen von
Poisson Anzeige erstattet hatte.
Poisson sagte vor Gericht, sie habe
zwar nicht von dem sexuellen Missbrauch durch Berry gewusst,
sie habe aber von der körperlichen Misshandlung Kenntnis
gehabt und dies nicht angezeigt. „Damit muss ich für den
Rest meines Lebens leben.“
Die Behörden hätten das
herausgefunden, sagte Poisson, als ihr Sohn eines Tages mit
dem Abdruck einer Fliegenklatsche auf dem Bein zur Schule
gekommen sei.
Poisson sagte, eine Sozialarbeiterin
habe ihr ein Ultimatum gestellt: Entweder Berry verlässt
das Haus, oder sie verliert das Sorgerecht über die Kinder.
Sie hat das erste gewählt und ist dafür in der Versammlung
geächtet worden.
Einige Zeit später lief eine der Töchter
von Poisson weg. Sie kehrte 18 Monate später wieder zurück,
zerbrechlich und krank und mit den Worten: „Warum hast du
das geschehen lassen?“ sagte Poisson vor Gericht. Das Mädchen
informierte ihre Mutter, dass Berry sie, seit sie vier war,
bis zu ihrem 11. Lebensjahr missbraucht hatte. Mutter und
Tochter gingen zur Polizei, um eine Untersuchung wegen des
sexuellen Missbrauchs anlaufen zu lassen.
Berry wurde verhaftet und im Juli 2000
in 17 Fällen von sexuellem Angriff für schuldig befunden.
Unter anderem hängte Berry eine seiner Töchter an Haken in
einer Scheune und band sie an einem Baum fest, um sie zu
missbrauchen. Als Berry zur Urteilsverkündung erschien,
kreuzten auch 29 Mitglieder seiner Versammlung der Zeugen
Jehovas in Wilton, N.H., auf, die sich alle, oft in glühenden
Worten, so das Gerichtsprotokoll, zu seinen Gunsten
aussprachen.
„Welche Anschuldigungen auch immer
gegen ihn vorgebracht wurden, da ist etwas falsch verstanden
worden“, sagte Robert Michalowski, früherer Ältester in
Wilton. „Die Ältesten hätten einen sexuellen Missbrauch
innerhalb einer Minute
herausgefunden.“
Bei der Urteilsverkündung gegen Berry
sagte Richter Arthur Brennan, die Kirche hätte mehr für
das Opfer tun sollen. „Die Kirche hat ihr nicht geholfen,
und der Staat hat ihr nicht geholfen“, sagte Brennan.
„Wenn jemand vielleicht vor Jahren etwas gesagt hätte,
wenn jemand eine Untersuchung begonnen hätte, anstatt sich
auf Jehova zu verlassen ... vielleicht wäre das Ganze dann
... erheblich weniger grausam für das Kind gewesen.“
Brennan sagte, er sage „nichts gegen irgend jemandes
Religion. Ich sage, dass ich so etwas in einer ganzen Anzahl
von Versammlungen gesehen habe.“
Das Opfer, Holly Brewer aus Berkeley,
Kalifornien, hat sich damit einverstanden erklärt, dass
ihre Geschichte in der Öffentlichkeit berichtet wird.
Berry beteuert weiter seine Unschuld
und wird Berufung gegen das Urteil einlegen, sagte Mark
Sisti, sein Anwalt.
Moreno wollte nicht kommentieren, ob
die Ältesten in diesem Fall einen Fehler gemacht haben.
Aber er sagte: „Hin und wieder machen die Ältesten in
einer kleinen Anzahl von Fällen Mist. Sie machen Mist, weil
sie nicht hier anrufen (bei der Rechtsabteilung der
Wachtturm-Gesellschaft). Wenn sie hier anrufen, dann
verbocken sie die Sache auch nicht.“
Das Büro des Staatsanwaltes von
Hillsborough County ließ verlauten, es habe nicht
untersucht, ob die Ältesten das Gesetz verletzten, indem
sie den mutmaßlichen Missbrauch nicht anzeigten. Als die
Staatsanwaltschaft dann doch noch eine Untersuchung
einleitete, über ein Jahr nach der Verstrickung der Ältesten
in den Fall, sei dies schon verjährt gewesen.
Vor drei Jahren erhoben sich ähnliche
Fragen wegen der Handlungsweise von Ältesten in einem Fall
in Texas. Als eine Familie in der Gegend um Houston den Ältesten
meldete, dass ihr Sohn im Teenageralter seine jüngere
Schwester sexuell belästigte, besuchten die Ältesten sie
zu Hause, gaben der Familie Rat und erhielten vom Sohn die
Zusicherung, er würde damit aufhören, so die Anklage der
Familie in einem Prozess gegen die Kirche. Statt dessen, so
die Klageschrift, ging der Missbrauch weiter. Eine Jury
sprach den damals 22-Jährigen im Jahre 1997 in einem
Strafverfahren des Missbrauchs schuldig, begangen als
Erwachsener. Er wurde zu 40 Jahren wegen besonders schweren
sexuellen Angriffs verurteilt. „Die Ältesten saßen am Küchentisch
und hörten zu, als sie erzählte, was der Bruder mit ihr
gemacht hatte“, sagte Kelly Siegler, stellvertretende
Bezirksstaatsanwältin in Harris County. „Alles, was sie
taten, war, ihm zu sagen, er solle damit aufhören, und dann
beteten sie darum. Sie haben es einfach so abgetan. Niemand
hat es je der Polizei berichtet.“ Siegler sagte, sie hätte
eine Strafverfolgung gegen die Ältesten eingeleitet, weil
sie keine Anzeige erstattet hatten, wenn die Sache nicht
nach zwei Jahren verjährt gewesen wäre.
Die Familie klagte gegen die Kirche in
einem Zivilverfahren und erreichte 1999 einen Vergleich, der
beiden Fällen untersagt, über den Fall zu sprechen.
Jeffrey Parsons, Anwalt aus Houston, der die Zeugen Jehovas
vertrat, sagte, er sei überzeugt, dass die Kirche sich
richtig verhalten habe. „Es waren wirklich ungünstige
Umstände, aber (die Klage der Familie) war nicht gut begründet.“
KIRCHENPROZESS
Strenge Beweise für eine Bestrafung nötig
Wenn Mitglieder der Kirche der Zeugen
Jehovas eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs vor die Ältesten
bringen, bringt sie das in Kontakt mit einem
heimlichtuerischen Kirchenprozess, vor dem strengere Beweise
als vor einem weltlichen Zivilgericht erforderlich sind.
Wenn ein Kirchenmitglied irgendeiner
Tat beschuldigt wird, folgen die Ältesten einem strengen
biblischen Maßstab. Sie benötigen entweder ein Geständnis
des Mitgliedes oder die Aussage von mindestens zwei
Augenzeugen, darunter der Ankläger, um die Schuld des
Mitgliedes zu beweisen, so der Kirchenanwalt Moreno und Veröffentlichungen
der Kirche.
Das trifft selbst auf Fälle von
sexuellem Missbrauch zu, wo es oft keine „außen
stehenden“ Zeugen gibt. Opfern, die keine Zeugen
vorbringen oder den Beschuldigten nicht zu einem Geständnis
bewegen können, sollen die Ältesten „erklären, dass in
rechtlicher (kirchendisziplinarischer) Hinsicht nichts
unternommen werden kann“, so ein Artikel aus dem Jahre
1995 im Wachtturm – einer Zeitschrift der Zeugen
Jehovas mit einer Auflage von 22 Millionen Exemplaren in 132
Sprachen.
„Und die
Versammlung wird den Beschuldigten weiterhin als unschuldig
betrachten“,
fuhr der Artikel fort. Der Artikel biete keinen anderen Weg
zur Gerechtigkeit als: „Die Frage der Schuld oder Unschuld
ist bei Jehova in besten Händen.“ Moreno sagte, am Ende käme
doch die Wahrheit heraus. „Jemand anderer taucht aus dem
Nichts auf, und jetzt kann etwas unternommen werden“,
sagte er. Moreno sagte, zwei getrennte Ankläger würden als
zwei Zeugen zählen, wenn jemand der sexuellen Belästigung
beschuldigt wird.
Die Kirchenpolitik ermutige Mitglieder
weder, noch rate sie ihnen davon ab, mutmaßlichen oder
eingestandenen Missbrauch bei der Polizei anzuzeigen, sagte
Moreno. Die Ältesten seien angewiesen, immer erst die
zentrale Rechtsabteilung der Kirche in Carmel, N.Y.,
anzurufen, wenn sie eine Anklage erhielten. Wenn Älteste
anrufen, sagen ihnen die Anwälte der Kirche, ob der
jeweilige Bundesstaat von ihnen verlange, Anzeige zu
erstatten, sagte Moreno. Ein immer noch gültiges
Kirchenmemo aus dem Jahre 1989 sagt auch, die Ältesten müssten
juristischen Rat einholen, wenn sie von der Polizei befragt
werden, eine Vorladung
erhalten oder freiwillig vertrauliche
Kirchenunterlagen weitergeben, es sei denn, die Polizei habe
einen Durchsuchungsbefehl. Moreno sagte, Anwälte der Kirche
könnten Ältesten den Rat geben, die Opfer an die Polizei
oder an Hilfe von außen zu verweisen. „Das ist eine persönliche
Entscheidung.“ Wenn die Ältesten das Vorliegen eines
Missbrauchs vermuten, können sie mit zu Kirchenstrafen führenden
Anhörungen beginnen, bei denen das, was gesagt und
aufgeschrieben wird, vertraulich behandelt wird. Niemand außer
den Ältesten notiert sich etwas, und diese Notizen werden
nach dem Memo aus dem Jahre 1989 eingesammelt und an
sicherem Ort verwahrt.
Es ist ein Prozess, der den Ruf der
Kirche schützen und sie gegen Klagen absichern soll, so das
Memo. Das Kirchenmemo warnt vor Klagen von „Rachsüchtigen
und Verbitterten“ und „einigen, die dem Königreichspredigtwerk
widerstehen“, wenn Beschuldigungen durchsickern.
Bandaufnahmen bei diesen Prozessen
sind nicht erlaubt.
Eine Aussage vom 2. Januar, gemacht
von J.R. Brown, dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei
den Zeugen Jehovas, besagte, dass Kirchenälteste „Übeltäter
ermuntern, alles ihnen Mögliche zu tun, um mit den Behörden
ins Reine zu kommen.“
Aber die strenge Vorschrift der
Vertraulichkeit – bei der Älteste selbst davor gewarnt
werden, in ihrer Familie über Strafmaßnahmen zu reden –
lässt die Identität eines Sexualtäters vor Personen
verborgen, die nichts mit der Sache zu tun haben.
Bryan Rees, früher aus Augusta,
Maine, sagte in einer Klage, sein Stiefvater Alan Ayers habe
ihn nie davor gewarnt, dass er sich dem Türnachbarn, dem
Kirchenmitglied Larry Baker, fern halten solle. Baker hatte
Ayers und anderen Ältesten gestanden, dass er einen anderen
Jungen sexuell belästigt hatte. Die Ältesten hatten Baker
privat zurechtgewiesen und ihm „strengen, wirklich ernsten
Rat erteilt ... und das war es dann auch“, sagte Baker später
aus.
Im Bundesstaat Maine war es keine
Pflicht, dass Kirchenfunktionäre Anzeige erstatteten, und
die Ältesten in Augusta informierten denn auch nicht die
Polizei oder jemand anderen. Sie warnten zwar Baker, sich
von Kindern fern zu halten, aber der Täter sagte aus, die
Ältesten hätten gewusst, dass er mit Rees von Haus zu Haus
ging. „Ich bin sicher, dass sie es gewusst haben müssen“,
sagte Baker aus. „Das war kein Geheimnis.“
Baker missbrauchte Rees nach eigenem
Eingeständnis zwischen 1989 und 1992 wenigstens 30-mal. Er
wurde des ungesetzlichen Kontakts mit einem Minderjährigen
überführt und saß für 90 Tage im Gefängnis. Rees, der
nicht für einen Kommentar zu erreichen war, gewann ein $1,2
Millionen-Urteil gegen Baker, war aber bis jetzt noch nicht
in der Lage, das Geld zu kassieren, so der Anwalt von Rees,
Michael Waxman.
Rees ging mit seiner Geschichte später
an die Öffentlichkeit und verklagte die Zeugen Jehovas im
Jahre 1998 ohne Erfolg. Er führte an, sie seien ihrer
Verantwortung nicht nachgekommen, als sie ihn nicht vor
Baker warnten und die Handlungsweise von Baker auch nicht
kontrollierten.
Aber das höchste Gericht in Maine
verwarf 1999 dieses Argument. „Die bloße Tatsache, dass
jemand weiß, dass ein Dritter für andere gefährlich ist
oder sein könnte, erlegt ihm nicht die Verantwortung auf,
diesen Dritten zu kontrollieren“, entschied der Supreme
Judicial Court.
Ayers, der Stiefvater von Rees, lehnte
einen Kommentar ab, aber Kirchenanwalt Moreno begrüßte die
Entscheidung. „Es besteht nicht die Verpflichtung, den
Leuten zu verkünden, dass ‚Fritz Müller’ ein Kinderschänder
ist“, sagte er. Hätte das Gericht anders entschieden, würde
das „die Leute im Grunde davon abhalten, bei ihren
Geistlichen um Hilfe zu ersuchen.“
„Können die Leute nicht auf die
Vertraulichkeit zählen, wenn sie zum Beispiel einem
katholischen Priester beichten, kühlt ihr Verhältnis zur
Religion ab“, sagte er.
Die Zeugen Jehovas sagen, das
Schweigerecht der Geistlichen gelte für jedes vertrauliche
Gespräch mit Mitgliedern, auch für Rechtskomitees mit
vielen Ältesten und Zeugen.
Ein Staatsanwalt in Hillsborough
County, N.H., versucht gegenwärtig, einen Ältesten zu
zwingen, auszusagen, was Gregory Blackstock, bereits in
einem Fall des Kindesmissbrauchs überführt, den Ältesten
in Bezug auf zwei weitere Mädchen gestand, die mutmaßlich
missbraucht wurden. Die betroffene Versammlung war nicht
dieselbe wie im Fall Paul Berry. Bezirksstaatsanwalt Roger
Chadwick sagte, weil mehr als ein Ältester darin verwickelt
sei und ein Ältester der Mutter des mutmaßlichen Opfers
das Neueste berichtete, könne die Kirche nicht das
Kirchenprivileg in Anspruch nehmen und schweigen. „Einfach
gesagt, kircheninterne Untersuchungen und Telefonauszeiten,
um vertrauliche Einzelheiten zu bestätigen, waren nicht
das, was durch das Schweigerecht geschützt werden
sollte“, sagte Chadwick in einem Schriftsatz an den
Hillsborough County Superior Court. Doch Anwalt Paul Garrity,
der Blackstock vertritt, argumentierte, nur weil es bei den
Zeugen Jehovas die direkte Ohrenbeichte anderer Religionen
nicht gebe, könne der Staat ihnen wegen „theologischer
Differenzen, wie die Versöhnung mit Gott zu erreichen
sei“, nicht das Schweigerecht nehmen. Der Fall ist noch
nicht entschieden.
EIN ÄLTESTER PROTESTIERT
Bürger von Kentucky tritt wegen der
Behandlung von Verdächtigungen zurück
Die Zeugen Jehovas, deren Organisation im 19. Jahrhundert
gegründet wurde, haben mit traditionellen christlichen
Gruppen einige Schlüssellehren gemeinsam. Sie sind am
bekanntesten wegen ihrer Missionierung von Haus zu Haus und
ihrer Erwartung, dass Jesus bald das Königreich Gottes
aufrichten werde. Sie leisten keinen Wehrdienst und zeigen
auch keine Loyalität gegenüber politischen Symbolen –
Tatsachen, die ihnen hier und im Ausland Verfolgung
eingebracht haben – obwohl sie Gehorsam gegenüber dem
Gesetz predigen.
Und es war das Beharren der Kirche auf
ihren Vorschriften, das den Ältesten und vorsitzführenden
Aufseher Bowen dazu brachte, öffentlich von seinem
Kirchenamt in der Stadt Draffenville in Marshall County zurückzutreten.
Bowen hatte vor möglichem sexuellen Missbrauch, der eine
Familie in seiner Gegend betraf, gewarnt. Als er, wie
gefordert, die Rechtsabteilung der Kirche anrief, sagten ihm
Anwälte, das Gesetz in Kentucky fordere von ihm nicht, dass
er den mutmaßlichen Missbrauch anzeigte. Nachdem eine
andere Abteilung der Kirche Einzelheiten der Beschuldigung
gehört hatte, riet sie von einem Rechtskomitee ab, sagte
Bowen. Er meinte, wenn Älteste diesen Rat ablehnten,
riskierten sie ihr Amt. Nach seinem Rücktritt, sagte er,
habe er den mutmaßlichen Missbrauch bei der Polizei
angezeigt. Bowen sagte, die Polizei habe ihm mitgeteilt, die
Sache werde untersucht.
Bowen ist technisch gesehen noch
Mitglied. Thomas Carrothers, Stadtaufseher der Zeugen
Jehovas im nahe gelegenen Paducah, sagte vergangenen Monat,
er sähe keinen Grund, Bowen hinauszuwerfen. „Die Leute dürfen
ihre Meinung sagen“, sagte er. In einer Ansprache vor der
Versammlung über Bowens Kritik an der Politik der Kirche drängte
Carrothers die Kirchenmitglieder, „Gegnern“ und „den
verleumderischen Aussagen von lügenden Abtrünnigen“ mit
Liebe zu begegnen. Carrothers sagte, er habe dabei nicht
Bowen gemeint. „Ich habe Artikel aus dem Wachtturm
zitiert. Ich habe ihn nicht angeklagt.“
Bowens Vater, Bill J. Bowen, prangerte
die Handlungsweise seines Sohnes in einem von der Kirche
hergestellten und verbreiteten Videointerview an. „Was
mein Sohn sagt, ist einfach absurd“, sagte Bowen sen.,
langjähriges Mitglied der Kirche. „Ich hoffe doch, dass
mein Sohn umkehrt und seinen Sinn ändert.“
Der Älteste David King aus Edmonds,
Washington, sagte, er habe auch sein Kirchenamt im Jahre
1997 aufgegeben, teilweise wegen seiner Ernüchterung darüber,
dass die Kirche so viel Wert auf die „rechtlichen
Auswirkungen“ lege. Als er vor mehreren Jahren eine
Anklage wegen sexuellen Missbrauchs untersuchte, sagte King,
hätten die Ältesten einen Anwalt in der Zentrale der
Kirche angerufen. „In dem Augenblick, wo wir uns zu
erkennen gaben, wusste er sofort schon über die Gesetze des
Bundesstaates (Washington) Bescheid und sagte, wir brauchten
keine Anzeige zu erstatten“, sagte King. „Das war fast
das Erste, was er sagte. Damals war ich noch ein treuer Anhänger,
aber der Gedanke hat mich erschüttert, dass sie sich mehr
über die rechtlichen Auswirkungen Gedanken machten, als um
die Wiedererlangung der Gesundheit.“ Die Eltern des Opfers
riefen später die Polizei. King sagte, allmählich habe er
mit dem Kirchenbesuch nachgelassen.
HILFE VON AUSSEN
Mitglieder sagen, die Kirche rate von
solchen Bemühungen ab
Die Literatur der Kirche sagt, die
Mitglieder dürften sich Hilfe von außen holen, wenn sie
einen Missbrauch vermuten. Einige Mitglieder wie Poisson
sagen, die Ältesten hätten sie, als sie das versuchten,
eingeschüchtert. In Keene, N.H., verklagte der Vormund
eines 15-Jährigen Mädchens im Jahre 1987 eine Versammlung
der Zeugen Jehovas, weil die Ältesten die Eltern des Mädchens
„mit Ausschluss aus der Religionsgemeinschaft und ewiger
Verdammnis“ bedrohten, wenn sie für ihre Tochter, die von
1975 bis 1985 sexuell missbraucht wurde, das Eingreifen der
Polizei oder eine Sozialberatung suchten.
Der Rechtsstreit wurde beigelegt, und
der Anwalt des Mädchens, Charles Donahue, sagte, er könne
das nicht kommentieren. Der Missbrauchstäter – der Vater
des Mädchens – wurde später, im Jahre 1986, zu drei bis
acht Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er sich in zwei Fällen
des schweren sexuellen Angriffs für schuldig erklärt
hatte, so das Anhörungsprotokoll im Cheshire County
Superior Court.
Kirchenanwalt Moreno sagte, es wäre
„lächerlich“, wenn ein Ältester damit drohen würde,
und wenn einer es täte, würde es der Politik der Kirche
widersprechen. „Das ist nicht gemäß der Bibel“, sagte
er. „Wir lehren die Bibel. Die Bibel sagt nicht: ‘Wenn
du eine Anklage wegen eines Verbrechens gegen einen
Kinderschänder einreichst, bist du auf ewig verdammt.’
Wer vielmehr in der Gefahr steht, auf ewig verdammt zu sein,
ist der Kinderschänder.“
Die Literatur der Kirche sagt auch,
Opfer und andere Kirchenmitglieder könnten eine
professionelle Therapie aufsuchen, solange der Therapeut
ihren Glauben respektiert und die Opfer in einer
Gruppentherapie nicht die Namen der mutmaßlichen Täter
offenbaren.
Aber J. Michael Terry, ehemaliger Ältester
der Zeugen Jehovas aus Conway, Arkansas, sagte, seine
Erfahrung decke sich nicht mit der Kirchenpolitik. Er sagte,
vor etwa drei oder vier Jahren habe er die Mutter eines
Missbrauchsopfers an einen Therapeuten verwiesen, der das
Verbrechen dann angezeigt habe. „Ich wurde von zwei Mitältesten
ganz schön fertiggemacht“, sagte Terry. „Ich habe
getan, was mir mein Gewissen sagte“, meinte Terry, der
nicht mehr in der Kirche tätig ist. „Sie sagten, ich hätte
nichts anders tun sollen, als nur zuzuhören.“
Das Gesetz in Arkansas fordert von
Geistlichen nicht, einen Missbrauch bei den Behörden
anzuzeigen, aber es fordert das von Sozialarbeitern. Terry
ist Sozialarbeiter. Er sagte, der Vorfall habe seine
Arbeitsbeziehung mit den Ältesten vergiftet, und etwa drei
Jahre später habe man ihm das Ältestenamt abgenommen, weil
er nicht entgegenkommend gewesen sei. Einer der Ältesten,
die, so Terry, seine Handlungsweise kritisiert hatten,
lehnte einen Kommentar zu seinem Verhältnis zu Terry ab.
DER UMFANG VON STRAFEN
Reuige Sexualtäter dürfen von Haus
zu Haus gehen
Wachtturm-Funktionäre sind verschiedener Meinung, wie die
Kirche Kinderschänder bestraft.
In einer Erklärung vom 2. Januar meinte Brown, Leiter der
Öffentlichkeitsarbeit, die Kirche sage, dass Kinderschändern
„die Gemeinschaft entzogen“ werde, sie also aus der
Versammlung geworfen würden. Später räumte er ein, die
Kirche könne auch weniger drastische Strafen aussprechen.
Er verteidigte seine ursprüngliche Erklärung und sagte,
„der Masse vermittelte das den Gedanken, Älteste würden
auch wirklich Strafen aussprechen. Sie gehen mit
Missbrauchstätern nicht sanft um.“
Aber am 1. August 1995 zeigt ein
Kirchenmemo, dass reuige Pädophile einem Ausschluss
entgehen und Kirchenmitglieder bleiben können, so wie
Baker. Es heißt dort auch, Älteste könnten Pädophile
wieder aufnehmen, die die Ältesten von ihrer Reue überzeugt
haben.
Und das war der Fall bei Clement
Pandelo aus Paramus, N.J. Tatsächlich wurde Pandelo, der
bei der Polizei zugab, 40 Jahre lang junge Mädchen belästigt
zu haben, zweimal ausgeschlossen und zweimal wieder
aufgenommen, so das Gerichtsprotokoll. Pandelo bekannte sich
1988 schuldig, seine 12-Jährige Enkelin und zwei andere Mädchen
sexuell belästigt zu haben.
Seine Enkelin, Corinne Holloway, heute
24, sagte, Pandelos Wiederaufnahme habe ihr körperliches
und psychisches Trauma verschlimmert.
Kirchenälteste „sehen eher den Täter
als das Opfer“, sagte Holloway aus Spring Lake Park, N.J.
„Er hatte die Vorrechte (als Mitglied), und wir waren in
diesem lange dauernden Prozess.“
Moreno sagte: „Ich wäre selbst
nicht allzu glücklich, wenn jemand mein Kind missbrauchen
und dann wieder aufgenommen würde. Das Fazit ist, wenn ein
Ältester feststellt, dass ein früherer Kinderschänder
Reue gezeigt hat, dann ist er biblisch verpflichtet, ihn
wieder aufzunehmen.“ Die Politik der Kirche erlaubt
Pandelo als Mitglied in gutem Ansehen, von Haus zu Haus zu
gehen und die Botschaft der Zeugen Jehovas zu verbreiten.
Barbara Pandelo, Holloways Mutter,
sagte, sie fände diese Politik potentiell schädlich.
„Diese Perversen dürfen immer noch von Haus zu Haus gehen
und an die Türen von ahnungslosen
Wohnungsinhabern kommen,“ sagte Barbara Pandelo aus Belmar,
N.J. „Die Wachtturm-Gesellschaft interessiert nicht einmal
die Gefahr, der sie Familien aussetzt.“
Brown sagte, Pädophile dürften nicht
mit Minderjährigen arbeiten und müssten auch ein
geachtetes Mitglied der Kirche sein, wenn sie von Haus zu
Haus gehen. Pädophile dürften auch nicht in die
Nachbarschaft geschickt werden, wo man sie als Kinderschänder
erkennen könnte, sagte Brown. Briefe der Kirche an die Ältesten
besagen, dass Kinderschänder, die in der Kirche bleiben,
gewarnt werden sollten, keine Kinder anzufassen oder alleine
mit ihnen zu sein.
Aber David Richart vom National
Institute on Children sagte, ein streng geistliches
Vorgehen bei Kinderschändung sei unangemessen. „Die
Vorstellung, die man mit sexuellem Kindesmissbrauch
verbindet, ist, dass es generell ein nicht sichtbares
Verbrechen ist und dass es generell nicht ohne Behandlung in
manchen Fällen und Gefängnisstrafe in anderen Fällen
verschwindet“, sagte
Richart, der im Auftrag der Zeitung Courier-Journal
die Literatur der Zeugen Jehovas zu diesem Thema
durchforschte. „Sie verbinden mit ihrer Reaktion darauf
die Vorstellung, jemand könne überzeugt oder durch
Einimpfen von Schuldgefühlen dazu gebracht werden, sein
Verhalten zu ändern. Aber das Problem ist im Allgemeinen
komplizierter. Gebete können viel bewirken, und im Falle
von Kindesmissbrauch können sie ein mächtiges Instrument
hin zur Änderung sein, aber sie sind kein Ersatz für das
Eingreifen der Gesellschaft.“ Richart sagte, er glaube,
andere Religionsgemeinschaften hätten ähnliche Probleme.
„Viele
Kirchen behandeln Beschuldigungen wegen sexuellen
Kindesmissbrauchs intern und verweisen in einer Weise auf
die Bibel, die die Kinder aufzufordern scheint, fügsam zu
sein.“
Einige Opfer und ihre Anwälte möchten,
dass die Zeugen Jehovas das tun, was die Zivilgesellschaft
getan hat – so genannte „Megan-Gesetze“ anzunehmen,
benannt nach einem Mordopfer aus New Jersey, dessen Mörder
ein Nachbar war, der schon zwei Mal wegen sexuellen
Missbrauchs verurteilt worden war. Solche Gesetze schaffen
Listen mit Sexualtätern, die es der Öffentlichkeit ermöglichen,
festzustellen, ob ihre Nachbarn Pädophile sind, auch wenn
nur wenige Kirchen, welcher Couleur auch immer, solche
Vorschriften haben.
„Die Leute in einer Kirche haben das
Recht zu erfahren, ob ein Mitglied pädophil ist“, sagte
Carl Pandelo aus Belmar, N.J., der Sohn von Clement Pandelo.
Waxman, der in dem Prozess in Maine als Anwalt das
Missbrauchsopfer Rees vertrat, stimmte dem zu. “Die
Kirchen sagen immer, einer ihrer Hauptgrundsätze sei die
Vergebung”, sagte er. “Wenn wir annehmen, dass es einen
direkten Widerspruch zwischen den Idealen einer Kirche und
dem Interesse des Staates daran gibt, Kinder vor sexuellem
Missbrauch zu schützen, dann haben die Kinder meiner
Meinung nach den Vorrang.“
Neal, Sozialarbeiter und Ältester aus
der Versammlung der Zeugen Jehovas in Jeffersontown, sagte,
wenn ein Mitglied zugebe, Kinder missbraucht zu haben, würde
er das der gesamten Ältestenschaft sagen, und er sei
zuversichtlich, dass die Ältestenschaft alle Mitglieder
darauf aufmerksam machen würde.
„Niemand hat das Recht, Dinge, die
andere Menschen wirklich einer Gefahr aussetzen, geheim zu
halten“, sagte er. „Wir kümmern uns um jedes Mitglied
in der Organisation, um ihr Interesse, ihr Wohlergehen, ihre
Sicherheit: das sind Dinge, die uns angehen. Wir sind nicht
der Meinung, wir würden unserer geistlichen Verantwortung
nachkommen, wenn wir etwas geheim hielten, das sich direkt
auf die Sicherheit und das Wohlergehen anderer auswirkt.“
ANZEIGE ERSTATTEN
Die Regel ist: eine Anzeige wird dann
erstattet, wenn das Gesetz es fordert
Wenn Älteste der Zeugen Jehovas das zentrale Rechtsbüro
anrufen, geben ihnen Anwälte Rat, ob in ihrem Bundesstaat
die Verpflichtung besteht, bei Missbrauch Anzeige zu
erstatten.
Einige Bundesstaaten wie Kentucky fordern von den Bürgern,
mutmaßlichen Missbrauch anzuzeigen, haben aber Ausnahmen
bei Gesprächen zwischen Geistlichen und reuigen Sündern.
In anderen Bundesstaaten wie Indiana gibt es keine
Ausnahmen. Noch andere fordern von Fachleuten auf bestimmten
Gebieten, hauptsächlich solchen, die mit Kindern zu tun
haben, dass sie Missbrauchsfälle anzeigen.
In Boulder, Colorado, tadelten Älteste
im Dezember 1991 öffentlich in einer Versammlung der Zeugen
Jehovas das Mitglied Leland Elwyn Davies, nachdem sie
herausgefunden hatten, dass er mehrere Mädchen im
Teenageralter befummelt hatte, so ein Bericht des Büros des
Sheriffs von Boulder County, der eine Untersuchung durchführte,
nachdem die Mutter dreier Opfer die Polizei alarmiert hatte.
Ein Opfer, das im Januar 1992 mit der
Polizei sprach, sagte, es sei „verärgert, dass die Ältesten
das Verhalten nicht den Behörden gemeldet hatten“, so der
Polizeibericht. Die Polizei wandte sich an einen Ältesten
der Versammlung, der sagte, er könne keine vertraulichen
Informationen aus dem Rechtskomiteeverfahren herausgeben. In
Colorado besteht nicht die Pflicht, dass Geistliche solche
Informationen herausgeben.
Die Polizei verhaftete Davies im Juli
1992 – etwa sechs Monate, nachdem die Kirche eine Strafe
verhängt hatte. Davies bekannte sich in zwei Fällen des
minder schweren sexuellen Angriffs für schuldig und erhielt
eine Bewährungsstrafe, so die Geschäftsstelle des Gerichts
im 20. Gerichtsbezirk von Colorado. Davies starb im August
2000.
Gemäß Kirchenanwalt Moreno
funktionierte das System. „Die Ältesten haben ihre Arbeit
gemacht, und die Opfer und die Polizei die ihrige“, sagte
er. „Wer wurde geschädigt?“ sagte Moreno. „Schließlich
wurde ja Anzeige erstattet. Da ist ein Teenager, der sexuell
belästigt wurde, verärgert auf die Ältesten, weil diese
nicht die Polizei gerufen hatten“, sagte er. „Sie können
doch die Polizei rufen. Ihnen ist doch Schaden zugefügt
worden. Wer macht denn die Gesetze? Wir nicht. Machen Sie
uns bitte nicht für die Gesetze verantwortlich. Reden Sie
mit der gesetzgebenden Körperschaft in Colorado.“
Sonntag, 4. Februar 2001
Vorschriften zur Anzeige bei sexuellem Missbrauch bei
jeder Religionsgemeinschaft anders
von PETER SMITH, The Courier-Journal
Wie
die Zeugen Jehovas erwarten sieben weitere
Religionsgemeinschaften, die das Courier-Journal
untersuchte, von ihren Geistlichen, dass sie mutmaßlichen
Kindesmissbrauch in Bundesstaaten zur Anzeige bringen, wo
das Gesetz dies fordert. Die Haltung der
Religionsgemeinschaften unterscheidet sich in den
Bundesstaaten, wo eine Anzeige nicht Pflicht ist. Selbst in
Bundesstaaten, wo eine Anzeige Pflicht ist, gibt es aber
Unterschiede. So fordern zum Beispiel Kentucky und Indiana
von den Bürgern, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch
anzeigen. Indiana kennt keine Ausnahmen. Kentucky lässt
Ausnahmen zu für Gespräche zwischen Geistlichen und
reuigen Sündern sowie zwischen Anwälten und Klienten.
Römisch-katholische Kirche: Die Vorschriften unterscheiden
sich von Diözese zu Diözese. Die Erzdiözesen Louisville
und Indianapolis fordern von Priestern, dass sie mutmaßlichen
Missbrauch in allen Fällen anzeigen, außer wenn sie davon
bei der Beichte erfahren. Und selbst dann können Priester
den Tätern den Rat geben, ein Verbrechen bei der
Sozialberatung oder bei der Polizei zu gestehen. Susan
Schramm, die Sprecherin der Erzdiözese Indianapolis, kennt
keinen Fall, wo diese Ausnahme in Konflikt mit den Gesetzen
von Indiana geriet.
Südliche Baptisten: Die Kirchen
unterliegen einer Selbstverwaltung, regionale Körperschaften
erlassen also keine Vorschriften. Doch die
Baptistenversammlung in Kentucky schult Personal und
Freiwillige, Kindesmissbrauch zu erkennen und bei den Behörden
anzuzeigen, so Wendy Dever, Mitarbeiterin für Vorschul- und
Schulkinder.
Presbyterianer (USA): Die Vorschriften
variieren von einer regionalen
Körperschaft zur anderen, richten sich aber oft nach den
Gesetzen der jeweiligen Bundesstaaten. Pastoren in der
Religionsgemeinschaft mit Sitz in Louisville ist es
verboten, etwas zu enthüllen, was ihnen im Vertrauen gesagt
wurde. Die Kirche macht keine ausdrückliche Ausnahme bei
mutmaßlichem Kindesmissbrauch, doch Pastoren können die
Vertraulichkeit brechen, wenn „das Risiko besteht, dass
jemandem ein körperlicher Schaden droht.“
Rabbinische Versammlung (Konservatives
Judentum): Die Versammlungen unterliegen einer
Selbstverwaltung, aber von Rabbinern wird erwartet, dass sie
alles tun, um Missbrauchsopfer zu schützen, und dazu gehört
das Einschalten der Behörden. „Es muss nicht unbedingt
eine weltliche Verpflichtung bestehen, die besagt, dass
jemand Probleme hat“, sagte Rabbi Joel Meyers, Vizepräsident
der Rabbinischen Versammlung.
Evangelisch-lutherische Kirche in
Amerika: Die Vorschriften werden von den regionalen
leitenden Körperschaften erlassen, folgen aber oft dem
Gesetz eines Bundesstaates, wo die Pflicht zu einer Anzeige
besteht, so Reverend Lowell Almen, Sekretär der
Evangelisch-lutherische Kirche in Amerika.
Vereinigte Methodisten: Die Kirche hat
keine Vorschrift, die von den Geistlichen fordert, mutmaßlichen
Kindesmissbrauch anzuzeigen, aber bei der Schulung der
Geistlichen wird betont, dass die Gesetze eine Anzeige oft
zur Pflicht machen. Wenn ein Pastor im vertraulichen Gespräch,
zum Beispiel wenn er jemanden berät, von einem Missbrauch
erfährt, „ist das etwas, was der Pastor von Fall zu Fall
entscheiden kann“, sagte Robert Kohler, stellvertretender
Generalsekretär der Abteilung für ordinierte Geistliche.
Kirche Jesu Christi der Heiligen der
Letzten Tage (Mormonen): Die Kirchenführer sind angewiesen,
die Hotline der Religionsgemeinschaft anzurufen, wenn das
Thema Missbrauch in einer Versammlung aufkommt. Am anderen
Ende der Leitung sitzen professionelle Berater sowie Anwälte,
die die Ortsgeistlichen über die im jeweiligen Bundesstaat
geltenden Gesetze informieren. „Das Gesetz des Landes ist
zu befolgen“, heißt es in einer Erklärung der Abteilung
Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinschaft. „Wenn eine
Anzeige Pflicht ist, hilft das Personal den örtlichen
Kirchenführern … wer die Anzeige erstatten sollte – ob
... ein Familienmitglied, oder ob der Täter dazu gebracht
werden kann, sich selbst anzuzeigen.“
Keine Religionsgemeinschaft, mit der
wir uns in Verbindung setzten, denkt auch nur an das, was
einige Zeugen Jehovas von ihrer Kirche fordern: dass den
Versammlungen gesagt wird, wenn Pädophile in ihrer Mitte
sind. Aber viele Kirchen hindern Sexualtäter daran, mit
Kindern zu arbeiten, so Frau Dever von der
Baptistenversammlung in Kentucky. Und sie prüfen zunehmend,
ob Pastorenkandidaten, Jugendarbeiter oder andere
Freiwillige schon einmal straffällig geworden sind.
„Kleine Kirchen haben es schwer damit, weil sie jeden
kennen“, sagte Dever. „Aber wir kennen wirklich nicht
jeden. Wir leben im Jahr 2001. Wir müssen uns darüber
Sorgen machen.“
Unsere Redakteurin Megan Woolhouse
schrieb diese Geschichte.
Sonntag, 4. Februar 2001
Missbrauchsopfer und Eltern glauben, die Kirchenältesten
hätten sie im Stich gelassen
von PETER SMITH, The Courier-Journal
Im
Brennpunkt
>Vorschriften der Zeugen Jehovas für Kindesmissbrauch
angegriffen<
>Vorschriften zur Anzeige bei sexuellem Missbrauch bei
jeder Religionsgemeinschaft anders<
Als Corinne Pandelo 12 Jahre alt war, erzählte sie ihren
Eltern, wie aus dem Gerichtsprotokoll hervorgeht, dass ihr
Großvater sie im August 1988 während eines Besuchs in
seinem Haus in Paramus, N.J., missbraucht hatte. Diese
Episode ließ eine Kette von Ereignissen anlaufen, die
Corinne und ihre Eltern schließlich von der Kirche, zu der
sie als fromme Mitglieder gehörten, entfremdeten. Carl und
Barbara Pandelo, heute Belmar, N.J., lebend, gingen mit der
Beschuldigung ihrer Tochter zu den Ältesten in ihrer
Versammlung der Zeugen Jehovas in Fair Lawn, N.J., so das
Gerichtsprotokoll.
Das Gesetz in New Jersey fordert von
Geistlichen, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch
anzeigen. Die Ältesten wandten sich an Carl Pandelos Vater,
Clement Pandelo, er möge sich selbst an die Behörden
wenden, sagte Carl Pandelo. Clement Pandelo gestand der
Polizei am 24. August 1988 den Missbrauch. Aber Carl und
Barbara Pandelo sagten, die Ältesten der Ortsversammlung hätten
sie auch bedrängt, einem Teilgeständnis Clement Pandelos für
eine geringere Strafe zuzustimmen, um damit, wie sie sagten,
Corinne das Trauma eines Gerichtsverfahrens zu ersparen. Die
Pandelos waren einverstanden. Anthony Valenti aus Maywood,
N.J., der zu der Zeit Ältester in der Versammlung Fair Lawn
war, sagte in einem Interview, das entspräche nicht seiner
Erinnerung. „Meines Wissens haben wir ihm diesen Rat nicht
gegeben“, sagte er.
Clement Pandelo erhielt, nachdem er
sich im Februar 1989 vor dem Superior Court in Bergen County,
N.J., für schuldig erklärt hatte, Corinne und zwei andere
Mädchen belästigt zu haben, eine Bewährungsstrafe.
Pandelo, heute 75 Jahre alt und Mitglied der Versammlung
Hawthorne, N.J., sagte dem Courier-Journal, er wolle
dazu nichts sagen.
Die
Versammlung Fair Lawn schloss Clement Pandelo nach einer
Rechtskomiteesitzung aus und nahm ihn 18 Monate später
wieder auf, so das Gerichtsprotokoll. Carl Pandelo sagte,
die Wiederaufnahme sei auf einen Brief seines Vaters an ihn,
nicht an seine Tochter, gefolgt.
Carl und Barbara Pandelo sagten, es
sei schlimm genug gewesen, dass die Familie den Angreifer
Corinnes bei Kirchenzusammenkünften sah. Sie wurden verärgert,
als Mitglieder und ein Ältester sie warnten, sie würden
„nicht Harmagedon überleben“, wenn sie die Beziehung zu
Clement Pandelo nicht wieder aufnähmen, sagte Carl Pandelo.
Corinne bereitete sich damals auf ihre
Taufe vor und hatte wiederholte Alpträume, wie sie mit
ihrem Großvater am Taufbecken zusammentraf, so die
Gerichtsunterlagen. „Ich kann verstehen, wie die Pandelos
sich fühlen“, sagte Valenti und fügte hinzu, dass jemand
erst dann wieder aufgenommen wird, nachdem ein Dreierkomitee
ihn als reumütig ansieht. „Es wäre besser, wenn sie
(Clement Pandelo) vergeben könnten, aber die Verhältnisse
sind nun einmal so.“
Schließlich brachten die Eltern
Corinne zur Therapie. Corinne sagte, in ihr seien
Erinnerungen hoch gekommen, wie sie mehrere Jahre lang von
ihrem Großvater belästigt wurde, so die
Gerichtsunterlagen. Um bei der Therapie zu helfen, sagten
Corinnes Eltern, sie hätten den Polizeibericht erhalten und
seien schockiert gewesen, dass Clement Pandelo gestanden
hatte, schon seit 40 Jahren Mädchen zu befummeln. Die
Eltern sagten, sie hätten die Ältesten nach Einzelheiten
des Geständnisses von Clement gefragt. Man habe ihnen
gesagt, das sei vertraulich. „Als Eltern haben wir doch
wohl das Recht, zu erfahren, was er gestanden hat“, sagte
Carl Pandelo in einem Brief vom 21. Januar 1993 an die
Wachtturm-Gesellschaft, eine Rechtskörperschaft dieser
Religion.
Valenti sagte, die Pandelos hätten
mit den Ältesten über ihre Tochter diskutiert. Er lehnte
es ab zu sagen, was die Ältesten mit Clement Pandelo bei
anderen Gelegenheiten besprochen hatten.
Clement Pandelo wurde nicht
anderweitig beschuldigt, aber seine Versammlung in Hawthorne
schloss ihn 1992 aus, so die Gerichtsunterlagen. Vier Jahre
später wurde er wieder aufgenommen, so ein Brief der
Pandelos an die Wachtturm-Gesellschaft. Als Carl und Barbara
Pandelo sich vorbereiteten, Clement Pandelo im Jahre 1993
auf Rückzahlung der Kosten für Corinnes Therapie zu
verklagen, sagte Valenti, habe er ihnen gesagt, in der Bibel
stehe, Christen sollten einander nicht verklagen. Valenti
sagte, die Kirche erlaube Mitgliedern, Gelder aus
Versicherungen einzunehmen – Clement Pandelo würde es aus
seiner Haftpflichtversicherung bezahlen, aber die Ältesten
hätten versucht, zu einem Kompromiss außerhalb des
Gerichts zu kommen. Carl und Barbara Pandelo wandten sich an
die Zentrale der Zeugen Jehovas und bekamen schließlich grünes
Licht für eine Klage, so ein Brief der Kirche. Corinne
Holloway, heute 24, verheiratet und in Spring Lake Park,
N.J., lebend, erhielt 1999 vom Bergen County Superior Court
1,8 Millionen Dollar von Clement Pandelo zugesprochen,
nachdem auch andere Frauen ausgesagt hatten, er habe sie,
als sie noch Mädchen waren, belästigt. Clement Pandelo
wurde auch zu 500.000 Dollar Geldstrafe verurteilt. Die Jury
zog 40% von der ursprünglichen Summe von 3 Millionen Dollar
an Holloway ab, da die Eltern 40% der Schuld trügen, weil
sie ihre Tochter mit dem Großvater allein gelassen hatten.
Die Jury hörte die Aussage, eine
Verwandte habe Carl Pandelo gesagt, sein Vater habe schon
vor Jahren ein Mädchen belästigt. Carl Pandelo sagte in
einem Interview, Valenti habe ihm gesagt, wenigstens ein Ältester
habe Clement Pandelo wegen möglichen Missbrauchs befragt
und gefunden, das sei unwahr. Valenti bestätige vor dem
Prozess eidesstattlich, ein Ältester habe ihm gesagt, eine
Untersuchung hätte keine Beweise zu Tage gefördert, dass
Clement Pandelo jemanden sexuell missbraucht hatte. Valenti,
der aufgrund seines Schweigerechts nicht vor Gericht
aussagte, lehnte einen Kommentar ab. Holloway geht in die
Berufung.
Es folgt der vollständige Text des AP-Artikels „Ältester
verlässt Religionsgemeinschaft, um gegen Vorschriften bei
Kindesmissbrauch zu protestieren“, abgedruckt in The
Coloradoan, Abschnitt C10, LIFE, Sonntag, 11. Februar
2001.
- - - - - - - - - - - -
von
Kimberly Hefling
Associated
Press
BENTON, Kentucky. – Als Junge saß William Bowen still auf
seinem Stuhl, während seine Klassenkameraden das Treuegelöbnis
rezitierten.
Als Mitglied der Zeugen Jehovas verbrachte er Jahre im
Haus-zu-Haus-Missionswerk und im Dienst für die
Religionsgemeinschaft. Mit der Zeit wurde er Ältester,
bekam also eine Machtposition, in seiner Versammlung in
Westkentucky.
Aber als Ältester wurde er in Informationen eingeweiht, die
ihn dazu führten, den Glauben der Zeugen Jehovas in Zweifel
zu ziehen – und ihn öffentlich in Zweifel zu ziehen, eine
Todsünde in der Religionsgemeinschaft.
Mit Brief vom 31. Dezember trat Bowen als Ältester zurück
– aus Protest, wie die Religionsgemeinschaft, eine
Gemeinde, die die Außenwelt meidet, Anklagen wegen
Kindesmissbrauchs handhabt. Er behauptet, in solch einer
Kultur würde sexueller Missbrauch an Kindern nicht bei den
weltlichen Behörden angezeigt, weil die Mitglieder der
Zeugen Jehovas sich nicht gegen dein eigenen Glauben wenden
wollten. Die Behauptungen der Missbrauchsopfer werden
angezweifelt, sagte er.
„Sie wollen so handeln, als gäbe es keine Pädophilie.
Schande über sie“, sagte Bowen, 43, in einem Interview
aus seinem Haus in Draffenville, wo er mit seiner Frau
Sheila einen Betrieb zur Herstellung von Kerzen leitet.
Obwohl Bowen erwartet, bei den Zeugen Jehovas hinausgeworfen
– oder ausgeschlossen – zu werden, weil er die Stimme
erhob, hat seine Versammlung noch keine Strafmaßnahmen
gegen ihn eingeleitet. Doch einige Mitglieder weigern sich,
ihm die Hand zu geben oder außerhalb der Kirche Umgang mit
ihm zu haben.
„Sie behandeln uns, als ob wir die Pest hätten“, sagte
Sheila Bowen. „Man handelt eben nicht im Widerspruch zu
Gott, und sie denken, die Organisation sei Gott.“
Bowens Entscheidung, zurückzutreten, hat ihn zu einem
Helden bei den Kritikern der Religionsgemeinschaft gemacht.
„Die Leute wurden eingeschüchtert, nichts zu sagen. Es
gibt im ganzen Land Beweisstücke; einer
hat dieses Beweisstück, ein anderer jenes, aber sie
haben Angst, sie vorzubringen, weil sie dann ausgeschlossen
werden ... “ sagte Bowen. „So schweigen die Leute und
denken, sie seien die Einzigen.“
Jemand, der ausgeschlossen wurde, wird von den Mitgliedern
der Religionsgemeinschaft betrachtet, als sei er unsichtbar.
Es kann sein, dass ihn die eigenen Familienangehörigen ächten.
„Das ist nicht nur so, als träte man aus einem
Gesundheitsverein aus“, sagte Steve Hassan, früher
Mitglied der Vereinigungskirche und heute Therapeut und
Autor. „Man verliert die Verbindung zu Gott und den
Mitgliedern der Familie in der Gruppe.“
Bowen hat jedenfalls die Stimme erhoben, und seine
Geschichte ist in religiösen Publikationen und weltlichen
Medien erschienen. In Kentucky brachten sie die Paducah
Sun und WPSD-TV. Der Courier-Journal aus
Louisville veröffentlichte eine Geschichte, in der er
Gerichtsunterlagen aus sieben Fällen von Kindesmissbrauch
in der gesamten Nation untersuchte, auch bei den Zeugen
Jehovas.
Bowen sagte, wenn die Vorschriften der Zeugen Jehovas zwei
Augenzeugen für ein Verbrechen fordern, ehe ihre Führer es
anerkennen, dann ist es fast unmöglich, Kindesmissbrauch zu
beweisen. Opfer, die in dem Vertrauen vorkamen, die Kirchenführer
würden ihnen helfen, fühlen sich oft betrogen, sagte Bowen.
Bowen sagte, er begann sich vor ein paar Jahren für das
Thema zu interessieren, nachdem er eine vertrauliche Akte
gelesen hatte, in der behauptet wurde, ein Mitglied habe in
den frühen 1980er Jahren ein Kind belästigt. Er sagte, er
lehne die Art und Weise ab, in der der Fall von den
Kirchenfunktionären behandelt wurde, auch als er die Sache
zur Sprache gebracht habe.
J.R. Brown, Sprecher der Zentrale der Zeugen Jehovas in
Brooklyn, New York, sagte, er glaube, Bowen verstehe die
Vorschriften der Kirche nicht ganz. Den Mitgliedern stehe es
jederzeit frei, Anzeige bei weltlichen Behörden zu
erstatten, sagte Brown. „Es ist eine persönliche
Entscheidung, wie Sie damit umgehen“, sagte er.
Was den Kirchenführern gestanden wird, das wird
normalerweise vertraulich gehalten, es sei denn, der Staat
fordere, mutmaßlicher Missbrauch müsse bei der Polizei
angezeigt werden, sagte er. „Wir haben es mit Sünden zu
tun, die Justizbehörden mit Verbrechen“, sagte Brown. In
einigen Fällen werde die Sache aber unabhängig von den
Gesetzen den Behörden übergeben, sagte Brown.
Zu Bowen fügte er hinzu: „Ihm geht es um die Opfer von
Kindesmissbrauch, uns allerdings auch.“ Brown sagte, die
Gemeinschaft fordere mindestens zwei Augenzeugen, um
Fehlverhalten zu beweisen – auch Kindesmissbrauch – weil
das so in der Bibel gelehrt werde. Aber für den
Nachweis von Fehlverhalten könnten statt zweier Zeugen auch
stützende Beweise herangezogen werden, sagte Brown.
James Bonnell, Ältester in Bowens Versammlung, sagte, die
Glaubensgemeinschaft reiche Hilfsbedürftigen die Hand und
gebe ihnen Hilfe. Sie kontrolliert nicht, sagte er.
„Das ist eine freie Entscheidung“, sagte Bonnell aus dem nahe gelegenen Gilbertsville in
Kentucky. „Alles, was Sie tun, gründet sich auf die Liebe
zu Gott und zum Nächsten.“
Die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hat 89.985
Versammlungen und 5,5 Mitglieder weltweit, so ihre Website.
Sie wurde 1872 in Pittsburgh von Charles Taze Russell, einem
früheren Kongregationalisten, gegründet.
Die Mitglieder weigern sich, Waffen zu tragen, die Fahne zu
grüßen oder ein Regierungsamt inne zu haben. Sie lehnen
auch Bluttransfusionen ab. Sie weisen ein Anzahl von Lehren
zurück, die die traditionelle Christenheit lehrt, darunter
die Göttlichkeit Jesu Christi.
Jehovas Zeugen wird
gesagt, der Glaube sei maßgebend und der einzige Weg zur
Rettung. Und bei Problemen sollten sie zuerst zu ihren
religiösen Führern gehen.
Die Mitglieder gehen zu zahlreichen Zusammenkünften, haben
Bibellehrstunden und missionieren von Haus zu Haus. Einige,
die die Gemeinschaft verlassen haben, sagen, ein solcher
Zeitplan lasse ihnen wenig Zeit zu eigenen Gedanken.
„Da geht es um die Identität“, sagte Marilyn Zweifel,
Ex-Zeugin aus New Berlin, Wisconsin, die eine Hotline für
Noch-Mitglieder betreibt. „Irgendwann auf dem Weg verliert
man seine Identität.“
Debbie Shard, ein Ex-Mitglied, die auch eine Hotline in
Ocoee, Florida, betreibt, sagte, man erzähle den
Mitgliedern, sich an Stellen außerhalb zu wenden, könnte
das Image der Glaubensgemeinschaft beschädigen und es
schwer machen, neue Mitglieder zu werben und zu behalten.
„Wenn es irgendwo brennt, holt man die Feuerwehr“, sagte
Shard. „Wenn es kein lebensbedrohlicher Notfall ist, sind
die Ältesten die erste Abwehrlinie.“ Sie sei mit Bowen
einer Meinung: „Wenn man zu den Ältesten geht, werden sie
einem generell davon abraten, zu weltlichen Behörden zu
gehen, weil das Schande auf die Organisation bringt.“
Ein ehemaliger Ältester stimmte dem zu. „Abstreiten und
Heimlichtuerei sind grundlegend für die Art und Weise, wie
die Organisation arbeitet“, sagte Mike Terry aus Conway,
Arkansas.
Raymond Franz, ein hochrangiger Zeuge Jehovas, der
ausgeschlossen wurde und dann zwei Bücher über die innere
Funktionsweise der Gemeinschaft schrieb, sagte, er glaube
nicht, dass bei den Zeugen Pädophilie häufiger vorkomme
als in anderen Kirchen. Aber die Provinzialität der
Religionsgemeinschaft führt zu Problemen, sagte er.
„Alles muss innerhalb des Systems gehalten werden“,
sagte Franz. „Für Zeugen Jehovas ist das eine natürliche
Reaktion, weil sie im Wesentlichen eine geschlossene
Gesellschaft sind …“
Erst nach mehreren Jahren verließen Carl und Barbara
Pandelo aus New Jersey die Zeugen Jehovas. 1988 erzählte
ihnen ihre 12-Jährige Tochter, sie sei von ihrem Großvater
Clement Pandelo aus Paramus, N.J., der auch zu der
Religionsgemeinschaft gehörte, missbraucht worden.
Als Teil eines Schuldeingeständnisses gegen verminderte
Strafe erklärte sich Clement Pandelo in zwei Fällen für
schuldig, das Wohlergehen eines Kinde gefährdet zu haben
und in einem Fall ein Sexualverbrechen verübt zu haben.
Gerichtsprotokolle zeigen, dass Clement Pandelo gestand, er
habe schon seit 40 Jahren Mädchen befummelt.
Er bekam eine Bewährungsstrafe von fünf Jahren. Er
antwortete nicht auf Anrufe mit der Bitte um einen
Kommentar. Auch sein ehemaliger Anwalt lehnte einen
Kommentar ab. Er sagte, er vertrete ihn nicht mehr.
Carl und Barbara Pandelo sagten, sie wünschten, sie hätten
den Fall mehr vorangetrieben, so dass er ins Gefängnis
gekommen wäre, aber sie entschlossen sich, dem Handel um
eine geringere Strafe zuzustimmen, weil die Kirchenführer
gesagt hätten, sie sollten das tun – eine Behauptung, die
von Anthony Valenti, einem Ältesten der Versammlung in
Hackensack, N.J., bestritten wird.
Auch wenn die Religionsgemeinschaft Klagen gegen Mitglieder
ablehnend gegenübersteht, beschloss das Paar später, die
Haftpflichtversicherung des Großvaters auf Zahlung der
Kosten für die Therapie der Tochter Corinne zu verklagen.
Mehrere Millionen Dollar wurden der Tochter, heute Corinne
Pandelo-Holloway, vergangenes Jahr zugesprochen. Dagegen
wurde Berufung eingelegt.
Sie und ihre Eltern sind wütend, dass Clement Pandelo –
nachdem er mindestens einmal ausgeschlossen wurde – jetzt
zur Versammlung der Zeugen Jehovas in Hawthorne, N.J., gehört
und von Haus zu Haus missionieren darf.
„Das macht mich wirklich wütend“, sagte
Pandelo-Holloway, heute 24 und verheiratet. „Er kann jetzt
anderen Mädchen nachsteigen. Die Leute wissen nicht, was er
ist, und ich meine, sie sollten gewarnt werden, dass er ein
überführter Pädophiler in ihrer Nachbarschaft ist.“
„Die Glaubensgemeinschaft treibt geistigen Missbrauch“,
sagte ihre Mutter Barbara.
Valenti sagte, Clement Pandelo werde von den Mitgliedern der
Versammlung genau beobachtet. Valenti äußerte sein
Bedauern darüber, dass die Pandelos sich verraten fühlten,
aber er sagte, es seien die Ältesten gewesen, die empfohlen
hatten, dass Clement Pandelo sich selbst bei den Behörden
anzeigte.
„Ich verstehe die Sorgen und das Leid, das ihnen zugefügt
wurde, sehr gut und fühle mit“, sagte Valenti.
„Missbrauchsanschuldigungen werden mit höchster Sorgfalt
behandelt“, sagte Valenti. „Wir gehen sorgfältig vor.
Ob es Opfer sind oder nicht, das Trauma ist sehr groß.“
11. August 2002
von LAURIE GOODSTEIN
William Bowen sah sich immer als frommen Zeugen Jehovas an. Als Kind glaubte er, es sei seine Pflicht, von Tür zu Tür zu gehen und die Zeitschrift der Kirche, den Wachtturm, abzugeben. Später, als Ältester in seiner Versammlung in Kentucky, sagte er, er sehe es als seine Pflicht an, Kirchenvertreter darüber zu informieren, dass ein Mitältester ein Kind missbraucht hatte.
Doch als Bowen mit der Zentrale der Kirche in Brooklyn Verbindung aufnahm, habe er, so sagt er, eine Abfuhr bekommen. Frustriert durch die Untätigkeit der Kirche und ihre Vertraulichkeitsvorschriften, die ihn seiner Meinung nach daran hinderten, die Information anderen mitzuteilen, trat Bowen im Dezember 2000 als Ältester zurück. Ein Jahr später gründete er eine Gruppe, die ein Auge auf sexuellen Missbrauch in der Kirche haben sollte.
Ende letzten Monats wurde Bowen, 44, von der Kirche exkommuniziert. Hinter verschlossener Tür, mit Plastiktüten über die Fenster geklebt, um Zuschauer abzuhalten, sagte er, hätten ihn drei Kirchenälteste, die sich im Königreichssaal der Kirche in Draffenville, Kentucky, trafen, für schuldig befunden, „Spaltungen zu verursachen“.
Die Strafe war der „Gemeinschaftsentzug“ – die völlige Ächtung.
In den vergangenen drei Monaten sind vier weitere Leute von den Zeugen Jehovas rausgeworfen worden, nachdem sie sie beschuldigt hatten, sexuellen Missbrauch von Kindern durch ihre Mitglieder zu vertuschen. Für Bowen und andere Kritiker der Kirchenpolitik bei sexuellem Missbrauch sind die Rauswürfe Teil einer konzertierten Bemühung, über solche Missbräuche Schweigen zu bewahren.
Ausgestoßene Zeugen sagen, die eigenen Verfahrensweisen und die Kultur der Kirche machten gemeinsame Sache, die Missbräuche zu vertuschen. Ein Gremium aus Kirchenältesten, alles Männer, kommt im Geheimen zusammen, um jeden Fall zu entscheiden; eine Prozedur, von der Kritiker sagen, sie hindere die Mitglieder daran, zu wissen, dass ein Kinderschänder in ihrer Mitte lebt. Um eine Anklage zu beweisen, muss ein Kind einen Zeugen für den Vorfall haben, etwas, das normalerweise unmöglich ist.
„Dies dient der Welt als Beweis, wie die Zeugen Jehovas Missbrauchsopfer und die, die versuchen, sie zu schützen, behandeln“, sagte Bowen. „Sie bringen sie mit der Drohung eines Gemeinschaftsentzuges zum Schweigen.“
J. R. Brown, Leiter des Büros für öffentliche Information in der Zentrale der Kirche, der Watchtower Bible and Tract Society in Brooklyn, sagte, die Kirche habe vorbildliche Vorschriften, um mit sexuellem Missbrauch umzugehen, die auf biblischen Maßstäben beruhten und in den Zeitschriften der Kirche weit verbreitet worden seien.
„Wir versuchen nicht zu sagen, wir hätten alles in der richtigen Weise gehandhabt und unsere Ältesten seien allwissend und vollkommen“, sagte Brown, der es aus Prinzip ablehnte, zu einzelnen Fällen, darunter dem von Bowen, etwas zu sagen. „Aber wir sagen, wenn wir das nehmen, wofür unsere Politik steht, unsere Organisation moralisch rein zu erhalten, dann ist sie weitaus besser als die eines jeden anderen.“
Die römisch-katholische Kirche ist zwar von ihrem eigenen Missbrauchsskandal erdrückt worden, aber jetzt beginnt dasselbe Thema die Zeugen Jehovas zu plagen, eine Religionsgemeinschaft, die nach eigenen Angaben eine Million Mitglieder in den USA und sechs Millionen weltweit hat.
Aber die Form des Skandals ist ganz anders als bei der katholischen Kirche, wo die meisten des Missbrauchs Beschuldigten Priester sind, und eine übergroße Mehrheit der Opfer Jungen und junge Männer sind. Bei den Zeugen Jehovas, wo die Versammlungen oft Ansammlungen erweiterter Familien sind und Kirchenälteste aus den Laien ausgewählt werden, sind einige der Beschuldigten Älteste, die meisten aber sind Versammlungsglieder. Die Opfer, die sich gemeldet haben, sind meist Mädchen und junge Frauen, und bei vielen Anschuldigungen geht es um Inzest.
Das Ausmaß des Missbrauchs bei den Zeugen Jehovas ist ganz erheblich umstritten. Vor kurzem wurde die Kirche von acht Klägerinnen in vier Prozessen um sexuellen Missbrauch verklagt, eine Klage wurde im Juli Minnesota eingereicht. Bowen sagt, seine Opferhilfegruppe silentlambs habe Berichte von über 5.000 Zeugen gesammelt, in denen geltend gemacht werde, dass die Kirche sexuellen Kindesmissbrauch falsch angefasst habe.
Die Kirche unterhält eine Datei über Mitglieder und Mitverbundene, die wegen Kindesmissbrauchs angeschuldigt oder für schuldig befunden wurden. Bowen sagte, Quellen innerhalb der Kirche hätten ihm erzählt, die Datei enthalte die Namen von über 23.000 Personen in den USA, in Kanada und in Europa. Die Kirche sagt, die Zahl läge „erheblich darunter“, will aber nicht sagen, wie groß sie ist.
Die Kirche hat ein festes Rahmenwerk für die Behandlung von Fällen von sexuellem Missbrauch. Mitgliedern, die einen Missbrauch vermuten, wird geraten, zuerst zu den Ältesten zu gehen, die als geistliche und moralische Führer angesehen werden, an die sich die Mitglieder mit ihren persönlichen Problemen wenden sollten. Brown sagte, die Rechtsabteilung der Kirche rate den Ältesten, sich in Bundesstaaten, in denen das Erstatten einer Anzeige Pflicht ist, und in Fällen, in denen die Kinder in Gefahr schweben, an das Gesetz zu halten.
Es sind die Ältesten, von denen ein Urteil verlangt wird, ob jemand eine Sünde wie Kindesmissbrauch begangen hat. Wenn der Kinderschänder gesteht und ihm vergeben wird, wird der Versammlung nur bekannt gegeben, dass diese Person zurechtgewiesen wurde. Es wird kein Grund genannt. Doch die Ältesten berichten den Namen der Person an die Zentrale, wo er in die Datenbank kommt, so dass dem Kinderschänder verboten werden kann, ein Amt in der Organisation zu bekleiden.
„Wenn jemand den anderen gut etwas vorweinen kann, dann hat das praktisch keine Auswirkungen, und niemand außer den Ältesten erfährt je etwas“, sagte Jean Kraus, die ihren Angaben nach vor Jahren zu den Ältesten in ihrer Versammlung in Queens ging und ihren früheren Ehemann beschuldigte, ihre Tochter missbraucht zu haben. Sie sagte, er habe gestanden, sei zurechtgewiesen worden, und er sei immer noch ein aktiver Zeuge. „Sie sagten mir, er sei kein böser Mensch, es sei Schwäche gewesen“, sagte sie.
Brown, der Sprecher der Kirche, sagte: „Wir betrachten solche Rechtsverhandlungen als Erweiterung unserer Hirtentätigkeit als Diener. Mit anderen Worten: Wir sind dazu da, jemandes Seele zu retten. In solchen Fällen werden wir nicht rachsüchtig sein, denn es sind unsere Brüder, und wir hoffen, dass sie sich ändern.“
Wenn der Angeklagte die Beschuldigung bestreitet, genügt die Aussage des Opfers alleine nicht, wenn es nicht wenigstens einen Zeugen für die Tat gibt. Die Kirche sagt, ihre Politik gründe sich auf die biblische Verfügung in 5. Mose 19:15, wo es heißt, dass zwei oder drei Zeugen nötig sind, um die Sünde eines Menschen zu beweisen.
Heidi Meyer, Zeugin Jehovas in der dritten Generation in Annandale, Minnesota, sagte, sie sei 1994, als sie 15 Jahre alt war, zu den Ältesten gegangen, um ihnen zu sagen, dass sie im Alter von 10 bis 13 Jahren wiederholt von einem Zeugen missbraucht worden sei, der acht Jahre älter als sie war, der ältere Bruder einer Freundin. Der einzige Augenzeuge war ihr Bruder, der einmal gesehen hatte, wie der Mann ihr an den Hintern griff, als sie aus einem Auto stieg.
Die Ältesten stellten genaue Fragen, bei denen sie sich unbehaglich fühlte. Gemäß einem internen Buch der Zeugen, Gebt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, mussten die Ältesten bestimmen, in welche Kategorie die Anschuldigung passte: war es „Unreinheit“, ein einmaliges Berühren oberhalb der Hüfte; „unmoralischer Wandel“, ein einmaliges Berühren unterhalb der Hüfte oder ein mehrmaliges oberhalb; oder, am schlimmsten, „Unzucht“, direkte sexuelle Stimulation oder Tätigkeit, die zum Orgasmus führt. Für jedes dieser Vergehen gibt es unterschiedliche Strafen, die schwerste für Unzucht.
Der Mann, den sie beschuldigte, bestand darauf, Frl. Meyer habe falsch interpretiert, was geschah. Die Ältesten stimmten dem zu.
„Ich habe geistliche Führung erwartet“, sagte Frl. Meyer. „Ich habe erwartet, dass sie ehrlich und aufrichtig versuchen, Gerechtigkeit zu finden und die übrige Versammlung davor zu schützen, dass dasselbe noch einmal passiert. Und nichts davon ist geschehen.“
Sie sagte in Interviews, die Ältesten hätten sie, wie mehrere weitere mutmaßliche Opfer und ihre Angehörigen, gewarnt, wegen des Missbrauchs Anzeige zu erstatten oder mit anderen Mitgliedern darüber zu reden.
„Sie haben mir gesagt, wenn ich mit jemand anderem darüber rede, dann müsse ich vorsichtig sein, weil ich mit einem Rechtskomitee wegen Verbreitung von Geschwätz und Verleumdung rechnen müsse“, sagte sie. „Wenn sie meinten, ich hätte eine Sünde begangen, würde man mir die Gemeinschaft entziehen.“
Frl. Meyer sagte, sie habe erst Jahre später erfahren, dass Amber Long, eine weitere junge Frau in der Versammlung, im Alter von 12 Jahren mit ihren Eltern zu den Ältesten gegangen sei, um zu berichten, dass sie von demselben jungen Mann belästigt worden sei. Frl. Long, die heute 23 Jahre alt ist, sagte, sie und ihre Eltern hätten von den Zeugen einen Brief erhalten, in dem der Rat gegeben wurde, „es Jehovas Hand zu überlassen“.
„Sie sagten, wir sollten keine schlechten Gefühle gegen unseren Bruder hegen“, sagte Frl. Long. „Da es keine zwei Augenzeugen gäbe, könnten sie, so sagten sie, nicht viel unternehmen.“
Weder Frl. Long noch Frl. Meyer sind noch aktiv bei den Zeugen Jehovas. Am 2. Juli reichten die beiden Frauen Klage gegen den Mann, den sie der sexuellen Belästigung anklagen – Derek Lindala, 30, aus South Haven, Minnesota –, gegen die Ortsversammlung und die Zentrale der Zeugen Jehovas ein. Lindala hat auf eine bei ihm zu Hause zurückgelassene Nachricht mit der Bitte um einen Kommentar nicht reagiert.
Barbara Anderson aus Tullahoma, Tennessee, sagte, als sie und ihr Mann in den 1990er Jahren in der Zentrale der Kirche in Brooklyn arbeiteten, habe man sie gebeten, Informationen über Kindesmissbrauch in den Versammlungen zu sammeln. Sie sagte, sie habe den Kirchenführern Dutzende von Briefen überreicht, in denen Klage darüber geführt wurde, wie die Fälle gehandhabt wurden. Für sie war das eine Offenbarung.
„Jehovas Zeugen sagen gerne, sie hätten eine der am meisten von Verbrechen freien Organisationen“, sagte Frau Anderson. „Aber alle Probleme werden vor die Ältesten gebracht, und die Ältesten halten sie unter der Decke.“ Sie sagte, die Dokumente hätten eine interne Debatte unter den Kirchenführern ausgelöst, und als nichts unternommen wurde, habe sie 1993 die Zentrale nach 11 Jahren freiwilliger Tätigkeit entmutigt verlassen.
Carl A. Raschke, Professor für religiöse Studien an der Universität Denver, der über die Zeugen Jehovas geschrieben hat, sagte, die Gruppe unterscheide sich nicht von vielen anderen isolierten Religionen, die nach theologischer und moralischer Reinheit strebten.
Gruppen, die dazu neigen, eng verwoben und verwachsen zu sein, haben historisch gesehen ein höheres Vorkommen an sexuellem Missbrauch und Inzest“, sagte Dr. Raschke. „Das ist eine ethnologische Tatsache. Wenn eine Religion versucht, durch und durch heilig und göttlich zu sein, wird sie nicht zugeben, dass die Leute nicht gemäß den Glaubensidealen leben.“
Am 25. Juli wurde Frau Anderson exkommuniziert. Eine Woche später wurde ihr Ehemann Joe, der zuvor nach 42 Jahren als Ältester zurückgetreten war, ebenfalls ausgestoßen.
„Es ist unvorstellbar dass Älteste einen mutmaßlichen Mord untersuchen, um Schuld oder Unschuld festzustellen, warum sollten wir dann einen mutmaßlichen Kindesmissbrauch untersuchen?“ schrieb Herr Anderson in seinem Rücktrittsbrief. „Das ist nicht unser Fachgebiet. Wir sind Diener Gottes und keine Polizei.“
Schweigende
Lämmer reden:
Meine
Enkelin (4 Jahre alt) hat ihrem Vater berichtet, dass ihr
Stiefvater (der ein Zeuge Jehovas ist), sie sexuell belästigt
hat. Jemand hat es beim Sozialdienst angezeigt, aber unsere
Familie wurde beschuldigt. Die Mutter (meine frühere
Schwiegertochter) war erbost – sie sagte, sie wolle damit
auf ihre Art umgehen.
MW
Vor etwa 4 Jahren hing ich zu den Ältesten meiner
Versammlung in Florida. Ich hatte erfahren, dass mein
Schwiegervater drei Jahre davor jemanden missbrauch hatte,
und „wartete geduldig auf Jehova“, dass er sich dieser
Sache annehme. Während ich wartete, fand ich heraus, dass
es noch ein weiteres Opfer gegeben hatte: ein achtjähriges
Mädchen, das später stationär ins Krankenhaus kam, weil
es sich umbringen wollte. Die Gesellschaft hatte Kenntnis
davon, und doch war das einzige, das unternommen wurde, dass
xxx als Ältester und Versammlungsaufseher „zurücktrat“.
LF
Ich dachte, ich wollte
euch über jemanden informieren, der meine Cousine
missbrauchte. Ihm wurde nie die Gemeinschaft entzogen, und
ein paar Jahre später wurde er von der
Wachtturm-Gesellschaft zum Pionier ernannt.
KC
Vor Jahren wurde meine Frau von ihrem
Vater missbraucht, und als die Ältesten der Ortsversammlung
es herausfanden, waren alle daran interessiert, „den Ruf
der Versammlung zu schützen“. Sie haben nicht mehr
unternommen, als mit meinem Schwiegervater ein (so nannte er
es selbst) „geistig aufmunterndes Gespräch” zu führen.
Sie wollten an das eigentliche Thema nicht herangehen, und
so versuchten sie nur, ihn dazu zu bringen, öfter die
Versammlung zu besuchen und mehr Zeit im Predigtdienst zu
verbringen, weil ein geistiger gesinnter Mann „solche
Dinge“ nicht tut. In den vergangenen Jahren versuchten
meine Frau und ich, durch die richtigen Kanäle der
Organisation sicherzustellen, dass er nie mehr in
Situationen kommt, wo er Kinder in seiner Versammlung
sexuell belästigen kann. Aber was wir bekamen, waren nur
Ausflüchte.
JP
Der
Dienstamtgehilfe wurde jetzt von einem Gericht für schuldig
befunden, eine „Ungläubige“ missbraucht zu haben. Und
als ich zum Gericht gehen wollte, um dem Fall des Mädchens
Gewicht zu geben, sagte meine Mutter zu mir, bei dem Fall
ginge es nur um Leute, die einmal studiert hatten und die
jetzt Schande auf Jehovas Namen bringen wollten. Als ich sie
bat, an meiner Stelle zum Gericht zu gehen, weigerte sie
sich -- sie
wollte nicht einmal hingehen und dem Gericht erzählen, was
vor 20 Jahren geschehen war – wovon sie wusste und worüber
sie die ganze Zeit über Schweigen bewahrt hatte! Ja, ich
habe es meinen Eltern erzählt, und sie haben nichts
unternommen. Sie dachten, sie würden mich schützen! (Übrigens,
dem Täter ist auch nicht die Gemeinschaft entzogen worden!
– obwohl er vor Gericht überführt wurde. Jetzt denke ich
nur daran, was er die vergangenen zwanzig Jahre über mit
anderen jungen Mädchen in der Versammlung angestellt hat!)
WR
Als ich begann, mich mit meiner
Depression zu befassen, begann ich mich zu erinnern, dass
ich ab einem Alter von vier Jahren sexuell missbraucht
worden war (rituell/satanisch). Ich wurde von einem
Gesalbten, von Ältesten, Dienstamtgehilfen und meinem
Stiefvater missbraucht. Fünf Jahre lang ging ich zur
Therapie.
KB
Während
des ganzen Vorfalls erhielten meine Schwester und ich nie
Rat oder wurden freundlich von der Ältestenschaft
behandelt. Man hat mir sogar Schuldgefühle eingeimpft, weil
ich die Angelegenheit vor sie gebracht habe, und meine
Schwester wurde als Verräterin behandelt. Erst kürzlich
habe ich verstehen können, wie sich dieser Vorfall in all
den Jahren sowohl bei meiner Schwester als auch bei mir
ausgewirkt hat. Damals war ich selbstmordgefährdet und
sprang aus einem fahrenden Auto. Ich habe jahrelang an einer
Depression gelitten, und das mag ein Gutteil des Grundes dafür
sein, warum mir bis vor kurzem nie in den Sinn gekommen ist,
dass die Ältesten uns gegenüber nie Besorgnis und
Freundlichkeit gezeigt haben. Anstatt dass wir gelobt
wurden, weil wir die Wahrheit vorgebracht haben, wurden wir
wie der Feind behandelt.
AH
Als
ich 14 war, fing er an, mich zu belästigen, und ich hatte
zuviel Angst, um ihm zu sagen: Nein. Meine Mutter bemerkte
es schließlich, und irgendwie gelang es ihr, ihn
hinauszuwerfen. Es gab eine Komiteesitzung mit drei (immer
drei) Ältesten, bei der ich nicht anwesend war. Die Ältesten
überredeten meine Mutter, meinem Stiefvater zu vergeben und
ihn zurückkommen zu lassen. Ihr könnt euch mein Entsetzen
vorstellen. Etwas einen oder zwei Monate später betrog mein
Stiefvater meine Mutter, und da hatte sie endlich einen
„schriftgemäßen“ Grund, sich scheiden zu lassen. Nicht
lange danach zog er nach Washington um und heiratete wieder
– eine Zeugin Jehovas, die fünf Töchter hatte. Und ein
Jahr später wurde er zum Ältesten ernannt! Als ich bei ein
paar der Komiteesitzungen mit den Ältesten dabei war,
brachte ich das Thema mit meinem Stiefvater auf und fragte
sie, warum er nie bestraft wurde und warum ihm erlaubt
worden sei, Ältester zu werden. Ihre Antwort war jedes Mal
dieselbe: „Jehova Gott wird zu seiner eigenen Zeit mit
solchen Leuten fertig werden.“
JA
Während dieser Zeit
wurde der Dienstamtgehilfe, der mich belästigt hatte, als
ich noch jung war, verhaftet, weil er ein anderes junges Mädchen
missbraucht hatte, das keine Zeugin Jehovas war. Das hat
einen großen Skandal gegeben, weil dieser Bruder mit den
Jahren außerordentlich reich geworden war und ein bekannter
Geschäftsmann in der Stadt war. Meine Mutter schrieb an die
Ältestenschaft und berichtete den Ältesten, dass ich 20
Jahre zuvor von demselben Mann belästigt worden war und
dass ihr Vater und auch mein Vater es als Familiengeheimnis
bewahrt hatten. Doch dieser Bruder ist immer noch nicht
ausgeschlossen, weil er den Ältesten erzählte, der Grund,
warum diese Leute gegen ihn vorgingen, sei, von ihm Geld zu
erpressen. Er hat alle Beschuldigungen abgestritten!
Jedenfalls kam es zum Prozess, und ich telefonierte und gab
der Polizei eine eidesstattliche Erklärung zu dem, was
zuvor mit mir geschehen war – nur um mitzuhelfen, dass
dieser Mann schuldig gesprochen würde. Ich wollte auch im
Interesse des Mädchens vor Gericht erscheinen und wollte,
dass meine Mutter mich begleitete, weil sie wusste, dass ich
die Wahrheit sagte. Sie weigerte sich. Sie sagte, der Grund,
warum alles so aufgebauscht werde, sei, dass das
„Weltmenschen“ seien, die „Schande“ auf Jehovas
Organisation bringen wollten. Die meisten Zeugen in dem
Gebiet glauben, dass das stimmt. Meine Mutter sagte auch,
ich sollte die Sache einfach den Ältesten überlassen. Jedenfalls
wurde der Mann vom Gericht des Kindesmissbrauchs für
schuldig befunden, aber er hat Berufung eingelegt. Er hat
genug Geld, um jahrelang durch alle Instanzen zu gehen.
Interessant ist, dass man ihm noch immer nicht die
Gemeinschaft entzogen hat.
SL
Ein Fall betraf ein junges japanisches Mädchen, das als
Kind wiederholt von einem Ältesten vergewaltigt wurde.
Dieser Älteste ist jetzt Kreisaufseher. Ehe sie
vergewaltigt wurde, kamen immer ein Dienstamtgehilfe und ein
Ältester in ihr Haus, hatten Sex mit ihrer Mutter und
zwangen sie, zuzusehen (Damals war sie 12 Jahre alt. Ihre
Mutter hatte sich scheiden lassen). Das Mädchen ist jetzt
23 Jahre alt und ein seelisches Wrack.
JD
Ich weiß von sieben Opfern in den
beiden Versammlungen, in denen ich war. Viermal handelte es
sich um Inzest (die Väter waren entweder Älteste oder
Dienstamtgehilfen). In allen Fällen wurde kein Täter von
einem Rechtskomitee für schuldig befunden. Selbst in einem
Fall, bei dem der Täter von einem Gericht überführt
wurde, blieb er weiterhin in „gutem Ansehen“. Alle Fälle
wurden strikt vertraulich gehalten, die meisten Täter zogen
in neue Versammlungen um und heirateten eine neue Frau.
ED
Weiter können wir berichten, dass die
Ältesten der Versammlung in Richmond keine der Eltern oder
deren Kinder befragten oder informierten, um zu sehen, ob
die Kinder in ihrem Königreichssaal auch sexuell belästigt
worden waren wie das Kind von Nichtzeugen, das Gardner, wie
er zugab, belästigte.
PS
Ich habe nie den Glauben an Gott
verloren, nur an Menschen … die Person, die mich sexuell
belästigte, und der Ehemann, der mich missbrauchte, sind in
solch einer geistig guten Verfassung, dass sie mit mir als
Abtrünniger nichts mehr zu tun haben wollen..
CM
Über Pädophilie und sexuellen Missbrauch muss im
Interesse der unschuldigen Opfer gesprochen werden.
AM
Ich war 31 Jahre lang in der
„Organisation“ und wurde von zwei verschiedenen Ältesten
sexuell belästigt (einer war mein Vater). Die Brüder
weigerten sich, etwas zu unternehmen, und so ist mein Vater
immer noch nicht in der Versammlung „bezeichnet“.
CD
Vor dem Komiteefall hatte ich absolutes Vertrauen, dass die Wahrheit herauskommen würde, dass der Täter (ihr Onkel, ein Dienstamtgehilfe) seine Schuld zugeben würde und dass alles gelöst würde. Was tatsächlich passierte, war das genaue Gegenteil. Er stritt alles ab, meine Tochter sagte, sie habe die Ereignisse falsch interpretiert, und weil sie nicht gleich zu Beginn herbeigekommen sei, sei alles ihre Schuld. Weil der Täter vor dem Komitee weinte und sagte, seine Gebete würden nicht behindert, wurde das als Beweis seiner Unschuld angesehen. Uns als Familie hat man gesagt, wir dürften mit niemandem über den Fall reden. Als