silentlambs

Sehr geehrte Damen und Herren, 

Ich schreibe Ihnen, um ein Thema anzusprechen, das den religiösen Glauben überschreitet und eine Wirklichkeit offenbart, die jeden Tag Tausende von Kindern betrifft. Ich war über zwanzig Jahre lang als christlicher Diener tätig. Ich kann den Mitgliedern meiner Kirche jedoch nicht weiter dienen, da ich nicht mit einer Kirchenpolitik einverstanden bin, die durchzusetzen ich als Ältester gezwungen bin. Diese Politik hat meiner Meinung nach Tausenden Schaden zugefügt, lässt viele ohne Schutz und bietet direkt Kriminellen Zuflucht.

Ich meine damit die Kirchen-Politik, Informationen über Pädophile, die Mitglieder sind, vertraulich zu halten. Diese Pädophilen werden durch einen Kodex des Schweigens geschützt, wo selbst unmittelbare Angehörige nicht informiert werden dürfen und in vielen Fällen beschuldigte Pädophile in verantwortlichen Stellungen in der Kirche bleiben, während ihre Opfer schweigend leiden oder Sanktionen erwarten können. Diese Politik ist meiner Meinung nach unethisch und unmoralisch und in vielen Bundesstaaten ungesetzlich. 

Diese Politik wurde im Wachtturm, einer Publikation meiner Religion, der Zeugen Jehovas, erklärt. Der Wachtturm, der zehnmillionenfach veröffentlicht und in über 139 Sprachen auf der ganzen Welt verbreitet wird, sagte in der Ausgabe vom 1. November 1995, Seiten 28-29, mit Bezug darauf, wie Kirchenfunktionäre mit sexueller Belästigung umgehen sollten:

„Wird die Beschuldigung zurückgewiesen, sollten die Ältesten dem Ankläger erklären, dass rechtlich nichts weiter unternommen werden kann. Und die Versammlung wird den Beschuldigten weiterhin als unschuldig betrachten. Gemäß der Bibel müssen zwei oder drei Zeugen vorhanden sein, damit rechtliche Schritte unternommen werden können (2. Korinther 13:1; 1. Timotheus 5:19). Selbst wenn sich mehr als eine Person an einen Missbrauch durch dieselbe Person „erinnert“, ist die Natur dieser Erinnerungen doch zu ungewiss, um ohne weitere belastende Beweise rechtliche Entscheidungen darauf zu stützen. Das bedeutet nicht, dass solche „Erinnerungen“ als falsch (oder als wahr) betrachtet werden. Aber bei einem Rechtsfall muss man sich an die biblischen Grundsätze halten.“

 

Demgemäß ist einzige Weg, dass jemand innerhalb der Wachtturm-Organisation von den Kirchenführern des Kindesmissbrauchs überführt werden kann, ein Geständnis oder eine Aussage zweier Zeugen, die bei dem Verbrechen zugegen waren. Wenn ein Pädophiler die Beschuldigung abstreitet, dann wird er von den Kirchenoberen geschützt. Die Kirche fordert dann von dem Opfer, sich ruhig zu verhalten, wenn es nicht wegen Verleumdung eines Unschuldigen geächtet werden will.  Ich selbst glaube, dass ich niemandem innerhalb der Wachtturm-Organisation in Bezug auf meine Kinder trauen kann. Sollten meine Kinder einen Pädophilen der sexuellen Belästigung beschuldigen, brauchte er die Sache nur abzustreiten, und ich als Vater würde mit der Drohung des Gemeinschaftsentzuges zum Schweigen gebracht, sollte ich versuchen, etwas zu sagen, um andere vor einem Schaden zu warnen und zu schützen.. 

Ich möchte einmal die Frage stellen, wie oft es Augenzeugen bei einer sexuellen Belästigung von Kindern gibt? Wie kann es „belastende Beweise“ für eine sexuelle Belästigung geben, wenn 90% der Verbrechen erst Wochen oder manchmal Jahre später angezeigt werden? Wie viele Pädophile sagen schon die Wahrheit, wissend, dass sie dafür ins Gefängnis kommen könnten? Bedeutet die Tatsache, dass der Durchschnittspädophile in seinem Leben siebzig Kinder belästigt und nie eines Verbrechens überführt wird, wir sollten ihm innerhalb unserer Organisation Anonymität zugestehen? Was ist mit Kirchenmitgliedern, die diese Beschuldigungen nicht kennen? Sie werden in der Regel im Dunkeln gelassen, ohne Kenntnis, dass sich ihre Kinder möglicherweise in Gesellschaft eines beschuldigten Sexualtäters befinden. Überdies: Wenn der Kinderschänder die Belästigung zugibt und vertraulich vor den Kirchenführern bereut, rät man dem Opfer oder der Familie des Opfers davon ab, die Belästigung bei der Polizei anzuzeigen, und wenn sie nicht angezeigt wird, fordern die Kirchenoberen von dem Opfer, dass es sich still verhält. So kann der Pädophile sein Verbrechen wiederholen, weil niemand seine Vergangenheit kennt.

Wie schlimm ist das? Aufgrund dieser Politik der Organisation sind wir meiner Meinung nach durchtränkt mit Pädophilen, die Ämter von ganz oben bis ganz unten innehaben. In meinen über vierzig Jahren in der Organisation muss ich immer noch nach einer Versammlung suchen, die keine schweren Probleme mit der sexuellen Belästigung von Kindern hat. 

Daher werde ich nicht länger als Kirchenältester in einer Einrichtung dienen, die solch unethisches und unmoralisches Verhalten gegenüber Kindern fördert. Ich weigere mich, eine Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen mitzutragen, die in unserer Kirche auf der ganzen Welt gefördert wird. Ich glaube, die Kirche sollte sich nicht damit befassen, festzustellen, ob ein Angeklagter unschuldig oder schuldig ist, sie sollte vielmehr als ersten Schritt die Behörden benachrichtigen, die dann untersuchen werden, ob die Anklage tragfähig ist. Wenn ein Pädophiler dann vor Gericht für schuldig befunden wurde, wird er öffentlich identifiziert und bestraft. Das schützt Unschuldige und könnte dem Opfer helfen, einen Schlussstrich zu ziehen. Bis dieser Tag kommt, werden die Lämmer, die Kleinen, die zu Opfern Gemachten, zum Schweigen gebracht. Sie erwarten von den Dienern Schutz, aber statt dessen werden sie durch die Politik der Organisation zerdrückt und geächtet, wenn sie am meisten Hilfe benötigen. 

Ich hoffe aufrichtig, dass dieser Brief andere darauf aufmerksam macht, was auch in ihrer Kirche passieren könnte. Es muss eine Basisbewegung geben, die die Verantwortlichen zwingt, ihre Kirchenpolitik völlig zu überholen, wenn sie ähnlich aussieht wie die Politik der Zeugen Jehovas, und die diese entsetzliche Haltung anspricht, Pädophile zu schützen und Kinder der Gefahr auszusetzen.

William H. Bowen

info@silentlambs.org

Po Box 311

Calvert City, KY 42029

270-527-5350

 

Rücktrittsbrief als Ältester an die Wachtturm-Organisation

31.12.2000

Watchtower

25 Columbia Heights

Brooklyn, NY 11201

Liebe Brüder,

Mit diesem Brief, wirksam ab dem Datum dieses Briefes, möchte ich als Ältester und vorsitzführender Aufseher zurücktreten.  Ich habe keinen bösen Willen gegenüber irgend jemandem in der Versammlung oder der Ältestenschaft, und ich trage auch niemandem etwas nach. In meinen über zwanzig Jahren Sonderdienst habe ich mich vieler Vorrechte erfreut, an die ich viele liebe Erinnerungen habe. So muss ich mit Traurigkeit folgende Erklärung abgeben: Ich kann einfach nicht einer Politik der Organisation zustimmen, die ich als Ältester durchzusetzen gezwungen bin. Diese Politik hat meiner Meinung nach Tausenden Schaden zugefügt, lässt viele ohne Schutz und bietet direkten Kriminellen Zuflucht.

Ich meine damit die Wachtturm-Politik, Informationen über Pädophile vertraulich zu halten. Pädophile werden durch einen Kodex des Schweigens geschützt und bleiben in vielen Fällen Dienstamtgehilfen, Älteste, Pioniere, Kreis- und Bezirksaufseher, Mitglieder der Bethelfamilie usw., während ihre Opfer schweigend leiden oder Sanktionen erwarten können. Diese Politik ist meiner Meinung nach unethisch und unmoralisch.

Als Ältester bin ich angewiesen (Ältestendienstschule 1994), wenn das Wort einer Person gegen das einer anderen steht und es keine Zeugen für das Fehlverhalten gibt, nichts zu unternehmen und nicht die Behörden zu informieren. Das Opfer? Gewarnt, sich ruhig zu verhalten oder innerhalb der Versammlung bestraft zu werden, was bis zu einem Gemeinschaftsentzug wegen Verleumdung gehen kann.

 

Diese Politik wurde wieder öffentlich im Wachtturm vom 1. November 1995, Seiten 28-29, erklärt, und zwar im Artikel „Trost für Menschen mit einem niedergeschlagenen Geist“ unter der Überschrift „Was können Älteste tun?” Dort wird gesagt:

 

„Wird die Beschuldigung zurückgewiesen, sollten die Ältesten dem Ankläger erklären, dass rechtlich nichts weiter unternommen werden kann. Und die Versammlung wird den Beschuldigten weiterhin als unschuldig betrachten. Gemäß der Bibel müssen zwei oder drei Zeugen vorhanden sein, damit rechtliche Schritte unternommen werden können (2. Korinther 13:1; 1. Timotheus 5:19). Selbst wenn sich mehr als eine Person an einen Missbrauch durch dieselbe Person „erinnert“, ist die Natur dieser Erinnerungen doch zu ungewiss, um ohne weitere belastende Beweise rechtliche Entscheidungen darauf zu stützen. Das bedeutet nicht, dass solche „Erinnerungen“ als falsch (oder als wahr) betrachtet werden. Aber bei einem Rechtsfall muss man sich an die biblischen Grundsätze halten.“

Bietet das Trost für Menschen mit einem niedergeschlagenen Geist?  Wie oft gibt es bei einem Kindesmissbrauch Augenzeugen mit „belastenden Beweisen“?  Wenn zwei unterschiedliche Personen sich an einen Missbrauch durch einen Pädophilen erinnern, wie kann er da als „unschuldig“ betrachtet werden?  Wie schwer wäre es für jemanden mit der Neigung, Kinder zu belästigen, die Tat abzustreiten, wenn er beschuldigt wird? Der Brief an die Ältesten vom 14.3.1997, Seite 2, Absatz 5, besagt:

„Es mag möglich sein, dass einige, die sich des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht haben, als Älteste, Dienstamtgehilfen oder als allgemeine oder Sonderpioniere dienten oder jetzt noch dienen. Andere waren vielleicht der Belästigung von Kindern schuldig, ehe sie getauft wurden. Die Ältestenschaften sollten keine Einzelpersonen in Zweifel ziehen. Doch die Ältestenschaften sollten die Sache besprechen und der Gesellschaft Bericht erstatten, wenn jemand gegenwärtig in einer von der Gesellschaft ernannten Stellung in ihrer Versammlung dient oder früher diente, der dafür bekannt ist, dass er sich in der Vergangenheit der sexuellen Belästigung von Kindern schuldig gemacht hat.“ Absatz 6 fährt am Ende fort: „Diese Information darf niemandem zugänglich gemacht werden, der nicht betroffen ist.“

Der einzige Weg, dass jemand innerhalb der Organisation des Kindesmissbrauchs überführt werden kann, ist ein Geständnis, eine Verurteilung vor einem weltlichen Gericht oder eine Aussage zweier Zeugen, die bei demselben Ereignis zugegen waren. Wenn diese Kriterien auf jemanden zutreffen, so gilt nach der oben angeführten Information: „Die Ältestenschaften sollten keine Einzelpersonen in Zweifel ziehen“ und „Diese Information darf niemandem zugänglich gemacht werden, der nicht betroffen ist.“ Bei dem, auf den diese Kriterien nicht zutreffen, wie im Falle eines Opfers, das jemanden beschuldigt, ihn/sie belästigt zu haben, wird der Kodex des Schweigens noch strenger durchgesetzt. Was ist mit möglichen Opfern, Eltern von Kindern, die diese Beschuldigung nicht kennen? Sie werden ohne Kenntnis im Dunkeln gelassen, dass ihre Kinder einem beschuldigten Sexualtäter regelrecht ausgeliefert sein könnten.

Diese Direktiven machen die Wachtturm-Organisation zu einem Paradies für Pädophile, wo Kinder frei belästigt werden dürfen, solange es keine belastenden Beweise oder zwei Zeugen für denselben Vorfall gibt. Pädophile werden durch die Wachtturm-Politik, die die Ältestenschaften durchsetzen, geschützt.  Wie oft gibt es für sexuelle Belästigung von Kindern Zeugen? Wie kann es Beweise für eine Belästigung geben, wenn 90% der Verbrechen erst Wochen oder manchmal Jahre danach berichtet werden? Wie viele Pädophile sagen schon die Wahrheit, wissend, dass sie dafür ins Gefängnis kommen könnten? Bedeutet die Tatsache, dass der Durchschnittspädophile in seinem Leben siebzig Kinder belästigt und nie eines Verbrechens überführt wird, wir sollten ihm innerhalb unserer Organisation Anonymität zugestehen? Aufgrund dieser Politik der Organisation sind wir meiner Meinung nach durchtränkt mit Pädophilen, die Ämter von ganz oben bis ganz unten innehaben. In meinen über vierzig Jahren in der Organisation muss ich immer noch nach einer Versammlung suchen, die keine schweren Probleme mit der sexuellen Belästigung von Kindern hat.

Die belastendste Tatsache ist noch nicht einmal, dass die Sache nicht angezeigt wird; in vielen Fällen, wo ein Wort gegen das andere steht, wird nicht ein Wort in die Versammlungsunterlagen aufgenommen. Die Wachtturm-Politik gibt in dieser Hinsicht keine Anleitung. Wenn Älteste die Dienstabteilung anrufen oder dorthin schreiben, weil sie Anleitung in Fällen brauchen, wo es um sexuelle Belästigung von Kindern geht, wird ihnen gesagt, dass sie selbst eine Entscheidung treffen sollen, ob die Sache zu einem Rechtsfall wird. Die Dienstabteilung überlässt die Entscheidung praktisch den örtlichen Ältesten, und infolgedessen ruht die Verantwortung auf diesen örtlichen Ältesten, wenn etwas schief geht. So ist die Wachtturm-Gesellschaft juristisch außen vor. Wie oft werden sich Älteste „eines angeklagten Mitältesten annehmen“ und ihn vor Rechtskomitees schützen, wobei technische Details als Entschuldigung dienen?  Wenn es aber um die Opfer geht, dann werden diese diskreditiert und gedemütigt und man sagt ihnen, sie sollten sich ruhig verhalten. Da ist das Schweigen der Lämmer, der Kleinen, die von Euch und den Ältestenschaften Schutz erwarten, doch statt dessen werden sie durch eine Organisationspolitik zerdrückt und geächtet, wenn sie am meisten Hilfe benötigen. Der Wachtturm wird geschützt; der Pädophile wird geschützt; zu schlecht für die schweigenden Lämmer.

Wie schlimm ist das? Mit dieser Politik lasst Ihr meiner Meinung nach zu, dass eines von drei „Zeugenkindern“ in seinem Leben missbraucht wird. Ich kann nicht länger als Ältester in einer Einrichtung dienen, die unethisches und unmoralisches Verhalten gegenüber Kindern gutheißt. Ich weigere mich, eine Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen mitzutragen, die unter Ältestenschaften auf der ganzen Welt gefördert wird. Kriminelle sollten ausgeschaltet, identifiziert und bestraft werden, um Unschuldige zu schützen und das Opfer einen Schlussstrich ziehen lassen zu können.

Mit jedem Tag, der vergeht, werden weitere Kinder sexuell belästigt, und die Opfer leiden wie missbrauchte Lämmer mit einem Hirten, den das nicht zu kümmern scheint. Ich selbst glaube, dass ich niemandem innerhalb der Wachtturm-Organisation in Bezug auf meine Kinder trauen kann. Sollten meine Kinder einen Pädophilen der sexuellen Belästigung beschuldigen, brauchte er die Sache nur abzustreiten, und ich als Vater würde mit der Drohung des Gemeinschaftsentzuges zum Schweigen gebracht, sollte ich versuchen, etwas zu sagen (Verleumdung eines erkennbar Unschuldigen), um andere vor einem Schaden zu warnen und zu schützen. Ich sage zum dritten Mal: Dies ist verkehrt. Es ist unethisch und unmoralisch, die Kinder nicht zu schützen.

Ich habe die aufrichtige Hoffnung, dass dieser Brief zu einer Änderung führt, dass die Wachtturm-Politik in Bezug auf diese entsetzliche Haltung, Pädophile zu schützen und Kinder der Gefahr auszusetzen, völlig überholt wird.

Mit aufrichtigen Grüßen

William H. Bowen

 

Presseartikel zu diesem Thema

Bis heute gibt es sieben Geschichten zu diesem Thema auf Titelseiten. Die Geschichte ist gelaufen bei Gannet, Associated Press, Christianity Today, MSNBC und bei zwei Gelegenheiten in den 6-Uhr- und 10-Uhr-Nachrichten. Wir sind auch Kandidaten für eine Dateline-Geschichte im späten Frühjahr 2001. Die unten stehenden Ausführungen sind Artikel in Gannett und bei Associated Press. Wenn nötig, können wir weiteres Material liefern.

 

Sonntag, der 4. Februar 2001.
Politik der Zeugen Jehovas in Bezug auf Kinderschänder angegriffen
Kirche sagt, sie befolgt das Gesetz und zeigt mutmaßlichen Kindesmissbrauch an
von PETER SMITH, The Courier-Journal


Die in New Jersey lebende Barbara Pandelo [links] und ihre Tochter Corinne Holloway sind unglücklich darüber, dass Holloways Großvater, der sie sexuell missbrauchte, zweimal wieder aufgenommen wurde, nachdem er aus der Versammlung der Zeugen Jehovas hinausgeworfen wurde. Die Kirchenpolitik lässt es auch zu, dass er von Haus zu Haus missioniert.

Die Kirchenpolitik erlaubt es Kinderschändern, die als reumütig angesehen werden, weiterhin – begleitet von einem anderen Mitglied – von Haus zu Haus zu missionieren, womit sie mit ahnungslosen Wohnungsinhabern in Berührung kommen, die nicht wie die Kirche wissen, dass ein Kinderschänder vor ihrer Tür steht.

Die Regeln der Kirche zum Thema sexueller Missbrauch sind seit dem Rücktritt eines Kirchenältesten aus Westkentucky, der diese Regeln ablehnt, in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Die Gerichtsfälle stellen sich vor dem Hintergrund einer zunehmenden nationalen Übereinstimmung dar, dass jeder mutmaßliche Kindesmissbrauch angezeigt werden muss und als Kinderschänder bekannte Personen kämpferisch zu kennzeichnen sind.

Ein Anwalt der Kirche der Zeugen Jehovas, die in den USA fast eine Million und weltweit sechs Millionen Mitglieder hat, sagte, sie befolge die Gesetze in den Bundesstaaten, wo die Kirchenältesten verpflichtet sind, Missbrauchsfälle anzuzeigen.

„Wenn es ein Gesetz gibt, das eine Anzeige fordert, dann hat das den Vorrang über jegliche Vertraulichkeit, ob in der Politik oder im Statut der Kirche“, sagte Mario Moreno, stellvertretender Generalanwalt der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, einer Rechtskörperschaft der Kirche.


Ich weigere mich, eine Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen mitzutragen“, sagte William H. Bowen in seinem Rücktrittsbrief als Führer der Kirche in Draffenville, Kentucky. „In Staaten, die keine Anzeige fordern, sieht die Sache anders aus“, sagte Moreno. Älteste könnten wollen, dass ein Opfer woanders hinzieht als der Täter, oder sie lassen die Eltern oder den Vormund des Opfers, oder sogar den Beschuldigten, den Missbrauch bei der Polizei anzeigen, sagte er. „Die Gesetze dieses Landes wie auch die ethischen Werte der Menschen sagen einem, dass es ein paar Dinge gibt, die man vertraulich halten sollte. Das ist der Grund, warum die Gesetze vertrauliche Gespräche zwischen den Geistlichen und ihrer Herde schützen.“ Doch Moreno sagte, Älteste, die in Verdachtsfällen von Missbrauch Kontakt mit der Rechtsabteilung der Gesellschaft aufnehmen – wie sie es tun müssen –, würden oft angewiesen, die Opfer an die Polizei oder an andere Hilfsstellen draußen zu verweisen, auch wenn das Gesetz das nicht fordert. Opfern und ihren Eltern steht es frei, sagte Moreno, Hilfe bei der Polizei oder bei Therapeuten zu suchen. Sie sollten, wenn sie das nicht tun, nicht die Kirche dafür verantwortlich machen. „Wir ermuntern die Eltern zu tun, was nötig ist, um ihr Kind zu schützen“, sagte Moreno. Doch einige Opfer und ihre Anwälte sagten bei Prozessen und in Gesprächen, die Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen der Kirchenführer, gepaart mit der Bedeutung der Kirche in ihrem Leben, habe sie zögern lassen, den Missbrauch außerhalb der Kirche anzuzeigen. William H. Bowen trat am 31. Dezember als vorsitzführender Aufseher (Hauptältester) der Versammlung Draffenville nahe Paducah zurück und sagte, er könne nicht länger eine Politik der Kirche unterstützen, bei der seiner Meinung nach Kinderschänder unerkannt bleiben. „Ich weigere mich, eine Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen mitzutragen, die unter Ältestenschaften auf der ganzen Welt gefördert wird“, schrieb Bowen in seinem Rücktrittsbrief. „Kriminelle sollten ausgeschaltet, identifiziert und bestraft werden, um Unschuldige zu schützen und das Opfer einen Schlussstrich ziehen lassen zu können.“


ZU DEN ÄLTESTEN GEHEN
Frau fühlte sich bestraft, weil sie ihren Mann anklagte
Sara Poisson aus Claremont, N.H., sagte, sie habe nie daran gedacht, sich an jemand anderen als die Kirchenältesten zu wenden, als ihr damaliger Mann Paul Berry begann, einige ihrer Kinder körperlich zu misshandeln. Berry sollte schließlich zu 56 Jahren Gefängnis verurteilt werden.

„Welche Dinge auch immer aufkommen, wo Anleitung nötig ist, sie sollen in der Versammlung von den Ältesten behandelt werden“, sagte Poisson aus Anlass der Verurteilung ihres früheren Ehemannes wegen Kindesmissbrauchs am 31. Oktober 2000.

Bowen sagte, den Mitgliedern der Zeugen Jehovas werde ständig erzählt, wenn sie ein Problem in der Familie hätten, müssten sie damit zu den Ältesten gehen und die würden weiterhelfen.

„Sie müssen die Organisation der Zeugen Jehovas verstehen“, sagte Bowen. „Ihr Leben dreht sich darum, all das zu befolgen, was ihnen die Ältesten in den Ortsversammlungen und die Organisation sagt.“

Doch Sam Neal, Ältester in der Versammlung der Zeugen Jehovas in Jeffersontown, Kentucky, sagte, Kirchenmitglieder würden nicht geschützt.

„Jeder von uns hat Zugang zu allen Dingen in der Gemeinde“, sagte Neal, pensionierter stellvertretender Dekan der Schule für Sozialarbeit an der Universität von Louisville. „Was immer wir brauchen, wir wissen, wohin wir gehen müssen.“

Kirchenanwalt Moreno sagte, Kirchenanwälte könnten Ältesten den Rat geben, die Opfer an die Polizei oder an Hilfe aus der Welt zu verweisen. „Das ist eine persönliche Entscheidung.“

Aber Poisson sagte vor dem Bezirksgericht in Hillsborough County bei der Verurteilung ihres Ex-Mannes aus, als sie mit ihren Sorgen zu den Ältesten gegangen sei, hätten diese ihr wiederholt gesagt, sie müsse „eine bessere Frau sein“ und „mehr beten“.

„Jedes Mal, wenn ich mit den Ältesten sprach, wurde ich in irgendeiner Weise bestraft“, berichtete Poisson dem Gericht. „Mir wurde ein Vorrecht genommen, weil ich es gewagt hatte, mir die Autorität meines Mannes anzumaßen.“ Poisson erzählte später einem Reporter, man habe ihr verwehrt, bei den Zusammenkünften etwas zu sagen, und ihre Missionierung von Haus zu Haus eingeschränkt.

Das Gesetz in New Hampshire bestimmt seit den späten 1970er Jahren, dass „jeder, der Grund zu der Vermutung hat, ein Kind sei missbraucht oder vernachlässigt worden, dies anzeigen muss.“

Weder aus den Prozessunterlagen, noch aus den öffentlichen Erklärungen der Ältesten geht hervor, dass die Kirche wegen der Beschuldigungen von Poisson Anzeige erstattet hatte.

Poisson sagte vor Gericht, sie habe zwar nicht von dem sexuellen Missbrauch durch Berry gewusst, sie habe aber von der körperlichen Misshandlung Kenntnis gehabt und dies nicht angezeigt. „Damit muss ich für den Rest meines Lebens leben.“

Die Behörden hätten das herausgefunden, sagte Poisson, als ihr Sohn eines Tages mit dem Abdruck einer Fliegenklatsche auf dem Bein zur Schule gekommen sei.

Poisson sagte, eine Sozialarbeiterin habe ihr ein Ultimatum gestellt: Entweder Berry verlässt das Haus, oder sie verliert das Sorgerecht über die Kinder. Sie hat das erste gewählt und ist dafür in der Versammlung geächtet worden.

Einige Zeit später lief eine der Töchter von Poisson weg. Sie kehrte 18 Monate später wieder zurück, zerbrechlich und krank und mit den Worten: „Warum hast du das geschehen lassen?“ sagte Poisson vor Gericht. Das Mädchen informierte ihre Mutter, dass Berry sie, seit sie vier war, bis zu ihrem 11. Lebensjahr missbraucht hatte. Mutter und Tochter gingen zur Polizei, um eine Untersuchung wegen des sexuellen Missbrauchs anlaufen zu lassen.

Berry wurde verhaftet und im Juli 2000 in 17 Fällen von sexuellem Angriff für schuldig befunden. Unter anderem hängte Berry eine seiner Töchter an Haken in einer Scheune und band sie an einem Baum fest, um sie zu missbrauchen. Als Berry zur Urteilsverkündung erschien, kreuzten auch 29 Mitglieder seiner Versammlung der Zeugen Jehovas in Wilton, N.H., auf, die sich alle, oft in glühenden Worten, so das Gerichtsprotokoll, zu seinen Gunsten aussprachen.

„Welche Anschuldigungen auch immer gegen ihn vorgebracht wurden, da ist etwas falsch verstanden worden“, sagte Robert Michalowski, früherer Ältester in Wilton. „Die Ältesten hätten einen sexuellen Missbrauch innerhalb einer Minute  herausgefunden.“

Bei der Urteilsverkündung gegen Berry sagte Richter Arthur Brennan, die Kirche hätte mehr für das Opfer tun sollen. „Die Kirche hat ihr nicht geholfen, und der Staat hat ihr nicht geholfen“, sagte Brennan. „Wenn jemand vielleicht vor Jahren etwas gesagt hätte, wenn jemand eine Untersuchung begonnen hätte, anstatt sich auf Jehova zu verlassen ... vielleicht wäre das Ganze dann ... erheblich weniger grausam für das Kind gewesen.“ Brennan sagte, er sage „nichts gegen irgend jemandes Religion. Ich sage, dass ich so etwas in einer ganzen Anzahl von Versammlungen gesehen habe.“

Das Opfer, Holly Brewer aus Berkeley, Kalifornien, hat sich damit einverstanden erklärt, dass ihre Geschichte in der Öffentlichkeit berichtet wird.

Berry beteuert weiter seine Unschuld und wird Berufung gegen das Urteil einlegen, sagte Mark Sisti, sein Anwalt.

Moreno wollte nicht kommentieren, ob die Ältesten in diesem Fall einen Fehler gemacht haben. Aber er sagte: „Hin und wieder machen die Ältesten in einer kleinen Anzahl von Fällen Mist. Sie machen Mist, weil sie nicht hier anrufen (bei der Rechtsabteilung der Wachtturm-Gesellschaft). Wenn sie hier anrufen, dann verbocken sie die Sache auch nicht.“

Das Büro des Staatsanwaltes von Hillsborough County ließ verlauten, es habe nicht untersucht, ob die Ältesten das Gesetz verletzten, indem sie den mutmaßlichen Missbrauch nicht anzeigten. Als die Staatsanwaltschaft dann doch noch eine Untersuchung einleitete, über ein Jahr nach der Verstrickung der Ältesten in den Fall, sei dies schon verjährt gewesen.

Vor drei Jahren erhoben sich ähnliche Fragen wegen der Handlungsweise von Ältesten in einem Fall in Texas. Als eine Familie in der Gegend um Houston den Ältesten meldete, dass ihr Sohn im Teenageralter seine jüngere Schwester sexuell belästigte, besuchten die Ältesten sie zu Hause, gaben der Familie Rat und erhielten vom Sohn die Zusicherung, er würde damit aufhören, so die Anklage der Familie in einem Prozess gegen die Kirche. Statt dessen, so die Klageschrift, ging der Missbrauch weiter. Eine Jury sprach den damals 22-Jährigen im Jahre 1997 in einem Strafverfahren des Missbrauchs schuldig, begangen als Erwachsener. Er wurde zu 40 Jahren wegen besonders schweren sexuellen Angriffs verurteilt. „Die Ältesten saßen am Küchentisch und hörten zu, als sie erzählte, was der Bruder mit ihr gemacht hatte“, sagte Kelly Siegler, stellvertretende Bezirksstaatsanwältin in Harris County. „Alles, was sie taten, war, ihm zu sagen, er solle damit aufhören, und dann beteten sie darum. Sie haben es einfach so abgetan. Niemand hat es je der Polizei berichtet.“ Siegler sagte, sie hätte eine Strafverfolgung gegen die Ältesten eingeleitet, weil sie keine Anzeige erstattet hatten, wenn die Sache nicht nach zwei Jahren verjährt gewesen wäre.

Die Familie klagte gegen die Kirche in einem Zivilverfahren und erreichte 1999 einen Vergleich, der beiden Fällen untersagt, über den Fall zu sprechen. Jeffrey Parsons, Anwalt aus Houston, der die Zeugen Jehovas vertrat, sagte, er sei überzeugt, dass die Kirche sich richtig verhalten habe. „Es waren wirklich ungünstige Umstände, aber (die Klage der Familie) war nicht gut begründet.“

 

KIRCHENPROZESS
Strenge Beweise für eine Bestrafung nötig

Wenn Mitglieder der Kirche der Zeugen Jehovas eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs vor die Ältesten bringen, bringt sie das in Kontakt mit einem heimlichtuerischen Kirchenprozess, vor dem strengere Beweise als vor einem weltlichen Zivilgericht erforderlich sind.

Wenn ein Kirchenmitglied irgendeiner Tat beschuldigt wird, folgen die Ältesten einem strengen biblischen Maßstab. Sie benötigen entweder ein Geständnis des Mitgliedes oder die Aussage von mindestens zwei Augenzeugen, darunter der Ankläger, um die Schuld des Mitgliedes zu beweisen, so der Kirchenanwalt Moreno und Veröffentlichungen der Kirche.

Das trifft selbst auf Fälle von sexuellem Missbrauch zu, wo es oft keine „außen stehenden“ Zeugen gibt. Opfern, die keine Zeugen vorbringen oder den Beschuldigten nicht zu einem Geständnis bewegen können, sollen die Ältesten „erklären, dass in rechtlicher (kirchendisziplinarischer) Hinsicht nichts unternommen werden kann“, so ein Artikel aus dem Jahre 1995 im Wachtturm – einer Zeitschrift der Zeugen Jehovas mit einer Auflage von 22 Millionen Exemplaren in 132 Sprachen.

„Und die Versammlung wird den Beschuldigten weiterhin als unschuldig betrachten“, fuhr der Artikel fort. Der Artikel biete keinen anderen Weg zur Gerechtigkeit als: „Die Frage der Schuld oder Unschuld ist bei Jehova in besten Händen.“ Moreno sagte, am Ende käme doch die Wahrheit heraus. „Jemand anderer taucht aus dem Nichts auf, und jetzt kann etwas unternommen werden“, sagte er. Moreno sagte, zwei getrennte Ankläger würden als zwei Zeugen zählen, wenn jemand der sexuellen Belästigung beschuldigt wird.

Die Kirchenpolitik ermutige Mitglieder weder, noch rate sie ihnen davon ab, mutmaßlichen oder eingestandenen Missbrauch bei der Polizei anzuzeigen, sagte Moreno. Die Ältesten seien angewiesen, immer erst die zentrale Rechtsabteilung der Kirche in Carmel, N.Y., anzurufen, wenn sie eine Anklage erhielten. Wenn Älteste anrufen, sagen ihnen die Anwälte der Kirche, ob der jeweilige Bundesstaat von ihnen verlange, Anzeige zu erstatten, sagte Moreno. Ein immer noch gültiges Kirchenmemo aus dem Jahre 1989 sagt auch, die Ältesten müssten juristischen Rat einholen, wenn sie von der Polizei befragt werden, eine Vorladung  erhalten oder freiwillig vertrauliche Kirchenunterlagen weitergeben, es sei denn, die Polizei habe einen Durchsuchungsbefehl. Moreno sagte, Anwälte der Kirche könnten Ältesten den Rat geben, die Opfer an die Polizei oder an Hilfe von außen zu verweisen. „Das ist eine persönliche Entscheidung.“ Wenn die Ältesten das Vorliegen eines Missbrauchs vermuten, können sie mit zu Kirchenstrafen führenden Anhörungen beginnen, bei denen das, was gesagt und aufgeschrieben wird, vertraulich behandelt wird. Niemand außer den Ältesten notiert sich etwas, und diese Notizen werden nach dem Memo aus dem Jahre 1989 eingesammelt und an sicherem Ort verwahrt.

Es ist ein Prozess, der den Ruf der Kirche schützen und sie gegen Klagen absichern soll, so das Memo. Das Kirchenmemo warnt vor Klagen von „Rachsüchtigen und Verbitterten“ und „einigen, die dem Königreichspredigtwerk widerstehen“, wenn Beschuldigungen durchsickern.

Bandaufnahmen bei diesen Prozessen sind nicht erlaubt.

Eine Aussage vom 2. Januar, gemacht von J.R. Brown, dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei den Zeugen Jehovas, besagte, dass Kirchenälteste „Übeltäter ermuntern, alles ihnen Mögliche zu tun, um mit den Behörden ins Reine zu kommen.“

Aber die strenge Vorschrift der Vertraulichkeit – bei der Älteste selbst davor gewarnt werden, in ihrer Familie über Strafmaßnahmen zu reden – lässt die Identität eines Sexualtäters vor Personen verborgen, die nichts mit der Sache zu tun haben.

Bryan Rees, früher aus Augusta, Maine, sagte in einer Klage, sein Stiefvater Alan Ayers habe ihn nie davor gewarnt, dass er sich dem Türnachbarn, dem Kirchenmitglied Larry Baker, fern halten solle. Baker hatte Ayers und anderen Ältesten gestanden, dass er einen anderen Jungen sexuell belästigt hatte. Die Ältesten hatten Baker privat zurechtgewiesen und ihm „strengen, wirklich ernsten Rat erteilt ... und das war es dann auch“, sagte Baker später aus.

Im Bundesstaat Maine war es keine Pflicht, dass Kirchenfunktionäre Anzeige erstatteten, und die Ältesten in Augusta informierten denn auch nicht die Polizei oder jemand anderen. Sie warnten zwar Baker, sich von Kindern fern zu halten, aber der Täter sagte aus, die Ältesten hätten gewusst, dass er mit Rees von Haus zu Haus ging. „Ich bin sicher, dass sie es gewusst haben müssen“, sagte Baker aus. „Das war kein Geheimnis.“

Baker missbrauchte Rees nach eigenem Eingeständnis zwischen 1989 und 1992 wenigstens 30-mal. Er wurde des ungesetzlichen Kontakts mit einem Minderjährigen überführt und saß für 90 Tage im Gefängnis. Rees, der nicht für einen Kommentar zu erreichen war, gewann ein $1,2 Millionen-Urteil gegen Baker, war aber bis jetzt noch nicht in der Lage, das Geld zu kassieren, so der Anwalt von Rees, Michael Waxman.

Rees ging mit seiner Geschichte später an die Öffentlichkeit und verklagte die Zeugen Jehovas im Jahre 1998 ohne Erfolg. Er führte an, sie seien ihrer Verantwortung nicht nachgekommen, als sie ihn nicht vor Baker warnten und die Handlungsweise von Baker auch nicht kontrollierten.

Aber das höchste Gericht in Maine verwarf 1999 dieses Argument. „Die bloße Tatsache, dass jemand weiß, dass ein Dritter für andere gefährlich ist oder sein könnte, erlegt ihm nicht die Verantwortung auf, diesen Dritten zu kontrollieren“, entschied der Supreme Judicial Court.

Ayers, der Stiefvater von Rees, lehnte einen Kommentar ab, aber Kirchenanwalt Moreno begrüßte die Entscheidung. „Es besteht nicht die Verpflichtung, den Leuten zu verkünden, dass ‚Fritz Müller’ ein Kinderschänder ist“, sagte er. Hätte das Gericht anders entschieden, würde das „die Leute im Grunde davon abhalten, bei ihren Geistlichen um Hilfe zu ersuchen.“

„Können die Leute nicht auf die Vertraulichkeit zählen, wenn sie zum Beispiel einem katholischen Priester beichten, kühlt ihr Verhältnis zur Religion ab“, sagte er.

Die Zeugen Jehovas sagen, das Schweigerecht der Geistlichen gelte für jedes vertrauliche Gespräch mit Mitgliedern, auch für Rechtskomitees mit vielen Ältesten und Zeugen.

Ein Staatsanwalt in Hillsborough County, N.H., versucht gegenwärtig, einen Ältesten zu zwingen, auszusagen, was Gregory Blackstock, bereits in einem Fall des Kindesmissbrauchs überführt, den Ältesten in Bezug auf zwei weitere Mädchen gestand, die mutmaßlich missbraucht wurden. Die betroffene Versammlung war nicht dieselbe wie im Fall Paul Berry. Bezirksstaatsanwalt Roger Chadwick sagte, weil mehr als ein Ältester darin verwickelt sei und ein Ältester der Mutter des mutmaßlichen Opfers das Neueste berichtete, könne die Kirche nicht das Kirchenprivileg in Anspruch nehmen und schweigen. „Einfach gesagt, kircheninterne Untersuchungen und Telefonauszeiten, um vertrauliche Einzelheiten zu bestätigen, waren nicht das, was durch das Schweigerecht geschützt werden sollte“, sagte Chadwick in einem Schriftsatz an den Hillsborough County Superior Court. Doch Anwalt Paul Garrity, der Blackstock vertritt, argumentierte, nur weil es bei den Zeugen Jehovas die direkte Ohrenbeichte anderer Religionen nicht gebe, könne der Staat ihnen wegen „theologischer Differenzen, wie die Versöhnung mit Gott zu erreichen sei“, nicht das Schweigerecht nehmen. Der Fall ist noch nicht entschieden.

 

EIN ÄLTESTER PROTESTIERT

Bürger von Kentucky tritt wegen der Behandlung von Verdächtigungen zurück
Die Zeugen Jehovas, deren Organisation im 19. Jahrhundert gegründet wurde, haben mit traditionellen christlichen Gruppen einige Schlüssellehren gemeinsam. Sie sind am bekanntesten wegen ihrer Missionierung von Haus zu Haus und ihrer Erwartung, dass Jesus bald das Königreich Gottes aufrichten werde. Sie leisten keinen Wehrdienst und zeigen auch keine Loyalität gegenüber politischen Symbolen – Tatsachen, die ihnen hier und im Ausland Verfolgung eingebracht haben – obwohl sie Gehorsam gegenüber dem Gesetz predigen.

Und es war das Beharren der Kirche auf ihren Vorschriften, das den Ältesten und vorsitzführenden Aufseher Bowen dazu brachte, öffentlich von seinem Kirchenamt in der Stadt Draffenville in Marshall County zurückzutreten. Bowen hatte vor möglichem sexuellen Missbrauch, der eine Familie in seiner Gegend betraf, gewarnt. Als er, wie gefordert, die Rechtsabteilung der Kirche anrief, sagten ihm Anwälte, das Gesetz in Kentucky fordere von ihm nicht, dass er den mutmaßlichen Missbrauch anzeigte. Nachdem eine andere Abteilung der Kirche Einzelheiten der Beschuldigung gehört hatte, riet sie von einem Rechtskomitee ab, sagte Bowen. Er meinte, wenn Älteste diesen Rat ablehnten, riskierten sie ihr Amt. Nach seinem Rücktritt, sagte er, habe er den mutmaßlichen Missbrauch bei der Polizei angezeigt. Bowen sagte, die Polizei habe ihm mitgeteilt, die Sache werde untersucht.

Bowen ist technisch gesehen noch Mitglied. Thomas Carrothers, Stadtaufseher der Zeugen Jehovas im nahe gelegenen Paducah, sagte vergangenen Monat, er sähe keinen Grund, Bowen hinauszuwerfen. „Die Leute dürfen ihre Meinung sagen“, sagte er. In einer Ansprache vor der Versammlung über Bowens Kritik an der Politik der Kirche drängte Carrothers die Kirchenmitglieder, „Gegnern“ und „den verleumderischen Aussagen von lügenden Abtrünnigen“ mit Liebe zu begegnen. Carrothers sagte, er habe dabei nicht Bowen gemeint. „Ich habe Artikel aus dem Wachtturm zitiert. Ich habe ihn nicht angeklagt.“

Bowens Vater, Bill J. Bowen, prangerte die Handlungsweise seines Sohnes in einem von der Kirche hergestellten und verbreiteten Videointerview an. „Was mein Sohn sagt, ist einfach absurd“, sagte Bowen sen., langjähriges Mitglied der Kirche. „Ich hoffe doch, dass mein Sohn umkehrt und seinen Sinn ändert.“

Der Älteste David King aus Edmonds, Washington, sagte, er habe auch sein Kirchenamt im Jahre 1997 aufgegeben, teilweise wegen seiner Ernüchterung darüber, dass die Kirche so viel Wert auf die „rechtlichen Auswirkungen“ lege. Als er vor mehreren Jahren eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs untersuchte, sagte King, hätten die Ältesten einen Anwalt in der Zentrale der Kirche angerufen. „In dem Augenblick, wo wir uns zu erkennen gaben, wusste er sofort schon über die Gesetze des Bundesstaates (Washington) Bescheid und sagte, wir brauchten keine Anzeige zu erstatten“, sagte King. „Das war fast das Erste, was er sagte. Damals war ich noch ein treuer Anhänger, aber der Gedanke hat mich erschüttert, dass sie sich mehr über die rechtlichen Auswirkungen Gedanken machten, als um die Wiedererlangung der Gesundheit.“ Die Eltern des Opfers riefen später die Polizei. King sagte, allmählich habe er mit dem Kirchenbesuch nachgelassen.


HILFE VON AUSSEN

Mitglieder sagen, die Kirche rate von solchen Bemühungen ab

Die Literatur der Kirche sagt, die Mitglieder dürften sich Hilfe von außen holen, wenn sie einen Missbrauch vermuten. Einige Mitglieder wie Poisson sagen, die Ältesten hätten sie, als sie das versuchten, eingeschüchtert. In Keene, N.H., verklagte der Vormund eines 15-Jährigen Mädchens im Jahre 1987 eine Versammlung der Zeugen Jehovas, weil die Ältesten die Eltern des Mädchens „mit Ausschluss aus der Religionsgemeinschaft und ewiger Verdammnis“ bedrohten, wenn sie für ihre Tochter, die von 1975 bis 1985 sexuell missbraucht wurde, das Eingreifen der Polizei oder eine Sozialberatung suchten.

Der Rechtsstreit wurde beigelegt, und der Anwalt des Mädchens, Charles Donahue, sagte, er könne das nicht kommentieren. Der Missbrauchstäter – der Vater des Mädchens – wurde später, im Jahre 1986, zu drei bis acht Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er sich in zwei Fällen des schweren sexuellen Angriffs für schuldig erklärt hatte, so das Anhörungsprotokoll im Cheshire County Superior Court.

Kirchenanwalt Moreno sagte, es wäre „lächerlich“, wenn ein Ältester damit drohen würde, und wenn einer es täte, würde es der Politik der Kirche widersprechen. „Das ist nicht gemäß der Bibel“, sagte er. „Wir lehren die Bibel. Die Bibel sagt nicht: ‘Wenn du eine Anklage wegen eines Verbrechens gegen einen Kinderschänder einreichst, bist du auf ewig verdammt.’ Wer vielmehr in der Gefahr steht, auf ewig verdammt zu sein, ist der Kinderschänder.“

Die Literatur der Kirche sagt auch, Opfer und andere Kirchenmitglieder könnten eine professionelle Therapie aufsuchen, solange der Therapeut ihren Glauben respektiert und die Opfer in einer Gruppentherapie nicht die Namen der mutmaßlichen Täter offenbaren.

Aber J. Michael Terry, ehemaliger Ältester der Zeugen Jehovas aus Conway, Arkansas, sagte, seine Erfahrung decke sich nicht mit der Kirchenpolitik. Er sagte, vor etwa drei oder vier Jahren habe er die Mutter eines Missbrauchsopfers an einen Therapeuten verwiesen, der das Verbrechen dann angezeigt habe. „Ich wurde von zwei Mitältesten ganz schön fertiggemacht“, sagte Terry. „Ich habe getan, was mir mein Gewissen sagte“, meinte Terry, der nicht mehr in der Kirche tätig ist. „Sie sagten, ich hätte nichts anders tun sollen, als nur zuzuhören.“

Das Gesetz in Arkansas fordert von Geistlichen nicht, einen Missbrauch bei den Behörden anzuzeigen, aber es fordert das von Sozialarbeitern. Terry ist Sozialarbeiter. Er sagte, der Vorfall habe seine Arbeitsbeziehung mit den Ältesten vergiftet, und etwa drei Jahre später habe man ihm das Ältestenamt abgenommen, weil er nicht entgegenkommend gewesen sei. Einer der Ältesten, die, so Terry, seine Handlungsweise kritisiert hatten, lehnte einen Kommentar zu seinem Verhältnis zu Terry ab.

 

DER UMFANG VON STRAFEN

Reuige Sexualtäter dürfen von Haus zu Haus gehen
Wachtturm-Funktionäre sind verschiedener Meinung, wie die Kirche Kinderschänder bestraft.
In einer Erklärung vom 2. Januar meinte Brown, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit, die Kirche sage, dass Kinderschändern „die Gemeinschaft entzogen“ werde, sie also aus der Versammlung geworfen würden. Später räumte er ein, die Kirche könne auch weniger drastische Strafen aussprechen. Er verteidigte seine ursprüngliche Erklärung und sagte, „der Masse vermittelte das den Gedanken, Älteste würden auch wirklich Strafen aussprechen. Sie gehen mit Missbrauchstätern nicht sanft um.“

Aber am 1. August 1995 zeigt ein Kirchenmemo, dass reuige Pädophile einem Ausschluss entgehen und Kirchenmitglieder bleiben können, so wie Baker. Es heißt dort auch, Älteste könnten Pädophile wieder aufnehmen, die die Ältesten von ihrer Reue überzeugt haben.

Und das war der Fall bei Clement Pandelo aus Paramus, N.J. Tatsächlich wurde Pandelo, der bei der Polizei zugab, 40 Jahre lang junge Mädchen belästigt zu haben, zweimal ausgeschlossen und zweimal wieder aufgenommen, so das Gerichtsprotokoll. Pandelo bekannte sich 1988 schuldig, seine 12-Jährige Enkelin und zwei andere Mädchen sexuell belästigt zu haben.

Seine Enkelin, Corinne Holloway, heute 24, sagte, Pandelos Wiederaufnahme habe ihr körperliches und psychisches Trauma verschlimmert.

Kirchenälteste „sehen eher den Täter als das Opfer“, sagte Holloway aus Spring Lake Park, N.J. „Er hatte die Vorrechte (als Mitglied), und wir waren in diesem lange dauernden Prozess.“

Moreno sagte: „Ich wäre selbst nicht allzu glücklich, wenn jemand mein Kind missbrauchen und dann wieder aufgenommen würde. Das Fazit ist, wenn ein Ältester feststellt, dass ein früherer Kinderschänder Reue gezeigt hat, dann ist er biblisch verpflichtet, ihn wieder aufzunehmen.“ Die Politik der Kirche erlaubt Pandelo als Mitglied in gutem Ansehen, von Haus zu Haus zu gehen und die Botschaft der Zeugen Jehovas zu verbreiten.

Barbara Pandelo, Holloways Mutter, sagte, sie fände diese Politik potentiell schädlich. „Diese Perversen dürfen immer noch von Haus zu Haus gehen und an die Türen von  ahnungslosen Wohnungsinhabern kommen,“ sagte Barbara Pandelo aus Belmar, N.J. „Die Wachtturm-Gesellschaft interessiert nicht einmal die Gefahr, der sie Familien aussetzt.“

Brown sagte, Pädophile dürften nicht mit Minderjährigen arbeiten und müssten auch ein geachtetes Mitglied der Kirche sein, wenn sie von Haus zu Haus gehen. Pädophile dürften auch nicht in die Nachbarschaft geschickt werden, wo man sie als Kinderschänder erkennen könnte, sagte Brown. Briefe der Kirche an die Ältesten besagen, dass Kinderschänder, die in der Kirche bleiben, gewarnt werden sollten, keine Kinder anzufassen oder alleine mit ihnen zu sein.

Aber David Richart vom National Institute on Children sagte, ein streng geistliches Vorgehen bei Kinderschändung sei unangemessen. „Die Vorstellung, die man mit sexuellem Kindesmissbrauch verbindet, ist, dass es generell ein nicht sichtbares Verbrechen ist und dass es generell nicht ohne Behandlung in manchen Fällen und Gefängnisstrafe in anderen Fällen verschwindet“,  sagte Richart, der im Auftrag der Zeitung Courier-Journal die Literatur der Zeugen Jehovas zu diesem Thema durchforschte. „Sie verbinden mit ihrer Reaktion darauf die Vorstellung, jemand könne überzeugt oder durch Einimpfen von Schuldgefühlen dazu gebracht werden, sein Verhalten zu ändern. Aber das Problem ist im Allgemeinen komplizierter. Gebete können viel bewirken, und im Falle von Kindesmissbrauch können sie ein mächtiges Instrument hin zur Änderung sein, aber sie sind kein Ersatz für das Eingreifen der Gesellschaft.“ Richart sagte, er glaube, andere Religionsgemeinschaften hätten ähnliche Probleme.

„Viele Kirchen behandeln Beschuldigungen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs intern und verweisen in einer Weise auf die Bibel, die die Kinder aufzufordern scheint, fügsam zu sein.“

Einige Opfer und ihre Anwälte möchten, dass die Zeugen Jehovas das tun, was die Zivilgesellschaft getan hat – so genannte „Megan-Gesetze“ anzunehmen, benannt nach einem Mordopfer aus New Jersey, dessen Mörder ein Nachbar war, der schon zwei Mal wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden war. Solche Gesetze schaffen Listen mit Sexualtätern, die es der Öffentlichkeit ermöglichen, festzustellen, ob ihre Nachbarn Pädophile sind, auch wenn nur wenige Kirchen, welcher Couleur auch immer, solche Vorschriften haben.

„Die Leute in einer Kirche haben das Recht zu erfahren, ob ein Mitglied pädophil ist“, sagte Carl Pandelo aus Belmar, N.J., der Sohn von Clement Pandelo. Waxman, der in dem Prozess in Maine als Anwalt das Missbrauchsopfer Rees vertrat, stimmte dem zu. “Die Kirchen sagen immer, einer ihrer Hauptgrundsätze sei die Vergebung”, sagte er. “Wenn wir annehmen, dass es einen direkten Widerspruch zwischen den Idealen einer Kirche und dem Interesse des Staates daran gibt, Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, dann haben die Kinder meiner Meinung nach den Vorrang.“

Neal, Sozialarbeiter und Ältester aus der Versammlung der Zeugen Jehovas in Jeffersontown, sagte, wenn ein Mitglied zugebe, Kinder missbraucht zu haben, würde er das der gesamten Ältestenschaft sagen, und er sei zuversichtlich, dass die Ältestenschaft alle Mitglieder darauf aufmerksam machen würde.

„Niemand hat das Recht, Dinge, die andere Menschen wirklich einer Gefahr aussetzen, geheim zu halten“, sagte er. „Wir kümmern uns um jedes Mitglied in der Organisation, um ihr Interesse, ihr Wohlergehen, ihre Sicherheit: das sind Dinge, die uns angehen. Wir sind nicht der Meinung, wir würden unserer geistlichen Verantwortung nachkommen, wenn wir etwas geheim hielten, das sich direkt auf die Sicherheit und das Wohlergehen anderer auswirkt.“


ANZEIGE ERSTATTEN

Die Regel ist: eine Anzeige wird dann erstattet, wenn das Gesetz es fordert
Wenn Älteste der Zeugen Jehovas das zentrale Rechtsbüro anrufen, geben ihnen Anwälte Rat, ob in ihrem Bundesstaat  die Verpflichtung besteht, bei Missbrauch Anzeige zu erstatten.
Einige Bundesstaaten wie Kentucky fordern von den Bürgern, mutmaßlichen Missbrauch anzuzeigen, haben aber Ausnahmen bei Gesprächen zwischen Geistlichen und reuigen Sündern. In anderen Bundesstaaten wie Indiana gibt es keine Ausnahmen. Noch andere fordern von Fachleuten auf bestimmten Gebieten, hauptsächlich solchen, die mit Kindern zu tun haben, dass sie Missbrauchsfälle anzeigen.

In Boulder, Colorado, tadelten Älteste im Dezember 1991 öffentlich in einer Versammlung der Zeugen Jehovas das Mitglied Leland Elwyn Davies, nachdem sie herausgefunden hatten, dass er mehrere Mädchen im Teenageralter befummelt hatte, so ein Bericht des Büros des Sheriffs von Boulder County, der eine Untersuchung durchführte, nachdem die Mutter dreier Opfer die Polizei alarmiert hatte.

Ein Opfer, das im Januar 1992 mit der Polizei sprach, sagte, es sei „verärgert, dass die Ältesten das Verhalten nicht den Behörden gemeldet hatten“, so der Polizeibericht. Die Polizei wandte sich an einen Ältesten der Versammlung, der sagte, er könne keine vertraulichen Informationen aus dem Rechtskomiteeverfahren herausgeben. In Colorado besteht nicht die Pflicht, dass Geistliche solche Informationen herausgeben.

Die Polizei verhaftete Davies im Juli 1992 – etwa sechs Monate, nachdem die Kirche eine Strafe verhängt hatte. Davies bekannte sich in zwei Fällen des minder schweren sexuellen Angriffs für schuldig und erhielt eine Bewährungsstrafe, so die Geschäftsstelle des Gerichts im 20. Gerichtsbezirk von Colorado. Davies starb im August 2000.

Gemäß Kirchenanwalt Moreno funktionierte das System. „Die Ältesten haben ihre Arbeit gemacht, und die Opfer und die Polizei die ihrige“, sagte er. „Wer wurde geschädigt?“ sagte Moreno. „Schließlich wurde ja Anzeige erstattet. Da ist ein Teenager, der sexuell belästigt wurde, verärgert auf die Ältesten, weil diese nicht die Polizei gerufen hatten“, sagte er. „Sie können doch die Polizei rufen. Ihnen ist doch Schaden zugefügt worden. Wer macht denn die Gesetze? Wir nicht. Machen Sie uns bitte nicht für die Gesetze verantwortlich. Reden Sie mit der gesetzgebenden Körperschaft in Colorado.“

 

Sonntag, 4. Februar 2001

Vorschriften zur Anzeige bei sexuellem Missbrauch bei jeder Religionsgemeinschaft anders
von PETER SMITH, The Courier-Journal

Wie die Zeugen Jehovas erwarten sieben weitere Religionsgemeinschaften, die das Courier-Journal untersuchte, von ihren Geistlichen, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch in Bundesstaaten zur Anzeige bringen, wo das Gesetz dies fordert. Die Haltung der Religionsgemeinschaften unterscheidet sich in den Bundesstaaten, wo eine Anzeige nicht Pflicht ist. Selbst in Bundesstaaten, wo eine Anzeige Pflicht ist, gibt es aber Unterschiede. So fordern zum Beispiel Kentucky und Indiana von den Bürgern, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzeigen. Indiana kennt keine Ausnahmen. Kentucky lässt Ausnahmen zu für Gespräche zwischen Geistlichen und reuigen Sündern sowie zwischen Anwälten und Klienten.


Römisch-katholische Kirche: Die Vorschriften unterscheiden sich von Diözese zu Diözese. Die Erzdiözesen Louisville und Indianapolis fordern von Priestern, dass sie mutmaßlichen Missbrauch in allen Fällen anzeigen, außer wenn sie davon bei der Beichte erfahren. Und selbst dann können Priester den Tätern den Rat geben, ein Verbrechen bei der Sozialberatung oder bei der Polizei zu gestehen. Susan Schramm, die Sprecherin der Erzdiözese Indianapolis, kennt keinen Fall, wo diese Ausnahme in Konflikt mit den Gesetzen von Indiana geriet.

 

Südliche Baptisten: Die Kirchen unterliegen einer Selbstverwaltung, regionale Körperschaften erlassen also keine Vorschriften. Doch die Baptistenversammlung in Kentucky schult Personal und Freiwillige, Kindesmissbrauch zu erkennen und bei den Behörden anzuzeigen, so Wendy Dever, Mitarbeiterin für Vorschul- und Schulkinder.

 

Presbyterianer (USA): Die Vorschriften variieren von einer  regionalen Körperschaft zur anderen, richten sich aber oft nach den Gesetzen der jeweiligen Bundesstaaten. Pastoren in der Religionsgemeinschaft mit Sitz in Louisville ist es verboten, etwas zu enthüllen, was ihnen im Vertrauen gesagt wurde. Die Kirche macht keine ausdrückliche Ausnahme bei mutmaßlichem Kindesmissbrauch, doch Pastoren können die Vertraulichkeit brechen, wenn „das Risiko besteht, dass jemandem ein körperlicher Schaden droht.“

 

Rabbinische Versammlung (Konservatives Judentum): Die Versammlungen unterliegen einer Selbstverwaltung, aber von Rabbinern wird erwartet, dass sie alles tun, um Missbrauchsopfer zu schützen, und dazu gehört das Einschalten der Behörden. „Es muss nicht unbedingt eine weltliche Verpflichtung bestehen, die besagt, dass jemand Probleme hat“, sagte Rabbi Joel Meyers, Vizepräsident der Rabbinischen Versammlung.

 

Evangelisch-lutherische Kirche in Amerika: Die Vorschriften werden von den regionalen leitenden Körperschaften erlassen, folgen aber oft dem Gesetz eines Bundesstaates, wo die Pflicht zu einer Anzeige besteht, so Reverend Lowell Almen, Sekretär der Evangelisch-lutherische Kirche in Amerika.

 

Vereinigte Methodisten: Die Kirche hat keine Vorschrift, die von den Geistlichen fordert, mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzuzeigen, aber bei der Schulung der Geistlichen wird betont, dass die Gesetze eine Anzeige oft zur Pflicht machen. Wenn ein Pastor im vertraulichen Gespräch, zum Beispiel wenn er jemanden berät, von einem Missbrauch erfährt, „ist das etwas, was der Pastor von Fall zu Fall entscheiden kann“, sagte Robert Kohler, stellvertretender Generalsekretär der Abteilung für ordinierte Geistliche.

 

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen): Die Kirchenführer sind angewiesen, die Hotline der Religionsgemeinschaft anzurufen, wenn das Thema Missbrauch in einer Versammlung aufkommt. Am anderen Ende der Leitung sitzen professionelle Berater sowie Anwälte, die die Ortsgeistlichen über die im jeweiligen Bundesstaat geltenden Gesetze informieren. „Das Gesetz des Landes ist zu befolgen“, heißt es in einer Erklärung der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinschaft. „Wenn eine Anzeige Pflicht ist, hilft das Personal den örtlichen Kirchenführern … wer die Anzeige erstatten sollte – ob ... ein Familienmitglied, oder ob der Täter dazu gebracht werden kann, sich selbst anzuzeigen.“

 

Keine Religionsgemeinschaft, mit der wir uns in Verbindung setzten, denkt auch nur an das, was einige Zeugen Jehovas von ihrer Kirche fordern: dass den Versammlungen gesagt wird, wenn Pädophile in ihrer Mitte sind. Aber viele Kirchen hindern Sexualtäter daran, mit Kindern zu arbeiten, so Frau Dever von der Baptistenversammlung in Kentucky. Und sie prüfen zunehmend, ob Pastorenkandidaten, Jugendarbeiter oder andere Freiwillige schon einmal straffällig geworden sind. „Kleine Kirchen haben es schwer damit, weil sie jeden kennen“, sagte Dever. „Aber wir kennen wirklich nicht jeden. Wir leben im Jahr 2001. Wir müssen uns darüber Sorgen machen.“

Unsere Redakteurin Megan Woolhouse schrieb diese Geschichte.

 

Sonntag, 4. Februar 2001

Missbrauchsopfer und Eltern glauben, die Kirchenältesten hätten sie im Stich gelassen
von PETER SMITH, The Courier-Journal

Im Brennpunkt
>Vorschriften der Zeugen Jehovas für Kindesmissbrauch angegriffen<
>Vorschriften zur Anzeige bei sexuellem Missbrauch bei jeder Religionsgemeinschaft anders<
Als Corinne Pandelo 12 Jahre alt war, erzählte sie ihren Eltern, wie aus dem Gerichtsprotokoll hervorgeht, dass ihr Großvater sie im August 1988 während eines Besuchs in seinem Haus in Paramus, N.J., missbraucht hatte. Diese Episode ließ eine Kette von Ereignissen anlaufen, die Corinne und ihre Eltern schließlich von der Kirche, zu der sie als fromme Mitglieder gehörten, entfremdeten. Carl und Barbara Pandelo, heute Belmar, N.J., lebend, gingen mit der Beschuldigung ihrer Tochter zu den Ältesten in ihrer Versammlung der Zeugen Jehovas in Fair Lawn, N.J., so das Gerichtsprotokoll.

Das Gesetz in New Jersey fordert von Geistlichen, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzeigen. Die Ältesten wandten sich an Carl Pandelos Vater, Clement Pandelo, er möge sich selbst an die Behörden wenden, sagte Carl Pandelo. Clement Pandelo gestand der Polizei am 24. August 1988 den Missbrauch. Aber Carl und Barbara Pandelo sagten, die Ältesten der Ortsversammlung hätten sie auch bedrängt, einem Teilgeständnis Clement Pandelos für eine geringere Strafe zuzustimmen, um damit, wie sie sagten, Corinne das Trauma eines Gerichtsverfahrens zu ersparen. Die Pandelos waren einverstanden. Anthony Valenti aus Maywood, N.J., der zu der Zeit Ältester in der Versammlung Fair Lawn war, sagte in einem Interview, das entspräche nicht seiner Erinnerung. „Meines Wissens haben wir ihm diesen Rat nicht gegeben“, sagte er.

Clement Pandelo erhielt, nachdem er sich im Februar 1989 vor dem Superior Court in Bergen County, N.J., für schuldig erklärt hatte, Corinne und zwei andere Mädchen belästigt zu haben, eine Bewährungsstrafe. Pandelo, heute 75 Jahre alt und Mitglied der Versammlung Hawthorne, N.J., sagte dem Courier-Journal, er wolle dazu nichts sagen.

Die Versammlung Fair Lawn schloss Clement Pandelo nach einer Rechtskomiteesitzung aus und nahm ihn 18 Monate später wieder auf, so das Gerichtsprotokoll. Carl Pandelo sagte, die Wiederaufnahme sei auf einen Brief seines Vaters an ihn, nicht an seine Tochter, gefolgt.

Carl und Barbara Pandelo sagten, es sei schlimm genug gewesen, dass die Familie den Angreifer Corinnes bei Kirchenzusammenkünften sah. Sie wurden verärgert, als Mitglieder und ein Ältester sie warnten, sie würden „nicht Harmagedon überleben“, wenn sie die Beziehung zu Clement Pandelo nicht wieder aufnähmen, sagte Carl Pandelo.

Corinne bereitete sich damals auf ihre Taufe vor und hatte wiederholte Alpträume, wie sie mit ihrem Großvater am Taufbecken zusammentraf, so die Gerichtsunterlagen. „Ich kann verstehen, wie die Pandelos sich fühlen“, sagte Valenti und fügte hinzu, dass jemand erst dann wieder aufgenommen wird, nachdem ein Dreierkomitee ihn als reumütig ansieht. „Es wäre besser, wenn sie (Clement Pandelo) vergeben könnten, aber die Verhältnisse sind nun einmal so.“

Schließlich brachten die Eltern Corinne zur Therapie. Corinne sagte, in ihr seien Erinnerungen hoch gekommen, wie sie mehrere Jahre lang von ihrem Großvater belästigt wurde, so die Gerichtsunterlagen. Um bei der Therapie zu helfen, sagten Corinnes Eltern, sie hätten den Polizeibericht erhalten und seien schockiert gewesen, dass Clement Pandelo gestanden hatte, schon seit 40 Jahren Mädchen zu befummeln. Die Eltern sagten, sie hätten die Ältesten nach Einzelheiten des Geständnisses von Clement gefragt. Man habe ihnen gesagt, das sei vertraulich. „Als Eltern haben wir doch wohl das Recht, zu erfahren, was er gestanden hat“, sagte Carl Pandelo in einem Brief vom 21. Januar 1993 an die Wachtturm-Gesellschaft, eine Rechtskörperschaft dieser Religion.

Valenti sagte, die Pandelos hätten mit den Ältesten über ihre Tochter diskutiert. Er lehnte es ab zu sagen, was die Ältesten mit Clement Pandelo bei anderen Gelegenheiten besprochen hatten.

Clement Pandelo wurde nicht anderweitig beschuldigt, aber seine Versammlung in Hawthorne schloss ihn 1992 aus, so die Gerichtsunterlagen. Vier Jahre später wurde er wieder aufgenommen, so ein Brief der Pandelos an die Wachtturm-Gesellschaft. Als Carl und Barbara Pandelo sich vorbereiteten, Clement Pandelo im Jahre 1993 auf Rückzahlung der Kosten für Corinnes Therapie zu verklagen, sagte Valenti, habe er ihnen gesagt, in der Bibel stehe, Christen sollten einander nicht verklagen. Valenti sagte, die Kirche erlaube Mitgliedern, Gelder aus Versicherungen einzunehmen – Clement Pandelo würde es aus seiner Haftpflichtversicherung bezahlen, aber die Ältesten hätten versucht, zu einem Kompromiss außerhalb des Gerichts zu kommen. Carl und Barbara Pandelo wandten sich an die Zentrale der Zeugen Jehovas und bekamen schließlich grünes Licht für eine Klage, so ein Brief der Kirche. Corinne Holloway, heute 24, verheiratet und in Spring Lake Park, N.J., lebend, erhielt 1999 vom Bergen County Superior Court 1,8 Millionen Dollar von Clement Pandelo zugesprochen, nachdem auch andere Frauen ausgesagt hatten, er habe sie, als sie noch Mädchen waren, belästigt. Clement Pandelo wurde auch zu 500.000 Dollar Geldstrafe verurteilt. Die Jury zog 40% von der ursprünglichen Summe von 3 Millionen Dollar an Holloway ab, da die Eltern 40% der Schuld trügen, weil sie ihre Tochter mit dem Großvater allein gelassen hatten.

Die Jury hörte die Aussage, eine Verwandte habe Carl Pandelo gesagt, sein Vater habe schon vor Jahren ein Mädchen belästigt. Carl Pandelo sagte in einem Interview, Valenti habe ihm gesagt, wenigstens ein Ältester habe Clement Pandelo wegen möglichen Missbrauchs befragt und gefunden, das sei unwahr. Valenti bestätige vor dem Prozess eidesstattlich, ein Ältester habe ihm gesagt, eine Untersuchung hätte keine Beweise zu Tage gefördert, dass Clement Pandelo jemanden sexuell missbraucht hatte. Valenti, der aufgrund seines Schweigerechts nicht vor Gericht aussagte, lehnte einen Kommentar ab. Holloway geht in die Berufung.

 

Es folgt der vollständige Text des AP-Artikels „Ältester verlässt Religionsgemeinschaft, um gegen Vorschriften bei Kindesmissbrauch zu protestieren“, abgedruckt in The Coloradoan, Abschnitt C10, LIFE, Sonntag, 11. Februar 2001.

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von Kimberly Hefling
Associated Press

BENTON, Kentucky. – Als Junge saß William Bowen still auf seinem Stuhl, während seine Klassenkameraden das Treuegelöbnis rezitierten.

Als Mitglied der Zeugen Jehovas verbrachte er Jahre im Haus-zu-Haus-Missionswerk und im Dienst für die Religionsgemeinschaft. Mit der Zeit wurde er Ältester, bekam also eine Machtposition, in seiner Versammlung in Westkentucky.

Aber als Ältester wurde er in Informationen eingeweiht, die ihn dazu führten, den Glauben der Zeugen Jehovas in Zweifel zu ziehen – und ihn öffentlich in Zweifel zu ziehen, eine Todsünde in der Religionsgemeinschaft.

Mit Brief vom 31. Dezember trat Bowen als Ältester zurück – aus Protest, wie die Religionsgemeinschaft, eine Gemeinde, die die Außenwelt meidet, Anklagen wegen Kindesmissbrauchs handhabt. Er behauptet, in solch einer Kultur würde sexueller Missbrauch an Kindern nicht bei den weltlichen Behörden angezeigt, weil die Mitglieder der Zeugen Jehovas sich nicht gegen dein eigenen Glauben wenden wollten. Die Behauptungen der Missbrauchsopfer werden angezweifelt, sagte er.

„Sie wollen so handeln, als gäbe es keine Pädophilie. Schande über sie“, sagte Bowen, 43, in einem Interview aus seinem Haus in Draffenville, wo er mit seiner Frau Sheila einen Betrieb zur Herstellung von Kerzen leitet.

Obwohl Bowen erwartet, bei den Zeugen Jehovas hinausgeworfen – oder ausgeschlossen – zu werden, weil er die Stimme erhob, hat seine Versammlung noch keine Strafmaßnahmen gegen ihn eingeleitet. Doch einige Mitglieder weigern sich, ihm die Hand zu geben oder außerhalb der Kirche Umgang mit ihm zu haben.

„Sie behandeln uns, als ob wir die Pest hätten“, sagte Sheila Bowen. „Man handelt eben nicht im Widerspruch zu Gott, und sie denken, die Organisation sei Gott.“

Bowens Entscheidung, zurückzutreten, hat ihn zu einem Helden bei den Kritikern der Religionsgemeinschaft gemacht.

„Die Leute wurden eingeschüchtert, nichts zu sagen. Es gibt im ganzen Land Beweisstücke; einer  hat dieses Beweisstück, ein anderer jenes, aber sie haben Angst, sie vorzubringen, weil sie dann ausgeschlossen werden ... “ sagte Bowen. „So schweigen die Leute und denken, sie seien die Einzigen.“

Jemand, der ausgeschlossen wurde, wird von den Mitgliedern der Religionsgemeinschaft betrachtet, als sei er unsichtbar. Es kann sein, dass ihn die eigenen Familienangehörigen ächten.

„Das ist nicht nur so, als träte man aus einem Gesundheitsverein aus“, sagte Steve Hassan, früher Mitglied der Vereinigungskirche und heute Therapeut und Autor. „Man verliert die Verbindung zu Gott und den Mitgliedern der Familie in der Gruppe.“

Bowen hat jedenfalls die Stimme erhoben, und seine Geschichte ist in religiösen Publikationen und weltlichen Medien erschienen. In Kentucky brachten sie die Paducah Sun und WPSD-TV. Der Courier-Journal aus Louisville veröffentlichte eine Geschichte, in der er Gerichtsunterlagen aus sieben Fällen von Kindesmissbrauch in der gesamten Nation untersuchte, auch bei den Zeugen Jehovas.

Bowen sagte, wenn die Vorschriften der Zeugen Jehovas zwei Augenzeugen für ein Verbrechen fordern, ehe ihre Führer es anerkennen, dann ist es fast unmöglich, Kindesmissbrauch zu beweisen. Opfer, die in dem Vertrauen vorkamen, die Kirchenführer würden ihnen helfen, fühlen sich oft betrogen, sagte Bowen.

Bowen sagte, er begann sich vor ein paar Jahren für das Thema zu interessieren, nachdem er eine vertrauliche Akte gelesen hatte, in der behauptet wurde, ein Mitglied habe in den frühen 1980er Jahren ein Kind belästigt. Er sagte, er lehne die Art und Weise ab, in der der Fall von den Kirchenfunktionären behandelt wurde, auch als er die Sache zur Sprache gebracht habe.

J.R. Brown, Sprecher der Zentrale der Zeugen Jehovas in Brooklyn, New York, sagte, er glaube, Bowen verstehe die Vorschriften der Kirche nicht ganz. Den Mitgliedern stehe es jederzeit frei, Anzeige bei weltlichen Behörden zu erstatten, sagte Brown. „Es ist eine persönliche Entscheidung, wie Sie damit umgehen“, sagte er.

Was den Kirchenführern gestanden wird, das wird normalerweise vertraulich gehalten, es sei denn, der Staat fordere, mutmaßlicher Missbrauch müsse bei der Polizei angezeigt werden, sagte er. „Wir haben es mit Sünden zu tun, die Justizbehörden mit Verbrechen“, sagte Brown. In einigen Fällen werde die Sache aber unabhängig von den Gesetzen den Behörden übergeben, sagte Brown.

Zu Bowen fügte er hinzu: „Ihm geht es um die Opfer von Kindesmissbrauch, uns allerdings auch.“ Brown sagte, die Gemeinschaft fordere mindestens zwei Augenzeugen, um Fehlverhalten zu beweisen – auch Kindesmissbrauch – weil  das so in der Bibel gelehrt werde. Aber für den Nachweis von Fehlverhalten könnten statt zweier Zeugen auch stützende Beweise herangezogen werden, sagte Brown.

James Bonnell, Ältester in Bowens Versammlung, sagte, die Glaubensgemeinschaft reiche Hilfsbedürftigen die Hand und gebe ihnen Hilfe. Sie kontrolliert nicht, sagte er.

„Das ist eine freie Entscheidung“, sagte Bonnell  aus dem nahe gelegenen Gilbertsville in Kentucky. „Alles, was Sie tun, gründet sich auf die Liebe zu Gott und zum Nächsten.“

Die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hat 89.985 Versammlungen und 5,5 Mitglieder weltweit, so ihre Website. Sie wurde 1872 in Pittsburgh von Charles Taze Russell, einem früheren Kongregationalisten, gegründet.

Die Mitglieder weigern sich, Waffen zu tragen, die Fahne zu grüßen oder ein Regierungsamt inne zu haben. Sie lehnen auch Bluttransfusionen ab. Sie weisen ein Anzahl von Lehren zurück, die die traditionelle Christenheit lehrt, darunter die Göttlichkeit Jesu Christi.

Jehovas Zeugen  wird gesagt, der Glaube sei maßgebend und der einzige Weg zur Rettung. Und bei Problemen sollten sie zuerst zu ihren religiösen Führern gehen.

Die Mitglieder gehen zu zahlreichen Zusammenkünften, haben Bibellehrstunden und missionieren von Haus zu Haus. Einige, die die Gemeinschaft verlassen haben, sagen, ein solcher Zeitplan lasse ihnen wenig Zeit zu eigenen Gedanken.

„Da geht es um die Identität“, sagte Marilyn Zweifel, Ex-Zeugin aus New Berlin, Wisconsin, die eine Hotline für Noch-Mitglieder betreibt. „Irgendwann auf dem Weg verliert man seine Identität.“

Debbie Shard, ein Ex-Mitglied, die auch eine Hotline in Ocoee, Florida, betreibt, sagte, man erzähle den Mitgliedern, sich an Stellen außerhalb zu wenden, könnte das Image der Glaubensgemeinschaft beschädigen und es schwer machen, neue Mitglieder zu werben und zu behalten.

„Wenn es irgendwo brennt, holt man die Feuerwehr“, sagte Shard. „Wenn es kein lebensbedrohlicher Notfall ist, sind die Ältesten die erste Abwehrlinie.“ Sie sei mit Bowen einer Meinung: „Wenn man zu den Ältesten geht, werden sie einem generell davon abraten, zu weltlichen Behörden zu gehen, weil das Schande auf die Organisation bringt.“

Ein ehemaliger Ältester stimmte dem zu. „Abstreiten und Heimlichtuerei sind grundlegend für die Art und Weise, wie die Organisation arbeitet“, sagte Mike Terry aus Conway, Arkansas.

Raymond Franz, ein hochrangiger Zeuge Jehovas, der ausgeschlossen wurde und dann zwei Bücher über die innere Funktionsweise der Gemeinschaft schrieb, sagte, er glaube nicht, dass bei den Zeugen Pädophilie häufiger vorkomme als in anderen Kirchen. Aber die Provinzialität der Religionsgemeinschaft führt zu Problemen, sagte er. „Alles muss innerhalb des Systems gehalten werden“, sagte Franz. „Für Zeugen Jehovas ist das eine natürliche Reaktion, weil sie im Wesentlichen eine geschlossene Gesellschaft sind …“

Erst nach mehreren Jahren verließen Carl und Barbara Pandelo aus New Jersey die Zeugen Jehovas. 1988 erzählte ihnen ihre 12-Jährige Tochter, sie sei von ihrem Großvater Clement Pandelo aus Paramus, N.J., der auch zu der Religionsgemeinschaft gehörte, missbraucht worden.

Als Teil eines Schuldeingeständnisses gegen verminderte Strafe erklärte sich Clement Pandelo in zwei Fällen für schuldig, das Wohlergehen eines Kinde gefährdet zu haben und in einem Fall ein Sexualverbrechen verübt zu haben. Gerichtsprotokolle zeigen, dass Clement Pandelo gestand, er habe schon seit 40 Jahren Mädchen befummelt.

Er bekam eine Bewährungsstrafe von fünf Jahren. Er antwortete nicht auf Anrufe mit der Bitte um einen Kommentar. Auch sein ehemaliger Anwalt lehnte einen Kommentar ab. Er sagte, er vertrete ihn nicht mehr.

Carl und Barbara Pandelo sagten, sie wünschten, sie hätten den Fall mehr vorangetrieben, so dass er ins Gefängnis gekommen wäre, aber sie entschlossen sich, dem Handel um eine geringere Strafe zuzustimmen, weil die Kirchenführer gesagt hätten, sie sollten das tun – eine Behauptung, die von Anthony Valenti, einem Ältesten der Versammlung in Hackensack, N.J., bestritten wird.

Auch wenn die Religionsgemeinschaft Klagen gegen Mitglieder ablehnend gegenübersteht, beschloss das Paar später, die Haftpflichtversicherung des Großvaters auf Zahlung der Kosten für die Therapie der Tochter Corinne zu verklagen. Mehrere Millionen Dollar wurden der Tochter, heute Corinne Pandelo-Holloway, vergangenes Jahr zugesprochen. Dagegen wurde Berufung eingelegt.

Sie und ihre Eltern sind wütend, dass Clement Pandelo – nachdem er mindestens einmal ausgeschlossen wurde – jetzt zur Versammlung der Zeugen Jehovas in Hawthorne, N.J., gehört und von Haus zu Haus missionieren darf.

„Das macht mich wirklich wütend“, sagte Pandelo-Holloway, heute 24 und verheiratet. „Er kann jetzt anderen Mädchen nachsteigen. Die Leute wissen nicht, was er ist, und ich meine, sie sollten gewarnt werden, dass er ein überführter Pädophiler in ihrer Nachbarschaft ist.“ „Die Glaubensgemeinschaft treibt geistigen Missbrauch“, sagte ihre Mutter Barbara.

Valenti sagte, Clement Pandelo werde von den Mitgliedern der Versammlung genau beobachtet. Valenti äußerte sein Bedauern darüber, dass die Pandelos sich verraten fühlten, aber er sagte, es seien die Ältesten gewesen, die empfohlen hatten, dass Clement Pandelo sich selbst bei den Behörden anzeigte.

„Ich verstehe die Sorgen und das Leid, das ihnen zugefügt wurde, sehr gut und fühle mit“, sagte Valenti.

„Missbrauchsanschuldigungen werden mit höchster Sorgfalt behandelt“, sagte Valenti. „Wir gehen sorgfältig vor. Ob es Opfer sind oder nicht, das Trauma ist sehr groß.“

 

Ausgeschaltetes Mitglied macht geltend, Missbrauchspolitik der Jehovas Zeugen vertusche Verbrechen

11. August 2002

von LAURIE GOODSTEIN

William Bowen sah sich immer als frommen Zeugen Jehovas an. Als Kind glaubte er, es sei seine Pflicht, von Tür zu Tür zu gehen und die Zeitschrift der Kirche, den Wachtturm, abzugeben. Später, als Ältester in seiner Versammlung in Kentucky, sagte er, er sehe es als seine Pflicht an, Kirchenvertreter darüber zu informieren, dass ein Mitältester ein Kind missbraucht hatte.

Doch als Bowen mit der Zentrale der Kirche in Brooklyn Verbindung aufnahm, habe er, so sagt er, eine Abfuhr bekommen. Frustriert durch die Untätigkeit der Kirche und ihre Vertraulichkeitsvorschriften, die ihn seiner Meinung nach daran hinderten, die Information anderen mitzuteilen, trat Bowen im Dezember 2000 als Ältester zurück. Ein Jahr später gründete er eine Gruppe, die ein Auge auf sexuellen Missbrauch in der Kirche haben sollte.

Ende letzten Monats wurde Bowen, 44, von der Kirche exkommuniziert. Hinter verschlossener Tür, mit Plastiktüten über die Fenster geklebt, um Zuschauer abzuhalten, sagte er, hätten ihn drei Kirchenälteste, die sich im Königreichssaal der Kirche in Draffenville, Kentucky, trafen, für schuldig befunden, „Spaltungen zu verursachen“.

Die Strafe war der „Gemeinschaftsentzug“ – die völlige Ächtung.

In den vergangenen drei Monaten sind vier weitere Leute von den Zeugen Jehovas rausgeworfen worden, nachdem sie sie beschuldigt hatten, sexuellen Missbrauch von Kindern durch ihre Mitglieder zu vertuschen. Für Bowen und andere Kritiker der Kirchenpolitik bei sexuellem Missbrauch sind die Rauswürfe Teil einer konzertierten Bemühung, über solche Missbräuche Schweigen zu bewahren.

Ausgestoßene Zeugen sagen, die eigenen Verfahrensweisen und die Kultur der Kirche machten gemeinsame Sache, die Missbräuche zu vertuschen. Ein Gremium aus Kirchenältesten, alles Männer, kommt im Geheimen zusammen, um jeden Fall zu entscheiden; eine Prozedur, von der Kritiker sagen, sie hindere die Mitglieder daran, zu wissen, dass ein Kinderschänder in ihrer Mitte lebt. Um eine Anklage zu beweisen, muss ein Kind einen Zeugen für den Vorfall haben, etwas, das normalerweise unmöglich ist.

„Dies dient der Welt als Beweis, wie die Zeugen Jehovas Missbrauchsopfer und die, die versuchen, sie zu schützen, behandeln“, sagte Bowen. „Sie bringen sie mit der Drohung eines Gemeinschaftsentzuges zum Schweigen.“

J. R. Brown, Leiter des Büros für öffentliche Information in der Zentrale der Kirche, der Watchtower Bible and Tract Society in Brooklyn, sagte, die Kirche habe vorbildliche Vorschriften, um mit sexuellem Missbrauch umzugehen, die auf biblischen Maßstäben beruhten und in den Zeitschriften der Kirche weit verbreitet worden seien.

„Wir versuchen nicht zu sagen, wir hätten alles in der richtigen Weise gehandhabt und unsere Ältesten seien allwissend und vollkommen“, sagte Brown, der es aus Prinzip ablehnte, zu einzelnen Fällen, darunter dem von Bowen, etwas zu sagen. „Aber wir sagen, wenn wir das nehmen, wofür unsere Politik steht, unsere Organisation moralisch rein zu erhalten, dann ist sie weitaus besser als die eines jeden anderen.“

Die römisch-katholische Kirche ist zwar von ihrem eigenen Missbrauchsskandal erdrückt worden, aber jetzt beginnt dasselbe Thema die Zeugen Jehovas zu plagen, eine Religionsgemeinschaft, die nach eigenen Angaben eine Million Mitglieder in den USA und sechs Millionen weltweit hat.

Aber die Form des Skandals ist ganz anders als bei der katholischen Kirche, wo die meisten des Missbrauchs Beschuldigten Priester sind, und eine übergroße Mehrheit der Opfer Jungen und junge Männer sind. Bei den Zeugen Jehovas, wo die Versammlungen oft Ansammlungen erweiterter Familien sind und Kirchenälteste aus den Laien ausgewählt werden, sind einige der Beschuldigten Älteste, die meisten aber sind Versammlungsglieder. Die Opfer, die sich gemeldet haben, sind meist Mädchen und junge Frauen, und bei vielen Anschuldigungen geht es um Inzest.

Das Ausmaß des Missbrauchs bei den Zeugen Jehovas ist ganz erheblich umstritten. Vor kurzem wurde die Kirche von acht Klägerinnen in vier Prozessen um sexuellen Missbrauch verklagt, eine Klage wurde im Juli Minnesota eingereicht. Bowen sagt, seine Opferhilfegruppe silentlambs habe Berichte von über 5.000 Zeugen gesammelt, in denen geltend gemacht werde, dass die Kirche sexuellen Kindesmissbrauch falsch angefasst habe.

Die Kirche unterhält eine Datei über Mitglieder und Mitverbundene, die wegen Kindesmissbrauchs angeschuldigt oder für schuldig befunden wurden. Bowen sagte, Quellen innerhalb der Kirche hätten ihm erzählt, die Datei enthalte die Namen von über 23.000 Personen in den USA, in Kanada und in Europa. Die Kirche sagt, die Zahl läge „erheblich darunter“, will aber nicht sagen, wie groß sie ist.

Die Kirche hat ein festes Rahmenwerk für die Behandlung von Fällen von sexuellem Missbrauch. Mitgliedern, die einen Missbrauch vermuten, wird geraten, zuerst zu den Ältesten zu gehen, die als geistliche und moralische Führer angesehen werden, an die sich die Mitglieder mit ihren persönlichen Problemen wenden sollten. Brown sagte, die Rechtsabteilung der Kirche rate den Ältesten, sich in Bundesstaaten, in denen das Erstatten einer Anzeige Pflicht ist, und in Fällen, in denen die Kinder in Gefahr schweben, an das Gesetz zu halten.

Es sind die Ältesten, von denen ein Urteil verlangt wird, ob jemand eine Sünde wie Kindesmissbrauch begangen hat. Wenn der Kinderschänder gesteht und ihm vergeben wird, wird der Versammlung nur bekannt gegeben, dass diese Person zurechtgewiesen wurde. Es wird kein Grund genannt. Doch die Ältesten berichten den Namen der Person an die Zentrale, wo er in die Datenbank kommt, so dass dem Kinderschänder verboten werden kann, ein Amt in der Organisation zu bekleiden.

„Wenn jemand den anderen gut etwas vorweinen kann, dann hat das praktisch keine Auswirkungen, und niemand außer den Ältesten erfährt je etwas“, sagte Jean Kraus, die ihren Angaben nach vor Jahren zu den Ältesten in ihrer Versammlung in Queens ging und ihren früheren Ehemann beschuldigte, ihre Tochter missbraucht zu haben. Sie sagte, er habe gestanden, sei zurechtgewiesen worden, und er sei immer noch ein aktiver Zeuge. „Sie sagten mir, er sei kein böser Mensch, es sei Schwäche gewesen“, sagte sie.

Brown, der Sprecher der Kirche, sagte: „Wir betrachten solche Rechtsverhandlungen als Erweiterung unserer Hirtentätigkeit als Diener. Mit anderen Worten: Wir sind dazu da, jemandes Seele zu retten. In solchen Fällen werden wir nicht rachsüchtig sein, denn es sind unsere Brüder, und wir hoffen, dass sie sich ändern.“

Wenn der Angeklagte die Beschuldigung bestreitet, genügt die Aussage des Opfers alleine nicht, wenn es nicht wenigstens einen Zeugen für die Tat gibt. Die Kirche sagt, ihre Politik gründe sich auf die biblische Verfügung in 5. Mose 19:15, wo es heißt, dass zwei oder drei Zeugen nötig sind, um die Sünde eines Menschen zu beweisen.

Heidi Meyer, Zeugin Jehovas in der dritten Generation in Annandale, Minnesota, sagte, sie sei 1994, als sie 15 Jahre alt war, zu den Ältesten gegangen, um ihnen zu sagen, dass sie im Alter von 10 bis 13 Jahren wiederholt von einem Zeugen missbraucht worden sei, der acht Jahre älter als sie war, der ältere Bruder einer Freundin. Der einzige Augenzeuge war ihr Bruder, der einmal gesehen hatte, wie der Mann ihr an den Hintern griff, als sie aus einem Auto stieg.

Die Ältesten stellten genaue Fragen, bei denen sie sich unbehaglich fühlte. Gemäß einem internen Buch der Zeugen, Gebt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, mussten die Ältesten bestimmen, in welche Kategorie die Anschuldigung passte: war es „Unreinheit“, ein einmaliges Berühren oberhalb der Hüfte; „unmoralischer Wandel“, ein einmaliges Berühren unterhalb der Hüfte oder ein mehrmaliges oberhalb; oder, am schlimmsten, „Unzucht“, direkte sexuelle Stimulation oder Tätigkeit, die zum Orgasmus führt. Für jedes dieser Vergehen gibt es unterschiedliche Strafen, die schwerste für Unzucht.

Der Mann, den sie beschuldigte, bestand darauf, Frl. Meyer habe falsch interpretiert, was geschah. Die Ältesten stimmten dem zu.

„Ich habe geistliche Führung erwartet“, sagte Frl. Meyer. „Ich habe erwartet, dass sie ehrlich und aufrichtig versuchen, Gerechtigkeit zu finden und die übrige Versammlung davor zu schützen, dass dasselbe noch einmal passiert. Und nichts davon ist geschehen.“

Sie sagte in Interviews, die Ältesten hätten sie, wie mehrere weitere mutmaßliche Opfer und ihre Angehörigen, gewarnt, wegen des Missbrauchs Anzeige zu erstatten oder mit anderen Mitgliedern darüber zu reden.

„Sie haben mir gesagt, wenn ich mit jemand anderem darüber rede, dann müsse ich vorsichtig sein, weil ich mit einem Rechtskomitee wegen Verbreitung von Geschwätz und Verleumdung rechnen müsse“, sagte sie. „Wenn sie meinten, ich hätte eine Sünde begangen, würde man mir die Gemeinschaft entziehen.“

Frl. Meyer sagte, sie habe erst Jahre später erfahren, dass Amber Long, eine weitere junge Frau in der Versammlung, im Alter von 12 Jahren mit ihren Eltern zu den Ältesten gegangen sei, um zu berichten, dass sie von demselben jungen Mann belästigt worden sei. Frl. Long, die heute 23 Jahre alt ist, sagte, sie und ihre Eltern hätten von den Zeugen einen Brief erhalten, in dem der Rat gegeben wurde, „es Jehovas Hand zu überlassen“.

„Sie sagten, wir sollten keine schlechten Gefühle gegen unseren Bruder hegen“, sagte Frl. Long. „Da es keine zwei Augenzeugen gäbe, könnten sie, so sagten sie, nicht viel unternehmen.“

Weder Frl. Long noch Frl. Meyer sind noch aktiv bei den Zeugen Jehovas. Am 2. Juli reichten die beiden Frauen Klage gegen den Mann, den sie der sexuellen Belästigung anklagen – Derek Lindala, 30, aus South Haven, Minnesota –, gegen die Ortsversammlung und die Zentrale der Zeugen Jehovas ein. Lindala hat auf eine bei ihm zu Hause zurückgelassene Nachricht mit der Bitte um einen Kommentar nicht reagiert.

Barbara Anderson aus Tullahoma, Tennessee, sagte, als sie und ihr Mann in den 1990er Jahren in der Zentrale der Kirche in Brooklyn arbeiteten, habe man sie gebeten, Informationen über Kindesmissbrauch in den Versammlungen zu sammeln. Sie sagte, sie habe den Kirchenführern Dutzende von Briefen überreicht, in denen Klage darüber geführt wurde, wie die Fälle gehandhabt wurden. Für sie war das eine Offenbarung.

„Jehovas Zeugen sagen gerne, sie hätten eine der am meisten von Verbrechen freien Organisationen“, sagte Frau Anderson. „Aber alle Probleme werden vor die Ältesten gebracht, und die Ältesten halten sie unter der Decke.“ Sie sagte, die Dokumente hätten eine interne Debatte unter den Kirchenführern ausgelöst, und als nichts unternommen wurde, habe sie 1993 die Zentrale nach 11 Jahren freiwilliger Tätigkeit entmutigt verlassen.

Carl A. Raschke, Professor für religiöse Studien an der Universität Denver, der über die Zeugen Jehovas geschrieben hat, sagte, die Gruppe unterscheide sich nicht von vielen anderen isolierten Religionen, die nach theologischer und moralischer Reinheit strebten.

Gruppen, die dazu neigen, eng verwoben und verwachsen zu sein, haben historisch gesehen ein höheres Vorkommen an sexuellem Missbrauch und Inzest“, sagte Dr. Raschke. „Das ist eine ethnologische Tatsache. Wenn eine Religion versucht, durch und durch heilig und göttlich zu sein, wird sie nicht zugeben, dass die Leute nicht gemäß den Glaubensidealen leben.“

Am 25. Juli wurde Frau Anderson exkommuniziert. Eine Woche später wurde ihr Ehemann Joe, der zuvor nach 42 Jahren als Ältester zurückgetreten war, ebenfalls ausgestoßen.

„Es ist unvorstellbar dass Älteste einen mutmaßlichen Mord untersuchen, um Schuld oder Unschuld festzustellen, warum sollten wir dann einen mutmaßlichen Kindesmissbrauch untersuchen?“ schrieb Herr Anderson in seinem Rücktrittsbrief. „Das ist nicht unser Fachgebiet. Wir sind Diener Gottes und keine Polizei.“

 

Schweigende Lämmer reden:

 

Meine Enkelin (4 Jahre alt) hat ihrem Vater berichtet, dass ihr Stiefvater (der ein Zeuge Jehovas ist), sie sexuell belästigt hat. Jemand hat es beim Sozialdienst angezeigt, aber unsere Familie wurde beschuldigt. Die Mutter (meine frühere Schwiegertochter) war erbost – sie sagte, sie wolle damit auf ihre Art umgehen.
MW


Vor etwa 4 Jahren hing ich zu den Ältesten meiner Versammlung in Florida. Ich hatte erfahren, dass mein Schwiegervater drei Jahre davor jemanden missbrauch hatte, und „wartete geduldig auf Jehova“, dass er sich dieser Sache annehme. Während ich wartete, fand ich heraus, dass es noch ein weiteres Opfer gegeben hatte: ein achtjähriges Mädchen, das später stationär ins Krankenhaus kam, weil es sich umbringen wollte. Die Gesellschaft hatte Kenntnis davon, und doch war das einzige, das unternommen wurde, dass xxx als Ältester und Versammlungsaufseher „zurücktrat“.

LF

 

Ich dachte, ich wollte euch über jemanden informieren, der meine Cousine missbrauchte. Ihm wurde nie die Gemeinschaft entzogen, und ein paar Jahre später wurde er von der Wachtturm-Gesellschaft zum Pionier ernannt.

KC

 

Vor Jahren wurde meine Frau von ihrem Vater missbraucht, und als die Ältesten der Ortsversammlung es herausfanden, waren alle daran interessiert, „den Ruf der Versammlung zu schützen“. Sie haben nicht mehr unternommen, als mit meinem Schwiegervater ein (so nannte er es selbst) „geistig aufmunterndes Gespräch” zu führen. Sie wollten an das eigentliche Thema nicht herangehen, und so versuchten sie nur, ihn dazu zu bringen, öfter die Versammlung zu besuchen und mehr Zeit im Predigtdienst zu verbringen, weil ein geistiger gesinnter Mann „solche Dinge“ nicht tut. In den vergangenen Jahren versuchten meine Frau und ich, durch die richtigen Kanäle der Organisation sicherzustellen, dass er nie mehr in Situationen kommt, wo er Kinder in seiner Versammlung sexuell belästigen kann. Aber was wir bekamen, waren nur Ausflüchte. 

JP

 

Der Dienstamtgehilfe wurde jetzt von einem Gericht für schuldig befunden, eine „Ungläubige“ missbraucht zu haben. Und als ich zum Gericht gehen wollte, um dem Fall des Mädchens Gewicht zu geben, sagte meine Mutter zu mir, bei dem Fall ginge es nur um Leute, die einmal studiert hatten und die jetzt Schande auf Jehovas Namen bringen wollten. Als ich sie bat, an meiner Stelle zum Gericht zu gehen, weigerte sie sich  -- sie wollte nicht einmal hingehen und dem Gericht erzählen, was vor 20 Jahren geschehen war – wovon sie wusste und worüber sie die ganze Zeit über Schweigen bewahrt hatte! Ja, ich habe es meinen Eltern erzählt, und sie haben nichts unternommen. Sie dachten, sie würden mich schützen! (Übrigens, dem Täter ist auch nicht die Gemeinschaft entzogen worden! – obwohl er vor Gericht überführt wurde. Jetzt denke ich nur daran, was er die vergangenen zwanzig Jahre über mit anderen jungen Mädchen in der Versammlung angestellt hat!)

WR

 

Als ich begann, mich mit meiner Depression zu befassen, begann ich mich zu erinnern, dass ich ab einem Alter von vier Jahren sexuell missbraucht worden war (rituell/satanisch). Ich wurde von einem Gesalbten, von Ältesten, Dienstamtgehilfen und meinem Stiefvater missbraucht. Fünf Jahre lang ging ich zur Therapie.

KB

 

Während des ganzen Vorfalls erhielten meine Schwester und ich nie Rat oder wurden freundlich von der Ältestenschaft behandelt. Man hat mir sogar Schuldgefühle eingeimpft, weil ich die Angelegenheit vor sie gebracht habe, und meine Schwester wurde als Verräterin behandelt. Erst kürzlich habe ich verstehen können, wie sich dieser Vorfall in all den Jahren sowohl bei meiner Schwester als auch bei mir ausgewirkt hat. Damals war ich selbstmordgefährdet und sprang aus einem fahrenden Auto. Ich habe jahrelang an einer Depression gelitten, und das mag ein Gutteil des Grundes dafür sein, warum mir bis vor kurzem nie in den Sinn gekommen ist, dass die Ältesten uns gegenüber nie Besorgnis und Freundlichkeit gezeigt haben. Anstatt dass wir gelobt wurden, weil wir die Wahrheit vorgebracht haben, wurden wir wie der Feind behandelt.

AH

 

Als ich 14 war, fing er an, mich zu belästigen, und ich hatte zuviel Angst, um ihm zu sagen: Nein. Meine Mutter bemerkte es schließlich, und irgendwie gelang es ihr, ihn hinauszuwerfen. Es gab eine Komiteesitzung mit drei (immer drei) Ältesten, bei der ich nicht anwesend war. Die Ältesten überredeten meine Mutter, meinem Stiefvater zu vergeben und ihn zurückkommen zu lassen. Ihr könnt euch mein Entsetzen vorstellen. Etwas einen oder zwei Monate später betrog mein Stiefvater meine Mutter, und da hatte sie endlich einen „schriftgemäßen“ Grund, sich scheiden zu lassen. Nicht lange danach zog er nach Washington um und heiratete wieder – eine Zeugin Jehovas, die fünf Töchter hatte. Und ein Jahr später wurde er zum Ältesten ernannt! Als ich bei ein paar der Komiteesitzungen mit den Ältesten dabei war, brachte ich das Thema mit meinem Stiefvater auf und fragte sie, warum er nie bestraft wurde und warum ihm erlaubt worden sei, Ältester zu werden. Ihre Antwort war jedes Mal dieselbe: „Jehova Gott wird zu seiner eigenen Zeit mit solchen Leuten fertig werden.“

JA

 

Während dieser Zeit wurde der Dienstamtgehilfe, der mich belästigt hatte, als ich noch jung war, verhaftet, weil er ein anderes junges Mädchen missbraucht hatte, das keine Zeugin Jehovas war. Das hat einen großen Skandal gegeben, weil dieser Bruder mit den Jahren außerordentlich reich geworden war und ein bekannter Geschäftsmann in der Stadt war. Meine Mutter schrieb an die Ältestenschaft und berichtete den Ältesten, dass ich 20 Jahre zuvor von demselben Mann belästigt worden war und dass ihr Vater und auch mein Vater es als Familiengeheimnis bewahrt hatten. Doch dieser Bruder ist immer noch nicht ausgeschlossen, weil er den Ältesten erzählte, der Grund, warum diese Leute gegen ihn vorgingen, sei, von ihm Geld zu erpressen. Er hat alle Beschuldigungen abgestritten! Jedenfalls kam es zum Prozess, und ich telefonierte und gab der Polizei eine eidesstattliche Erklärung zu dem, was zuvor mit mir geschehen war – nur um mitzuhelfen, dass dieser Mann schuldig gesprochen würde. Ich wollte auch im Interesse des Mädchens vor Gericht erscheinen und wollte, dass meine Mutter mich begleitete, weil sie wusste, dass ich die Wahrheit sagte. Sie weigerte sich. Sie sagte, der Grund, warum alles so aufgebauscht werde, sei, dass das „Weltmenschen“ seien, die „Schande“ auf Jehovas Organisation bringen wollten. Die meisten Zeugen in dem Gebiet glauben, dass das stimmt. Meine Mutter sagte auch, ich sollte die Sache einfach den Ältesten überlassen. Jedenfalls wurde der Mann vom Gericht des Kindesmissbrauchs für schuldig befunden, aber er hat Berufung eingelegt. Er hat genug Geld, um jahrelang durch alle Instanzen zu gehen. Interessant ist, dass man ihm noch immer nicht die Gemeinschaft entzogen hat.

SL

 

Ein Fall betraf ein junges japanisches Mädchen, das als Kind wiederholt von einem Ältesten vergewaltigt wurde. Dieser Älteste ist jetzt Kreisaufseher. Ehe sie vergewaltigt wurde, kamen immer ein Dienstamtgehilfe und ein Ältester in ihr Haus, hatten Sex mit ihrer Mutter und zwangen sie, zuzusehen (Damals war sie 12 Jahre alt. Ihre Mutter hatte sich scheiden lassen). Das Mädchen ist jetzt 23 Jahre alt und ein seelisches Wrack.

JD

 

Ich weiß von sieben Opfern in den beiden Versammlungen, in denen ich war. Viermal handelte es sich um Inzest (die Väter waren entweder Älteste oder Dienstamtgehilfen). In allen Fällen wurde kein Täter von einem Rechtskomitee für schuldig befunden. Selbst in einem Fall, bei dem der Täter von einem Gericht überführt wurde, blieb er weiterhin in „gutem Ansehen“. Alle Fälle wurden strikt vertraulich gehalten, die meisten Täter zogen in neue Versammlungen um und heirateten eine neue Frau.

ED

 

Weiter können wir berichten, dass die Ältesten der Versammlung in Richmond keine der Eltern oder deren Kinder befragten oder informierten, um zu sehen, ob die Kinder in ihrem Königreichssaal auch sexuell belästigt worden waren wie das Kind von Nichtzeugen, das Gardner, wie er zugab, belästigte.

PS

 

Ich habe nie den Glauben an Gott verloren, nur an Menschen … die Person, die mich sexuell belästigte, und der Ehemann, der mich missbrauchte, sind in solch einer geistig guten Verfassung, dass sie mit mir als Abtrünniger nichts mehr zu tun haben wollen..

CM

 

Über Pädophilie und sexuellen Missbrauch muss im Interesse der unschuldigen Opfer gesprochen werden.

AM

 

Ich war 31 Jahre lang in der „Organisation“ und wurde von zwei verschiedenen Ältesten sexuell belästigt (einer war mein Vater). Die Brüder weigerten sich, etwas zu unternehmen, und so ist mein Vater immer noch nicht in der Versammlung „bezeichnet“.

CD

 

Vor dem Komiteefall hatte ich absolutes Vertrauen, dass die Wahrheit herauskommen würde, dass der Täter (ihr Onkel, ein Dienstamtgehilfe) seine Schuld zugeben würde und dass alles gelöst würde. Was tatsächlich passierte, war das genaue Gegenteil. Er stritt alles ab, meine Tochter sagte, sie habe die Ereignisse falsch interpretiert, und weil sie nicht gleich zu Beginn herbeigekommen sei, sei alles ihre Schuld. Weil der Täter vor dem Komitee weinte und sagte, seine Gebete würden nicht behindert, wurde das als Beweis seiner Unschuld angesehen. Uns als Familie hat man gesagt, wir dürften mit niemandem über den Fall reden. Als