Erster großer Artikel in Zeitung aus Louisville 4.2.2001
Erster großer Artikel, der das Missbrauchsproblem bei den Zeugen Jehovas erklärt
4. Februar 2001
Nachrichten, Sonntag, 4. Februar 2001

Politik der Zeugen Jehovas gegenüber Kinderschändern angegriffen
Kirche sagt, sie befolge das Gesetz und melde mutmaßliche Kinderschänder
von PETER SMITH, Courier-Journal


Die in New Jersey lebende Barbara Pandelo [links] und ihre Tochter Corinne Holloway sind unglücklich darüber, dass Holloways Großvater, der sie sexuell missbrauchte, zweimal wieder aufgenommen wurde, nachdem er aus der Versammlung der Zeugen Jehovas hinausgeworfen wurde. Die Kirchenpolitik lässt es auch zu, dass er von Haus zu Haus missioniert.
VON PETER ACKERMAN,
ASBURY PARK PRESS
Im Brennpunkt
» Missbrauchsopfer und Eltern denken, Kirchenälteste hätten sie im Stich gelassen
» Vorschriften zum Melden von Missbrauchsanschuldigungen variieren in verschiedenen Religionsgemeinschaften

Die Kirche der Zeugen Jehovas sieht sich zunehmenden Angriffen durch einige ihrer Mitglieder wegen Vorschriften ausgesetzt, die nach deren Meinung Kinderschändern erlauben, nicht angezeigt zu werden und die Kirchenmitglieder und die Öffentlichkeit einem zunehmenden Risiko aussetzen.

Kirchenvertreter sagen, Älteste würden die Behörden in Bundesstaaten auf mutmaßlichen Missbrauch aufmerksam machen, in denen eine Anzeige Pflicht ist. Aber in anderen Bundesstaaten zögen sie es vor, Schritte zu unternehmen, um Kinder zu schützen, durch die das, was sie als vertrauliches Gespräch zwischen Ältesten und Mitgliedern ansehen, nicht verletzten.

Die Kirchenpolitik erlaubt es auch einigen geständigen Kinderschändern -- deren Taten gewöhnlich geheim gehalten werden -- in der Kirchengemeinde zu bleiben, manchmal mit tragischen Ergebnissen.

Eine Untersuchung von Gerichtsfällen, die Kirchenmitglieder in Maine, New Hampshire und Texas betreffen, durch den Courier-Journal zeigte, dass in vertraulichen Kirchenstrafprozessen einigen Opfern die Schuld dafür gegeben wurde, dass der Missbrauch weiterging.

Unter den Fällen sind:

In Maine wurde zwischen 1989 und 1992 ein Teenagerjunge von einem Kirchenmitglied missbraucht, nachdem Kirchenälteste den Täter insgeheim, bestraften, weil er einen anderen Jungen missbraucht hatte. Älteste meldeten den ersten Fall nicht den Behörden, und das Gesetz verpflichtete sie nicht dazu. Das zweite Opfer erzählte es einem Therapeuten, der die Behörden benachrichtigte.

In New Hampshire sagte ein früheres Kirchenmitglied, die Ältesten hätten nichts unternommen, als sie ihnen erzählte, ihr Mann misshandle ihre Kinder körperlich. Der Mann erhielt im Oktober 2000 eine Gefängnisstrafe von 56 Jahren wegen sexuellen Missbrauchs, der Jahre andauerte, nachdem die Frau zu den Ältesten ging. Das Gesetz von New Hampshire forderte von Geistlichen, mutmaßlichen Missbrauch anzuzeigen.

In Texas sagte ein Staatsanwalt, Kirchenälteste hätten einem Teenagerjungen im Jahre 1992 gesagt, er solle aufhören, seine jüngere Schwester zu missbrauchen, meldeten es aber in offensichtlicher Verletzung des bundesstaatlichen Gesetzes nicht der Polizei. Der Junge missbrauchte später eine zweite Schwester und wurde 1997 zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Polizei wurde darauf aufmerksam gemacht, als ein Opfer den Missbrauch nach einem Suizidversuch dem Krankenhauspersonal meldete.

Die Kirchenpolitik erlaubt es Kinderschändern, die als reumütig angesehen werden, weiterhin – begleitet von einem anderen Mitglied – von Haus zu Haus zu missionieren, womit sie mit ahnungslosen Wohnungsinhabern in Berührung kommen, die nicht wie die Kirche wissen, dass ein Kinderschänder vor ihrer Tür steht.

Die Regeln der Kirche zum Thema sexueller Missbrauch sind seit dem Rücktritt eines Kirchenältesten aus Westkentucky, der diese Regeln ablehnt, in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Die Gerichtsfälle stellen sich vor dem Hintergrund einer zunehmenden nationalen Übereinstimmung dar, dass jeder mutmaßliche Kindesmissbrauch angezeigt werden muss und als Kinderschänder bekannte Personen kämpferisch zu kennzeichnen sind.

Ein Anwalt der Kirche der Zeugen Jehovas, die in den USA fast eine Million und weltweit sechs Millionen Mitglieder hat, sagte, sie befolge die Gesetze in den Bundesstaaten, wo die Kirchenältesten verpflichtet sind, Missbrauchsfälle anzuzeigen.

„Wenn es ein Gesetz gibt, das eine Anzeige fordert, dann hat das den Vorrang über jegliche Vertraulichkeit, ob in der Politik oder im Statut der Kirche“, sagte Mario Moreno, stellvertretender Generalanwalt der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, einer Rechtskörperschaft der Kirche

Ich weigere mich, eine Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen mitzutragen“, sagte William H. Bowen in seinem Rücktrittsbrief als Führer der Kirche in Draffenville, Kentucky. „In Staaten, die keine Anzeige fordern, sieht die Sache anders aus“, sagte Moreno. Älteste könnten wollen, dass ein Opfer woanders hinzieht als der Täter, oder sie lassen die Eltern oder den Vormund des Opfers, oder sogar den Beschuldigten, den Missbrauch bei der Polizei anzeigen, sagte er. „Die Gesetze dieses Landes wie auch die ethischen Werte der Menschen sagen einem, dass es ein paar Dinge gibt, die man vertraulich halten sollte. Das ist der Grund, warum die Gesetze vertrauliche Gespräche zwischen den Geistlichen und ihrer Herde schützen.“ Doch Moreno sagte, Älteste, die in Verdachtsfällen von Missbrauch Kontakt mit der Rechtsabteilung der Gesellschaft aufnehmen – wie sie es tun müssen –, würden oft angewiesen, die Opfer an die Polizei oder an andere Hilfsstellen draußen zu verweisen, auch wenn das Gesetz das nicht fordert. Opfern und ihren Eltern steht es frei, sagte Moreno, Hilfe bei der Polizei oder bei Therapeuten zu suchen. Sie sollten, wenn sie das nicht tun, nicht die Kirche dafür verantwortlich machen. „Wir ermuntern die Eltern zu tun, was nötig ist, um ihr Kind zu schützen“, sagte Moreno. Doch einige Opfer und ihre Anwälte sagten bei Prozessen und in Gesprächen, die Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen der Kirchenführer, gepaart mit der Bedeutung der Kirche in ihrem Leben, habe sie zögern lassen, den Missbrauch außerhalb der Kirche anzuzeigen. William H. Bowen trat am 31. Dezember als vorsitzführender Aufseher (Hauptältester) der Versammlung Draffenville nahe Paducah zurück und sagte, er könne nicht länger eine Politik der Kirche unterstützen, bei der seiner Meinung nach Kinderschänder unerkannt bleiben. „Ich weigere mich, eine Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen mitzutragen, die unter Ältestenschaften auf der ganzen Welt gefördert wird“, schrieb Bowen in seinem Rücktrittsbrief. „Kriminelle sollten ausgeschaltet, identifiziert und bestraft werden, um Unschuldige zu schützen und das Opfer einen Schlussstrich ziehen lassen zu können.“


ZU DEN ÄLTESTEN GEHEN
Frau fühlte sich bestraft, weil sie ihren Mann anklagte
Sara Poisson aus Claremont, N.H., sagte, sie habe nie daran gedacht, sich an jemand anderen als die Kirchenältesten zu wenden, als ihr damaliger Mann Paul Berry begann, einige ihrer Kinder körperlich zu misshandeln. Berry sollte schließlich zu 56 Jahren Gefängnis verurteilt werden.
 

„Welche Dinge auch immer aufkommen, wo Anleitung nötig ist, sie sollen in der Versammlung von den Ältesten behandelt werden“, sagte Poisson aus Anlass der Verurteilung ihres früheren Ehemannes wegen Kindesmissbrauchs am 31. Oktober 2000.

„Sie müssen die Organisation der Zeugen Jehovas verstehen“, sagte Bowen. „Ihr Leben dreht sich darum, all das zu befolgen, was ihnen die Ältesten in den Ortsversammlungen und die Organisation sagt.“

Doch Sam Neal, Ältester in der Versammlung der Zeugen Jehovas in Jeffersontown, Kentucky, sagte, Kirchenmitglieder würden nicht geschützt.

„Jeder von uns hat Zugang zu allen Dingen in der Gemeinde“, sagte Neal, pensionierter stellvertretender Dekan der Schule für Sozialarbeit an der Universität von Louisville. „Was immer wir brauchen, wir wissen, wohin wir gehen müssen.“

Kirchenanwalt Moreno sagte, Kirchenanwälte könnten Ältesten den Rat geben, die Opfer an die Polizei oder an Hilfe aus der Welt zu verweisen. „Das ist eine persönliche Entscheidung.“

Aber Poisson sagte vor dem Bezirksgericht in Hillsborough County bei der Verurteilung ihres Ex-Mannes aus, als sie mit ihren Sorgen zu den Ältesten gegangen sei, hätten diese ihr wiederholt gesagt, sie müsse „eine bessere Frau sein“ und „mehr beten“.

„Jedes Mal, wenn ich mit den Ältesten sprach, wurde ich in irgendeiner Weise bestraft“, berichtete Poisson dem Gericht. „Mir wurde ein Vorrecht genommen, weil ich es gewagt hatte, mir die Autorität meines Mannes anzumaßen.“ Poisson erzählte später einem Reporter, man habe ihr verwehrt, bei den Zusammenkünften etwas zu sagen, und ihre Missionierung von Haus zu Haus eingeschränkt.

Das Gesetz in New Hampshire bestimmt seit den späten 1970er Jahren, dass „jeder, der Grund zu der Vermutung hat, ein Kind sei missbraucht oder vernachlässigt worden, dies anzeigen muss.“

Weder aus den Prozessunterlagen, noch aus den öffentlichen Erklärungen der Ältesten geht hervor, dass die Kirche wegen der Beschuldigungen von Poisson Anzeige erstattet hatte.

Poisson sagte vor Gericht, sie habe zwar nicht von dem sexuellen Missbrauch durch Berry gewusst, sie habe aber von der körperlichen Misshandlung Kenntnis gehabt und dies nicht angezeigt. „Damit muss ich für den Rest meines Lebens leben.“

Die Behörden hätten das herausgefunden, sagte Poisson, als ihr Sohn eines Tages mit dem Abdruck einer Fliegenklatsche auf dem Bein zur Schule gekommen sei.

Poisson sagte, eine Sozialarbeiterin habe ihr ein Ultimatum gestellt: Entweder Berry verlässt das Haus, oder sie verliert das Sorgerecht über die Kinder. Sie hat das erste gewählt und ist dafür in der Versammlung geächtet worden.

Einige Zeit später lief eine der Töchter von Poisson weg. Sie kehrte 18 Monate später wieder zurück, zerbrechlich und krank und mit den Worten: „Warum hast du das geschehen lassen?“ sagte Poisson vor Gericht. Das Mädchen informierte ihre Mutter, dass Berry sie, seit sie vier war, bis zu ihrem 11. Lebensjahr missbraucht hatte. Mutter und Tochter gingen zur Polizei, um eine Untersuchung wegen des sexuellen Missbrauchs anlaufen zu lassen.

Berry wurde verhaftet und im Juli 2000 in 17 Fällen von sexuellem Angriff für schuldig befunden. Unter anderem hängte Berry eine seiner Töchter an Haken in einer Scheune und band sie an einem Baum fest, um sie zu missbrauchen. Als Berry zur Urteilsverkündung erschien, kreuzten auch 29 Mitglieder seiner Versammlung der Zeugen Jehovas in Wilton, N.H., auf, die sich alle, oft in glühenden Worten, so das Gerichtsprotokoll, zu seinen Gunsten aussprachen.

„Welche Anschuldigungen auch immer gegen ihn vorgebracht wurden, da ist etwas falsch verstanden worden“, sagte Robert Michalowski, früherer Ältester in Wilton. „Die Ältesten hätten einen sexuellen Missbrauch innerhalb einer Minute  herausgefunden.“  

Bei der Urteilsverkündung gegen Berry sagte Richter Arthur Brennan, die Kirche hätte mehr für das Opfer tun sollen. „Die Kirche hat ihr nicht geholfen, und der Staat hat ihr nicht geholfen“, sagte Brennan. „Wenn jemand vielleicht vor Jahren etwas gesagt hätte, wenn jemand eine Untersuchung begonnen hätte, anstatt sich auf Jehova zu verlassen ... vielleicht wäre das Ganze dann ... erheblich weniger grausam für das Kind gewesen.“ Brennan sagte, er sage „nichts gegen irgend jemandes Religion. Ich sage, dass ich so etwas in einer ganzen Anzahl von Versammlungen gesehen habe.“  

Das Opfer, Holly Brewer aus Berkeley, Kalifornien, hat sich damit einverstanden erklärt, dass ihre Geschichte in der Öffentlichkeit berichtet wird.

Berry beteuert weiter seine Unschuld und wird Berufung gegen das Urteil einlegen, sagte Mark Sisti, sein Anwalt

Moreno wollte nicht kommentieren, ob die Ältesten in diesem Fall einen Fehler gemacht haben. Aber er sagte: „Hin und wieder machen die Ältesten in einer kleinen Anzahl von Fällen Mist. Sie machen Mist, weil sie nicht hier anrufen (bei der Rechtsabteilung der Wachtturm-Gesellschaft). Wenn sie hier anrufen, dann verbocken sie die Sache auch nicht.“

Das Büro des Staatsanwaltes von Hillsborough County ließ verlauten, es habe nicht untersucht, ob die Ältesten das Gesetz verletzten, indem sie den mutmaßlichen Missbrauch nicht anzeigten. Als die Staatsanwaltschaft dann doch noch eine Untersuchung einleitete, über ein Jahr nach der Verstrickung der Ältesten in den Fall, sei dies schon verjährt gewesen.

Vor drei Jahren erhoben sich ähnliche Fragen wegen der Handlungsweise von Ältesten in einem Fall in Texas. Als eine Familie in der Gegend um Houston den Ältesten meldete, dass ihr Sohn im Teenageralter seine jüngere Schwester sexuell belästigte, besuchten die Ältesten sie zu Hause, gaben der Familie Rat und erhielten vom Sohn die Zusicherung, er würde damit aufhören, so die Anklage der Familie in einem Prozess gegen die Kirche. Statt dessen, so die Klageschrift, ging der Missbrauch weiter. Eine Jury sprach den damals 22-Jährigen im Jahre 1997 in einem Strafverfahren des Missbrauchs schuldig, begangen als Erwachsener. Er wurde zu 40 Jahren wegen besonders schweren sexuellen Angriffs verurteilt. „Die Ältesten saßen am Küchentisch und hörten zu, als sie erzählte, was der Bruder mit ihr gemacht hatte“, sagte Kelly Siegler, stellvertretende Bezirksstaatsanwältin in Harris County. „Alles, was sie taten, war, ihm zu sagen, er solle damit aufhören, und dann beteten sie darum. Sie haben es einfach so abgetan. Niemand hat es je der Polizei berichtet.“ Siegler sagte, sie hätte eine Strafverfolgung gegen die Ältesten eingeleitet, weil sie keine Anzeige erstattet hatten, wenn die Sache nicht nach zwei Jahren verjährt gewesen wäre.

Die Familie klagte gegen die Kirche in einem Zivilverfahren und erreichte 1999 einen Vergleich, der beiden Fällen untersagt, über den Fall zu sprechen. Jeffrey Parsons, Anwalt aus Houston, der die Zeugen Jehovas vertrat, sagte, er sei überzeugt, dass die Kirche sich richtig verhalten habe. „Es waren wirklich ungünstige Umstände, aber (die Klage der Familie) war nicht gut begründet.“

KIRCHENPROZESS
Strenge Beweise für eine Bestrafung nötig

Wenn Mitglieder der Kirche der Zeugen Jehovas eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs vor die Ältesten bringen, bringt sie das in Kontakt mit einem heimlichtuerischen Kirchenprozess, vor dem strengere Beweise als vor einem weltlichen Zivilgericht erforderlich sind.

Wenn ein Kirchenmitglied irgendeiner Tat beschuldigt wird, folgen die Ältesten einem strengen biblischen Maßstab. Sie benötigen entweder ein Geständnis des Mitgliedes oder die Aussage von mindestens zwei Augenzeugen, darunter der Ankläger, um die Schuld des Mitgliedes zu beweisen, so der Kirchenanwalt Moreno und Veröffentlichungen der Kirche.

Das trifft selbst auf Fälle von sexuellem Missbrauch zu, wo es oft keine „außen stehenden“ Zeugen gibt. Opfern, die keine Zeugen vorbringen oder den Beschuldigten nicht zu einem Geständnis bewegen können, sollen die Ältesten „erklären, dass in rechtlicher (kirchendisziplinarischer) Hinsicht nichts unternommen werden kann“, so ein Artikel aus dem Jahre 1995 im Wachtturm – einer Zeitschrift der Zeugen Jehovas mit einer Auflage von 22 Millionen Exemplaren in 132 Sprachen.

„Und die Versammlung wird den Beschuldigten weiterhin als unschuldig betrachten“, fuhr der Artikel fort. Der Artikel biete keinen anderen Weg zur Gerechtigkeit als: „Die Frage der Schuld oder Unschuld ist bei Jehova in besten Händen.“ Moreno sagte, am Ende käme doch die Wahrheit heraus. „Jemand anderer taucht aus dem Nichts auf, und jetzt kann etwas unternommen werden“, sagte er. Moreno sagte, zwei getrennte Ankläger würden als zwei Zeugen zählen, wenn jemand der sexuellen Belästigung beschuldigt wird.

Die Kirchenpolitik ermutige Mitglieder weder, noch rate sie ihnen davon ab, mutmaßlichen oder eingestandenen Missbrauch bei der Polizei anzuzeigen, sagte Moreno. Die Ältesten seien angewiesen, immer erst die zentrale Rechtsabteilung der Kirche in Carmel, N.Y., anzurufen, wenn sie eine Anklage erhielten. Wenn Älteste anrufen, sagen ihnen die Anwälte der Kirche, ob der jeweilige Bundesstaat von ihnen verlange, Anzeige zu erstatten, sagte Moreno. Ein immer noch gültiges Kirchenmemo aus dem Jahre 1989 sagt auch, die Ältesten müssten juristischen Rat einholen, wenn sie von der Polizei befragt werden, eine Vorladung  erhalten oder freiwillig vertrauliche Kirchenunterlagen weitergeben, es sei denn, die Polizei habe einen Durchsuchungsbefehl. Moreno sagte, Anwälte der Kirche könnten Ältesten den Rat geben, die Opfer an die Polizei oder an Hilfe von außen zu verweisen. „Das ist eine persönliche Entscheidung.“ Wenn die Ältesten das Vorliegen eines Missbrauchs vermuten, können sie mit zu Kirchenstrafen führenden Anhörungen beginnen, bei denen das, was gesagt und aufgeschrieben wird, vertraulich behandelt wird. Niemand außer den Ältesten notiert sich etwas, und diese Notizen werden nach dem Memo aus dem Jahre 1989 eingesammelt und an sicherem Ort verwahrt.

Es ist ein Prozess, der den Ruf der Kirche schützen und sie gegen Klagen absichern soll, so das Memo. Das Kirchenmemo warnt vor Klagen von „Rachsüchtigen und Verbitterten“ und „einigen, die dem Königreichspredigtwerk widerstehen“, wenn Beschuldigungen durchsickern.

Bandaufnahmen bei diesen Prozessen sind nicht erlaubt.

Eine Aussage vom 2. Januar, gemacht von J.R. Brown, dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei den Zeugen Jehovas, besagte, dass Kirchenälteste „Übeltäter ermuntern, alles ihnen Mögliche zu tun, um mit den Behörden ins Reine zu kommen.“

Aber die strenge Vorschrift der Vertraulichkeit – bei der Älteste selbst davor gewarnt werden, in ihrer Familie über Strafmaßnahmen zu reden – lässt die Identität eines Sexualtäters vor Personen verborgen, die nichts mit der Sache zu tun haben.

Bryan Rees, früher aus Augusta, Maine, sagte in einer Klage, sein Stiefvater Alan Ayers habe ihn nie davor gewarnt, dass er sich dem Türnachbarn, dem Kirchenmitglied Larry Baker, fern halten solle. Baker hatte Ayers und anderen Ältesten gestanden, dass er einen anderen Jungen sexuell belästigt hatte. Die Ältesten hatten Baker privat zurechtgewiesen und ihm „strengen, wirklich ernsten Rat erteilt ... und das war es dann auch“, sagte Baker später aus.

Im Bundesstaat Maine war es keine Pflicht, dass Kirchenfunktionäre Anzeige erstatteten, und die Ältesten in Augusta informierten denn auch nicht die Polizei oder jemand anderen. Sie warnten zwar Baker, sich von Kindern fern zu halten, aber der Täter sagte aus, die Ältesten hätten gewusst, dass er mit Rees von Haus zu Haus ging. „Ich bin sicher, dass sie es gewusst haben müssen“, sagte Baker aus. „Das war kein Geheimnis.“

Baker missbrauchte Rees nach eigenem Eingeständnis zwischen 1989 und 1992 wenigstens 30-mal. Er wurde des ungesetzlichen Kontakts mit einem Minderjährigen überführt und saß für 90 Tage im Gefängnis. Rees, der nicht für einen Kommentar zu erreichen war, gewann ein $1,2 Millionen-Urteil gegen Baker, war aber bis jetzt noch nicht in der Lage, das Geld zu kassieren, so der Anwalt von Rees, Michael Waxman.

Rees ging mit seiner Geschichte später an die Öffentlichkeit und verklagte die Zeugen Jehovas im Jahre 1998 ohne Erfolg. Er führte an, sie seien ihrer Verantwortung nicht nachgekommen, als sie ihn nicht vor Baker warnten und die Handlungsweise von Baker auch nicht kontrollierten.

Aber das höchste Gericht in Maine verwarf 1999 dieses Argument. „Die bloße Tatsache, dass jemand weiß, dass ein Dritter für andere gefährlich ist oder sein könnte, erlegt ihm nicht die Verantwortung auf, diesen Dritten zu kontrollieren“, entschied der Supreme Judicial Court.

Ayers, der Stiefvater von Rees, lehnte einen Kommentar ab, aber Kirchenanwalt Moreno begrüßte die Entscheidung. „Es besteht nicht die Verpflichtung, den Leuten zu verkünden, dass ‚Fritz Müller’ ein Kinderschänder ist“, sagte er. Hätte das Gericht anders entschieden, würde das „die Leute im Grunde davon abhalten, bei ihren Geistlichen um Hilfe zu ersuchen.“

„Können die Leute nicht auf die Vertraulichkeit zählen, wenn sie zum Beispiel einem katholischen Priester beichten, kühlt ihr Verhältnis zur Religion ab“, sagte er.

Die Zeugen Jehovas sagen, das Schweigerecht der Geistlichen gelte für jedes vertrauliche Gespräch mit Mitgliedern, auch für Rechtskomitees mit vielen Ältesten und Zeugen.

Ein Staatsanwalt in Hillsborough County, N.H., versucht gegenwärtig, einen Ältesten zu zwingen, auszusagen, was Gregory Blackstock, bereits in einem Fall des Kindesmissbrauchs überführt, den Ältesten in Bezug auf zwei weitere Mädchen gestand, die mutmaßlich missbraucht wurden. Die betroffene Versammlung war nicht dieselbe wie im Fall Paul Berry. Bezirksstaatsanwalt Roger Chadwick sagte, weil mehr als ein Ältester darin verwickelt sei und ein Ältester der Mutter des mutmaßlichen Opfers das Neueste berichtete, könne die Kirche nicht das Kirchenprivileg in Anspruch nehmen und schweigen. „Einfach gesagt, kircheninterne Untersuchungen und Telefonauszeiten, um vertrauliche Einzelheiten zu bestätigen, waren nicht das, was durch das Schweigerecht geschützt werden sollte“, sagte Chadwick in einem Schriftsatz an den Hillsborough County Superior Court. Doch Anwalt Paul Garrity, der Blackstock vertritt, argumentierte, nur weil es bei den Zeugen Jehovas die direkte Ohrenbeichte anderer Religionen nicht gebe, könne der Staat ihnen wegen „theologischer Differenzen, wie die Versöhnung mit Gott zu erreichen sei“, nicht das Schweigerecht nehmen. Der Fall ist noch nicht entschieden.

EIN ÄLTESTER PROTESTIERT

Bürger von Kentucky tritt wegen der Behandlung von Verdächtigungen zurück
Die Zeugen Jehovas, deren Organisation im 19. Jahrhundert gegründet wurde, haben mit traditionellen christlichen Gruppen einige Schlüssellehren gemeinsam. Sie sind am bekanntesten wegen ihrer Missionierung von Haus zu Haus und ihrer Erwartung, dass Jesus bald das Königreich Gottes aufrichten werde. Sie leisten keinen Wehrdienst und zeigen auch keine Loyalität gegenüber politischen Symbolen – Tatsachen, die ihnen hier und im Ausland Verfolgung eingebracht haben – obwohl sie Gehorsam gegenüber dem Gesetz predigen.

Und es war das Beharren der Kirche auf ihren Vorschriften, das den Ältesten und vorsitzführenden Aufseher Bowen dazu brachte, öffentlich von seinem Kirchenamt in der Stadt Draffenville in Marshall County zurückzutreten. Bowen hatte vor möglichem sexuellen Missbrauch, der eine Familie in seiner Gegend betraf, gewarnt. Als er, wie gefordert, die Rechtsabteilung der Kirche anrief, sagten ihm Anwälte, das Gesetz in Kentucky fordere von ihm nicht, dass er den mutmaßlichen Missbrauch anzeigte. Nachdem eine andere Abteilung der Kirche Einzelheiten der Beschuldigung gehört hatte, riet sie von einem Rechtskomitee ab, sagte Bowen. Er meinte, wenn Älteste diesen Rat ablehnten, riskierten sie ihr Amt. Nach seinem Rücktritt, sagte er, habe er den mutmaßlichen Missbrauch bei der Polizei angezeigt. Bowen sagte, die Polizei habe ihm mitgeteilt, die Sache werde untersucht.

Bowen ist technisch gesehen noch Mitglied. Thomas Carrothers, Stadtaufseher der Zeugen Jehovas im nahe gelegenen Paducah, sagte vergangenen Monat, er sähe keinen Grund, Bowen hinauszuwerfen. „Die Leute dürfen ihre Meinung sagen“, sagte er. In einer Ansprache vor der Versammlung über Bowens Kritik an der Politik der Kirche drängte Carrothers die Kirchenmitglieder, „Gegnern“ und „den verleumderischen Aussagen von lügenden Abtrünnigen“ mit Liebe zu begegnen. Carrothers sagte, er habe dabei nicht Bowen gemeint. „Ich habe Artikel aus dem Wachtturm zitiert. Ich habe ihn nicht angeklagt.“

Bowens Vater, Bill J. Bowen, prangerte die Handlungsweise seines Sohnes in einem von der Kirche hergestellten und verbreiteten Videointerview an. „Was mein Sohn sagt, ist einfach absurd“, sagte Bowen sen., langjähriges Mitglied der Kirche. „Ich hoffe doch, dass mein Sohn umkehrt und seinen Sinn ändert.“

Der Älteste David King aus Edmonds, Washington, sagte, er habe auch sein Kirchenamt im Jahre 1997 aufgegeben, teilweise wegen seiner Ernüchterung darüber, dass die Kirche so viel Wert auf die „rechtlichen Auswirkungen“ lege. Als er vor mehreren Jahren eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs untersuchte, sagte King, hätten die Ältesten einen Anwalt in der Zentrale der Kirche angerufen. „In dem Augenblick, wo wir uns zu erkennen gaben, wusste er sofort schon über die Gesetze des Bundesstaates (Washington) Bescheid und sagte, wir brauchten keine Anzeige zu erstatten“, sagte King. „Das war fast das Erste, was er sagte. Damals war ich noch ein treuer Anhänger, aber der Gedanke hat mich erschüttert, dass sie sich mehr über die rechtlichen Auswirkungen Gedanken machten, als um die Wiedererlangung der Gesundheit.“ Die Eltern des Opfers riefen später die Polizei. King sagte, allmählich habe er mit dem Kirchenbesuch nachgelassen.

HILFE VON AUSSEN

Mitglieder sagen, die Kirche rate von solchen Bemühungen ab

Die Literatur der Kirche sagt, die Mitglieder dürften sich Hilfe von außen holen, wenn sie einen Missbrauch vermuten. Einige Mitglieder wie Poisson sagen, die Ältesten hätten sie, als sie das versuchten, eingeschüchtert. In Keene, N.H., verklagte der Vormund eines 15-Jährigen Mädchens im Jahre 1987 eine Versammlung der Zeugen Jehovas, weil die Ältesten die Eltern des Mädchens „mit Ausschluss aus der Religionsgemeinschaft und ewiger Verdammnis“ bedrohten, wenn sie für ihre Tochter, die von 1975 bis 1985 sexuell missbraucht wurde, das Eingreifen der Polizei oder eine Sozialberatung suchten.

Der Rechtsstreit wurde beigelegt, und der Anwalt des Mädchens, Charles Donahue, sagte, er könne das nicht kommentieren. Der Missbrauchstäter – der Vater des Mädchens – wurde später, im Jahre 1986, zu drei bis acht Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er sich in zwei Fällen des schweren sexuellen Angriffs für schuldig erklärt hatte, so das Anhörungsprotokoll im Cheshire County Superior Court.

Kirchenanwalt Moreno sagte, es wäre „lächerlich“, wenn ein Ältester damit drohen würde, und wenn einer es täte, würde es der Politik der Kirche widersprechen. „Das ist nicht gemäß der Bibel“, sagte er. „Wir lehren die Bibel. Die Bibel sagt nicht: ‘Wenn du eine Anklage wegen eines Verbrechens gegen einen Kinderschänder einreichst, bist du auf ewig verdammt.’ Wer vielmehr in der Gefahr steht, auf ewig verdammt zu sein, ist der Kinderschänder.“

Die Literatur der Kirche sagt auch, Opfer und andere Kirchenmitglieder könnten eine professionelle Therapie aufsuchen, solange der Therapeut ihren Glauben respektiert und die Opfer in einer Gruppentherapie nicht die Namen der mutmaßlichen Täter offenbaren.

Aber J. Michael Terry, ehemaliger Ältester der Zeugen Jehovas aus Conway, Arkansas, sagte, seine Erfahrung decke sich nicht mit der Kirchenpolitik. Er sagte, vor etwa drei oder vier Jahren habe er die Mutter eines Missbrauchsopfers an einen Therapeuten verwiesen, der das Verbrechen dann angezeigt habe. „Ich wurde von zwei Mitältesten ganz schön fertiggemacht“, sagte Terry. „Ich habe getan, was mir mein Gewissen sagte“, meinte Terry, der nicht mehr in der Kirche tätig ist. „Sie sagten, ich hätte nichts anders tun sollen, als nur zuzuhören.“

Das Gesetz in Arkansas fordert von Geistlichen nicht, einen Missbrauch bei den Behörden anzuzeigen, aber es fordert das von Sozialarbeitern. Terry ist Sozialarbeiter. Er sagte, der Vorfall habe seine Arbeitsbeziehung mit den Ältesten vergiftet, und etwa drei Jahre später habe man ihm das Ältestenamt abgenommen, weil er nicht entgegenkommend gewesen sei. Einer der Ältesten, die, so Terry, seine Handlungsweise kritisiert hatten, lehnte einen Kommentar zu seinem Verhältnis zu Terry ab.

DER UMFANG VON STRAFEN

Reuige Sexualtäter dürfen von Haus zu Haus gehen
Wachtturm-Funktionäre sind verschiedener Meinung, wie die Kirche Kinderschänder bestraft.
In einer Erklärung vom 2. Januar meinte Brown, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit, die Kirche sage, dass Kinderschändern „die Gemeinschaft entzogen“ werde, sie also aus der Versammlung geworfen würden. Später räumte er ein, die Kirche könne auch weniger drastische Strafen aussprechen. Er verteidigte seine ursprüngliche Erklärung und sagte, „der Masse vermittelte das den Gedanken, Älteste würden auch wirklich Strafen aussprechen. Sie gehen mit Missbrauchstätern nicht sanft um.“

Aber am 1. August 1995 zeigt ein Kirchenmemo, dass reuige Pädophile einem Ausschluss entgehen und Kirchenmitglieder bleiben können, so wie Baker. Es heißt dort auch, Älteste könnten Pädophile wieder aufnehmen, die die Ältesten von ihrer Reue überzeugt haben.

Und das war der Fall bei Clement Pandelo aus Paramus, N.J. Tatsächlich wurde Pandelo, der bei der Polizei zugab, 40 Jahre lang junge Mädchen belästigt zu haben, zweimal ausgeschlossen und zweimal wieder aufgenommen, so das Gerichtsprotokoll. Pandelo bekannte sich 1988 schuldig, seine 12-Jährige Enkelin und zwei andere Mädchen sexuell belästigt zu haben.

Seine Enkelin, Corinne Holloway, heute 24, sagte, Pandelos Wiederaufnahme habe ihr körperliches und psychisches Trauma verschlimmert.

Kirchenälteste „sehen eher den Täter als das Opfer“, sagte Holloway aus Spring Lake Park, N.J. „Er hatte die Vorrechte (als Mitglied), und wir waren in diesem lange dauernden Prozess.“

Moreno sagte: „Ich wäre selbst nicht allzu glücklich, wenn jemand mein Kind missbrauchen und dann wieder aufgenommen würde. Das Fazit ist, wenn ein Ältester feststellt, dass ein früherer Kinderschänder Reue gezeigt hat, dann ist er biblisch verpflichtet, ihn wieder aufzunehmen.“ Die Politik der Kirche erlaubt Pandelo als Mitglied in gutem Ansehen, von Haus zu Haus zu gehen und die Botschaft der Zeugen Jehovas zu verbreiten.

Barbara Pandelo, Holloways Mutter, sagte, sie fände diese Politik potentiell schädlich. „Diese Perversen dürfen immer noch von Haus zu Haus gehen und an die Türen von  ahnungslosen Wohnungsinhabern kommen,“ sagte Barbara Pandelo aus Belmar, N.J. „Die Wachtturm-Gesellschaft interessiert nicht einmal die Gefahr, der sie Familien aussetzt.“

Brown sagte, Pädophile dürften nicht mit Minderjährigen arbeiten und müssten auch ein geachtetes Mitglied der Kirche sein, wenn sie von Haus zu Haus gehen. Pädophile dürften auch nicht in die Nachbarschaft geschickt werden, wo man sie als Kinderschänder erkennen könnte, sagte Brown. Briefe der Kirche an die Ältesten besagen, dass Kinderschänder, die in der Kirche bleiben, gewarnt werden sollten, keine Kinder anzufassen oder alleine mit ihnen zu sein.

Aber David Richart vom National Institute on Children sagte, ein streng geistliches Vorgehen bei Kinderschändung sei unangemessen. „Die Vorstellung, die man mit sexuellem Kindesmissbrauch verbindet, ist, dass es generell ein nicht sichtbares Verbrechen ist und dass es generell nicht ohne Behandlung in manchen Fällen und Gefängnisstrafe in anderen Fällen verschwindet“,  sagte Richart, der im Auftrag der Zeitung Courier-Journal die Literatur der Zeugen Jehovas zu diesem Thema durchforschte. „Sie verbinden mit ihrer Reaktion darauf die Vorstellung, jemand könne überzeugt oder durch Einimpfen von Schuldgefühlen dazu gebracht werden, sein Verhalten zu ändern. Aber das Problem ist im Allgemeinen komplizierter. Gebete können viel bewirken, und im Falle von Kindesmissbrauch können sie ein mächtiges Instrument hin zur Änderung sein, aber sie sind kein Ersatz für das Eingreifen der Gesellschaft.“ Richart sagte, er glaube, andere Religionsgemeinschaften hätten ähnliche Probleme.

„Viele Kirchen behandeln Beschuldigungen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs intern und verweisen in einer Weise auf die Bibel, die die Kinder aufzufordern scheint, fügsam zu sein.“

Einige Opfer und ihre Anwälte möchten, dass die Zeugen Jehovas das tun, was die Zivilgesellschaft getan hat – so genannte „Megan-Gesetze“ anzunehmen, benannt nach einem Mordopfer aus New Jersey, dessen Mörder ein Nachbar war, der schon zwei Mal wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden war. Solche Gesetze schaffen Listen mit Sexualtätern, die es der Öffentlichkeit ermöglichen, festzustellen, ob ihre Nachbarn Pädophile sind, auch wenn nur wenige Kirchen, welcher Couleur auch immer, solche Vorschriften haben.

„Die Leute in einer Kirche haben das Recht zu erfahren, ob ein Mitglied pädophil ist“, sagte Carl Pandelo aus Belmar, N.J., der Sohn von Clement Pandelo. Waxman, der in dem Prozess in Maine als Anwalt das Missbrauchsopfer Rees vertrat, stimmte dem zu. “Die Kirchen sagen immer, einer ihrer Hauptgrundsätze sei die Vergebung”, sagte er. “Wenn wir annehmen, dass es einen direkten Widerspruch zwischen den Idealen einer Kirche und dem Interesse des Staates daran gibt, Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, dann haben die Kinder meiner Meinung nach den Vorrang.“

Neal, Sozialarbeiter und Ältester aus der Versammlung der Zeugen Jehovas in Jeffersontown, sagte, wenn ein Mitglied zugebe, Kinder missbraucht zu haben, würde er das der gesamten Ältestenschaft sagen, und er sei zuversichtlich, dass die Ältestenschaft alle Mitglieder darauf aufmerksam machen würde.

„Niemand hat das Recht, Dinge, die andere Menschen wirklich einer Gefahr aussetzen, geheim zu halten“, sagte er. „Wir kümmern uns um jedes Mitglied in der Organisation, um ihr Interesse, ihr Wohlergehen, ihre Sicherheit: das sind Dinge, die uns angehen. Wir sind nicht der Meinung, wir würden unserer geistlichen Verantwortung nachkommen, wenn wir etwas geheim hielten, das sich direkt auf die Sicherheit und das Wohlergehen anderer auswirkt.“

ANZEIGE ERSTATTEN

Die Regel ist: eine Anzeige wird dann erstattet, wenn das Gesetz es fordert
Wenn Älteste der Zeugen Jehovas das zentrale Rechtsbüro anrufen, geben ihnen Anwälte Rat, ob in ihrem Bundesstaat  die Verpflichtung besteht, bei Missbrauch Anzeige zu erstatten.
Einige Bundesstaaten wie Kentucky fordern von den Bürgern, mutmaßlichen Missbrauch anzuzeigen, haben aber Ausnahmen bei Gesprächen zwischen Geistlichen und reuigen Sündern. In anderen Bundesstaaten wie Indiana gibt es keine Ausnahmen. Noch andere fordern von Fachleuten auf bestimmten Gebieten, hauptsächlich solchen, die mit Kindern zu tun haben, dass sie Missbrauchsfälle anzeigen.

In Boulder, Colorado, tadelten Älteste im Dezember 1991 öffentlich in einer Versammlung der Zeugen Jehovas das Mitglied Leland Elwyn Davies, nachdem sie herausgefunden hatten, dass er mehrere Mädchen im Teenageralter befummelt hatte, so ein Bericht des Büros des Sheriffs von Boulder County, der eine Untersuchung durchführte, nachdem die Mutter dreier Opfer die Polizei alarmiert hatte.

Ein Opfer, das im Januar 1992 mit der Polizei sprach, sagte, es sei „verärgert, dass die Ältesten das Verhalten nicht den Behörden gemeldet hatten“, so der Polizeibericht. Die Polizei wandte sich an einen Ältesten der Versammlung, der sagte, er könne keine vertraulichen Informationen aus dem Rechtskomiteeverfahren herausgeben. In Colorado besteht nicht die Pflicht, dass Geistliche solche Informationen herausgeben.

Die Polizei verhaftete Davies im Juli 1992 – etwa sechs Monate, nachdem die Kirche eine Strafe verhängt hatte. Davies bekannte sich in zwei Fällen des minder schweren sexuellen Angriffs für schuldig und erhielt eine Bewährungsstrafe, so die Geschäftsstelle des Gerichts im 20. Gerichtsbezirk von Colorado. Davies starb im August 2000.

Gemäß Kirchenanwalt Moreno funktionierte das System. „Die Ältesten haben ihre Arbeit gemacht, und die Opfer und die Polizei die ihrige“, sagte er. „Wer wurde geschädigt?“ sagte Moreno. „Schließlich wurde ja Anzeige erstattet. Da ist ein Teenager, der sexuell belästigt wurde, verärgert auf die Ältesten, weil diese nicht die Polizei gerufen hatten“, sagte er. „Sie können doch die Polizei rufen. Ihnen ist doch Schaden zugefügt worden. Wer macht denn die Gesetze? Wir nicht. Machen Sie uns bitte nicht für die Gesetze verantwortlich. Reden Sie mit der gesetzgebenden Körperschaft in Colorado.“

 

Sonntag, 4. Februar 2001

Vorschriften zur Anzeige bei sexuellem Missbrauch in jeder Religion anders
von PETER SMITH, The Courier-Journal

Wie die Zeugen Jehovas erwarten sieben weitere Religionsgemeinschaften, die das Courier-Journal untersuchte, von ihren Geistlichen, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch in Bundesstaaten zur Anzeige bringen, wo das Gesetz dies fordert. Die Haltung der Religionsgemeinschaften unterscheidet sich in den Bundesstaaten, wo eine Anzeige nicht Pflicht ist. Selbst in Bundesstaaten, wo eine Anzeige Pflicht ist, gibt es aber Unterschiede. So fordern zum Beispiel Kentucky und Indiana von den Bürgern, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzeigen. Indiana kennt keine Ausnahmen. Kentucky lässt Ausnahmen zu für Gespräche zwischen Geistlichen und reuigen Sündern sowie zwischen Anwälten und Klienten.
Römisch-katholische Kirche: Die Vorschriften unterscheiden sich von Diözese zu Diözese. Die Erzdiözesen Louisville und Indianapolis fordern von Priestern, dass sie mutmaßlichen Missbrauch in allen Fällen anzeigen, außer wenn sie davon bei der Beichte erfahren. Und selbst dann können Priester den Tätern den Rat geben, ein Verbrechen bei der Sozialberatung oder bei der Polizei zu gestehen. Susan Schramm, die Sprecherin der Erzdiözese Indianapolis, kennt keinen Fall, wo diese Ausnahme in Konflikt mit den Gesetzen von Indiana geriet.  

Südliche Baptisten: Die Kirchen unterliegen einer Selbstverwaltung, regionale Körperschaften erlassen also keine Vorschriften. Doch die Baptistenversammlung in Kentucky schult Personal und Freiwillige, Kindesmissbrauch zu erkennen und bei den Behörden anzuzeigen, so Wendy Dever, Mitarbeiterin für Vorschul- und Schulkinder.  

Presbyterianer (USA): Die Vorschriften variieren von einer  regionalen Körperschaft zur anderen, richten sich aber oft nach den Gesetzen der jeweiligen Bundesstaaten. Pastoren in der Religionsgemeinschaft mit Sitz in Louisville ist es verboten, etwas zu enthüllen, was ihnen im Vertrauen gesagt wurde. Die Kirche macht keine ausdrückliche Ausnahme bei mutmaßlichem Kindesmissbrauch, doch Pastoren können die Vertraulichkeit brechen, wenn „das Risiko besteht, dass jemandem ein körperlicher Schaden droht.“  

Rabbinische Versammlung (Konservatives Judentum): Die Versammlungen unterliegen einer Selbstverwaltung, aber von Rabbinern wird erwartet, dass sie alles tun, um Missbrauchsopfer zu schützen, und dazu gehört das Einschalten der Behörden. „Es muss nicht unbedingt eine weltliche Verpflichtung bestehen, die besagt, dass jemand Probleme hat“, sagte Rabbi Joel Meyers, Vizepräsident der Rabbinischen Versammlung.  

Evangelisch-lutherische Kirche in Amerika: Die Vorschriften werden von den regionalen leitenden Körperschaften erlassen, folgen aber oft dem Gesetz eines Bundesstaates, wo die Pflicht zu einer Anzeige besteht, so Reverend Lowell Almen, Sekretär der Evangelisch-lutherische Kirche in Amerika.  

Vereinigte Methodisten: Die Kirche hat keine Vorschrift, die von den Geistlichen fordert, mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzuzeigen, aber bei der Schulung der Geistlichen wird betont, dass die Gesetze eine Anzeige oft zur Pflicht machen. Wenn ein Pastor im vertraulichen Gespräch, zum Beispiel wenn er jemanden berät, von einem Missbrauch erfährt, „ist das etwas, was der Pastor von Fall zu Fall entscheiden kann“, sagte Robert Kohler, stellvertretender Generalsekretär der Abteilung für ordinierte Geistliche.  

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen): Die Kirchenführer sind angewiesen, die Hotline der Religionsgemeinschaft anzurufen, wenn das Thema Missbrauch in einer Versammlung aufkommt. Am anderen Ende der Leitung sitzen professionelle Berater sowie Anwälte, die die Ortsgeistlichen über die im jeweiligen Bundesstaat geltenden Gesetze informieren. „Das Gesetz des Landes ist zu befolgen“, heißt es in einer Erklärung der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinschaft. „Wenn eine Anzeige Pflicht ist, hilft das Personal den örtlichen Kirchenführern … wer die Anzeige erstatten sollte – ob ... ein Familienmitglied, oder ob der Täter dazu gebracht werden kann, sich selbst anzuzeigen.“  

Keine Religionsgemeinschaft, mit der wir uns in Verbindung setzten, denkt auch nur an das, was einige Zeugen Jehovas von ihrer Kirche fordern: dass den Versammlungen gesagt wird, wenn Pädophile in ihrer Mitte sind. Aber viele Kirchen hindern Sexualtäter daran, mit Kindern zu arbeiten, so Frau Dever von der Baptistenversammlung in Kentucky. Und sie prüfen zunehmend, ob Pastorenkandidaten, Jugendarbeiter oder andere Freiwillige schon einmal straffällig geworden sind. „Kleine Kirchen haben es schwer damit, weil sie jeden kennen“, sagte Dever. „Aber wir kennen wirklich nicht jeden. Wir leben im Jahr 2001. Wir müssen uns darüber Sorgen machen.“

Unsere Redakteurin Megan Woolhouse schrieb diese Geschichte.

 

Sonntag, 4. Februar 2001

Missbrauchsopfer und Eltern glauben, Kirchenälteste hätten sie im Stich gelassen
von PETER SMITH, The Courier-Journal

Im Brennpunkt
>Vorschriften der Zeugen Jehovas für Kindesmissbrauch angegriffen<
>Vorschriften zur Anzeige bei sexuellem Missbrauch bei jeder Religionsgemeinschaft anders<
Als Corinne Pandelo 12 Jahre alt war, erzählte sie ihren Eltern, wie aus dem Gerichtsprotokoll hervorgeht, dass ihr Großvater sie im August 1988 während eines Besuchs in seinem Haus in Paramus, N.J., missbraucht hatte. Diese Episode ließ eine Kette von Ereignissen anlaufen, die Corinne und ihre Eltern schließlich von der Kirche, zu der sie als fromme Mitglieder gehörten, entfremdeten. Carl und Barbara Pandelo, heute Belmar, N.J., lebend, gingen mit der Beschuldigung ihrer Tochter zu den Ältesten in ihrer Versammlung der Zeugen Jehovas in Fair Lawn, N.J., so das Gerichtsprotokoll.

Das Gesetz in New Jersey fordert von Geistlichen, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzeigen. Die Ältesten wandten sich an Carl Pandelos Vater, Clement Pandelo, er möge sich selbst an die Behörden wenden, sagte Carl Pandelo. Clement Pandelo gestand der Polizei am 24. August 1988 den Missbrauch. Aber Carl und Barbara Pandelo sagten, die Ältesten der Ortsversammlung hätten sie auch bedrängt, einem Teilgeständnis Clement Pandelos für eine geringere Strafe zuzustimmen, um damit, wie sie sagten, Corinne das Trauma eines Gerichtsverfahrens zu ersparen. Die Pandelos waren einverstanden. Anthony Valenti aus Maywood, N.J., der zu der Zeit Ältester in der Versammlung Fair Lawn war, sagte in einem Interview, das entspräche nicht seiner Erinnerung. „Meines Wissens haben wir ihm diesen Rat nicht gegeben“, sagte er.

Clement Pandelo erhielt, nachdem er sich im Februar 1989 vor dem Superior Court in Bergen County, N.J., für schuldig erklärt hatte, Corinne und zwei andere Mädchen belästigt zu haben, eine Bewährungsstrafe. Pandelo, heute 75 Jahre alt und Mitglied der Versammlung Hawthorne, N.J., sagte dem Courier-Journal, er wolle dazu nichts sagen.

Die Versammlung Fair Lawn schloss Clement Pandelo nach einer Rechtskomiteesitzung aus und nahm ihn 18 Monate später wieder auf, so das Gerichtsprotokoll. Carl Pandelo sagte, die Wiederaufnahme sei auf einen Brief seines Vaters an ihn, nicht an seine Tochter, gefolgt.

Carl und Barbara Pandelo sagten, es sei schlimm genug gewesen, dass die Familie den Angreifer Corinnes bei Kirchenzusammenkünften sah. Sie wurden verärgert, als Mitglieder und ein Ältester sie warnten, sie würden „nicht Harmagedon überleben“, wenn sie die Beziehung zu Clement Pandelo nicht wieder aufnähmen, sagte Carl Pandelo.

Corinne bereitete sich damals auf ihre Taufe vor und hatte wiederholte Alpträume, wie sie mit ihrem Großvater am Taufbecken zusammentraf, so die Gerichtsunterlagen. „Ich kann verstehen, wie die Pandelos sich fühlen“, sagte Valenti und fügte hinzu, dass jemand erst dann wieder aufgenommen wird, nachdem ein Dreierkomitee ihn als reumütig ansieht. „Es wäre besser, wenn sie (Clement Pandelo) vergeben könnten, aber die Verhältnisse sind nun einmal so.“

Schließlich brachten die Eltern Corinne zur Therapie. Corinne sagte, in ihr seien Erinnerungen hoch gekommen, wie sie mehrere Jahre lang von ihrem Großvater belästigt wurde, so die Gerichtsunterlagen. Um bei der Therapie zu helfen, sagten Corinnes Eltern, sie hätten den Polizeibericht erhalten und seien schockiert gewesen, dass Clement Pandelo gestanden hatte, schon seit 40 Jahren Mädchen zu befummeln. Die Eltern sagten, sie hätten die Ältesten nach Einzelheiten des Geständnisses von Clement gefragt. Man habe ihnen gesagt, das sei vertraulich. „Als Eltern haben wir doch wohl das Recht, zu erfahren, was er gestanden hat“, sagte Carl Pandelo in einem Brief vom 21. Januar 1993 an die Wachtturm-Gesellschaft, eine Rechtskörperschaft dieser Religion.

Valenti sagte, die Pandelos hätten mit den Ältesten über ihre Tochter diskutiert. Er lehnte es ab zu sagen, was die Ältesten mit Clement Pandelo bei anderen Gelegenheiten besprochen hatten.

Clement Pandelo wurde nicht anderweitig beschuldigt, aber seine Versammlung in Hawthorne schloss ihn 1992 aus, so die Gerichtsunterlagen. Vier Jahre später wurde er wieder aufgenommen, so ein Brief der Pandelos an die Wachtturm-Gesellschaft. Als Carl und Barbara Pandelo sich vorbereiteten, Clement Pandelo im Jahre 1993 auf Rückzahlung der Kosten für Corinnes Therapie zu verklagen, sagte Valenti, habe er ihnen gesagt, in der Bibel stehe, Christen sollten einander nicht verklagen. Valenti sagte, die Kirche erlaube Mitgliedern, Gelder aus Versicherungen einzunehmen – Clement Pandelo würde es aus seiner Haftpflichtversicherung bezahlen, aber die Ältesten hätten versucht, zu einem Kompromiss außerhalb des Gerichts zu kommen. Carl und Barbara Pandelo wandten sich an die Zentrale der Zeugen Jehovas und bekamen schließlich grünes Licht für eine Klage, so ein Brief der Kirche. Corinne Holloway, heute 24, verheiratet und in Spring Lake Park, N.J., lebend, erhielt 1999 vom Bergen County Superior Court 1,8 Millionen Dollar von Clement Pandelo zugesprochen, nachdem auch andere Frauen ausgesagt hatten, er habe sie, als sie noch Mädchen waren, belästigt. Clement Pandelo wurde auch zu 500.000 Dollar Geldstrafe verurteilt. Die Jury zog 40% von der ursprünglichen Summe von 3 Millionen Dollar an Holloway ab, da die Eltern 40% der Schuld trügen, weil sie ihre Tochter mit dem Großvater allein gelassen hatten.

Die Jury hörte die Aussage, eine Verwandte habe Carl Pandelo gesagt, sein Vater habe schon vor Jahren ein Mädchen belästigt. Carl Pandelo sagte in einem Interview, Valenti habe ihm gesagt, wenigstens ein Ältester habe Clement Pandelo wegen möglichen Missbrauchs befragt und gefunden, das sei unwahr. Valenti bestätige vor dem Prozess eidesstattlich, ein Ältester habe ihm gesagt, eine Untersuchung hätte keine Beweise zu Tage gefördert, dass Clement Pandelo jemanden sexuell missbraucht hatte. Valenti, der aufgrund seines Schweigerechts nicht vor Gericht aussagte, lehnte einen Kommentar ab. Holloway geht in die Berufung.