| Erster großer Artikel in Zeitung aus Louisville 4.2.2001 |
| Erster großer Artikel, der das Missbrauchsproblem bei den Zeugen Jehovas erklärt |
| 4. Februar 2001 |
| Nachrichten, Sonntag, 4. Februar 2001 Politik der Zeugen Jehovas gegenüber Kinderschändern angegriffen Kirche sagt, sie befolge das Gesetz und melde mutmaßliche Kinderschänder von PETER SMITH, Courier-Journal
Die Kirche der Zeugen Jehovas sieht sich zunehmenden Angriffen durch einige ihrer Mitglieder wegen Vorschriften ausgesetzt, die nach deren Meinung Kinderschändern erlauben, nicht angezeigt zu werden und die Kirchenmitglieder und die Öffentlichkeit einem zunehmenden Risiko aussetzen. Kirchenvertreter sagen, Älteste würden die Behörden in Bundesstaaten auf mutmaßlichen Missbrauch aufmerksam machen, in denen eine Anzeige Pflicht ist. Aber in anderen Bundesstaaten zögen sie es vor, Schritte zu unternehmen, um Kinder zu schützen, durch die das, was sie als vertrauliches Gespräch zwischen Ältesten und Mitgliedern ansehen, nicht verletzten. Die Kirchenpolitik erlaubt es auch einigen geständigen Kinderschändern -- deren Taten gewöhnlich geheim gehalten werden -- in der Kirchengemeinde zu bleiben, manchmal mit tragischen Ergebnissen. Eine Untersuchung von Gerichtsfällen, die Kirchenmitglieder in Maine, New Hampshire und Texas betreffen, durch den Courier-Journal zeigte, dass in vertraulichen Kirchenstrafprozessen einigen Opfern die Schuld dafür gegeben wurde, dass der Missbrauch weiterging. Unter den Fällen sind: In Maine wurde zwischen 1989 und 1992 ein Teenagerjunge von einem Kirchenmitglied missbraucht, nachdem Kirchenälteste den Täter insgeheim, bestraften, weil er einen anderen Jungen missbraucht hatte. Älteste meldeten den ersten Fall nicht den Behörden, und das Gesetz verpflichtete sie nicht dazu. Das zweite Opfer erzählte es einem Therapeuten, der die Behörden benachrichtigte. In New Hampshire sagte ein früheres Kirchenmitglied, die Ältesten hätten nichts unternommen, als sie ihnen erzählte, ihr Mann misshandle ihre Kinder körperlich. Der Mann erhielt im Oktober 2000 eine Gefängnisstrafe von 56 Jahren wegen sexuellen Missbrauchs, der Jahre andauerte, nachdem die Frau zu den Ältesten ging. Das Gesetz von New Hampshire forderte von Geistlichen, mutmaßlichen Missbrauch anzuzeigen. In Texas sagte ein Staatsanwalt, Kirchenälteste hätten einem Teenagerjungen im Jahre 1992 gesagt, er solle aufhören, seine jüngere Schwester zu missbrauchen, meldeten es aber in offensichtlicher Verletzung des bundesstaatlichen Gesetzes nicht der Polizei. Der Junge missbrauchte später eine zweite Schwester und wurde 1997 zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Polizei wurde darauf aufmerksam gemacht, als ein Opfer den Missbrauch nach einem Suizidversuch dem Krankenhauspersonal meldete. Die Kirchenpolitik erlaubt es Kinderschändern, die als
reumütig angesehen werden, weiterhin – begleitet von einem anderen Mitglied
– von Haus zu Haus zu missionieren, womit sie mit ahnungslosen
Wohnungsinhabern in Berührung kommen, die nicht wie die Kirche wissen, dass ein
Kinderschänder vor ihrer Tür steht. Die Regeln der Kirche zum Thema sexueller Missbrauch sind
seit dem Rücktritt eines Kirchenältesten aus Westkentucky, der diese Regeln
ablehnt, in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Die Gerichtsfälle
stellen sich vor dem Hintergrund einer zunehmenden nationalen Übereinstimmung
dar, dass jeder mutmaßliche Kindesmissbrauch angezeigt werden muss und als
Kinderschänder bekannte Personen kämpferisch zu kennzeichnen sind. Ein Anwalt der Kirche der Zeugen Jehovas, die in den USA fast eine Million und weltweit sechs Millionen Mitglieder hat, sagte, sie befolge die Gesetze in den Bundesstaaten, wo die Kirchenältesten verpflichtet sind, Missbrauchsfälle anzuzeigen. „Wenn es ein Gesetz gibt, das eine Anzeige fordert, dann hat das den Vorrang über jegliche Vertraulichkeit, ob in der Politik oder im Statut der Kirche“, sagte Mario Moreno, stellvertretender Generalanwalt der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, einer Rechtskörperschaft der Kirche „Ich weigere mich, eine Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen mitzutragen“, sagte William H. Bowen in seinem Rücktrittsbrief als Führer der Kirche in Draffenville, Kentucky. „In Staaten, die keine Anzeige fordern, sieht die Sache anders aus“, sagte Moreno. Älteste könnten wollen, dass ein Opfer woanders hinzieht als der Täter, oder sie lassen die Eltern oder den Vormund des Opfers, oder sogar den Beschuldigten, den Missbrauch bei der Polizei anzeigen, sagte er. „Die Gesetze dieses Landes wie auch die ethischen Werte der Menschen sagen einem, dass es ein paar Dinge gibt, die man vertraulich halten sollte. Das ist der Grund, warum die Gesetze vertrauliche Gespräche zwischen den Geistlichen und ihrer Herde schützen.“ Doch Moreno sagte, Älteste, die in Verdachtsfällen von Missbrauch Kontakt mit der Rechtsabteilung der Gesellschaft aufnehmen – wie sie es tun müssen –, würden oft angewiesen, die Opfer an die Polizei oder an andere Hilfsstellen draußen zu verweisen, auch wenn das Gesetz das nicht fordert. Opfern und ihren Eltern steht es frei, sagte Moreno, Hilfe bei der Polizei oder bei Therapeuten zu suchen. Sie sollten, wenn sie das nicht tun, nicht die Kirche dafür verantwortlich machen. „Wir ermuntern die Eltern zu tun, was nötig ist, um ihr Kind zu schützen“, sagte Moreno. Doch einige Opfer und ihre Anwälte sagten bei Prozessen und in Gesprächen, die Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen der Kirchenführer, gepaart mit der Bedeutung der Kirche in ihrem Leben, habe sie zögern lassen, den Missbrauch außerhalb der Kirche anzuzeigen. William H. Bowen trat am 31. Dezember als vorsitzführender Aufseher (Hauptältester) der Versammlung Draffenville nahe Paducah zurück und sagte, er könne nicht länger eine Politik der Kirche unterstützen, bei der seiner Meinung nach Kinderschänder unerkannt bleiben. „Ich weigere mich, eine Wagenburgmentalität gegenüber Pädophilen mitzutragen, die unter Ältestenschaften auf der ganzen Welt gefördert wird“, schrieb Bowen in seinem Rücktrittsbrief. „Kriminelle sollten ausgeschaltet, identifiziert und bestraft werden, um Unschuldige zu schützen und das Opfer einen Schlussstrich ziehen lassen zu können.“
„Welche Dinge auch immer
aufkommen, wo Anleitung nötig ist, sie sollen in der Versammlung von den
Ältesten behandelt werden“, sagte Poisson aus Anlass der Verurteilung ihres
früheren Ehemannes wegen Kindesmissbrauchs am 31.
Oktober 2000.
„Sie müssen die
Organisation der Zeugen Jehovas verstehen“, sagte Bowen. „Ihr Leben dreht
sich darum, all das zu befolgen, was ihnen die Ältesten in den
Ortsversammlungen und die Organisation sagt.“
Doch Sam Neal, Ältester
in der Versammlung der Zeugen Jehovas in Jeffersontown, Kentucky, sagte,
Kirchenmitglieder würden nicht geschützt.
„Jeder von uns hat Zugang
zu allen Dingen in der Gemeinde“, sagte Neal, pensionierter
stellvertretender Dekan der Schule für Sozialarbeit an der Universität von
Louisville. „Was immer wir brauchen, wir wissen, wohin wir gehen müssen.“
Kirchenanwalt Moreno sagte, Kirchenanwälte könnten
Ältesten den Rat geben, die Opfer an die Polizei oder an Hilfe aus der Welt
zu verweisen. „Das ist eine persönliche Entscheidung.“
Aber Poisson sagte vor
dem Bezirksgericht in Hillsborough County bei der Verurteilung ihres
Ex-Mannes aus, als sie mit ihren Sorgen zu den Ältesten gegangen sei, hätten
diese ihr wiederholt gesagt, sie müsse „eine bessere Frau sein“ und „mehr
beten“.
„Jedes Mal, wenn ich mit
den Ältesten sprach, wurde ich in irgendeiner Weise bestraft“, berichtete
Poisson dem Gericht. „Mir wurde ein Vorrecht genommen, weil ich es gewagt
hatte, mir die Autorität meines Mannes anzumaßen.“ Poisson erzählte später
einem Reporter, man habe ihr verwehrt, bei den Zusammenkünften etwas zu
sagen, und ihre Missionierung von Haus zu Haus eingeschränkt.
Das Gesetz in New
Hampshire bestimmt seit den späten 1970er Jahren, dass „jeder, der Grund zu
der Vermutung hat, ein Kind sei missbraucht oder vernachlässigt worden, dies
anzeigen muss.“
Weder aus den
Prozessunterlagen, noch aus den öffentlichen Erklärungen der Ältesten geht
hervor, dass die Kirche wegen der Beschuldigungen von Poisson Anzeige
erstattet hatte.
Poisson sagte vor Gericht, sie habe zwar nicht von dem sexuellen Missbrauch durch Berry gewusst, sie habe aber von der körperlichen Misshandlung Kenntnis gehabt und dies nicht angezeigt. „Damit muss ich für den Rest meines Lebens leben.“ Die Behörden hätten das
herausgefunden, sagte Poisson, als ihr Sohn eines Tages mit dem Abdruck
einer Fliegenklatsche auf dem Bein zur Schule gekommen sei.
Poisson sagte, eine
Sozialarbeiterin habe ihr ein Ultimatum gestellt: Entweder Berry verlässt
das Haus, oder sie verliert das Sorgerecht über die Kinder. Sie hat das
erste gewählt und ist dafür in der Versammlung geächtet worden.
Einige Zeit später lief
eine der Töchter von Poisson weg. Sie kehrte 18 Monate später wieder zurück,
zerbrechlich und krank und mit den Worten: „Warum hast du das geschehen
lassen?“ sagte Poisson vor Gericht. Das Mädchen informierte ihre Mutter,
dass Berry sie, seit sie vier war, bis zu ihrem 11. Lebensjahr missbraucht
hatte. Mutter und Tochter gingen zur Polizei, um eine Untersuchung wegen des
sexuellen Missbrauchs anlaufen zu lassen.
Berry wurde verhaftet und im Juli 2000 in 17 Fällen von sexuellem Angriff für schuldig befunden. Unter anderem hängte Berry eine seiner Töchter an Haken in einer Scheune und band sie an einem Baum fest, um sie zu missbrauchen. Als Berry zur Urteilsverkündung erschien, kreuzten auch 29 Mitglieder seiner Versammlung der Zeugen Jehovas in Wilton, N.H., auf, die sich alle, oft in glühenden Worten, so das Gerichtsprotokoll, zu seinen Gunsten aussprachen. „Welche Anschuldigungen auch immer gegen ihn vorgebracht wurden, da ist etwas falsch verstanden worden“, sagte Robert Michalowski, früherer Ältester in Wilton. „Die Ältesten hätten einen sexuellen Missbrauch innerhalb einer Minute herausgefunden.“ Bei der Urteilsverkündung gegen Berry sagte Richter Arthur Brennan, die Kirche hätte mehr für das Opfer tun sollen. „Die Kirche hat ihr nicht geholfen, und der Staat hat ihr nicht geholfen“, sagte Brennan. „Wenn jemand vielleicht vor Jahren etwas gesagt hätte, wenn jemand eine Untersuchung begonnen hätte, anstatt sich auf Jehova zu verlassen ... vielleicht wäre das Ganze dann ... erheblich weniger grausam für das Kind gewesen.“ Brennan sagte, er sage „nichts gegen irgend jemandes Religion. Ich sage, dass ich so etwas in einer ganzen Anzahl von Versammlungen gesehen habe.“ Das Opfer, Holly Brewer
aus Berkeley, Kalifornien, hat sich damit einverstanden erklärt, dass ihre
Geschichte in der Öffentlichkeit berichtet wird.
Berry beteuert weiter seine Unschuld und wird Berufung gegen das Urteil einlegen, sagte Mark Sisti, sein Anwalt Moreno wollte nicht
kommentieren, ob die Ältesten in diesem Fall einen Fehler gemacht haben.
Aber er sagte: „Hin und wieder machen die Ältesten in einer kleinen Anzahl
von Fällen Mist. Sie machen Mist, weil sie nicht hier anrufen (bei der
Rechtsabteilung der Wachtturm-Gesellschaft). Wenn sie hier anrufen, dann
verbocken sie die Sache auch nicht.“
Das Büro des
Staatsanwaltes von Hillsborough County ließ verlauten, es habe nicht
untersucht, ob die Ältesten das Gesetz verletzten, indem sie den
mutmaßlichen Missbrauch nicht anzeigten. Als die Staatsanwaltschaft dann
doch noch eine Untersuchung einleitete, über ein Jahr nach der Verstrickung
der Ältesten in den Fall, sei dies schon verjährt gewesen.
Vor drei Jahren erhoben sich ähnliche Fragen wegen der Handlungsweise von Ältesten in einem Fall in Texas. Als eine Familie in der Gegend um Houston den Ältesten meldete, dass ihr Sohn im Teenageralter seine jüngere Schwester sexuell belästigte, besuchten die Ältesten sie zu Hause, gaben der Familie Rat und erhielten vom Sohn die Zusicherung, er würde damit aufhören, so die Anklage der Familie in einem Prozess gegen die Kirche. Statt dessen, so die Klageschrift, ging der Missbrauch weiter. Eine Jury sprach den damals 22-Jährigen im Jahre 1997 in einem Strafverfahren des Missbrauchs schuldig, begangen als Erwachsener. Er wurde zu 40 Jahren wegen besonders schweren sexuellen Angriffs verurteilt. „Die Ältesten saßen am Küchentisch und hörten zu, als sie erzählte, was der Bruder mit ihr gemacht hatte“, sagte Kelly Siegler, stellvertretende Bezirksstaatsanwältin in Harris County. „Alles, was sie taten, war, ihm zu sagen, er solle damit aufhören, und dann beteten sie darum. Sie haben es einfach so abgetan. Niemand hat es je der Polizei berichtet.“ Siegler sagte, sie hätte eine Strafverfolgung gegen die Ältesten eingeleitet, weil sie keine Anzeige erstattet hatten, wenn die Sache nicht nach zwei Jahren verjährt gewesen wäre. Die Familie klagte gegen die Kirche in einem Zivilverfahren und erreichte 1999 einen Vergleich, der beiden Fällen untersagt, über den Fall zu sprechen. Jeffrey Parsons, Anwalt aus Houston, der die Zeugen Jehovas vertrat, sagte, er sei überzeugt, dass die Kirche sich richtig verhalten habe. „Es waren wirklich ungünstige Umstände, aber (die Klage der Familie) war nicht gut begründet.“ KIRCHENPROZESS Wenn Mitglieder der
Kirche der Zeugen Jehovas eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs vor die
Ältesten bringen, bringt sie das in Kontakt mit einem heimlichtuerischen
Kirchenprozess, vor dem strengere Beweise als vor einem weltlichen
Zivilgericht erforderlich sind.
Wenn ein Kirchenmitglied
irgendeiner Tat beschuldigt wird, folgen die Ältesten einem strengen
biblischen Maßstab. Sie benötigen entweder ein Geständnis des Mitgliedes
oder die Aussage von mindestens zwei Augenzeugen, darunter der Ankläger, um
die Schuld des Mitgliedes zu beweisen, so der Kirchenanwalt Moreno und
Veröffentlichungen der Kirche.
Das trifft selbst auf
Fälle von sexuellem Missbrauch zu, wo es oft keine „außen stehenden“ Zeugen
gibt. Opfern, die keine Zeugen vorbringen oder den Beschuldigten nicht zu
einem Geständnis bewegen können, sollen die Ältesten „erklären, dass in
rechtlicher (kirchendisziplinarischer) Hinsicht nichts unternommen werden
kann“, so ein Artikel aus dem Jahre 1995 im Wachtturm – einer
Zeitschrift der Zeugen Jehovas mit einer Auflage von 22 Millionen Exemplaren
in 132 Sprachen.
„Und die Versammlung wird
den Beschuldigten weiterhin als unschuldig betrachten“, fuhr der Artikel
fort. Der Artikel biete keinen anderen Weg zur Gerechtigkeit als: „Die Frage
der Schuld oder Unschuld ist bei Jehova in besten Händen.“ Moreno sagte, am
Ende käme doch die Wahrheit heraus. „Jemand anderer taucht aus dem Nichts
auf, und jetzt kann etwas unternommen werden“, sagte er. Moreno sagte, zwei
getrennte Ankläger würden als zwei Zeugen zählen, wenn jemand der sexuellen
Belästigung beschuldigt wird.
Die Kirchenpolitik
ermutige Mitglieder weder, noch rate sie ihnen davon ab, mutmaßlichen oder
eingestandenen Missbrauch bei der Polizei anzuzeigen, sagte Moreno. Die
Ältesten seien angewiesen, immer erst die zentrale Rechtsabteilung der
Kirche in Carmel, N.Y., anzurufen, wenn sie eine Anklage erhielten. Wenn
Älteste anrufen, sagen ihnen die Anwälte der Kirche, ob der jeweilige
Bundesstaat von ihnen verlange, Anzeige zu erstatten, sagte Moreno. Ein
immer noch gültiges Kirchenmemo aus dem Jahre 1989 sagt auch, die Ältesten
müssten juristischen Rat einholen, wenn sie von der Polizei befragt werden,
eine Vorladung erhalten oder freiwillig vertrauliche Kirchenunterlagen
weitergeben, es sei denn, die Polizei habe einen Durchsuchungsbefehl. Moreno
sagte, Anwälte der Kirche könnten Ältesten den Rat geben, die Opfer an die
Polizei oder an Hilfe von außen zu verweisen. „Das ist eine persönliche
Entscheidung.“ Wenn die Ältesten das Vorliegen eines Missbrauchs vermuten,
können sie mit zu Kirchenstrafen führenden Anhörungen beginnen, bei denen
das, was gesagt und aufgeschrieben wird, vertraulich behandelt wird. Niemand
außer den Ältesten notiert sich etwas, und diese Notizen werden nach dem
Memo aus dem Jahre 1989 eingesammelt und an sicherem Ort verwahrt.
Es ist ein Prozess, der
den Ruf der Kirche schützen und sie gegen Klagen absichern soll, so das
Memo. Das Kirchenmemo warnt vor Klagen von „Rachsüchtigen und Verbitterten“
und „einigen, die dem Königreichspredigtwerk widerstehen“, wenn
Beschuldigungen durchsickern.
Bandaufnahmen bei diesen Prozessen sind nicht erlaubt. Eine Aussage vom 2.
Januar, gemacht von J.R. Brown, dem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei den
Zeugen Jehovas, besagte, dass Kirchenälteste „Übeltäter ermuntern, alles
ihnen Mögliche zu tun, um mit den Behörden ins Reine zu kommen.“
Aber die strenge
Vorschrift der Vertraulichkeit – bei der Älteste selbst davor gewarnt
werden, in ihrer Familie über Strafmaßnahmen zu reden – lässt die Identität
eines Sexualtäters vor Personen verborgen, die nichts mit der Sache zu tun
haben.
Bryan Rees, früher aus
Augusta, Maine, sagte in einer Klage, sein Stiefvater Alan Ayers habe ihn
nie davor gewarnt, dass er sich dem Türnachbarn, dem Kirchenmitglied Larry
Baker, fern halten solle. Baker hatte Ayers und anderen Ältesten gestanden,
dass er einen anderen Jungen sexuell belästigt hatte. Die Ältesten hatten
Baker privat zurechtgewiesen und ihm „strengen, wirklich ernsten Rat erteilt
... und das war es dann auch“, sagte Baker später aus.
Im Bundesstaat Maine war
es keine Pflicht, dass Kirchenfunktionäre Anzeige erstatteten, und die
Ältesten in Augusta informierten denn auch nicht die Polizei oder jemand
anderen. Sie warnten zwar Baker, sich von Kindern fern zu halten, aber der
Täter sagte aus, die Ältesten hätten gewusst, dass er mit Rees von Haus zu
Haus ging. „Ich bin sicher, dass sie es gewusst haben müssen“, sagte Baker
aus. „Das war kein Geheimnis.“
Baker missbrauchte Rees
nach eigenem Eingeständnis zwischen 1989 und 1992 wenigstens 30-mal. Er
wurde des ungesetzlichen Kontakts mit einem Minderjährigen überführt und saß
für 90 Tage im Gefängnis. Rees, der nicht für einen Kommentar zu erreichen
war, gewann ein $1,2 Millionen-Urteil gegen Baker, war aber bis jetzt noch
nicht in der Lage, das Geld zu kassieren, so der Anwalt von Rees, Michael
Waxman.
Rees ging mit seiner
Geschichte später an die Öffentlichkeit und verklagte die Zeugen Jehovas im
Jahre 1998 ohne Erfolg. Er führte an, sie seien ihrer Verantwortung nicht
nachgekommen, als sie ihn nicht vor Baker warnten und die Handlungsweise von
Baker auch nicht kontrollierten.
Aber das höchste Gericht
in Maine verwarf 1999 dieses Argument. „Die bloße Tatsache, dass jemand
weiß, dass ein Dritter für andere gefährlich ist oder sein könnte, erlegt
ihm nicht die Verantwortung auf, diesen Dritten zu kontrollieren“, entschied
der Supreme Judicial Court.
Ayers, der Stiefvater von
Rees, lehnte einen Kommentar ab, aber Kirchenanwalt Moreno begrüßte die
Entscheidung. „Es besteht nicht die Verpflichtung, den Leuten zu verkünden,
dass ‚Fritz Müller’ ein Kinderschänder ist“, sagte er. Hätte das Gericht
anders entschieden, würde das „die Leute im Grunde davon abhalten, bei ihren
Geistlichen um Hilfe zu ersuchen.“
„Können die Leute nicht
auf die Vertraulichkeit zählen, wenn sie zum Beispiel einem katholischen
Priester beichten, kühlt ihr Verhältnis zur Religion ab“, sagte er.
Die Zeugen Jehovas sagen,
das Schweigerecht der Geistlichen gelte für jedes vertrauliche Gespräch mit
Mitgliedern, auch für Rechtskomitees mit vielen Ältesten und Zeugen.
Ein Staatsanwalt in
Hillsborough County, N.H., versucht gegenwärtig, einen Ältesten zu zwingen,
auszusagen, was Gregory Blackstock, bereits in einem Fall des
Kindesmissbrauchs überführt, den Ältesten in Bezug auf zwei weitere Mädchen
gestand, die mutmaßlich missbraucht wurden. Die betroffene Versammlung war
nicht dieselbe wie im Fall Paul Berry. Bezirksstaatsanwalt Roger Chadwick
sagte, weil mehr als ein Ältester darin verwickelt sei und ein Ältester der
Mutter des mutmaßlichen Opfers das Neueste berichtete, könne die Kirche
nicht das Kirchenprivileg in Anspruch nehmen und schweigen. „Einfach gesagt,
kircheninterne Untersuchungen und Telefonauszeiten, um vertrauliche
Einzelheiten zu bestätigen, waren nicht das, was durch das Schweigerecht
geschützt werden sollte“, sagte Chadwick in einem Schriftsatz an den
Hillsborough County Superior Court. Doch Anwalt Paul Garrity, der Blackstock
vertritt, argumentierte, nur weil es bei den Zeugen Jehovas die direkte
Ohrenbeichte anderer Religionen nicht gebe, könne der Staat ihnen wegen
„theologischer Differenzen, wie die Versöhnung mit Gott zu erreichen sei“,
nicht das Schweigerecht nehmen. Der Fall ist noch nicht entschieden. EIN ÄLTESTER
PROTESTIERT
Bürger von Kentucky tritt
wegen der Behandlung von Verdächtigungen zurück Und es war das Beharren
der Kirche auf ihren Vorschriften, das den Ältesten und vorsitzführenden
Aufseher Bowen dazu brachte, öffentlich von seinem Kirchenamt in der Stadt
Draffenville in Marshall County zurückzutreten. Bowen hatte vor möglichem
sexuellen Missbrauch, der eine Familie in seiner Gegend betraf, gewarnt. Als
er, wie gefordert, die Rechtsabteilung der Kirche anrief, sagten ihm
Anwälte, das Gesetz in Kentucky fordere von ihm nicht, dass er den
mutmaßlichen Missbrauch anzeigte. Nachdem eine andere Abteilung der Kirche
Einzelheiten der Beschuldigung gehört hatte, riet sie von einem
Rechtskomitee ab, sagte Bowen. Er meinte, wenn Älteste diesen Rat ablehnten,
riskierten sie ihr Amt. Nach seinem Rücktritt, sagte er, habe er den
mutmaßlichen Missbrauch bei der Polizei angezeigt. Bowen sagte, die Polizei
habe ihm mitgeteilt, die Sache werde untersucht.
Bowen ist technisch
gesehen noch Mitglied. Thomas Carrothers, Stadtaufseher der Zeugen Jehovas
im nahe gelegenen Paducah, sagte vergangenen Monat, er sähe keinen Grund,
Bowen hinauszuwerfen. „Die Leute dürfen ihre Meinung sagen“, sagte er. In
einer Ansprache vor der Versammlung über Bowens Kritik an der Politik der
Kirche drängte Carrothers die Kirchenmitglieder, „Gegnern“ und „den
verleumderischen Aussagen von lügenden Abtrünnigen“ mit Liebe zu begegnen.
Carrothers sagte, er habe dabei nicht Bowen gemeint. „Ich habe Artikel aus
dem Wachtturm zitiert. Ich habe ihn nicht angeklagt.“
Bowens Vater, Bill J.
Bowen, prangerte die Handlungsweise seines Sohnes in einem von der Kirche
hergestellten und verbreiteten Videointerview an. „Was mein Sohn sagt, ist
einfach absurd“, sagte Bowen sen., langjähriges Mitglied der Kirche. „Ich
hoffe doch, dass mein Sohn umkehrt und seinen Sinn ändert.“ Der Älteste David King aus Edmonds, Washington, sagte, er habe auch sein Kirchenamt im Jahre 1997 aufgegeben, teilweise wegen seiner Ernüchterung darüber, dass die Kirche so viel Wert auf die „rechtlichen Auswirkungen“ lege. Als er vor mehreren Jahren eine Anklage wegen sexuellen Missbrauchs untersuchte, sagte King, hätten die Ältesten einen Anwalt in der Zentrale der Kirche angerufen. „In dem Augenblick, wo wir uns zu erkennen gaben, wusste er sofort schon über die Gesetze des Bundesstaates (Washington) Bescheid und sagte, wir brauchten keine Anzeige zu erstatten“, sagte King. „Das war fast das Erste, was er sagte. Damals war ich noch ein treuer Anhänger, aber der Gedanke hat mich erschüttert, dass sie sich mehr über die rechtlichen Auswirkungen Gedanken machten, als um die Wiedererlangung der Gesundheit.“ Die Eltern des Opfers riefen später die Polizei. King sagte, allmählich habe er mit dem Kirchenbesuch nachgelassen. HILFE VON AUSSEN Mitglieder sagen, die
Kirche rate von solchen Bemühungen ab
Die Literatur der Kirche
sagt, die Mitglieder dürften sich Hilfe von außen holen, wenn sie einen
Missbrauch vermuten. Einige Mitglieder wie Poisson sagen, die Ältesten
hätten sie, als sie das versuchten, eingeschüchtert. In Keene, N.H.,
verklagte der Vormund eines 15-Jährigen Mädchens im Jahre 1987 eine
Versammlung der Zeugen Jehovas, weil die Ältesten die Eltern des Mädchens
„mit Ausschluss aus der Religionsgemeinschaft und ewiger Verdammnis“
bedrohten, wenn sie für ihre Tochter, die von 1975 bis 1985 sexuell
missbraucht wurde, das Eingreifen der Polizei oder eine Sozialberatung
suchten.
Der Rechtsstreit wurde
beigelegt, und der Anwalt des Mädchens, Charles Donahue, sagte, er könne das
nicht kommentieren. Der Missbrauchstäter – der Vater des Mädchens – wurde
später, im Jahre 1986, zu drei bis acht Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem
er sich in zwei Fällen des schweren sexuellen Angriffs für schuldig erklärt
hatte, so das Anhörungsprotokoll im Cheshire County Superior Court.
Kirchenanwalt Moreno sagte, es wäre „lächerlich“, wenn ein Ältester damit drohen würde, und wenn einer es täte, würde es der Politik der Kirche widersprechen. „Das ist nicht gemäß der Bibel“, sagte er. „Wir lehren die Bibel. Die Bibel sagt nicht: ‘Wenn du eine Anklage wegen eines Verbrechens gegen einen Kinderschänder einreichst, bist du auf ewig verdammt.’ Wer vielmehr in der Gefahr steht, auf ewig verdammt zu sein, ist der Kinderschänder.“ Die Literatur der Kirche
sagt auch, Opfer und andere Kirchenmitglieder könnten eine professionelle
Therapie aufsuchen, solange der Therapeut ihren Glauben respektiert und die
Opfer in einer Gruppentherapie nicht die Namen der mutmaßlichen Täter
offenbaren.
Aber J. Michael Terry,
ehemaliger Ältester der Zeugen Jehovas aus Conway, Arkansas, sagte, seine
Erfahrung decke sich nicht mit der Kirchenpolitik. Er sagte, vor etwa drei
oder vier Jahren habe er die Mutter eines Missbrauchsopfers an einen
Therapeuten verwiesen, der das Verbrechen dann angezeigt habe. „Ich wurde
von zwei Mitältesten ganz schön fertiggemacht“, sagte Terry. „Ich habe
getan, was mir mein Gewissen sagte“, meinte Terry, der nicht mehr in der
Kirche tätig ist. „Sie sagten, ich hätte nichts anders tun sollen, als nur
zuzuhören.“
Das Gesetz in Arkansas fordert von Geistlichen nicht, einen Missbrauch bei den Behörden anzuzeigen, aber es fordert das von Sozialarbeitern. Terry ist Sozialarbeiter. Er sagte, der Vorfall habe seine Arbeitsbeziehung mit den Ältesten vergiftet, und etwa drei Jahre später habe man ihm das Ältestenamt abgenommen, weil er nicht entgegenkommend gewesen sei. Einer der Ältesten, die, so Terry, seine Handlungsweise kritisiert hatten, lehnte einen Kommentar zu seinem Verhältnis zu Terry ab. DER UMFANG VON STRAFEN
Reuige Sexualtäter dürfen
von Haus zu Haus gehen Aber am 1. August 1995
zeigt ein Kirchenmemo, dass reuige Pädophile einem Ausschluss entgehen und
Kirchenmitglieder bleiben können, so wie Baker. Es heißt dort auch, Älteste
könnten Pädophile wieder aufnehmen, die die Ältesten von ihrer Reue
überzeugt haben.
Und das war der Fall bei
Clement Pandelo aus Paramus, N.J. Tatsächlich wurde Pandelo, der bei der
Polizei zugab, 40 Jahre lang junge Mädchen belästigt zu haben, zweimal
ausgeschlossen und zweimal wieder aufgenommen, so das Gerichtsprotokoll.
Pandelo bekannte sich 1988 schuldig, seine 12-Jährige Enkelin und zwei
andere Mädchen sexuell belästigt zu haben.
Seine Enkelin, Corinne
Holloway, heute 24, sagte, Pandelos Wiederaufnahme habe ihr körperliches und
psychisches Trauma verschlimmert.
Kirchenälteste „sehen
eher den Täter als das Opfer“, sagte Holloway aus Spring Lake Park, N.J. „Er
hatte die Vorrechte (als Mitglied), und wir waren in diesem lange dauernden
Prozess.“
Moreno sagte: „Ich wäre
selbst nicht allzu glücklich, wenn jemand mein Kind missbrauchen und dann
wieder aufgenommen würde. Das Fazit ist, wenn ein Ältester feststellt, dass
ein früherer Kinderschänder Reue gezeigt hat, dann ist er biblisch
verpflichtet, ihn wieder aufzunehmen.“ Die Politik der Kirche erlaubt
Pandelo als Mitglied in gutem Ansehen, von Haus zu Haus zu gehen und die
Botschaft der Zeugen Jehovas zu verbreiten.
Barbara Pandelo, Holloways Mutter, sagte, sie fände diese Politik potentiell schädlich. „Diese Perversen dürfen immer noch von Haus zu Haus gehen und an die Türen von ahnungslosen Wohnungsinhabern kommen,“ sagte Barbara Pandelo aus Belmar, N.J. „Die Wachtturm-Gesellschaft interessiert nicht einmal die Gefahr, der sie Familien aussetzt.“ Brown sagte, Pädophile
dürften nicht mit Minderjährigen arbeiten und müssten auch ein geachtetes
Mitglied der Kirche sein, wenn sie von Haus zu Haus gehen. Pädophile dürften
auch nicht in die Nachbarschaft geschickt werden, wo man sie als
Kinderschänder erkennen könnte, sagte Brown. Briefe der Kirche an die
Ältesten besagen, dass Kinderschänder, die in der Kirche bleiben, gewarnt
werden sollten, keine Kinder anzufassen oder alleine mit ihnen zu sein.
Aber David Richart vom National Institute on Children sagte, ein streng geistliches Vorgehen bei Kinderschändung sei unangemessen. „Die Vorstellung, die man mit sexuellem Kindesmissbrauch verbindet, ist, dass es generell ein nicht sichtbares Verbrechen ist und dass es generell nicht ohne Behandlung in manchen Fällen und Gefängnisstrafe in anderen Fällen verschwindet“, sagte Richart, der im Auftrag der Zeitung Courier-Journal die Literatur der Zeugen Jehovas zu diesem Thema durchforschte. „Sie verbinden mit ihrer Reaktion darauf die Vorstellung, jemand könne überzeugt oder durch Einimpfen von Schuldgefühlen dazu gebracht werden, sein Verhalten zu ändern. Aber das Problem ist im Allgemeinen komplizierter. Gebete können viel bewirken, und im Falle von Kindesmissbrauch können sie ein mächtiges Instrument hin zur Änderung sein, aber sie sind kein Ersatz für das Eingreifen der Gesellschaft.“ Richart sagte, er glaube, andere Religionsgemeinschaften hätten ähnliche Probleme. „Viele Kirchen behandeln Beschuldigungen wegen
sexuellen Kindesmissbrauchs intern und verweisen in einer Weise auf die
Bibel, die die Kinder aufzufordern scheint, fügsam zu sein.“
Einige Opfer und ihre
Anwälte möchten, dass die Zeugen Jehovas das tun, was die Zivilgesellschaft
getan hat – so genannte „Megan-Gesetze“ anzunehmen, benannt nach einem
Mordopfer aus New Jersey, dessen Mörder ein Nachbar war, der schon zwei Mal
wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden war. Solche Gesetze schaffen
Listen mit Sexualtätern, die es der Öffentlichkeit ermöglichen,
festzustellen, ob ihre Nachbarn Pädophile sind, auch wenn nur wenige
Kirchen, welcher Couleur auch immer, solche Vorschriften haben.
„Die Leute in einer
Kirche haben das Recht zu erfahren, ob ein Mitglied pädophil ist“, sagte
Carl Pandelo aus Belmar, N.J., der Sohn von Clement Pandelo. Waxman, der in
dem Prozess in Maine als Anwalt das Missbrauchsopfer Rees vertrat, stimmte
dem zu. “Die Kirchen sagen immer, einer ihrer Hauptgrundsätze sei die
Vergebung”, sagte er. “Wenn wir annehmen, dass es einen direkten Widerspruch
zwischen den Idealen einer Kirche und dem Interesse des Staates daran gibt,
Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, dann haben die Kinder meiner
Meinung nach den Vorrang.“
Neal, Sozialarbeiter und
Ältester aus der Versammlung der Zeugen Jehovas in Jeffersontown, sagte,
wenn ein Mitglied zugebe, Kinder missbraucht zu haben, würde er das der
gesamten Ältestenschaft sagen, und er sei zuversichtlich, dass die
Ältestenschaft alle Mitglieder darauf aufmerksam machen würde.
„Niemand hat das Recht, Dinge, die andere Menschen wirklich einer Gefahr aussetzen, geheim zu halten“, sagte er. „Wir kümmern uns um jedes Mitglied in der Organisation, um ihr Interesse, ihr Wohlergehen, ihre Sicherheit: das sind Dinge, die uns angehen. Wir sind nicht der Meinung, wir würden unserer geistlichen Verantwortung nachkommen, wenn wir etwas geheim hielten, das sich direkt auf die Sicherheit und das Wohlergehen anderer auswirkt.“ ANZEIGE ERSTATTEN
Die Regel ist: eine
Anzeige wird dann erstattet, wenn das Gesetz es fordert In Boulder, Colorado,
tadelten Älteste im Dezember 1991 öffentlich in einer Versammlung der Zeugen
Jehovas das Mitglied Leland Elwyn Davies, nachdem sie herausgefunden hatten,
dass er mehrere Mädchen im Teenageralter befummelt hatte, so ein Bericht des
Büros des Sheriffs von Boulder County, der eine Untersuchung durchführte,
nachdem die Mutter dreier Opfer die Polizei alarmiert hatte.
Ein Opfer, das im Januar
1992 mit der Polizei sprach, sagte, es sei „verärgert, dass die Ältesten das
Verhalten nicht den Behörden gemeldet hatten“, so der Polizeibericht. Die
Polizei wandte sich an einen Ältesten der Versammlung, der sagte, er könne
keine vertraulichen Informationen aus dem Rechtskomiteeverfahren
herausgeben. In Colorado besteht nicht die Pflicht, dass Geistliche solche
Informationen herausgeben.
Die Polizei verhaftete
Davies im Juli 1992 – etwa sechs Monate, nachdem die Kirche eine Strafe
verhängt hatte. Davies bekannte sich in zwei Fällen des minder schweren
sexuellen Angriffs für schuldig und erhielt eine Bewährungsstrafe, so die
Geschäftsstelle des Gerichts im 20. Gerichtsbezirk von Colorado. Davies
starb im August 2000.
Gemäß Kirchenanwalt Moreno funktionierte das System. „Die Ältesten haben ihre Arbeit gemacht, und die Opfer und die Polizei die ihrige“, sagte er. „Wer wurde geschädigt?“ sagte Moreno. „Schließlich wurde ja Anzeige erstattet. Da ist ein Teenager, der sexuell belästigt wurde, verärgert auf die Ältesten, weil diese nicht die Polizei gerufen hatten“, sagte er. „Sie können doch die Polizei rufen. Ihnen ist doch Schaden zugefügt worden. Wer macht denn die Gesetze? Wir nicht. Machen Sie uns bitte nicht für die Gesetze verantwortlich. Reden Sie mit der gesetzgebenden Körperschaft in Colorado.“
Sonntag, 4. Februar 2001 Wie die Zeugen Jehovas erwarten sieben weitere
Religionsgemeinschaften, die das Courier-Journal untersuchte, von
ihren Geistlichen, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch in Bundesstaaten
zur Anzeige bringen, wo das Gesetz dies fordert. Die Haltung der
Religionsgemeinschaften unterscheidet sich in den Bundesstaaten, wo eine
Anzeige nicht Pflicht ist. Selbst in Bundesstaaten, wo eine Anzeige Pflicht
ist, gibt es aber Unterschiede. So fordern zum Beispiel Kentucky und Indiana
von den Bürgern, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzeigen. Indiana
kennt keine Ausnahmen. Kentucky lässt Ausnahmen zu für Gespräche zwischen
Geistlichen und reuigen Sündern sowie zwischen Anwälten und Klienten.
Südliche Baptisten: Die
Kirchen unterliegen einer Selbstverwaltung, regionale Körperschaften
erlassen also keine Vorschriften. Doch die Baptistenversammlung in Kentucky
schult Personal und Freiwillige, Kindesmissbrauch zu erkennen und bei den
Behörden anzuzeigen, so Wendy Dever, Mitarbeiterin für Vorschul- und
Schulkinder. Presbyterianer (USA): Die
Vorschriften variieren von einer regionalen Körperschaft zur anderen,
richten sich aber oft nach den Gesetzen der jeweiligen Bundesstaaten.
Pastoren in der Religionsgemeinschaft mit Sitz in Louisville ist es
verboten, etwas zu enthüllen, was ihnen im Vertrauen gesagt wurde. Die
Kirche macht keine ausdrückliche Ausnahme bei mutmaßlichem Kindesmissbrauch,
doch Pastoren können die Vertraulichkeit brechen, wenn „das Risiko besteht,
dass jemandem ein körperlicher Schaden droht.“ Rabbinische Versammlung
(Konservatives Judentum): Die Versammlungen unterliegen einer
Selbstverwaltung, aber von Rabbinern wird erwartet, dass sie alles tun, um
Missbrauchsopfer zu schützen, und dazu gehört das Einschalten der Behörden.
„Es muss nicht unbedingt eine weltliche Verpflichtung bestehen, die besagt,
dass jemand Probleme hat“, sagte Rabbi Joel Meyers, Vizepräsident der
Rabbinischen Versammlung. Evangelisch-lutherische
Kirche in Amerika: Die Vorschriften werden von den regionalen leitenden
Körperschaften erlassen, folgen aber oft dem Gesetz eines Bundesstaates, wo
die Pflicht zu einer Anzeige besteht, so Reverend Lowell Almen, Sekretär der
Evangelisch-lutherische Kirche in Amerika. Vereinigte Methodisten:
Die Kirche hat keine Vorschrift, die von den Geistlichen fordert,
mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzuzeigen, aber bei der Schulung der
Geistlichen wird betont, dass die Gesetze eine Anzeige oft zur Pflicht
machen. Wenn ein Pastor im vertraulichen Gespräch, zum Beispiel wenn er
jemanden berät, von einem Missbrauch erfährt, „ist das etwas, was der Pastor
von Fall zu Fall entscheiden kann“, sagte Robert Kohler, stellvertretender
Generalsekretär der Abteilung für ordinierte Geistliche. Kirche Jesu Christi der
Heiligen der Letzten Tage (Mormonen): Die Kirchenführer sind angewiesen, die
Hotline der Religionsgemeinschaft anzurufen, wenn das Thema Missbrauch in
einer Versammlung aufkommt. Am anderen Ende der Leitung sitzen
professionelle Berater sowie Anwälte, die die Ortsgeistlichen über die im
jeweiligen Bundesstaat geltenden Gesetze informieren. „Das Gesetz des Landes
ist zu befolgen“, heißt es in einer Erklärung der Abteilung
Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinschaft. „Wenn eine Anzeige Pflicht ist,
hilft das Personal den örtlichen Kirchenführern … wer die Anzeige erstatten
sollte – ob ... ein Familienmitglied, oder ob der Täter dazu gebracht werden
kann, sich selbst anzuzeigen.“ Keine Religionsgemeinschaft, mit der wir uns in Verbindung setzten, denkt auch nur an das, was einige Zeugen Jehovas von ihrer Kirche fordern: dass den Versammlungen gesagt wird, wenn Pädophile in ihrer Mitte sind. Aber viele Kirchen hindern Sexualtäter daran, mit Kindern zu arbeiten, so Frau Dever von der Baptistenversammlung in Kentucky. Und sie prüfen zunehmend, ob Pastorenkandidaten, Jugendarbeiter oder andere Freiwillige schon einmal straffällig geworden sind. „Kleine Kirchen haben es schwer damit, weil sie jeden kennen“, sagte Dever. „Aber wir kennen wirklich nicht jeden. Wir leben im Jahr 2001. Wir müssen uns darüber Sorgen machen.“ Unsere Redakteurin Megan Woolhouse schrieb diese Geschichte.
Sonntag, 4.
Februar 2001 Im Brennpunkt Das Gesetz in New Jersey
fordert von Geistlichen, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzeigen.
Die Ältesten wandten sich an Carl Pandelos Vater, Clement Pandelo, er möge
sich selbst an die Behörden wenden, sagte Carl Pandelo. Clement Pandelo
gestand der Polizei am 24. August 1988 den Missbrauch. Aber Carl und Barbara
Pandelo sagten, die Ältesten der Ortsversammlung hätten sie auch bedrängt,
einem Teilgeständnis Clement Pandelos für eine geringere Strafe zuzustimmen,
um damit, wie sie sagten, Corinne das Trauma eines Gerichtsverfahrens zu
ersparen. Die Pandelos waren einverstanden. Anthony Valenti aus Maywood, N.J.,
der zu der Zeit Ältester in der Versammlung Fair Lawn war, sagte in einem
Interview, das entspräche nicht seiner Erinnerung. „Meines Wissens haben wir
ihm diesen Rat nicht gegeben“, sagte er.
Clement Pandelo erhielt,
nachdem er sich im Februar 1989 vor dem Superior Court in Bergen County, N.J.,
für schuldig erklärt hatte, Corinne und zwei andere Mädchen belästigt zu
haben, eine Bewährungsstrafe. Pandelo, heute 75 Jahre alt und Mitglied der
Versammlung Hawthorne, N.J., sagte dem Courier-Journal, er wolle dazu
nichts sagen.
Die Versammlung Fair Lawn schloss Clement Pandelo
nach einer Rechtskomiteesitzung aus und nahm ihn 18 Monate später wieder
auf, so das Gerichtsprotokoll. Carl Pandelo sagte, die Wiederaufnahme sei
auf einen Brief seines Vaters an ihn, nicht an seine Tochter, gefolgt.
Carl und Barbara Pandelo
sagten, es sei schlimm genug gewesen, dass die Familie den Angreifer
Corinnes bei Kirchenzusammenkünften sah. Sie wurden verärgert, als
Mitglieder und ein Ältester sie warnten, sie würden „nicht Harmagedon
überleben“, wenn sie die Beziehung zu Clement Pandelo nicht wieder
aufnähmen, sagte Carl Pandelo.
Corinne bereitete sich
damals auf ihre Taufe vor und hatte wiederholte Alpträume, wie sie mit ihrem
Großvater am Taufbecken zusammentraf, so die Gerichtsunterlagen. „Ich kann
verstehen, wie die Pandelos sich fühlen“, sagte Valenti und fügte hinzu,
dass jemand erst dann wieder aufgenommen wird, nachdem ein Dreierkomitee ihn
als reumütig ansieht. „Es wäre besser, wenn sie (Clement Pandelo) vergeben
könnten, aber die Verhältnisse sind nun einmal so.“
Schließlich brachten die
Eltern Corinne zur Therapie. Corinne sagte, in ihr seien Erinnerungen hoch
gekommen, wie sie mehrere Jahre lang von ihrem Großvater belästigt wurde, so
die Gerichtsunterlagen. Um bei der Therapie zu helfen, sagten Corinnes
Eltern, sie hätten den Polizeibericht erhalten und seien schockiert gewesen,
dass Clement Pandelo gestanden hatte, schon seit 40 Jahren Mädchen zu
befummeln. Die Eltern sagten, sie hätten die Ältesten nach Einzelheiten des
Geständnisses von Clement gefragt. Man habe ihnen gesagt, das sei
vertraulich. „Als Eltern haben wir doch wohl das Recht, zu erfahren, was er
gestanden hat“, sagte Carl Pandelo in einem Brief vom 21. Januar 1993 an die
Wachtturm-Gesellschaft, eine Rechtskörperschaft dieser Religion.
Valenti sagte, die
Pandelos hätten mit den Ältesten über ihre Tochter diskutiert. Er lehnte es
ab zu sagen, was die Ältesten mit Clement Pandelo bei anderen Gelegenheiten
besprochen hatten.
Clement Pandelo wurde
nicht anderweitig beschuldigt, aber seine Versammlung in Hawthorne schloss
ihn 1992 aus, so die Gerichtsunterlagen. Vier Jahre später wurde er wieder
aufgenommen, so ein Brief der Pandelos an die Wachtturm-Gesellschaft. Als
Carl und Barbara Pandelo sich vorbereiteten, Clement Pandelo im Jahre 1993
auf Rückzahlung der Kosten für Corinnes Therapie zu verklagen, sagte Valenti,
habe er ihnen gesagt, in der Bibel stehe, Christen sollten einander nicht
verklagen. Valenti sagte, die Kirche erlaube Mitgliedern, Gelder aus
Versicherungen einzunehmen – Clement Pandelo würde es aus seiner
Haftpflichtversicherung bezahlen, aber die Ältesten hätten versucht, zu
einem Kompromiss außerhalb des Gerichts zu kommen. Carl und Barbara Pandelo
wandten sich an die Zentrale der Zeugen Jehovas und bekamen schließlich
grünes Licht für eine Klage, so ein Brief der Kirche. Corinne Holloway,
heute 24, verheiratet und in Spring Lake Park, N.J., lebend, erhielt 1999
vom Bergen County Superior Court 1,8 Millionen Dollar von Clement Pandelo
zugesprochen, nachdem auch andere Frauen ausgesagt hatten, er habe sie, als
sie noch Mädchen waren, belästigt. Clement Pandelo wurde auch zu 500.000
Dollar Geldstrafe verurteilt. Die Jury zog 40% von der ursprünglichen Summe
von 3 Millionen Dollar an Holloway ab, da die Eltern 40% der Schuld trügen,
weil sie ihre Tochter mit dem Großvater allein gelassen hatten.
Die Jury hörte die Aussage, eine Verwandte habe Carl Pandelo gesagt, sein Vater habe schon vor Jahren ein Mädchen belästigt. Carl Pandelo sagte in einem Interview, Valenti habe ihm gesagt, wenigstens ein Ältester habe Clement Pandelo wegen möglichen Missbrauchs befragt und gefunden, das sei unwahr. Valenti bestätige vor dem Prozess eidesstattlich, ein Ältester habe ihm gesagt, eine Untersuchung hätte keine Beweise zu Tage gefördert, dass Clement Pandelo jemanden sexuell missbraucht hatte. Valenti, der aufgrund seines Schweigerechts nicht vor Gericht aussagte, lehnte einen Kommentar ab. Holloway geht in die Berufung. |