Kanadischer Artikel
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22. Februar 2003
 

Prozess gegen Zeugen Jehovas wegen Missbrauch

nähert sich dem Ende

Frau behauptet, sexueller Missbrauch sei von Kirchenältesten vertuscht worden

James McCarten
Canadian Press

 

Sie sitzen auf der Galerie wie Hochzeitsgäste, hübsch getrennt durch ihren Glauben und Lebensstil wie die beiden Seiten eines juristischen Kampfes, von dem sie jeden Tag vor Gericht Zeugen sind.

Auf einer Seite sitzen Dutzende von Zeugen Jehovas, peinlich genau zurecht gemachte Männer und Frauen, viele gewandet in frische, konservative Geschäftskleidung, anwesend, um ihrer Kirche den Rücken zu stärken, wie sie ihre Lehre verteidigt.

Auf der anderen Seite sind die Freunde und Angehörigen der Klägerin, einer früheren Zeugin, die die Kirche und drei ihrer Ältesten dafür verklagt hat, wie sie mit ihren Anschuldigungen von vor fast 15 Jahren, sexuell missbraucht worden zu sein, umgegangen ist.

Bis Donnerstag war in ihren Reihen auch Grace Gough, 20 Jahre lang eine fromme Zeugin Jehovas, bis sie ihr Leben der Hilfe für andere widmete, dem zu entkommen, was sie als kaum mehr als eine Sekte ansieht.

„Ich hätte das nicht mehr weiter durchstehen können, auch wenn ich es versucht hätte“, sagte Gough, 75, am Freitag in ihrem Haus in Fergus, Ontario, wo sie die Selbsthilfegruppe Cult Awareness and Recovery leitet.

„Ich kann einfach nicht daran glauben.“

Seit zwei Wochen schon erhält ein Richter aus Ontario Court einen Crashkurs in den Gewohnheiten der Zeugen, als die Frau mit einer Kirche abrechnet, die ihr Leben über 20 Jahre lang formte.

Die Schlussplädoyers sollen am Montag beginnen.

Die Frau behauptet, die beklagten Ältesten Steve Brown, Brian Cairns und John Didur, wie auch die Watchtower and Bible Tract Society of Canada, die Rechtskörperschaft der Kirche, hätten ihr für den Missbrauch keine angemessene Hilfe zukommen lassen, den sie zwischen 11 und 14 Jahren durch ihren Vater im Haus der Familie in Shelburne, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Toronto, erlitt.

Anstatt sofort die Kinderhilfsgesellschaft zu benachrichtigen und sie eine Beratung außerhalb der Kirche finden zu lassen, musste sie nach biblischen Grundsätzen ihrem Vater gegenübertreten, um ihn seine angeblichen Sünden bereuen zu lassen, wird in der Klage geltend gemacht.

Die Ältesten Brown und Cairns waren mehr am „reinen Bild“ ihrer Glaubensgemeinschaft interessiert, als am Wohl der Frau, sagte Harald Momm, einer der fünf Ältesten, die wegen des Falles von ihren Ämtern zurücktraten.

„Sie wollten nichts mit dem staatlichen Gesetz zu tun haben … sie wollten Schweigen bewahren, und wir waren damit nicht einverstanden“, sagte Momm dem Gericht in der vergangenen Woche.

„Das geht schon seit 13 Jahren so, und alles, was ich herausbekam, war: ‚Es ist wichtig, ein sauberes Image zu wahren. Die Opfer können uns egal sein.‘“

In den letzten Wochen des Jahres 1989 und in den ersten Monaten des Jahres 1990 wütete eine Kontroverse in der Zeugengemeinde in Shelburne über die Klagen der Frau, insbesondere unter den acht Ältesten, denen die Aufsicht über die Versammlung anvertraut war.

Momm und vier weitere argumentierten, dass das Gesetz von Ontario von ihnen fordere, einen sexuellen Missbrauchsfall sofort anzuzeigen und dem mutmaßlichen Opfer zu erlauben, ärztliche Hilfe und psychiatrische Beratung zu suchen.

Schließlich wurde der Fall der Kinderhilfe und der Polizei gemeldet, obwohl keine Anklage folgte.

Schließlich stieg der Vater der Frau, weil die übrigen Ältesten von seiner „geistigen Reue“ überzeugt waren, in der Hierarchie auf und erfreute sich gewisser Vorrechte in der Versammlung, die normalerweise für die am meisten geachteten Mitglieder reserviert sind, sagte Momm.

Der Vater lebt weiter in Shelburne und wurde niemals strafverfolgt. Colin Stevenson, der die Beklagten vertritt, argumentierte, nicht das Verhalten ihrer Kirche, sondern eine Kindheit mit sexuellem Missbrauch durch ihren Vater habe die Frau auf den steinigen Weg ihres Erwachsenenlebens gebracht.

Stevenson konfrontierte sie mit einer Litanei von Problemen: unsicherer Arbeitsplatz, sexuelle Tändeleien, seelischer Aufruhr, der ihr in den Jahren zu schaffen machte, seit die Familie sie, so sagt sie, aufgegeben habe, weil sie ging.

Nichts von den sexuellen Belästigungen in ihrer Arbeit, der Ächtung durch Freunde und ihre Mutter, einem Nervenzusammenbruch und Eheproblemen, darunter eine Vielzahl außerehelicher Affären, sei die Schuld der Kirchenältesten, die sie beschuldigt, nicht richtig mit dem Missbrauch umgegangen zu sein, argumentierte Stevenson.

Aber die Frau gab nicht nach und wischte sich die Tränen ab, als sie darauf bestand, das alles wäre nicht passiert, hätte ihr die Kirche mit 18 Jahren erlaubt, psychiatrische und ärztliche Hilfe zu bekommen.

Als ihr Mann, ein Soldat, im Ausland war, hatte sie einen Nervenzusammenbruch, „weil mein Mann weg war und meine Familie mich enterbt hatte; man gab mir die Schuld, und alles, was ich im Leben kannte, war weg“, schluchzte sie.

„Hätte man angemessen gehandelt, wäre das alles nicht passiert. Meine Mutter hätte mich nicht gehasst, und man hätte mich nicht alleine gelassen.“

Als Teil ihres Glaubens an eine strenge Auslegung biblischer Lehren lehnen die Zeugen Jehovas alles Politische oder „Weltliche“ ab, das sie davon ablenkt, Christus und seine zweite Wiederkehr, die für sie unmittelbar bevorsteht, in den Mittelpunkt zu rücken.

Geburtstage, weltliche Feiertage und Weihnachten werden nicht gefeiert; Kinder müssen während des Vaterunsers oder der Nationalhymne oft die Klasse verlassen, sagte die Frau.

Jeder, der den strengsten Glaubenssätzen der Glaubensgemeinschaft zuwiderläuft, findet sich selbst exkommuniziert, ihm wird „die Gemeinschaft entzogen“, oft in einem solchen Ausmaß, dass er von der eigenen Familie geächtet wird.

Gough hat ihre 56-Jährige Tochter oder ihre 18-Jährige Enkelin, beides Zeuginnen, wegen der berüchtigten Tradition der Kirche, Außenstehenden die kalte Schulter zu zeigen, schon jahrelang nicht gesehen.

Sie beschreibt sich als jemand, „der eine Beziehung zu Jesus Christus hat“. Gough zitiert heute Karl Marx: „Religion ist Opium für das Volk“, und geht organisierter Religion in allen Formen aus dem Weg.

„Ich glaube wirklich, dass (Marx) hier recht hatte, und ich glaube auch, dass Religionen mehr Schaden anrichten als sonst was“, sagte Gough.

„Ich denke, wenn jemand handelt, wie Christus es sagte, einander zu lieben. ‚liebe deine Feinde, bete für die, die dich verletzen und verfolgen’, dann ist das alles, und dafür bete ich viel.“