Donnerstag, 6. Mai
2004
http://writ.news.findlaw.com/hamilton/20040506.html
Als der Boston Globe das Problem des sexuellen Missbrauchs
von Kindern durch Geistliche schließlich beleuchtete, stimmte jeder
zu, dass etwas getan werden musste. Aber die Lösungen sind bis jetzt
traurigerweise weder weit reichend noch wirksam gewesen.
Was geschah? Die Geschichte fiel aus den Schlagzeilen. Und die
Lösungen gingen oft in den Machenschaften der Legislativen und den
bestehenden Mächten verloren. Es braucht unglaubliche
Beharrlichkeit, politische Institutionen auf eine Angelegenheit
konzentriert zu halten, besonders wenn die Aufmerksamkeit der Medien
sich woandershin verschoben hat.
Was Legislativen und Staatsanwälte bis jetzt im Umgang mit
Missbrauch durch Geistliche erreicht haben, sind bestenfalls
Teilerfolge. Wie die folgenden Beispiele klar machen, braucht es
immer noch enorme Stärke auf der Seite von Aktivisten und
weitsichtigen Meinungsführern, die katholische Kirche für die
Tausende an Kindern, die vergewaltigt und sexuell missbraucht
wurden, zur Rechenschaft zu ziehen. Trotz der Zeit, die vergangen
ist, seit die Enthüllungen des Globe einen öffentlichen
Skandal bewirkten, muss erst noch viel getan werden.
Es offensichtlich geworden ist, dass allein das Ansprechen des
Problems der katholischen Kirche - schwierig, wie es sein wird -
immer noch nicht genügen wird. Sechstausend Opfer von Geistlichen
der Zeugen Jehovas gaben sich kürzlich zu erkennen. Inzwischen
schloss die lutherische Kirche gerade einen Multimillionendollar
schweren Vergleich wegen Missbrauchs.
Dies ist eine Krise der öffentlichen Gesundheit und des Straf-
und Zivilrechts von atemberaubenden Ausmaßen, die wenige erst
richtig begriffen haben. Die jetzt ergriffenen Maßnahmen werden in
kommenden Jahren überall in den Vereinigten Staaten widerhallen. Das
macht es alles umso wichtiger, dass diese Maßnahmen angemessen,
prompt und wirksam sind.
Aber sie sind bisher beklagenswert hinter dem geblieben, was
nötig wäre - wie ich beim Erörtern eines letzte Woche
verabschiedeten Gesetzes in Wisconsin, dem enttäuschenden Mangel an
Durchsetzung der Vergleichsvereinbarung in New Hampshire und eines
Falles in Illinois wegen mutmaßlichen Missbrauchs durch einen
Priester, der Wiederholungstäter zu sein scheint - einem Fall, in
dem sich die Kirch weigert, sich an die gerichtlich angeordnete
Beweissicherung zu halten.
Debatte über die Verjährung in Wisconsin: Eine riesige
Enttäuschung
Die Verjährungsfristen bei sexuellem Kindesmissbrauch sind viel
zu kurz. In viel zu vielen Staaten lief die Verjährungsfrist bereits
ab, ehe die Opfer auch nur psychologisch fähig waren, Klage zu
erheben oder auf Schmerzensgeld zu verklagen. Und diese juristische
Realität ermöglichte zweifellos Angeklagten, mit ihren Beutezügen
weiterzumachen.
Die Verjährung bei sexuellem Kindesmissbrauch abzuschaffen sollte
oberste Priorität sein. Maine und Alaska haben in weiser Voraussicht
keine Verjährung bei diesem Missbrauch. Andere Staaten sollten dem
folgen und ihre abschaffen oder wenigstens dramatisch verlängern. Es
gibt keine Entschuldigung für eine Verjährungsfrist, die beginnt,
ehe das Opfer im Erwachsenenalter ist und die Reife hat, um in der
Lage zu sein, dem Fehdehandschuh von Anklage und Rechtsstreit
standzuhalten.
Verjährungsfristen werden von der Verfassung nicht verlang, noch
sind sie in Stein gemeißelt. Sie sind lediglich
verfahrenstechnische, technische Regeln.
Gut, der Staat kann seine Verjährungsfristen im Strafrecht nicht
rückwirkend ändern, wie der Supreme Court in Stogner
gegen Kalifornien urteilte. Aber diese besondere Regel --
begründet in der Ex
Post Facto-Klausel -- trifft nicht auf die Verjährung im
Zivilrecht zu.
Wie das Gericht in
Landgraf gegen USI Film Products und Chase
Securities Corp. gegen Donaldson urteilte, hat der
Gesetzgeber eine große Bandbreite, die Verjährung festzulegen, wie
immer er meint, dass es der Fairness dienst -- einschließlich
überhaupt keiner Verjährung. Im letzteren Fall erklärte das Gericht:
"Verjährungsfristen finden ihre Rechtfertigung in Notwendigkeit
und Annehmlichkeit, statt in Logik. Sie stellen Notbehelfe statt
Prinzipien dar ... sie sind per Definition beliebig ... [und] sind
nicht durch den richterlichen Prozess, sondern durch die
Gesetzgebung ins Gesetz gelangt. Sie stellen eine öffentliche
Politik über das Privileg zu prozessieren dar ... [und sind] gut nur
durch gesetzgebende Gnade und zu einem relativ großen Grad
gesetzgebender Kontrolle [unterworfen]".
Verjährungsfristen verfolgen ein wertvolles Ziel: die
Wahrscheinlichkeit zu steigern, dass die Beweise bei Gericht ganz
zuverlässig sein werden. Aber es gibt andere Arten, diesem Ziel zu
dienen - wie die Beweisvorschriften, die bei jedem Prozess wegen
sexuellen Kindesmissbrauchs angewandt werden, aber auch in jedem
anderen Prozess. Wir können auf Richter zählen, unzuverlässige
Beweise aus dem Gericht heraus zu halten; wir müssen nicht durch
eine Verjährungsfrist annehmen, dass Beweise wie Milch ein
Haltbarkeitsdatum haben müssen.
Und sie haben ein Ziel, das im Kontext von sexuellem
Kindesmissbrauch wenig Sinn ergibt: Um potentiellen Angeklagten zu
erlauben, irgendwann "in Ruhe gelassen" zu werden in der Gewissheit,
dass sie nicht strafrechtlich verfolgt werden.
Dieses Ziel macht Sinn, wenn ein Verbrechen sehr geringfügig ist
(die Leute sollten wegen ihrer früheren Vergehen nicht für immer
schlaflose Nächte haben) oder wenn es überhaupt kein Verbrechen
gewesen sein mag (die Leute sollten sich nicht immer um diese
riskante Steuerverkürzung sorgen müssen). Aber es macht keinen Sinn
bei sexuellem Missbrauch von Kindern.
Tatsächlich, wenn Pädophile "beruhigt sind", sollten wir uns alle
fürchten. Pädophile haben selten nur ein Opfer; ihnen eine
"Absolution" für früheren Missbrauch zu geben, einfach weil der
Missbrauch vor einer Anzahl von Jahren geschah, bringt nur andere
Opfer in Gefahr. Man denke an die jetzt publik gemachte Praxis der
katholischen Kirche, pädophilen Priestern eine Gruppe von Kindern
nach der anderen auszusetzen, damit sie von ihnen terrorisiert und
verletzt werden.
Es haben also alle Staaten ihre Verjährung von sexuellem
Kindesmissbrauch abgeschafft, richtig? Falsch.
Man betrachte Wisconsin als Beispiel. Im Herbst 2003 sagte ich
vor dem Gesetzgeber des Staates Wisconsin aus. Dort stand ein Gesetz
an, das die straf- und zivilrechtliche Verjährungsfrist für alle
künftigen Opfer von Missbrauch erweitert hätte. Aber Opfer früheren
Missbrauchs (die den Raum füllten und stundenlang aussagten) baten
auch die Legislative, die zivilrechtliche Verjährung rückwirkend zu
erweitern.
Wie ich erklärte (im Namen von SNAP), wäre solch eine Verjährung
völlig verfassungsgemäß gewesen. Das Oberste Gericht sagte klar:
Strafrechtliche Verjährungsfristen können nicht rückwirkend
erweitert werden; die Ex Post Facto-Klausel der Verfassung
verhindert dies. Aber es ist offensichtlich, dass diese Klausel
nicht für zivilrechtliche Verjährungsfristen gilt. Außerdem hatte
Wisconsin, wie andere Gerichte, sich aus einer früheren Vorschrift,
die rückwirkende zivilrechtliche Verjährungen verbietet, zu einer
Vorschrift entwickelt, die der Legislative breiten Spielraum ließ,
wo die Umstände es zuließen. Die Opfer baten die Mitglieder, dem
Gesetz eine Vorkehrung hinzuzufügen, die zivilrechtliche
Verjährungsfrist rückwirkend erweitert hätte.
Trotz des klaren Präzedenzfalls brachten einige Mitglieder das
falsche Argument vor, dass es ein verfassungsmäßiges Problem mit
einer rückwirkenden Änderung der zivilrechtlichen Verjährung gebe.
Und leider unterschrieb letzte Woche Wisconsins Gouverneur Jim Doyle
eine Version des Gesetzes, das nur künftige, nicht frühere Opfer
anspricht. Das neue Gesetz ist ohne Frage ein Schritt in die
richtige Richtung, aber es ist beklagenswert unzulänglich.
Das gegenwärtige Gesetz erweitert die Verjährungsfrist für
sexuellen Kindesmissbrauch in die Zukunft, und Geistliche müssen
jetzt ihnen bekannten Kindesmissbrauch anzeigen. Früheren Opfern
wurde jedoch kein Mittel an die Hand gegeben, die Kirche für die
Jahrzehnte der Verletzungen zur Verantwortlichkeit zu ziehen, von
denen sie wusste und sie förderte.
Bischof David Zubik aus Green Bay hätte in seinem Lob für das
Gesetz nichtüberschwänglicher sein können, von dem er sagte, es
würde "Gerechtigkeit für die Geschädigten bringen". Aus einer
kurzsichtigen Perspektive hat er Grund, glücklich zu sein, aber der
Grund hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Das Gesetz schützt die
Truhen der Kirche vor den vielen Opfern, bei denen sie zuließ, dass
sie missbraucht wurden - und schützt in Wirklichkeit die Kirche vor
den abscheulichen Fehlern, die sie während der langen Ära der
Verschwiegenheit machte. Zu derselben Zeit gibt es der Kirche ein
bemerkenswertes Public-Relations-Moment.
Der Anschein von Fortschritt in Wisconsin verbirgt die Realität
der Einsparung.
Die Vereinbarung von New Hampshire: heller Anfang und finstere
Gegenwart
Wie die Legislative von Wisconsin den sexuellen Missbrauch durch
Geistliche im Auge hatte, so schien die Vereinbarung von New
Hampshire mit dem Bischof von Manchester sehr hoffnungsvoll zu sein.
In New Hampshire schien alles zu gehen, wie es sollte: Die
Ankläger waren aggressiv, und die Kirche bot keine fadenscheinigen
Erklärungen über den Ersten Verfassungszusatz an, um zu versuchen,
der Untersuchung zu entgehen; stattdessen öffnete sie ihre Akten für
die Behörden. Schließlich schloss die Kirche einen Vergleich - den
einzigen seiner Art -, in dem die Diözese strafrechtliche Haftung
zugab.
Die Erfahrung in New Hampshire erschien dann nach dem zu vielen
unter Wasser Schwimmen wie der erste Atemzug von Sauerstoff. Aber
dieser Optimismus stellte sich als voreilig heraus.
Eine der vielen Bedingungen des Vergleichs war, dass die Kirche
ihre Akten für Ankläger verfügbar halten würde und dass das Büro des
Generalstaatsanwaltes eine jährliche Revision durchführen würde, um
Einhaltung der Bedingungen der Vereinbarung sicherzustellen.
Nun raten Sie mal, was geschah. Die Vereinbarung wurde am 10.
Dezember 2002 unterschrieben, und keine Revision irgendeiner Art ist
seitdem durchgeführt worden.
Der Grund ist Geld. Die Vereinbarung gab nicht ausdrücklich an,
ob das Büro des Generalstaatsanwaltes oder die Kirche die Revision
bezahlen würde, und beide behaupten, knappe Budgets zu haben. Als
Ergebnis fühlen sich Opfer und ihre Familien von beiden verraten. Es
scheint, es bedürfte erst einer Klage von Opfern, um die Kirche dazu
zu drängen, zu tun, worin sie vor fast zwei Jahren übereinkam.
Der erste Anschein von Verantwortlichkeit auf beiden Seiten löst
sich schnell zur Wirklichkeit des vorherigen Status quo auf: Niemand
achtet darauf, sich zu vergewissern, dass Kinder nicht verletzt
werden.
Ein Beispiel aus Illinois: Bischof Wilton Gregory missachtet das
Gericht
Ein drittes Beispiel für schlechtes Benehmen der Kirche bezüglich
des Ansprechens von sexuellem Missbrauch durch Geistliche ist nicht
nur zutiefst enttäuschend, sondern widerlich.
Ein Priester mit Namen Raymond Kownacki soll mutmaßlich eine
Familie dazu überredet zu haben, ein halbwüchsiges Mädchen mit ihm
in eine neuen Diözese gehen zu lassen, damit es dort eine bessere
Schule besuchte. Aber dort vergewaltigte und schlug er sie, so die
Familie. Als sie schwanger wurde, behauptet die Familie, habe er
einen chemischen und manuellen Schwangerschaftsabbruch durchgeführt.
Doch ihr Fall wurde aufgrund der Verjährung abgewiesen.
Jetzt haben sich zwei weitere Opfer gemeldet. In einem Fall
forderte der Kläger, dass Kownacki auf seinen Geisteszustand
untersucht würde. Das Gericht ordnete an, dass die Kirche die
Unterlagen herausgab, aber sie lehnte ab. Das Ergebnis war, dass die
Diözese das Gericht missachtete.
Traurigerweise wird diese spezielle Diözese vom Vorsitzenden der
katholischen Bischofskonferenz in den USA - Bischof Wilton Gregory
aus Belleville, Illinois - geleitet. Er hat sich wiederholt bei
Opfern im Namen der Konferenz entschuldigt, während Kameras liefen.
Aber jetzt klingen diese Entschuldigungen verlogen, wenn sich seine
eigene Diözese weigert, einer für den Fall eines Opfers
entscheidenden Gerichtsorder zu entsprechen. Dies ist der Führer,
der die Bischöfe in den Vereinigten Staaten angeblich zu einer
neueren und besseren Politik führen sollte, und jetzt haben wir den
Beweis seiner tatsächlichen Absichten: wieder nur dasselbe.
Diese drei Beispiele sind nur Anekdoten im Krieg um sexuellen
Kindesmissbrauch in den Vereinigten Staaten. Sie beweisen, dass
dieser Krieg alles andere als vorüber ist.