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Ausbeutung im Namen Gottes
Katholiken wie Zeugen Jehovas nutzen Gesetz aus, um mit Kindesvergewaltigung ungeschoren davonzukommen
Donnerstag, 22. September 2005


ABER KEINE GERECHTIGKEIT FÜR OPFER, DA GRAND JURY MACHTLOS


bunchw@phillynews.com

Der Teufel liegt im Detail.

Beispielsweise gibt es einen römisch-katholischen Priester aus dem Gebiet von Philadelphia, der ein 11-jähriges Mädchen vergewaltigte und schwängerte und es dann zur Abtreibung brachte. Er hat auch eine Fünftklässlerin im Beichtstuhl vergewaltigt.

Da ist auch der Fall eines Teenagers, die im Streckverband unbeweglich im Krankenhausbett lag und von einem Priester missbraucht wurde.

Und ein weiterer Priester soll ein Sadomasochist gewesen sein und Jungen dafür bezahlt haben, dass sie ihn fesselten - und dann Stuhlgang hatten, so dass er ihren Kot auflecken konnte.

Als der Sexskandal mit römisch-katholischen Priestern im Jahre 2002 in Boston losging, fragten sich viele, ob Philadelphia - die siebtgrößte Diözese im Land mit über 1,4 Millionen Gemeindemitgliedern - vielleicht ähnliche Probleme hatte.

Im April jenes Jahres berief Bezirksstaatsanwältin Lynne Abraham aus Philadelphia eine Grand Jury ein, um den Sexmissbrauch in der Erzdiözese zu untersuchen, und ob Kirchenführer die Dinge vertuscht hatten.

Die Ergebnisse, gestern verkündet, zeigen, dass die Probleme mit sexuellem Kindesmissbrauch in der Erzdiözese schlimmer waren, als man sich je vorgestellt hatte.

"Ich möchte der falschen Vorstellung entgegentreten, dies seien unsittliche Berührungen gewesen - wir sprechen nicht über unangebrachtes Tätscheln oder zu begeistertes Herzen", sagte Abraham gestern auf einer Pressekonferenz vor vollem Saal. "Wir sprechen über die Vergewaltigung von Kindern. Unsere Kinder wurden als Mittel zur Selbstbefriedigung und bei widerlichen sadomasochistischen Handlungen benutzt."

Die Grand Jury, die einen umfassenden 418-seitigen Bericht herausgab, sagte, sie habe den sexuellen Missbrauch Hunderter von Kindern durch mindestens 63 Priester in der Erzdiözese belegen können - und vermutete, dass es noch mehr gab, was sie nicht aufdecken konnte.

"Wir hörten Aussagen, wie Priester Kinder in Pfarrhausschlafzimmern, in Kirchensakristeien, in geparkten Autos, in Swimmingpools, im Priesterseminar St. Charles Borromeo, in den Urlaubshäusern der Priester in den Poconos und an der Küste von Jersey, in den Schulen der Kinder und sogar bei ihnen zu Hause missbrauchten und vergewaltigten", berichtete die Grand Jury.

Aber das Gremium und Abraham hoben sich einige der deutlichsten Worte auf für die beiden Männer, die die Erzdiözese während der Zeit der Untersuchung leiteten - den pensionierten Kardinal Anthony Bevilacqua und den verstorbenen Kardinal John Krol, der eine Ikone des 20. Jahrhunderts in Philadelphia war.

Laut dem Bericht beteiligten sich die beiden Kardinäle an der Vertuschung, durch die die Zahl der missbrauchten Kinder stieg - indem sie pädophile Priester einfach in andere Gemeinden versetzten oder sie ohne Bestrafung auf ihren Posten ließen.

"In dieser gefühllosen, berechnenden Weise war die Behandlung des Missbrauchsskandals durch de Erzdiözese wenigstens ebenso unmoralisch wie der Missbrauch selbst", hieß es in dem Bericht.

Doch die Grand Jury beschuldigte niemanden eines Verbrechens. In ihrem Bericht hieß es, dass entweder die Verjährungsfrist abgelaufen war oder dass es andere Fehler im Gesetz gab.

"Uns bleibt also nur das, was eigentlich eine Travestie von Justiz ist: eine Vielzahl von Verbrechen, für die niemand strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann", heißt es.

Der lange erwartete Bericht führte zu einer merkwürdig gemischten Reaktion seitens der Erzdiözese. Kardinal Justin Rigali, der die Amtsgeschäfte übernahm, als Bevilacqua im Jahre 2003 die Pflichtpensionsgrenze erreichte, entschuldigte sich auf einer Pressekonferenz wiederum bei den Opfern. Doch die Erzdiözese gab auch einen deutlichen 70-seitigen Bericht heraus, in dem die Ergebnisse der Untersuchung verrissen wurden und sogar versucht wurde, sie mit den antikatholischen Vorurteilen der 1840er Jahre in Verbindung zu bringen.

In der schriftlichen Antwort der Erzdiözese hieß es, Abrahams Untersuchung sei "eine 40-monatige Untersuchung mit vorher feststehendem Ergebnis und ein Bericht, der eigentlich ein Advokatenstück voller Vorurteile sei."

Tatsächlich zeigte das gestrige Hin und Her, dass der Bericht der Grand Jury nicht an eine Lösung der Kontroverse um die Behandlung sexuellen Kindesmissbrauchs durch die Erzdiözese nahe kam. Abraham stellte gestern die Frage: "Hat sich etwas geändert? Hat die Erzdiözese es begriffen? Erkennt sie völlig ihre Verantwortung? Die Antwort ist ein entschiedenes Nein."

Dennoch brachte der Bericht einige Opfer von sexuellem Missbrauch durch Priester im Gebiet von Philadelphia und ihre Fürsprecher einem Abschluss näher als jemals, seit der Skandal ausbrach.

"Der Silberstreif am Horizont heute ist, dass jetzt auch andere davon wissen", sagte Pat Hitchens, ein örtliches Mitglied von SNAP, dem Survivors Network of those Abused by Priests, die sagte, sie sei in den 1960er Jahren von einem Priester aus dem Südwesten von Philadelphia und Darby missbraucht worden. "Die Bezirksstaatsanwältin gibt so vielen Leuten eine Stimme, die so lange gelitten und geschwiegen hatten."

"Wir müssen ein Klima der Versöhnung aufbauen, wo Kirchenführung und Priester keine Angst haben, darüber zu reden, anstatt zu sagen, das sei Vergangenheit", sagte Bud Bretschneider von Voice of the Faithful. "Es ist keine Geschichte. Es ist sehr real und lebendig."

Der Bericht sprach ausführlich über die Probleme, die Personen, die als Kinder vor Jahrzehnten missbraucht wurden, noch heute als Erwachsene haben, einschließlich dessen, was er als "Seelenmord" bezeichnete - wenn sie als Folge ihrer Schändung den Glauben verlieren.

"Damit ein Priester seine sexuellen Triebe befriedigen kann, verlieren diese Kinder ihre Unschuld, ihre Jungfräulichkeit, ihre Sicherheit und ihren Glauben", hieß es. "Man kann sich nur schwer ein heimtückischeres Verbrechen vorstellen."

Ein Opfer, von der Grand Jury "Billy" genannt, sagte, als Reverend James Brzyski seine Hände in Billys Hose steckte, als er gerade einmal 11 Jahre alt war, "machte es dieses liebe Kind zu einem Monster."

"Ich konnte mich an keinen Gott und keine Familie wenden, und war vorher eine Person in mir, waren es jetzt zwei", sagte er aus. "Dieser nette Billy... der einmal lebte, und dann dieses Böse, dieses Finstere, Billy... der kein Gewissen und keine Skrupel hatte, um über die Runden zu kommen ..."

Diese Erzählung ist nur eine von vielen Anekdoten in dem ausführlichen Bericht, bei denen sich einem der Magen umdreht.

Einige der harschesten Worte gelten dem Reverend Nicholas Cudemo, der von einem hochrangigen Assistenten von Bevilacqua als "einer der perversesten Menschen, die ich je kenne", bezeichnet wurde.

Es war Cudemo, hieß es in dem Bericht, der in den späten 1960er Jahren ein Mädchen, "Ruth", missbrauchte, als sie neun oder zehn war, sie mit 11 vergewaltigte, zur Abtreibung brachte und sie weiter missbrauchte, bis sie 17 war. "Seither leidet sie schwer", besagte der Bericht.

Cudemo, auch der Priester, der eine Fünftklässlerin im Beichtstuhl missbrauchte, unterrichtete in High Schools in drei Gebieten - unter Bischof Neumann, Erzbischof Kennedy und Kardinal Dougherty, und wurde, wie es in dem Bericht hieß, wiederholt aufgrund dessen versetzt, "was in den Akten der Erzdiözese als 'besondere Freundschaft' mit Mädchen bezeichnet wurde."

Laut dem Bericht befummelte Reverend Albert Kostelnick junge Mädchen "über einen Zeitraum von 32 Jahren, angefangen 1968, als er sich an den Genitalien und Brüsten dreier Schwestern im Alter von 6 bis 13 Jahren zu schaffen machte, während er ihren Eltern im abgedunkelten Wohnzimmer Lichtbilder zeigte."

Die Grand Jury berichtete, dass die vierte Schwester das Mädchen war, das Kostelnick befummelte, als es 1971 nach einem Autounfall im Streckverband lag. "Man sagte, das verletzte Mädchen musste nach der Krankenschwester läuten, damit der Missbrauch aufhörte", so der Bericht.

Trotz einer langen Vorgeschichte von Klagen über Kostelnick - darunter ein Bericht an die Polizei aus dem Jahre 1987, dass er mutmaßlich ein 8-jähriges Mädchen unsittlich berührt hatte - ließ man ihn jahrelang weiter Pastor von St. Mark in Bristol sein, und 1997 wurde er mit einem Mittagessen im Hause des Kardinals geehrt.

Die Grand Jury sagte, dass Reverend Raymond Leneweaver von Saint Monica in Süd-Philadelphia eine Gruppe von Ministranten "Philadelphia Rovers" nannte und T-Shirts für sie herstellte. Es hieß, dass er die 11- und 12-jährigen Jungen wiederholt missbrauchte und wenigstes einen Jungen anal vergewaltigte.

Als ein Junge versuchte, Leneweaver anzuzeigen, hieß es, habe ihn sein eigener Vater verprügelt, bis er besinnungslos war, und wiederholt gesagt: "Priester tun so etwas nicht."

Der Bericht belegt auch wiederholte Bemühungen von Funktionären der Erzdiözese, pädophile Priester zu verstecken. Einer sei so oft versetzt worden, dass Kirchenvertreter sich Sorgen machten, es gebe nicht mehr genug Orte, wohin sie ihn stecken könnten. In einem anderen Fall, so fand die Jury heraus, habe sich eine Nonne darüber beklagt, dass ein Priester, der wegen Besitzes von Kinderpornos verurteilt worden war, immer noch mit Kindern arbeitete, woraufhin sie von ihrem Posten als Erzieherin gefeuert wurde.

Die Grand Jury befand, sie könne die Erzdiözese nicht wegen gemeinschaftlicher Verbrechen zur Rechenschaft ziehen, weil die Kirche keine Rechtskörperschaft sei.

Das Gremium empfahl mehrere Änderung bei den Bundesstaatsgesetzen, um jegliches künftige Problem zu erfassen, darunter die Abschaffung der Verjährung für Verbrechen an Kindern - ein Schritt, den einige andere Bundesstaaten bereits unternommen haben.

Es empfahl auch eine Verschärfung der Kinderschutzgesetze in Pennsylvania, so dass alle, die von Kindesmissbrauch erfahren, verpflichtet seien, Anzeige zu erstatten, sowie eine Überprüfung der Vorgeschichte aller Angestellten aller Organisationen, die sich mit Kindern beschäftigen.


Redakteurin Kitty Caparella beteiligte sich an diesem Bericht.