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Ein Bruder schreibt
Äußerung der Ernüchterung über Missbrauchspolitik

Ich brauche einfach einen Weg, um meinem Entsetzen Luft zu machen. Ich habe gerade Ihr Programm zu Ende gesehen. Ich bin ein Zeuge, obwohl ich oft davor zurückscheue, zu sagen, dass ich einer bin. Dieses Gefühl ist an sich schon fast eine Sünde gegen die Zeugen Jehovas. Meine Geschichte spielt vor acht Jahren. Ich lebte zu Hause mit meinen Eltern, und eine meiner Schwestern ist meine Zwillingsschwester. An einem Tag wie jeder andere setzte sich meine Schwester und erzählte uns, dass sie in den vergangenen drei Jahren von dem Mann ihrer Schwester vergewaltigt und missbraucht wurde. Dieser Tag war wahrscheinlich einer der schlimmsten im Leben meiner Familie. "Einer der", denn das, was dann geschah, war ebenso verheerend; und ich weiß nicht, warum ich der einzige aus meiner Familie war, der bis ins Mark erschüttert war. Sofort nachdem sie es erzählte, flohen meine Familie, die Tanten, Onkel und die Oma (alles Zeugen Jehovas) zu den Ältesten unserer Versammlung und flehten sie an, das anstehende Problem zu lösen. Doch mein Schwager leugnete, dass dieser Missbrauch stattgefunden habe. Seine Frau, meine andere Schwester, gab zu, dass sie gesehen hatte, was geschah, und dass sie selbst missbraucht wurde, leugnete es aber vor den Ältesten und erklärte gegenüber meiner Familie, weil sie eine Tochter habe, könne sie nicht die Ehe zerbrechen. Es gab eine Zeit, da habe ich meine Mutter angefleht, die in unserer Einfahrt mit einem BB-Geweht kämpfte, nicht zu meinem Schwager zu gehen und auf ihn zu schießen. Ich weiß, dass ein BB-Gewehr keine gefährliche Waffe ist, doch wenn man Kummer hat, nimmt man alles, um jemand anderem zu schaden. Die Ältesten taten nichts. Zwei Jahre später heiratete ich. Meine Frau kann über die vielen Nächte sprechen, wo ich wie ein Fötus zusammengerollt lag und weinte, wie dies geschehen konnte und wie die Gesellschaft, von der ich dachte, sie würde uns beschirmen, nichts tat. Alles, woran ich glaubte, war erschüttert. Stattdessen beobachtete ich, wie unsere ganze Familie einschließlich ich selbst, einer nach dem anderen, zu den Ältesten gingen und sie anflehten. Aber wer bestraft wurde, war meine Schwester, die sich gemeldet hatte. Sie durfte nicht mehr in der Theokratischen Dienstschule sein und mit Schwestern Aufgaben haben. Sie verlor ihr Recht als Pionier im Predigtdienst. Man überließ sie dem Gefühl, dass es irgendwie ihre Schuld war. Heute hat sie ihre Rechte wieder, und meine ganze engste Familie und meine Tanten und Onkel sind wieder im Vollzeitdienst und machen sich gut in der Versammlung. Doch viele von ihren Kindern haben die Glaubensgemeinschaft verlassen. Ich bin dem Kampf mit vielen Konflikten überlassen. Ich wurde geächtet, weil ich außerhalb meines Glaubens geheiratet habe, und meine eigenen Eltern kamen nicht zur Hochzeit. Mein Leben ist in Stücke gerissen. Hin und wieder gehe ich zu einem Kongress, aber mein Glaube an die Versammlung ist weg. Ich gehe vielleicht zu einer oder zu zwei Zusammenkünften im Jahr; ich schäme mich, jemandem in die Augen zu schauen. Wohin gehe ich? Was tut ich als nächstes, um mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen? Danke für dieses Ventil, dass ich meinem Ärger Luft machen konnte. Gezeichnet, J