America
(americamagazine.org), Band 192 Nr. 20, 6. Juni 2005
Ein
Skandal im 11. Jahrhundert
von C. Colt Anderson
Mark Twain sagte, die
Geschichte wiederhole sich nicht, aber sie reime sich. Der
Sexmissbrauchsskandal, der in den Kirchen in ganz Amerika
seinen Widerhall hinterlässt, wie sie in der aktuellen
Kontroverse über die Entscheidung zum Ausdruck kommt, Kardinal
Bernard Law den Vorsitz über eine der Gedächtnismessen für
Papst Johannes Paul II. in Rom nach dessen Tod am 2. April zu
geben. Dies hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit einer Reihe
von Krisen, die die Kirche im Mittelalter aufwühlten,
insbesondere im 11. Jahrhundert. Damals wie heute schien die
höhere Geistlichkeit sich völlig im Unklaren über den
Schaden zu sein, den skandalöses sexuelle Verhalten sowohl
bei Opfern wie auch der Gemeinde insgesamt hinterließ.
Probleme waren im 11.
Jahrhundert viel weiter verbreitet als in unserem. Priester
und Bischöfe unterstanden nicht dem weltlichen Gesetz, und
Missbrauchsverhalten erstreckte sich nicht nur auf Kinder,
sondern auch auf Erwachsene. Viele hatten Konkubinen oder im
Haus wohnende Prostituierte, die ihren geistlichen Gönnern
auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. Einige Bischöfe
benutzten ihre Autorität über die Geistlichen, um Priester
auch zum Analverkehr zu zwingen.
Doch ein Kardinal, Peter
Damian, war bereit, öffentlich über die Missbräuche zu
sprechen, und er legitimierte Initiativen der Laien,
geistliche Täter zu bestrafen. Vieles von Damians Analyse der
tieferen Ursachen sexuellen Missbrauchs durch Angehörige der
Geistlichkeit ist auch auf unsere eigene Situation anwendbar.
Peter Damian (1007-72),
später kanonisiert und zum Doktor der Kirche ernannt, erfuhr
die vernichtende Macht des Bösen früh in seinem eigenen
Leben. Weil seine Mutter dachte, die Familie könne kein
weiteres Kind ernähren, weigerte sie sich, ihn als Kleinkind
zu füttern. Nur die Intervention der Konkubine des örtlichen
Priesters rettete das Leben des Kindes.
Als Kind in Ravenna, Italien, verlor Peter Damian beide Elternteile. Sein
mittelalterlicher Biograf behauptete, er habe die Zeit mit
einem älteren Bruder, der Missbrauch trieb, verbracht, ehe
ein anderer Bruder, der Erzpriester in Ravenna
war, ihn aufnahm und für seine Erziehung sorgte.
In der zur Diözesankathedrale gehörigen Schule, die er
besuchte, wurde Damian zunehmend schockiert durch das
Verhalten der Schüler und Professoren. Anstatt eine lukrative
Karriere als Professor und Geistlicher zu verfolgen, trat er
in ein Kloster eine und widmete sich dem Werk, die Kirche zu
reformieren. Zu dem, was er erreichte, gehörte schließlich
auch die Schaffung einer Prozedur für die Papstwahl.
Klagen seitens Damian,
die Kirche sei nicht willens, gegen das sexuelle Verhalten
ihrer Priester vorzugehen, trafen jedoch auf Untätigkeit.
1049 schrieb Damian an Papst Pope Leo IX (1048-54) über das
Geschwür des sexuellen Missbrauchs, das sich durch die Kirche
fraß: Jungen und Heranwachsende wurden gezwungen und
verführt, Analverkehr mit Priestern und Bischöfen zu haben;
es gab Probleme mit sexueller Belästigung unter höheren
Geistlichen; und viele Angehörige des Klerus hielten sich
Konkubinen.
Peter Damian warnte den
Papst, die Bischöfe würden durch ihr Versagen, für mehr
Disziplin in der Kirche zu sorgen, zu einer Zunahme des
Problems beitragen. Angehörige des Klerus, die andere sexuell
missbrauchten, zeigten durch ihre Taten, dass sie keine
Gottesfurcht hätten, argumentierte Damian. Diese Männer
hätten nur Angst davor, von den Menschen verachtet zu werden
und ihre Stellungen zu verlieren; sie würden alles
unternehmen, um nicht ihres klerikalen Standes enthoben zu
werden. Das Wissen, ihr Bischof würde sie nicht aus Amt und
Würden entlassen, gab diesen Männern einen Freibrief, weiter
boshaft zu handeln. Weil die Bischöfe Angehörige des Klerus,
die Missbrauch trieben, also nicht bestraften, wären sie
ebenso schuldig wie die Männer, die die Verbrechen begingen.
Überzeugt, dass es das
Fehlen bischöflicher Aufsicht war, das den Sexualskandal in
seinen Tagen verursachte, bot Damian diese Ermahnung an:
Hört zu, ihr untätigen
Oberen des Klerus und der Priester. Hört zu, auch wenn ihr
euch euer sicher fühlt, erzittert bei dem Gedanken, dass ihr
Teilhaber an der Schuld anderer seid; diejenigen, die bei den
Sünden, die berichtigt werden müssen, der Untergebenen ein
Auge zudrücken und ihnen durch falsch bedachtes Schweigen
einen Freibrief für ihre Sünden erteilen. Hört zu, sage ich,
und seid verständig genug, dass ihr alle gleichermaßen den
Tod verdient, das heißt, nicht nur die, die solche Dinge tun,
sondern auch die, die sie in ihrem Treiben gutheißen (Röm. 1:32).
Aus dem Modell
abgeleitet, dass ein Bischof oder Priester mit der Kirche
verheiratet ist, beschuldigte Damian sowohl diejenigen, die
Menschen unter ihrer Obhut sexuell missbrauchten, als auch
diejenigen, die solchen Missbrauch mit dem Verbrechen
geistigen Inzests zuließen. Doch wo leibliche Eltern, die
Inzest begingen, im Mittelalter mit Exkommunikation und Exil
bedroht waren, glaubte Damian, dass Bischöfe, die ihre
geistigen Kinder verrieten, deine härtere Strafe verdienten.
Ihr Verrat lief tiefer.
Leider stimmte Papst Leo
IX Peter Damians Analyse des Problems von Missbrauch
durch den Klerus nicht zu. Er war bereit, Geistliche zu
bestrafen, die Analverkehr mit Jungen und Heranwachsenden
hatten, aber er verharmloste die Bestrafung von Klerikern, die
anderen Sexualverkehr mit Kindern und Erwachsenen beiderlei
Geschlechts pflegten.
Kurz nach der Wahl von
Papst Nikolaus II (1058-61), lenkte Damian die Aufmerksamkeit
wiederum auf das Thema. Seine Beschwerde vor dem neuen Papst
klingt wie für heute gemacht: Tatsächlich scheint es in der
römisch-katholischen Kirche heute ja Sitte zu sein, dass
bezüglich anderer Kirchenstrafen eine angemessene
Untersuchung stattfindet, aber ein beredtes Schweigen wird
über klerikale Sexualität ausgebreitet - aus Furcht vor
Schmähungen durch die Laien. Damian drängte den Papst, das
Thema an die Öffentlichkeit zu bringen und sowohl die
Sexualtäter zu bestrafen als auch die Bischöfe, die ihrer
Pflicht nicht nachkamen, Sexualtäter zu bestrafen und ihres
Amtes zu entheben. Er beklagte sich, gelegentlich würden zwar
Priester bestraft, aber den Bischöfen zolle man durch
schweigende Toleranz Verehrung, was völlig absurd sei.
Gemäß Damian ist eine
Bestrafung derer, die Macht- und Aufsichtsstellungen haben,
der einzige Weg, in Skandalzeiten die Glaubwürdigkeit
wiederherzustellen.
Damian erzählte die Geschichte des alttestamentlichen
Priesters Pinechas. Als Pinechas sah, wie einer der
bekanntesten israelitischen Stammesfürsten mit einer
midianitischen Prostituierten Sex hatte, stellte er das Paar
in der Öffentlichkeit bei ihrem Sex bloß und spießte sie
mit einem Speer auf. Dadurch ahmte Pinechas Gottes
Gerechtigkeit nach und zeigte, dass das Einhalten des Gesetzes
erzwungen werde.
Damian merkt an, dass
die meisten israelitischen Männer um Pinechas mit
Prostituierten verkehrten. Doch Pinechas schlug nur die
mächtigsten und gesellschaftlich bekanntesten Männer. Daraus
muss der Schluss gezogen werden, dass für die Mächtigen ein
höherer Maßstab gilt. So schlug Gott nach 4. Mose 25:4 Eli,
als dieser seine Söhne nicht bestrafte. Seine Untätigkeit
brachte die Priesterschaft in schlechten Ruf. Gleichermaßen,
machte Damian geltend, untergräbt die gebieterische
Hierarchie die Legitimität des kirchlichen Amtes, wenn sie es
versäumt, Disziplin zu erzwingen.
Eli wurden seine Macht,
seine Vorrechte und sein Reichtum genommen. Damian glaubte,
die Bischöfe sollten auch die Insignien ihres kirchlichen
Amtes verlieren. Er sagte voraus, dass Gottes Werkzeuge, den
Bischöfen Reichtum und Vorrechte zu nehmen, die sie für
garantiert genommen hatten, die Laien sein würden. Die Laien
hatten dem Klerus zeitliche Macht und Wohlstand gewährt, wenn
der Klerus nun seiner geistlichen Aufgabe nicht nachkam, so
seien es die Laien, die die Pflicht hätten, in dieses zu
nehmen, und zwar in Zusammenarbeit mit den Reformatoren
innerhalb der Geistlichkeit und der Orden.
Frauen nahmen in der
Kirche im 11. Jahrhundert die niedrigste Stelle ein, doch Damian
glaubte, auch sie hätten eine Pflicht, den Klerus zu
berichtigen. Dass er sie mit in den Prozess hineinnahm, selbst
die höchsten Angehörigen des Klerus zu reformieren,
veranschaulicht Damians Standpunkt, dass alle in der Kirche
die Pflicht hätten, ihre Oberen öffentlich zu korrigieren,
wenn sie schwerwiegende Sünden oder Abweichungen von der
Überlieferung sehen. Tugend und Macht seien nicht durch das
Geschlecht einer Person bestimmt. Tugend sei vielmehr eine
Gabe Gottes.
So schrieb Damian im
Jahre 1064 an Herzogin Adelaide von Turin
und drängte sie, ihren politischen 'Einfluss zu
benutzen, um das Problem des sexuellen Missbrauchs durch
Geistliche anzusprechen. In einer Sprache, die uns abstoßend
scheine mag, lobt er Gott, weil er Adelaide so stark wie einen
Mann gemacht habe, und bezog sich auf eine Menge biblischer
Zitate, darunter die Beispiele von Deborah, Jael, Judith, Esther, Abigail
und anderer Frauen, die schwache, böse oder ängstliche
Männer zurechtwiesen, um ihr Handeln bei der Reformierung der
männlichen Angehörigen des Klerus zu rechtfertigen. Die
biblischen Geschichten bewiesen, dass Gott manchmal Frauen als
Werkzeuge eines herrlicheren Triumphes erwählt.
Nicht zuletzt stellt
Damians Geschichte die Praktik, Sünden zu vertuschen, um
einen Skandal zu vermeiden, in Frage. Sie liefert auch einen
Vorgehenskatalog für das Wiedererlangen
der Glaubwürdigkeit, indem Bischöfe bestraft werden, die es
Sexualtätern ermöglichten, die verletzlichsten Angehörigen
des Volkes Gottes zu vernichten. Und wenn die Leitungsebene
der Hierarchie sich als unfähig erweist, sich in diesen
Dingen zu reformieren, dann bietet der hl. Peter Damian ein
katholisches Modell gemeinsamer Reform, die Laien, Diakone und
Priester umfasst. Und am wichtigsten, seine Geschichte zeigt,
dass wir Skandale wegen sexuellen Missbrauchs in der
Vergangenheit überwunden haben, indem wir unserer Tradition
treu blieben und Wachsamkeit gegenüber Verderbtheit wahrten.
C. Colt Anderson ist
außerordentlicher Professor für Kirchengeschichte an der
University
of
St. Mary
of the Lake,
Mundelein, Ill.