Jehovas Zeugen zeigen theologische Unstimmigkeit durch konstantes Schweigen über Michael Jackson

 

In den vergangenen Monaten hat die Publicity um den Prozess gegen Michael Jackson Jehovas Zeugen und ihren Glauben ins Schlaglicht gerückt. Normalerweise sind sie eine geschlossene Gesellschaft, die wenig Informationen für die Öffentlichkeit zulässt, doch nun waren sie gezwungen, sich einigen harten Realitäten in Bezug auf ihre Theologie zu stellen. [VH1 hier lesen (englisch)]

 

Im Jahre 2001 wurde der Kindesmissbrauchsskandal als weltweites Problem in der Gemeinde der Zeugen Jehovas aufgedeckt. Hunderte von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln brachten Berichte von Opfern über Missbrauch weltweit. Fernsehmedien in Form aller großen Sender einschließlich Dateline, BBC, CBC, sowie weitere angesehene Programme, lieferten entsetzliche Berichte von den Opfern über das Vertuschen von Missbrauch, die in über fünfzig Ländern auf der ganzen Welt ausgestrahlt wurden. Die Reaktion der Leitung der Zeugen Jehovas (Leitende Körperschaft) wurde öffentlich dokumentiert in der New York Times [Bericht hier lesen (deutsch)], wie sie begann, Mitgliedern die Gemeinschaft zu entziehen, die warnend darüber sprachen, dass Missbrauch ein Problem in der Religionsgemeinschaft ist. Im selben Monat, als der Artikel der NYT in Druck ging, veröffentlichte die Religionsgemeinschaft einen internen Artikel an alle Mitglieder in einem monatlichen Rundbrief namens "Unser Königreichsdienst". In einer vierseitigen Einlage, die in zwei aufeinanderfolgenden Zusammenkünften studiert wurde, wurde in einem Artikel mit der Überschrift "Christliche Loyalität bekunden, wenn ein Verwandter ausgeschlossen ist" die Frage aufgeworfen, wie ausgeschlossene Verwandte zu behandeln seien  [Artikel hier lesen (deutsch)]. Dieser Artikel war offensichtlich eine Antwort auf die Medienberichte über Kindesmissbrauch in der Organisation und wurde als Werkzeug benutzt, um jedes Familienmitglied zum Schweigen zu bringen, das sich vielleicht wegen Missbrauchs in der Vergangenheit melden könnte. Die Organisation schloss im weiteren Verlauf weitere Mitglieder aus, die über das Missbrauchsproblem nicht schwiegen. Der Artikel bot Angehörigen, die nicht selber ausgeschlossen werden wollten, nur eine Wahl: ihre ausgeschlossenen Verwandten nach den Richtlinien des "Königreichsdienstes" aus dem Jahre 2002 zu verstoßen. In dem Artikel wurde das Beispiel eines Sohnes und einer Tochter genannt, die ihre Mutter anriefen und ihr erklärten, sie würden erst wieder mit ihr sprechen, wenn sie wieder aufgenommen würde (nicht mehr ausgeschlossen ist). In dem Artikel hieß es auch, eine Familie müsste bedenken, ob ein ausgeschlossenes Kind an ihrem Tisch essen dürfe. Dieser harte theologische Erlass war in der Geschichte der Religionsgemeinschaft die härteste Auslegung des Glaubensgrundsatzes. Praktisch drohte allen Schweigen seitens und Verlust der Angehörigen, wenn die Ältesten der Versammlung meinten, sie müssten ausgeschlossen werden.

 

Diese interessante Reaktion des Zeugen-Managements bei ihrem Missbrauchsskandal stand in großem Gegensatz zu dem, was die katholische Kirche unternahm, eine Religion, die jahrelang von den Zeugen Jehovas wegen ihres Kindesmissbrauchsskandals an den Pranger gestellt worden war. Der katholische Missbrauchsskandal wurde von den Zeugen Jehovas benutzt, um katholische Glaubensgrundsätze als zu "Babylon der Großen" zugehörig zu verurteilen, dem Weltreich der falschen Religion, das von Satan dem Teufel geleitet werde [Siehe Artikel hier (englisch)].

Die katholische Kirche hat ihr Problem rechtzeitig erkannt, Änderungen an den Vorschriften vorgenommen, und der Papst hat sich öffentlich entschuldigt. Das bedeutet zwar nicht, dass die katholische Kirche völlig aus dem Problem entlassen ist, aber wenigstens waren es Schritte in die richtige Richtung. Die Zeugengemeinde hat die katholischen Fortschritte nicht ein einziges Mal in ihrer Literatur erwähnt, nachdem sie dieser Kirche darin in allen Jahren das Leben so schwer gemacht hatte. Bis heute hat sich das Zeugen-Management geweigert, ihr Problem anzuerkennen, und höchstens noch jeden ausgeschlossen, der versucht hat, mit dem Missbrauchsskandal an die Öffentlichkeit zu gehen. Viele Missbrauchsüberlebende wurden einfach per Brief oder Anruf benachrichtig, man habe sie rausgeworfen, nachdem sie über Kindesmissbrauch als Problem geredet hatten. Das Urteil gegen Missbrauchsüberlebende war schnell und hart, und sie wurden im Kontext des "Königreichsdienstes" von 2002, wie ausgeschlossene Verwandte zu behandeln seien, zu Ausgestoßenen für Angehörige und Freunde. Die Abteilung der Zeugen Jehovas für Öffentlichkeitsarbeit gab zahlreiche Presseveröffentlichungen an die Medien heraus - als Reaktion darauf, dass Opfer weiterhin den Medien ihre Geschichten erzählten. In jedem Fall nahm die Religionsgemeinschaft für sich in Anspruch, unschuldig zu sein, und in einem Fall behauptete ein führender Anwalt als Mediensprecher doch tatsächlich, die Missbrauchspolitik der Zeugen Jehovas sei der anderer Religionen "weit überlegen". Das war, nachdem sie zugegeben hatten, dass es eine private Datenbank mit Tausenden von Kinderschändern gebe, die nicht bei der Polizei angezeigt worden waren.

Nun erscheint der Skandal um Michael Jackson schon seit Januar 2003 in den Medien. Damals war Firpo Carr, Mitglied der elitären Klasse der 144000 Zeugen Jehovas mit himmlischer Hoffnung, Sprecher von Jackson. Zu dieser besonderen Gruppe gehören nur etwa 4000-5000 Zeugen Jehovas, und nach ihrem Glauben stellen sie eine lange Reihe von Personen dar, die sich bei Gott besonderer Gunst erfreuen, die letzten Angehörigen der Menschheit, die in den Himmel kommen, um nach Harmagedon als Könige über die Erde zu herrschen. Carr diente drei Monate lang als Sprecher Jacksons, und er ging zu dessen Verteidigung zusammen mit Jacksons Familie immer wieder an die Öffentlichkeit. Es wurde ein Artikel über die offensichtliche Unstimmigkeit geschrieben, wie die Jacksons außerhalb der Lehren über den Ausschluss besondere Vorrechte genossen [Hier Artikel lesen (englisch)].

 

In Zeitungsartikeln wurde weiter erklärt, Michael Jackson sei ein Zeuge Jehovas. Im Frühjahr 2003, als die Medien auf die Behauptung anspielten, Jackson sei zum Islam konvertiert, kam die Gegendarstellung schnell und öffentlich. Jackson leugnete rundheraus jede Verbindung zu dieser Religion. Doch in neueren Artikeln wird immer wieder darauf hingewiesen, Jackson sei ein Zeuge Jehovas. Es ist eine merkwürdige Stille, die nicht nur als dem Jackson-Lager kommt, sondern auch von der zuvor in ihrem Kindesmissbrauchsskandal lautstarken Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Zeugen Jehovas. 1987 erklärte Die Religionsgemeinschaft öffentlich, Jackson sei aus der Gemeinschaft ausgeschlossen worden. Im Lichte der Publizität und des Skandals müsste man eigentlich meinen, sie sollten das vor den Medien klarstellen - es sei denn, Jackson sei als Mitglied in gutem Ansehen wieder willkommen geheißen worden.

 

Für Angehörige der Zeugen Jehovas, die mit der Lehre vertraut sind, stellt es ein theologisches Dilemma dar, dass Jacksons Lebensweise scheinbar in völligem Widerspruch dazu steht, wie den Mitgliedern gesagt wird, dass sie leben sollen. Es läuft einfach auf folgende Probleme heraus:

  1. Wenn Jackson ein Zeuge Jehovas ist, stellt dies eine öffentliche Aussage darüber dar, wie die Religionsgemeinschaft offen des Kindesmissbrauchs beschuldigte Mitglieder stützt und andere Mitglieder zwingt, sich diesem unangenehmen Problem zu stellen.
  2. Wenn Jackson ausgeschlossen ist, dann vergehen sich seine Familie und seine Freunde, die Zeugen Jehovas sind, offen gegen Regeln, nach denen alle sonstigen Zeugen Jehovas leben müssen.

Ein neuerer Artikel, in dem erwähnt wird, dass Jesse Jackson mit Michael Jackson betet, ist eine weitere Unstimmigkeit [Hier Artikel lesen (englisch). Würde ein Mitglied nach dem Glauben der Zeugen Jehovas mit einem Geistlichen einer anderen Religion beten, wäre das automatisch die Grundlage für einen Rauswurf aus der Religionsgemeinschaft. Wenn jemand aus der Zeugenfamilie von Jackson sich dem anschlösse, würde auch er geächtet. Wenn Jackson ein Zeuge Jehovas ist, wie wird die Organisation dann auf diese Kompromittierung ihres Glaubens reagieren? Wenn Jackson kein Zeuge Jehovas ist, wie können ihn dann seine Angehörigen und Freunde, die Zeugen Jehovas sind, weiterhin unterstützen, indem sie vor Gericht gehen und für ihn aussagen?

 

Für die Öffentlichkeit mag das belanglos erscheinen, aber für ein aktives Mitglied der Zeugen Jehovas stellt das einen völligen Abfall von ihrer Theologie dar. Je länger das Zeugen-Management schweigt, umso größer wird das Problem. Hat die Jackson-Familie die leitende Körperschaft (die Führung der Zeugen Jehovas) zu schweigenden Lämmern gemacht, oder wird diese gezwungen sein, diese völlige Missachtung der Glaubensgrundsätze, deren Befolgung sie von allen Mitgliedern fordert, klarzustellen?

 

Es bleibt die Tatsache, dass Missbrauchsopfer von der Religionsgemeinschaft zum Schweigen gebracht wurden, während die Religionsgemeinschaft selbst kein Wort darüber verliert, warum Jehovas zeugen einen mutmaßlichen Kinderschänder loben und unterstützen.