*** g85 8. 8. S. 6-10 Kindesmißbrauch Man kann sein Kind schützen ***

Kindesmißbrauch Man kann sein Kind schützen

EINE junge Frau, die als Mädchen von ihrem Bruder und ihrem Schwager belästigt wurde, sagt: „Ich war verängstigt, deshalb erzählte ich niemandem etwas. Aus diesem Grund möchte ich gern alle Eltern auf folgendes aufmerksam machen: ‚Bitte sagen Sie Ihren Kindern, daß sie niemandem, ob Verwandten oder Fremden, gestatten sollten, sie in irgendeiner unangebrachten Weise zu berühren, und daß sie keine Angst haben sollten, es zu erzählen, falls das jemand versucht hat.‘ " Sie fügt hinzu: „Das kann jedem Kind jederzeit passieren!"

In dieser entarteten Welt müssen Eltern zum Schutz ihrer Kinder vor sexueller Mißhandlung entschiedene Schritte unternehmen. Es ist nicht vernünftig, die Dinge dem Zufall zu überlassen und zu hoffen, es werde schon nichts passieren.

Die erste Schutzmaßnahme

Die erste Schutzmaßnahme besteht darin, Situationen zu meiden, in denen Kinder dieser Gefahr ausgesetzt sind. Eltern wird zum Beispiel geraten, Vorsicht walten zu lassen, wenn sie ihre Kinder von einem jungen Erwachsenen beaufsichtigen lassen, der lieber mit Kindern als mit gleichaltrigen Personen Umgang hat. Ein Psychologiedozent berichtet, daß zwei Drittel der Sexualtäter, die er behandelt, sich dieses Delikts beim Kinderhüten schuldig gemacht haben.

Dr. Suzanne M. Sgroi nennt zwei weitere Situationen, die zu Problemen geführt haben: die Unterbringung von Kindern (in Betten oder Zimmern) mit Erwachsenen oder Teenagern und große Familientreffen, bei denen sich die Erwachsenen mit sich selbst beschäftigen und einfach voraussetzen, die älteren Kinder würden sich der jüngeren annehmen.

Es ist nicht zu leugnen, daß Sexualtäter um so weniger Gelegenheit haben, sich an Kinder heranzumachen, je mehr die Eltern diese beaufsichtigen. Ann, eine Mutter von drei Kindern, geht so weit, daß sie ihrem Jüngsten, einem 14jährigen Jungen, nicht erlaubt, allein in Geschäftsvierteln bummeln zu gehen oder öffentliche Toiletten aufzusuchen. Der Junge hält das vielleicht für eine sehr große Einschränkung, aber seine Mutter hat ihre Gründe dafür. Sie ist als Kind sexuell belästigt worden.

Eltern sind jedoch nicht immer in der Lage, ihre Kinder so streng zu beaufsichtigen. Berufstätigen Ehepaaren bleibt eventuell gar nichts anderes übrig, als ihre Kinder in den Kindergarten zu schicken, sie bei Verwandten zu lassen oder sich einen Babysitter zu nehmen. Kinder müssen zur Schule gehen, und die Eltern können nicht immer bei ihnen sein. Verwandte und Freunde kommen zu Besuch. Und dann sind da noch die Nachbarn. Wie können Eltern ihre Kinder schützen, wenn sie Gefahren von dieser Seite ausgeliefert sind? In Wirklichkeit gibt es nur eine Möglichkeit:

Mit den Kindern über die Gefahr sprechen

Die Psychologin Debrah Shulman sagt: „Es ist unvernünftig, vor den Kindern so zu tun, als ob diese Gefahren nicht bestünden. Kinder wissen, daß sie sich allein nicht schützen können, und sind naturgemäß um ihre Sicherheit besorgt. Es ist Sache der Eltern, ihnen beizubringen, wie man der Gefahr realistisch begegnet. Wenn man mit den Kindern offen und deutlich darüber spricht, wird sie das nicht in Angst versetzen, sondern beruhigen." Ja, Eltern müssen mit ihnen darüber sprechen.

Das ist leichter gesagt als getan, insbesondere deshalb, weil die größte Gefahr von Freunden und Verwandten ausgeht. Vielleicht haben Eltern ihre Kinder bereits vor dem „fremden Onkel" gewarnt, der sie in einen Park locken oder sie in seinem Auto mitnehmen möchte. Wie können sie ihre Kleinen aber ausrüsten, damit sie nicht gegenüber Personen wehrlos sind, die sie kennen, respektieren oder sogar lieben?

Schärfe ihr Empfinden

Ann, die Mutter, die bereits erwähnt wurde, berichtet, daß sie erst fünf Jahre alt war, als ein Verwandter sie sexuell belästigte. Wenn sie auch nicht wußte, wie sie sich gegen ihn wehren sollte, so war ihr doch bewußt, daß er etwas Verkehrtes tat. Hinzu kam, daß sie unglücklicherweise nicht mit ihren Eltern darüber reden konnte. In bezug auf den Gedankenaustausch zwischen ihr und ihren Eltern stand es nicht gerade zum besten.

Anns Erfahrung zeigt, daß Kinder im allgemeinen ein natürliches Empfinden für das haben, was angebracht und richtig ist. Es gilt, dieses Empfinden zu schärfen, indem man sie dazu anhält, sich darauf zu verlassen, selbst wenn ein Erwachsener ihnen etwas anderes sagt. Ein einfaches und entschiedenes „Nein, ich möchte das nicht!" reicht oft aus, um einen Belästiger abzuschrecken. Was Ann erlebt hat, zeigt auch, wie wichtig es ist, den Gedankenaustausch zwischen Eltern und Kindern aufrechtzuerhalten.

Kürzlich unterhielt sich ein Familienvater mit seiner Frau über das Problem des sexuellen Mißbrauchs von Kindern. Da sie sich Sorgen machten, fragten sie ihre Tochter, ob sie je belästigt worden sei. Zu ihrem Entsetzen bejahte das Kind die Frage. Ein langjähriger vertrauter Freund der Familie hatte dies mehrmals getan. Warum hatte das Kind vorher nichts gesagt, obwohl der Gedankenaustausch innerhalb der Familie vorzüglich war? Weil das Mädchen einfach nicht wußte, wie es sich ausdrücken sollte. Nachdem das Thema einmal angeschnitten worden war, war das Kind nur zu bereit, darüber zu sprechen.

Wie sollen wir es ihnen sagen?

Zunächst muß das Thema zur Sprache gebracht werden. Ein Vorschlag wäre, daß Eltern einen aktuellen Bericht über einen solchen Skandal als eine Gelegenheit nutzen könnten, ihre Kinder zu fragen: „Hat mit euch auch schon einmal jemand so etwas gemacht?" Danach könnten sie ihnen erklären, was sie tun sollten, wenn es einer bei ihnen versuchen würde.

Eltern, die ihre Kinder anhand der Bibel belehren, können biblische Berichte als Ausgangspunkt verwenden. Um zu erklären, wie weit man gegenüber einer anderen Person gehen darf, können sie die Geschichte von Dina, der Tochter Jakobs, aufgreifen (1. Mose 34:1-4). Anhand der Geschichte von Tamar und Amnon kann gezeigt werden, daß gewisse Handlungen selbst zwischen nahen Verwandten nicht erlaubt sind (2. Samuel 13:10-16). Und Eltern sollten sich auf jeden Fall davon überzeugen, daß ihre Kinder verstanden haben, daß sie mit ihnen über einen derartigen Vorfall sprechen sollten und daß Vater und Mutter ihnen dann nicht böse sein werden.

Mary wurde als kleines Mädchen belästigt; deshalb war sie sehr darauf bedacht, ihre drei Töchter vor sexuellem Mißbrauch zu schützen. Wie ging sie dabei vor? Sobald die Kinder alt genug waren, um die Sache zu verstehen, sagte sie zu ihnen: „Wenn euch irgend jemand an einer falschen Stelle anfaßt, dann sagt es mir, und ich werde auch nicht mit euch schimpfen." Woher sollten sie wissen, wo die falschen Stellen sind? Mary sagte, daß sie sie ihnen zeigte, als sie ungefähr drei Jahre alt waren. Wenn sie sie badete oder zum Schlafengehen zurechtmachte, machte sie sie auf die Teile ihres Körpers aufmerksam, die andere nicht anfassen sollten. Als die Kinder etwas älter waren, ging sie mehr auf Einzelheiten ein: „Niemand sollte dich hier berühren, nicht einmal ein Lehrer oder ein Polizist. Nicht einmal Mutti oder Vati sollte dich dort streicheln. Und ein Arzt sollte dich dort nur dann anfassen, wenn Mutti oder Vati dabei ist."

Hat das gewirkt? Mary erinnert sich an eine Begebenheit, als ein Verwandter mit ihrer sechsjährigen Tochter spielte. Was der Verwandte tat, ließ bei dem kleinen Mädchen ein unangenehmes Gefühl aufkommen. Wie reagierte sie? Sie ging einfach von ihm weg. Mary ist sich nicht sicher, ob der Verwandte böse Absichten hatte oder nicht. Aber sie freut sich darüber, daß ihre Tochter imstande war, sich aus dieser Situation zu befreien, nachdem sie bemerkt hatte, daß irgend etwas „nicht in Ordnung" oder „anders" war.

Folglich sollten Eltern ihren Kindern sagen, wie man sexuellen Belästigungen aus dem Wege geht, genauso wie sie sie davor warnen, mit Fremden mitzugehen, an einer vielbefahrenen Straße zu spielen oder elektrische Leitungen anzufassen. Sie sollten ihnen erklären, welche Grenzen in bezug auf ihren Körper andere — selbst die Eltern — nicht überschreiten dürfen. Sie sollten ihnen deutlich sagen, daß sie davon unterrichtet werden möchten, wenn irgend etwas tatsächlich geschieht, und daß sie darüber nicht ungehalten sein werden.

Das „Was-wäre-wenn-Spiel"

Gelegentlich nutzen Erwachsene ihre größere Erfahrung und Intelligenz, um Kinder dazu zu verleiten, mit ihnen unanständige Dinge zu tun, und die Kinder sind ohne Hilfe nicht in der Lage, festzustellen, daß sie verführt werden. Linda Tschirhart Sanford, Autorin des Buches The Silent Children, schlägt eine vorbeugende Maßnahme vor: das „Was-wäre-wenn-Spiel". Von Zeit zu Zeit sollte man die Kinder fragen, wie sie in gewissen Situationen handeln würden: „Was wäre, wenn der Babysitter sagen würde, daß du lange aufbleiben und fernsehen dürftest, wenn du mit ihm in die Badewanne gingest, um dort zu spielen? Was würdest du ihm sagen?" „Was wäre, wenn jemand, den du kennst, dich im Auto mitnähme und dich an einer Stelle anfassen würde, wo er es nicht tun sollte? Was würdest du machen?" „Was wäre, wenn ein älterer Spielkamerad dich in einer Weise berühren würde, die dir nicht gefällt, oder dich ausziehen und mit dir ein geheimes Spiel spielen möchte?"

Wenn Eltern das Kind lehren, wie es antworten soll, können sie ihm zeigen, daß es Situationen gibt, in denen es nicht auf einen Erwachsenen zu hören braucht, oder in denen es ein Geheimnis offenbaren muß. Erzieht man sein Kind dazu, zu sagen „Ich möchte erst meine Mutti fragen", so wird es meist in der Lage sein, eventuelle Belästiger zu entmutigen. Wenn das Kind in dem „Was-wäre-wenn-Spiel" lernt, die richtigen Antworten zu geben, ist es gut ausgerüstet, sich zu schützen. Falls es einmal falsch antwortet, stellt man die Frage noch einmal und fragt nach einer anderen Antwort.

Bringe ihnen die Ausdrücke bei

Ein weiteres Problem, dem Kinder gegenüberstehen, wenn sie belästigt werden, wird durch folgende Begebenheit offenbar. Eine Frau berichtet, daß sie als Kind mißbraucht wurde und den Vorfall ihrer Mutter erzählen wollte. Aber sie wußte nicht, wie sie sich ausdrücken sollte, und konnte nicht erklären, was geschehen war. Ihre Mutter dachte, jemand habe nur versucht, lieb zu ihr zu sein, und das kleine Mädchen habe die Situation mißverstanden und falsch eingeschätzt.

Aufgrund ähnlicher Erfahrungen raten Sozialarbeiter den Eltern, ihre Kinder mit den richtigen Bezeichnungen für die entsprechenden Körperteile vertraut zu machen. Man sollte Kindern diesen Wortschatz vermitteln, damit sie sich im Ernstfall auszudrücken vermögen.

Aufmerksam, aber ausgeglichen

Für Eltern ist der Gedanke, daß ihr Kind sexuell mißbraucht werden könnte, einer der schlimmsten Alpträume. Sie sollten jedoch auch daran denken, daß Erwachsene in der Regel Kinder nicht sexuell belästigen wollen. In den meisten Fällen trifft es zu, daß Verwandte die Kinder lieben und genauso wie die Eltern darum besorgt sind, sie vor Mißbrauch zu schützen.

Allerdings kann es doch passieren. Und einfach nur zu hoffen, es werde schon alles gutgehen, ist nicht genug. Ein Bibelspruch lautet: „Klug ist der, der das Unglück gesehen hat und darangeht, sich zu verbergen" (Sprüche 22:3). Daher ist es ratsam, vorsichtig zu sein, insbesondere in Anbetracht der Zeit, in der wir leben. Wenn Eltern es soweit wie möglich vermeiden, ihre Kinder Situationen auszusetzen, in denen sie ungeschützt sind, und sie ihnen die Grenzen erklären, die selbst Erwachsene nicht überschreiten sollten, ja wenn sie sie lehren, wie sie reagieren sollten, falls irgendein Erwachsener doch über diese Grenzen hinausgeht, dann haben sie bereits viel getan, um ihre Kinder vor Belästigungen zu schützen.

[Herausgestellter Text auf Seite 9]

„Wenn euch irgend jemand an einer falschen Stelle anfaßt, dann sagt es mir"

[Herausgestellter Text auf Seite 10]

Man sollte Kinder mit den richtigen Bezeichnungen für ihre Körperteile vertraut machen

[Kasten auf Seite 8]

Falls das Schlimmste eintreten sollte

Eltern ist es nicht möglich, ihre Kinder voll und ganz vor sexuellem Mißbrauch zu schützen, obschon die Wahrscheinlichkeit, daß irgend etwas geschieht, enorm sinkt, wenn vernünftige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden. Besteht in der Familie ein guter Gedankenaustausch, mögen die Kinder jedoch darüber sprechen, wenn das Schlimmste geschehen sollte. Manchmal sind sie aber so schockiert oder schämen sich so sehr, daß sie kein Wort darüber verlieren. Daher müssen Eltern wachsam sein. Hier sind einige Anzeichen, die, wie Fachleute sagen, vielleicht erkennen lassen, daß irgend etwas passiert ist.

Verdächtig ist jede Veränderung im normalen Tagesablauf. In einem Fall bat ein Lehrer darum, daß bestimmte Kinder viel früher als andere zur Schule kommen sollten. Aufmerksamkeit verdient auch jedes auffällige Anzeichen bei Kindern wie schlechtere Noten oder extreme Angst in Gegenwart eines bestimmten Erwachsenen. Eine Frau, die als Mädchen von ihrem Bruder und von ihrem Vater belästigt worden war, sagte: „Ich wurde in einer Klasse von 42 Schülern die Schlechteste, und niemand versuchte herauszufinden, warum."

Achtung bei Symptomen wie Kopfschmerzen, Erbrechen oder Nachlassen des Appetits und Schlafschwierigkeiten. Beschwerden im genitalen Bereich, insbesondere Schmerzen, sind ernst zu nehmen. Beachten sollte man ferner frühreifes Sexualverhalten in bezug auf Sprache, Kleidung oder Benehmen. Auch hinter plötzlichen Verhaltensänderungen kann sich ein Problem verbergen. Ein anderes Warnzeichen ist es, wenn sich ein Kind in auffälliger Weise zurückzieht oder dazu neigt, einem Familienangehörigen aus dem Weg zu gehen. Nicht überhört werden sollten auch indirekte Äußerungen der Kinder. Wenn ein Kind sagt: „Ich kann diesen Mathelehrer nicht mehr leiden", könnte es sein, daß es auf diese Weise das schwierige Thema anschneiden möchte.

Falls Eltern bei einem ihrer Kinder irgend etwas dieser Art feststellen, sollten sie versuchen, herauszufinden, was nicht in Ordnung ist. Das Kind hat ein Problem, und es könnte mit Kindesmißbrauch zusammenhängen. Es benötigt in diesem Fall Hilfe. Leider bleibt sie vielen Kindern versagt. Mißbrauchte Kinder sind auch schon beschuldigt worden, den Vorfall erdichtet zu haben, obwohl Fachleute versichern, daß Kinder selten, wenn überhaupt, so etwas erfinden. Und um die Familie zusammenzuhalten, vertuscht man inzestuöse Beziehungen.

Wenn jedoch Kindesmißbrauch — insbesondere Inzest — ans Tageslicht kommt, müssen sofort zwei Schritte unternommen werden:

Erstens muß das Kind — und auch andere Kinder — vor irgendwelchem weiteren Mißbrauch geschützt werden. Das muß geschehen, koste es, was es wolle. In vielen Fällen muß der Täter dem Kind gegenübergestellt werden. Doch was immer auch nötig sein mag, es ist wichtig, dem Kind das Vertrauen zu geben, daß der Täter nie mehr in der Lage sein wird, ihm etwas anzutun.

Zweitens muß dem Kind viel Liebe und Zuneigung geschenkt werden. Eltern müssen sehr klar herausstellen, daß nicht das kleine Opfer die Schuld hat. Das eigentliche Verbrechen und irgend etwas, was darauf folgt — selbst wenn ein naher Verwandter ins Gefängnis kommen sollte —, ist nicht die Schuld des Kindes. Das muß ihm aber wiederholt versichert werden, so daß es an seine Unschuld glaubt — und auch glaubt, daß die Eltern davon überzeugt sind!