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Aktivist aus Zufall: In die "Family" hineingeboren, jetzt Student ...

Daniel Roselle
Daniel Roselle begann diesen Herbst sein Studium in Berkeley; er kommt vom

Santa Monica Junior College, nachdem er in einer Religionsgemeinschaft

namens "Familie" aufwuchs. (Fotos: Bonnie Azab Powell)

Aktivist aus Zufall: In die "Familie" hineingeboren, hofft der Student Daniel Roselle, eine neue Gemeinschaft an der Universität von Berkeley zu finden

von Bonnie Azab Powell , Nachrichtenzentrum | 16. September 2005

BERKELEY – Vergangenes Frühjahr kaufte sich Daniel Roselle eine Baseballkappe der Universität von Berkeley. Obwohl er von seinen Freunden deshalb aufgezogen wurde, weigerte er sich abergläubisch, sie sich aufzusetzen, bis er wusste, dass er als Anfangssemesterstudent vom Santa Monica Junior College kommend aufgenommen war. Er erinnert sich, als seine Aufnahmeunterlagen aus Berkeley kamen: "Ich setzte die Kappe auf und zog den Korken aus einer Sektflasche, die ich mir für diesen Augenblick aufgehoben hatte. Ich war einfach so glücklich, wie es sich niemand vorstellen kann."

Roselles Fahrt nach Berkeley veranschaulicht die verschiedenen und einzigartigen Wege, auf denen viele Studenten zum Campus kommen. 1995, im Alter von 20 Jahren, verließ er seine Eltern und sechs seiner jüngeren Geschwister aus der Gegend um Los Angeles nur mit einer Busfahrkarte, 50 Dollar und der Anschrift einer Großmutter im Mittelwesten, die er kaum kannte. Seine frühere Schulbildung hatte mit der ersten Klasse aufgehört, und seine einzige Arbeitserfahrung bestand im Aufpassen auf andere Kinder und im Straßenverkauf religiöser Flugblätter.

Aber seine größte Herausforderung war nicht nur, seine direkten Angehörigen zu verlassen, sondern auch die Family International. Gem´ß ihrer Website ist die Family "eine internationale Christengemeinschaft, die sich dem Verbreiten des Wortes Gottes und der Liebe widmet." Ihre Gegner nennen sie eine Sekte, die in nicht wieder gutzumachender Weise das Leben vieler Kinder zerstörte, die nie die Wahl hatten, ob sie dazu gehören wollten.

Kinder der "Kinder Gottes"
Die Family wurde 1968 in Huntington Beach, Kalifornien, von David Berg gegründet, einem umherziehenden Wanderprediger der Pfingstgemeinden, der begann, mit kulturverdrossenen Jugendlichen zu arbeiten. Roselles Eltern schlossen sich 1969 und 1970 an. Ursprünglich nannte er seine Hippieanhänger Teens for Christ und später "Kinder Gottes". Berg predigte ein Kommuneleben und aktives Missionieren, während er sich streng von der Gesellschaft, die nicht zur Familie gehörte, isolierte, die er das "System" nannte. Er ermunterte, an Gottes Liebe durch Sex, sowohl unter Erwachsenen wie Kindern, einen "Anteil zu haben".

Berg starb 1994, und das war etwa die Zeit, als Gerichte in verschiedenen Ländern begannen, Ermittlungen gegen die Gruppe wegen Kindersex und Pädophilie zu führen. Seine Frau Karen Zerby wurde Führerin der Gruppe, und sie hielt — ebenso wie Berg — von geheimem Ort aus durch umfangreiche anregende Briefe Verbindung mit den Anhängern.

Als Reaktion auf die negative Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit änderte die Family ihre Lehren bezüglich Sex mit Kindern, und die Mitglieder (sie behaupten, es seien 12000 in mehr als 100 Ländern) traten in den Hintergrund — das heißt, bis zu diesem Jahr. Anfang Januar stöberte der 29-jährige Ricky Rodriguez, bekannt als "der Auserwählte", weil er Zerbys Sohn ist und Bergs Augapfel war, eine frühere Hausverwalterin auf, erstach sie und erschoss sich dann selbst. Damit seine Beweggründe nicht falsch ausgelegt würden, drehte er zuerst ein Video, in dem er seine Absicht ankündigte, Rache wegen des Missbrauchs zu üben, den er in der Family erlitten hatte, darunter Sex als Kleinkind und später mit der eigenen Mutter.

Über die Auswirkungen des Mordes/Selbstmordes von Rodriguez ist viel geschrieben worden. Unter anderem sind dadurch Exmitglieder der zweiten Generation wie Roselle erwacht, der sagt, dass der Tod von Rodriguez die Zahl bekannter Suizide auf 30 bringt 30. (Die Family bestreitet diese Zahl.)

"Die Family sagte, wenn ih ginge, endete ich bestenfalls in einem Job bei McDonald's, schlimmstenfalls würde ich heroinsüchtig und würde auf der Straße enden", sagt Roselle. "Aber wissen Sie, das ist das, was sie für uns veranlasst haben. Wir hatten keine Schulbildung und durften nur wenige Kontakte nach draußen haben."

 Daniel Roselle
"Als ich ging, waren noch 9000 Leute in der

Familie, und 300 Leute schrieben für sie,

alle auf dieselbe Weise. Damit konnte ich nicht leben

— ich dachte, mir würde der Verstand aussetzen.

Ich brauchte intellektuelle Unabhängigkeit."

-Daniel Roselle
Nach dem Tod von Rodriguez hat Roselle in der Zeitschrift People und gegenüber CNN über körperliche Misshandlungen und sexuellen Missbrauch gesprochen, die er und andere Kinder in den 1970er und 1980er Jahren durch Mitglieder der Family erlitten. Andere Mitglieder der zweiten Generation betreiben mehrere Webseiten wie XFamily.org und MovingOn.org, die sich den "Kindern der 'Kinder Gottes'" widmen
Als Reaktion darauf hat die Family Erklärungen herausgegeben: "Einige derer, die uns verlassen haben, verbreiten Geschichten, dass in der Family Kindersex üblich sei. Das ist falsch. Die Family hat keinerlei Toleranz gegenüber dem Missbrauch von Minderjährigen, sie straft solche Leute mit einem Ausschluss, und diese Politik gilt schon seit 1988." Und unter Myconclusion.com  veröffentlichen pro Family eingestellte Mitglieder der zweiten Generation Aussagen über die vielen Segnungen, in der Gruppe aufzuwachsen, und greifen die Berichte anderer an.

"Die Family wird nie zusammen mit mir im Fernsehen auftreten", sagt Roselle. "Sie beschießen mich durch Presseveröffentlichungen aus dem Hinterhalt und sagen: 'Dan rächt sich nur, er ist gegen die Religion, wenn er meint, Dinge liefen verkehrt, warum hat er dann nichts gesagt?' Aber wissen Sie, ich war ein Kind, und man hat uns beigebracht, sie nie in Zweifel zu ziehen.

Sie hatten eigentlich keinen schlechten Anfang. Irgendwann unterwarfen sie ihr Kritikvermögen Berg, der ein pädophiler und schmutziger alter Mann war. Unglücklicherweise für mich heuerten meine Eltern bei seiner Religionsgemeinschaft an. Sie glauben, der Himmel liege auf dem Mond — wo auch immer, wie Sie wollen. Aber man sollte keine Kinder missbrauchen, sie wie Sklaven halten und Sex mit ihnen haben."

Ein Ticket nach draußen
Zusätzlich zur Veröffentlichung ihrer Erfahrungen mit der Family haben Roselle und andere Exmitglieder dieses Jahr Safe Passage Foundation gegründet, eine gemeinnützige Fürsprechergruppe und ein Zentrum für Menschen, die einen Weg aus HDOs (straff geführten Organisationen mit Forderungen an Mitglieder) suchen. "Wir ziehen diesen Begriff vor, weil 'Sekte' abwertend ist, und wir wollen die Leute, denen wir helfen möchten, nicht entfremden", erklärt er und fügt hinzu, dass nicht alle HDOs eine religiöse Grundlage haben — zum Beispiel Bürgerwehren — aber ihnen allen sind bestimmte Elemente gemeinsam, so eine deutliche Isolierung von der Gesellschaft und die Betonung auf den Kindern, die bei ihnen aufwachsen.

Die immer noch im Entstehen begriffene Safe Passage beabsichtigt, für die Rechte solcher Kinder einzutreten und auch Personen zu unterstützen, die aus HDOs nach draußen gehen wollen. "Angenommen, Sie sind 15 und gehören zur Family in Indien, wollen aber raus", erklärt Roselle. "Sie sagen, Sie haben Verwandte in den Vereinigten Staaten, wissen aber nicht, wie sie dahin kommen sollen — nun, dann bekommen Sie ein Flugticket."