Meine Gedanken

Wachtturm-Politik: Was muss sich ändern?

31. Januar 2002, 14:40

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1.    Die Sache muss zuerst bei der Polizei angezeigt werden

Was sagt der Wachtturm? Man beachte einen 1997er Wachtturm über das Berichten von Unrecht:

*** w97 15. 8. 26  Warum sollte man Unrecht berichten? ***
Unter Jehovas Volk ist man zu einer Zurechtweisung allerdings anders eingestellt. Gottesfürchtige Männer und Frauen haben tiefe Wertschätzung für die Vorkehrungen, die Jehova getroffen hat, um denjenigen in der Christenversammlung zu helfen, die einen Fehltritt begangen haben. Sie betrachten solche Zucht als Ausdruck seiner liebenden Güte (Hebräer 12:6-11).

Was ist die Vorkehrung? Zur Polizei zu gehen, wenn ein Verbrechen verübt wurde?

Auch heute kann es vorkommen, dass Diener Jehovas — selbst solche, die viele Jahre treu gedient haben — eine schwere Missetat begehen. In dem Bewusstsein, dass die Ältesten helfen können, ergreifen die meisten die Initiative und bitten sie um Hilfe (Jakobus 5:13-16). Doch es kann auch vorkommen, dass ein Missetäter seine Sünde zu vertuschen sucht wie König David. Was sollten wir tun, wenn wir Kenntnis von einer schweren Missetat in der Versammlung haben?

Wessen Verantwortung ist es?

Wenn Älteste von einer schweren Missetat erfahren, sprechen sie den Betreffenden an, um ihm die nötige Hilfe zu leisten und ihn zurechtzubringen. Es gehört zu den Pflichten der Ältesten, solche Personen in der Versammlung zu richten. Da sie über den geistigen Zustand der Versammlung wachen, helfen sie demjenigen, der im Begriff steht, einen unklugen oder verkehrten Schritt zu tun, und ermahnen ihn (1. Korinther 5:12, 13; 2. Timotheus 4:2; 1. Petrus 5:1, 2).

Trifft das also nur auf Verleumdung oder moralische Verbrechen zu, die Erwachsene begehen, die das biblische Gesetz brechen? Man beachte die Bibelstelle, die benutzt wird, um Unrecht zu definieren.

Wie verhält es sich jedoch, wenn jemand, der kein Ältester ist, von der schweren Missetat eines anderen Christen erfährt? Entsprechende Richtlinien sind in dem Gesetz zu finden, das Jehova der Nation Israel gab. Darin wurde erklärt, dass jemand, der Zeuge von abtrünnigem Handeln, von Aufwiegelung, Mord oder gewissen anderen Verbrechen wurde, verpflichtet war, es zu berichten und das zu bezeugen, was er wusste. In 3. Mose 5:1 heißt es: „Falls nun eine Seele sündigt, indem sie eine öffentliche Verfluchung gehört hat, und der Betreffende ist Zeuge, oder er hat es gesehen oder hat es erfahren, dann soll er sich, wenn er es nicht berichtet, für sein Vergehen verantworten.“ (Vergleiche 5. Mose 13:6-8; Esther 6:2; Sprüche 29:24.)

Christen stehen heute zwar nicht unter dem mosaischen Gesetz, aber sie können sich von den diesem Gesetz zugrunde liegenden Grundsätzen leiten lassen (Psalm 19:7, 8). Was sollten wir also tun, wenn wir von der schweren Missetat eines Mitchristen erfahren?

Wo erlaubt man uns hier, die Polizei zu rufen? Kein Wort darüber. Zu wem sollten wir dann gehen?

Zunächst muss wirklich berechtigter Grund zu der Annahme bestehen, dass eine schwere Missetat begangen wurde. „Werde nicht ohne Gründe Zeuge gegen deinen Mitmenschen“, sagte ein weiser Mann. „Dann würdest du töricht reden mit deinen Lippen“ (Sprüche 24:28).

Vielleicht entschließen wir uns, direkt zu den Ältesten zu gehen. Das wäre nicht verkehrt. Normalerweise ist es jedoch liebevoller, zuerst die betreffende Person anzusprechen. Vielleicht haben wir uns getäuscht. Es könnte allerdings auch sein, dass sich die Ältesten bereits mit der Angelegenheit befassen. Unterhalten wir uns mit der Person in ruhigem Ton über die Sache. Sollte weiterhin Grund zu der Annahme bestehen, dass ein schweres Unrecht begangen wurde, werden wir den Betreffenden ermuntern, bei den Ältesten Hilfe zu suchen, und ihm erklären, warum es weise ist, das zu tun. Wir sollten jedoch mit niemand anders über die Angelegenheit sprechen, denn das wäre Geschwätz.

Sollte sich die Person innerhalb einer angemessenen Frist nicht bei den Ältesten gemeldet haben, müssten wir zu ihnen gehen. Ein oder zwei Älteste werden dann mit dem Beschuldigten über die Angelegenheit sprechen. Die Ältesten sollten ‘suchen und nachforschen und sich gründlich erkundigen’, um festzustellen, ob Unrecht begangen wurde. Wenn ja, werden sie den Fall entsprechend den biblischen Richtlinien behandeln (5. Mose 13:12-14).

Wer untersucht das Verbrechen zuerst? DIE ÄLTESTEN! Es wird immer noch nichts davon gesagt, dass man zur Polizei gehen soll. Und was, wenn es nur einen Augenzeugen gibt? Dann bei der Polizei Anzeige erstatten?

Um eine Missetat nachzuweisen, deren jemand beschuldigt wird, müssen mindestens zwei Zeugen vorhanden sein (Johannes 8:17; Hebräer 10:28). Falls die Person die Beschuldigung zurückweist und nur unser Zeugnis vorliegt, muss die Angelegenheit Jehova überlassen werden (1. Timotheus 5:19, 24, 25). Das geschieht in dem Bewusstsein, dass vor Jehova alle Dinge „bloßgelegt“ sind und dass, wenn der Betreffende schuldig ist, seine Sünden ihn schließlich „einholen“ werden (Hebräer 4:13; 4. Mose 32:23).

Das ist also die Grundlage dafür, dass von einer Anzeige bei der Polizei abgeraten wird. Man wird eindeutig belehrt, man müsse die Sache Jehova überlassen. Das heißt: Man unternimmt nichts. Darf man andere Eltern, deren Kinder in Gefahr sind, warnen?

Angenommen, die Person weist die Beschuldigung zurück und wir sind der einzige Belastungszeuge. Müssten wir nun mit einer Gegenklage wegen Verleumdung rechnen? Nicht wenn wir mit keinem Uneingeweihten über die Angelegenheit gesprochen haben. Es ist nicht verleumderisch, diejenigen, die die Befugnis und die Verantwortung haben, zu beaufsichtigen und Dinge richtig zu stellen, über etwas zu unterrichten, was die Versammlung betrifft. Das ist sogar im Einklang mit unserem Wunsch, stets das zu tun, was richtig und loyal ist. (Vergleiche Lukas 1:74, 75.)

Wer also Geschwätz verbreitet und anderen erzählt, dass sein Kind belästigt wurde, könnte wegen Verleumdung angeklagt und aus der Versammlung ausgeschlossen werden. Was ist der Grund dafür?

Die Heiligkeit der Versammlung bewahren

Missetaten sollten unter anderem deshalb berichtet werden, weil es dazu beiträgt, die Reinheit der Versammlung zu bewahren. Jehova ist ein reiner Gott, ein heiliger Gott. Er verlangt von allen, die ihm dienen, geistig und sittlich rein zu sein. Sein inspiriertes Wort enthält die mahnenden Worte: „Formt euch als gehorsame Kinder nicht mehr nach den Begierden, die ihr früher in eurer Unwissenheit hattet, sondern in Übereinstimmung mit dem Heiligen, der euch berufen hat, werdet auch ihr selbst heilig in eurem ganzen Wandel, weil geschrieben steht: ‚Ihr sollt heilig sein, weil ich heilig bin‘ “ (1. Petrus 1:14-16). Personen, die unreine Handlungen oder Unrecht begehen, können eine ganze Versammlung beflecken oder der Gunst Jehovas berauben, wenn nichts unternommen wird, die Betreffenden zurechtzuweisen oder aus der Versammlung zu entfernen. (Vergleiche Josua, Kapitel 7.)

Die Versammlung wäscht ihre schmutzige Wäsche selbst und lässt Außenstehende uninformiert. Das ist die Grundlage dafür, wie die Versammlung wirkt. Es steht den Zeugen Jehovas NICHT frei, zur Polizei zu gehen. Es wird von ihnen gefordert, den Anweisungen der Ältesten zu GEHORCHEN. Wenn sie das nicht tun, werden sie ausgeschlossen. Die Wachtturm-Politik fordert von einem Opfer von Kindesmissbrauch, dass es ZUERST ZU DEN ÄLTESTEN geht. Und das ist der Irrtum der Wachtturm-Politik.

2.    Ein Pädophiler sollte nie ein Dienstamt in der Versammlung innehaben.

Der Wachtturm vom 1.Januar 1997 schien zu zeigen, dass dies eine Vorschrift bei den Zeugen Jehovas ist, doch innerhalb von nur drei kurzen Monaten wurde ein Brief an die Ältestenschaften verschickt (mit weiterem Inhalt), in dem diese Vorschrift wieder geändert wurde. In dem Brief von 1997 hieß es:

„Möglicherweise dienten oder dienen Personen, die sich des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht haben, als Älteste, Dienstamtgehilfen, als allgemeine oder als Sonderpioniere. Andere mögen sich vor ihrer Taufe des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht haben. Die Ältestenschaften sollten keine Personen befragen.“    

Diese Erklärung erlaubte Pädophilen, weiterhin zu dienen. Das wurde weiter erhärtet im Brief vom 1. Juni 2001 an die Ältestenschaften in England, wo es heißt:

„Es gibt von der obigen Anweisung eine Ausnahme: Die Ältesten haben an das Zweigbüro geschrieben und alle Einzelheiten über einen früheren Kinderschänder mitgeteilt, der gegenwärtig als Ältester oder als Dienstamtgehilfe dient. Wenn das Zweigbüro entschieden hat, das jemand in eine Vertrauensstellung ernannt werden oder weiterhin in einer solchen Stellung dienen kann, weil die Sünde vor vielen Jahren verübt wurde und er seither ein vorbildliches Leben führt, dann sollte in einem solchen Fall sein Name nicht auf der Liste erscheinen. Es ist auch nicht nötig, Informationen über die frühere Sünde des Bruders weiterzugeben, wenn er in eine andere Versammlung zieht, außer das Zweigbüro hat andere Anweisungen erteilt.“

Nach Anweisung dieser Wachtturm-Politik kann ein Kinderschänder also ein Dienstamt erhalten. Die seither verstrichene Zeit sollte bei dem Pädophilen ein Faktor sein.

 3.    Kinderschänder sollten nie am Haus-zu-Haus-Dienst teilnehmen dürfen.

 Ist das Wachtturm-Politik? Man beachte bitte den Wachtturm vom 1. Januar 1997, wo ursprünglich die Vorgehensweise bei Kinderschändern begründet wurde. Was muss ein Kinderschänder, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, tun, um seine Reue zu zeigen?

 *** w97 1. 1. 28-9  Verabscheuen wir das Böse ***
Je nach Rechtslage in dem Land, in dem der Missbraucher lebt, kann es durchaus sein, dass er eine Gefängnisstrafe oder andere vom Staat verhängte Strafen verbüßen muss ... Wenn er reumütig zu sein scheint, wird man ihn ermuntern, geistig Fortschritte zu machen, sich am Predigtdienst zu beteiligen ...

Die Wachtturm-Politik fordert von einem gerade freigelassenen Kinderschänder, dass er Besuche an den Wohnungstüren der ahnungslosen Öffentlichkeit macht. DAS IST DIE WACHTTURM-POLITIK! Das zeigt ohne Zweifel, dass etwas an der Sache entsetzlich falsch ist. Diese „Politik“ stellt eine Gefahr für Kinder in der Organisation dar wie auch für diejenigen, die im Haus-zu-Haus-Dienst angetroffen werden. Wenn die leitende Körperschaft wirklich ein „treuer Sklave“ sein will, dann sollte sie SOFRT aufstehen, diesen Fehler zu berichtigen und die Kinder schützen.

Silentlambs