Meine Gedanken

Sie war eine feine Schwester

6. Mai 2001, 04:27

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Sie war eine feine Schwester mit einer Vorgeschichte, die sechs Generationen bei den Zeugen Jehovas zurückreichte. Ihre Familie brüstete sich mit gut über 100 Mitgliedern der Zeugen Jehovas, von denen viele hohe Posten in der Organisation hatten. Dieses stolze Erbe wurde durch eine andere Tatsache in der Geschichte dieser Familie getrübt, die diese Schwester nicht enthüllt hatte. Sie gehörte der vierten Generation in der Familie an, die von ihrem Urgroßvater missbraucht wurde. Nachdem sie viele Jahre in Furcht gelebt hatte, nahm sie, als sie 15 wurde, allen Mut zusammen, um etwas daran zu tun. Wie jeder Zeuge Jehovas weiß, gibt es nur eine Möglichkeit: die Ältestenschaft um Anweisung bitten. Sie erzählte es erst ihrem Vater und dann den Ältesten, alles, eine schmutzige Geschichte über Missbrauch, der mehrere Jahre andauerte. Mehrere andere Mitglieder der Familie meldeten sich mit ihren Berichten, dass auch sie von demselben Mann missbraucht wurden, der nun in den Neunzig war.

Was würden die Ältesten tun? Würden sie die Herde schützen? Würden sie sich schnell drangeben und den Behörden diesen Horror melden, um dieses ganze Leben voll kranker Devianz der Gerechtigkeit zuzuführen? Welche liebevolle Hilfe gäbe man den Opfern des Kindesmissbrauchs?

Am Ende waren die Antworten auf diese Fragen so falsch und widerlich, dass sie der Wiederholung wert sind, damit die Öffentlichkeit weiß, welche Art von "Gerechtigkeit" den Missbrauchsopfern bei den Zeugen Jehovas oft zuteil wird. Die Ereignisse spielten sich wie folgt ab:

  1. Der sexuelle Abweichler wurde gefragt: "Hast du es getan?" Worauf er antwortete: "Nein." Damit war er entlassen.
  2. Die Opfer wurden von zwei untersuchenden Ältesten befragt: "Hattet ihr Zeugen für den Missbrauch?" Worauf sie erwiderten: "Nein." Es ist in den meisten Fällen von Kindesmissbrauch ja wohl nicht üblich, andere Leute zu bitten, dass sie zuschauen.
  3. Die Ältestenschaft sagte den Opfern darauf grundsätzlich: "Gemäß dem biblischen Grundsatz aus Matthäus 18:16 haben wir, da ihr keine 'zwei Zeugen' für jeden Vorfall habt, keine Grundlage, rechtlich etwas zu unternehmen. Hier steht euer Wort gegen das seine, und damit müsst ihr ihn als unschuldig betrachten. Falls ihr mit jemandem über die Sache sprecht, würde das als Verleumdung des 'guten Rufs' dieses Mannes angesehen, und das kann zu eurem Ausschluss aus der Versammlung führen." Abschließend: Es wurde nicht ein Wort zu dem Recht gesagt, die Sache bei den Behörden anzuzeigen
  4. Unsere Schwester, die allen Mut hatte, sich zu melden und den Täter bloßzustellen, wurde informiert, dass die Ältesten sich mit ihr treffen wollten. Als sie zu dem Treffen kam, fand man, dass die Ältesten das, was sie erklärt hatte, für wahr hielten. Wie erfuhr sie es? Es war ein Rechtskomitee gebildet worden, um sich mit den Tatsachen zu befassen, die sie "gestanden" hatte. Obwohl sie zu der Zeit noch Kind war, wurde sie wegen sexuellen Fehlverhaltens angeklagt und vom Rechtskomitee zurechtgewiesen. Überdies wurden ihr alle Einschränkungen auferlegt, die wiederum eine Erklärung an die Versammlung darstellten, dass sie vor einem Rechtskomitee gestanden hatte. Diese Erklärung würde gegenüber allen Freunden und Angehörigen bedeuten, dass sie etwas getan und Gottes Gesetz gebrochen hatte. Unsere Schwester wurde zurechtgewiesen, weil sie missbraucht wurde, und um die Sache auf die Spitze zu treiben, durfte sie mit jemandem in der Versammlung über die Sache reden, um den "guten" Ruf des Pädophilen zu schützen.

Wie viele Kinder dieser Mann in seinen etwa neunzig Jahren missbraucht hat, wird wohl niemals bekannt. Wer sich in der Sache auskennt, schätzt auf wenigstens 50 bis 100 Opfer. Als der Urgroßvater starb, starb er interessanterweise als Patriarch unter den Zeugen, und es waren über 300 Leute bei der Beerdigung und betrauerten dieses leuchtende Vorbild für ein christliches Leben. Er wurde nie bei der Polizei angezeigt, von den Ältesten geschützt, und seine Opfer leben als schweigende Lämmer, terrorisiert durch die Sanktionen irregeleiteter Männer, die Wachtturm-Vorschriften benutzen, um Verbrechern der Gerechtigkeit entkommen zu helfen.

Unsere Schwester ist immer noch eine Glaubensschwester, aber sie geht nicht mehr zu den Zusammenkünften oder dient als aktives Mitglied der Zeugen Jehovas. Ihre Gründe sind einfach. Seht, sie hat jetzt ein Kind und möchte nicht, dass ihr Kind jemals einer Organisation ausgesetzt ist, die die Identität von Kinderschändern vor ihren Mitgliedern schützt und verbirgt. Um ihr Kind vor Missbrauch zu schützen, hält sie es für weitaus sicherer, außerhalb der Organisation zu sein.

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Kann man es ihr verdenken? Eine so traurige Geschichte, aber eine, die sich Hunderte Male durch Älteste wiederholt hat, die Wachtturm-Vorschriften benutzen, um Kindern weh zu tun, weil sie das "Image" der Zeugen Jehovas schützen.