Der
Tag, an dem die Lämmer brüllten
Stell dir, wenn
du willst, vor, du gehst in einem wunderschönen Wald auf einem gewundenen Weg
spazieren. Als der Kiesweg langsam abwärts führt, erkennst du, dass du in ein
malerisches Gebirgstal kommst. Als du näher an die Lichtung kommst, bemerkst du
ein breites Feld, auf dem sich Tausende von Schafen befinden. Aus der Ferne
sieht es fast wie ein Paradies aus, die wogende grüne Wiese, über der sich die
Berge erheben; es sieht so aus, als sei es fast vollkommen. Als du näher zur
Herde schlenderst, bemerkst du, dass etwas nicht stimmt. Es ist eines von den
Dingen, die man zuerst fühlt, aber wenn du es dann langsam erkennst, läuft es
dir kalt über den Rücken. Was ist es? Im ganzen Tal voll buchstäblich
Tausender von Lämmern herrscht völlige Stille. Wie ist das möglich? Du gehst
näher heran, und dann bemerkst du andere Dinge. Die Lämmer scheinen
misshandelt zu sein. Einige sind unterernährt und scheinen schwach zu sein,
andere scheinen massive Narben an ihren Körpern zu haben, noch andere liegen
einfach da und bewegen sich nicht. Es ist, als ob sie allen Lebenswillen
verloren hätten. Was noch bizarrer ist: Du bemerkst, dass viele ihr Leben zerstört
haben, als sie versuchten, einen breiten Fluss, der durch das Tal führt, zu
durchschwimmen, und an seinen Ufern liegen kleine leblose Körper verstreut.
Dann siehst du
sie, gut angezogen, sauber rasiert und wohlgenährt, es sind die Schäfer. Sie
haben so etwas an sich, sie scheinen alles fest im Griff zu haben. Nicht lange
nach dieser Entdeckung findest du den Grund, warum die Lämmer still sind. Über
das Tal kommt ein dünnes Blöken, ein Lamm hat es fertig gebracht, sich
zwischen zwei Felsen einzuklemmen, es ist in Schwierigkeiten und braucht Hilfe.
Es scheint nur einen Augenblick zu brauchen, dass drei Schäfer hinübereilen
und beginnen, das Lamm mit ihren Stäben zu schlagen. Du versuchst, Halt zu
rufen! Tu das nicht! Es ist vergeblich, dieses Lamm wird es nicht mehr schaffen,
es ist zu spät. Erst dann erkennst du, dass die Schäfer deine Rufe gehört
haben und auf dich zugehen, jetzt fürchtest du um deine eigene Sicherheit. Du
beginnst, schnell wegzugehen, aber sie beschleunigen ihre Schritte. Du fängst
an zu laufen, aber sie holen auf und dann passiert in dem Augenblick etwas. Ein
kleiner Widder tritt zwischen dich und die Schäfer und gibt mit all seiner
Kraft einen Ton von sich, der seine Wut, seinen Schmerz und seine Enttäuschung
darüber verrät, in Furcht zu leben. Die Schäfer sind zuerst erschreckt, und
die anderen Schafe schauen auf den kleinen Widder, als ob er närrisch wäre,
aber die Schäfer gehen schnell daran, dem Problem eine Ende zu machen, und
sammeln sich um ihn herum. Das ist gewiss das Ende. Doch über das Tal kommt ein
anderer Ton, fast so wie der erste, außer dass dieser noch durchdringender ist.
Es hört sich so ähnlich an, wie eine Frau schreit. Und wieder teilen sich die
Schäfer auf, um das Problem zu erledigen. Aber dann kommt noch ein Ton, tiefer,
aber voller in diesem Augenblick losgelassener Wut. Dann ein weiterer schwächerer,
aber nicht weniger wütend, dann noch einer, noch einer, noch einer, und schnell
reicht der Ton über das Tal. Jedes Lamm beginnt, die Stimme zu erheben, und der
Ton wird bald ohrenbetäubend. Die Schäfer rollen sich auf dem Boden und halten
sich vor Schmerz die Ohren zu, aber der Lärm wird immer stärker, lauter und
lauter, bis die umliegenden Berge zu erbeben beginnen und Steine und Felsbrocken
herunterfallen, und noch wird der Lärm immer lauter. Bäume werden zerbrochen
und der Fluss trocknet aus, als die Berge beginnen, ihn zu füllen. Doch der Lärm
wird noch stärker. Du fällst auf den Boden und klammerst dich an dein Leben,
als ein schweres Erdbeben das ganze Tal erschüttert. Alles wird dem Erdboden
gleichgemacht, und du denkst, das hört nie auf. Als die Erde sich bewegt, wirst
du vom Zweig eines Baumes getroffen und bewusstlos geschlagen.
Schließlich erwachst du und bist erstaunt zu sehen, was vor dir liegt. Keine Gatter, die Berge gibt es nicht mehr, die Schäfer sind verschwunden, verschlungen von der Erde und nicht länger eine Bedrohung, der Fluss ist ein sanfter Strom mit leichtem Zugang. Dann bemerkst du die Lämmer, sie wirken etwas abgetragen, mitgenommen, zerschrammt und immer noch voller Narben, aber sie sind anders. Jetzt bewegen sie sich frei untereinander auf einer weiten Ebene. Es ist nicht nur die Bewegung, es ist das Geräusch, sanftes Blöken und leises Mähen ziehen über das Land. Sie scheinen einen Richtungssinn zu haben, weil sich die Herde immer als Ganzes bewegt. Es stimmt, sie sind nicht von ihren Übeln geheilt, sie haben nicht die große Sicherheit wie zuvor, und was mit ihrem neuen Leben werden wird, wissen sie nicht. Was sie aber wissen: Sie wollen nie mehr als schweigende Lämmer leben.