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10. Februar 2001

Der Glaubenskonflikt

Ältester verlässt Religionsgemeinschaft, um gegen Kindesmissbrauchspolitik zu protestieren

von KIMBERLY HEFLING
Associated Press

BENTON, Ky. -- Als Junge saß William Bowen still auf seinem Stuhl, während seine Klassenkameraden den Treueeid rezitieren.

Als Mitglied der Zeugen Jehovas verbrachte er Jahre damit, von Haus zu Haus das Evangelium zu predigen und der Religionsgemeinschaft zu dienen. Mit der Zeit wurde er Ältester, eine Machstellung, in seiner Versammlung im Westen Kentuckys.

Aber als Ältester war er in Informationen, die ihn veranlassten, die Zeugen Jehovas zu hinterfragen, eingeweiht - und sie öffentlich anzuzweifeln, eine Todsünde in der Religionsgemeinschaft.

In einem vom 31. Dez [2000] datierten Brief trat Bowen als Ältester zurück - aus Protest darüber, wie die Religionsgemeinschaft, eine Gesellschaft, die die Außenwelt meidet, Beschuldigungen von Kindesmissbrauch behandelt. Seine Behauptung ist, dass in solch einer Kultur Beschuldigungen von sexuellem Kindesmissbrauch von den Zeugen Jehovas nicht den weltlichen Behörden angezeigt werden und die Mitglieder, die es nicht tun, sich gegen ihren Glauben richten. Die Behauptungen von Missbrauchsopfern werden als unglaubwürdig behandelt, sagte er.

"Sie wollen so handeln, als gäbe es Pädophilie nicht. Schande über sie", sagte Bowen, 43, in einem Interview aus seinem Haus in Draffenville, wohin er mit seiner Frau, Sheila, eine Kerzenmanufaktur führt.

Obwohl Bowen erwartet, bei den Zeugen Jehovas rausgeworfen - oder ausgeschlossen - zu werden, weil er die Stimme erhoben hat, aus, hat seine Versammlung noch keine Strafaktion gegen ihn unternommen. Immer noch weigern sich einige Mitglieder, ihm die Hand zu geben oder außerhalb der Kirche Umgang mit ihm zu haben.

"Sie behandeln uns, als hätten wir die Pest", sagte Sheila Bowen. "Man unternimmt nichts gegen Gott, und sie denken, dass die Organisation Gott sei."

Bowens Entschluss zurückzutreten hat ihn zu einem Helden unter den Dissidenten der Religionsgemeinschaft gemacht.

"Die Leute sind unter Druck gesetzt worden, nichts zu sagen. Es gibt das überall im Land, wo eine Person ein Beweisstück hat und ein anderer ein anderes, aber sie fürchten, es vorzubringen, weil sie dann ausgeschlossen werden ... ", sagte Bowen. "So schweigen diese Leute und denken, sie seien die Einzigen."

Jemand, der ausgeschlossen ist, wird von Gruppenmitgliedern als unsichtbar betrachtet und kann von Mitgliedern seiner oder ihrer eigenen Familie sogar gemieden werden.

"Es ist nicht nur so, als gehe man aus einem Fitness-Center heraus", sagte Steve Hassan, ein früheres Mitglied der Vereinigungskirche, der jetzt Therapeut und Autor ist. "Man verliert die Verbindung zu Gott und den Mitgliedern der Familie in der Gruppe."

Bowen hat jedenfalls die Stimme erhoben, und seine Geschichte ist in religiösen Veröffentlichungen und den säkularen Medien erschienen. In Kentucky veröffentlichten es die Paducah Sun und das WPSD-Fernsehen. Das Courier-Journal (Louisville) gab eine Geschichte heraus, in der Gerichtsaufzeichnungen in sieben Kindesmissbrauchsfällen im ganzen Land untersucht wurden, darunter auch Fälle bei den Zeugen Jehovas.

Bowen sagte, eine Vorschrift bei den Zeugen Jehovas, die verlangt, dass zwei Personen Augenzeugen der Tat seien, bevor sie von den Führern anerkannt wird, mache es fast unmöglich, zu beweisen, dass Kindesmissbrauch auftritt. Opfer, die sich melden, zuversichtlich, dass sie Hilfe von den Kirchenführern erhalten, würden oft meinen, sie würden allein gelassen, sagte Bowen.

Bowen sagte, dass vor ein paar Jahren sein Interesse geweckt worden sei, nachdem er eine vertrauliche Akte las, in der geltend gemacht wurde, dass ein Mitglied in den frühen 1980er Jahren ein Kind missbraucht habe. Er sagte, dass er die Art missbilligt habe, wie der Fall von Kirchenvertretern sogar dann noch behandelt wurde, nachdem er dazu etwas sagte.

J.R. Brown, Sprecher in der Weltzentrale der Zeugen Jehovas im New Yorker City Stadtbezirk Brooklyn, sagte, er glaube, dass Bowen die Kirchenvorschriften nicht richtig verstehe.

Den Mitglieder stehe es jederzeit frei, Missbrauch den weltlichen Behörden zu melden, sagte Brown. "Dies ist eine persönliche Entscheidung, wie man damit umgehen will", sagte er.

Was Kirchenleitern gemeldet wird, wird im Allgemeinen vertraulich gehalten, es sei denn, das Gesetz des Bundesstaates verlangt, dass Missbrauchsanschuldigungen der Polizei gemeldet werden, sagte er.

"Wir befassen uns mit Sünden, und die Justizbehörden mit Verbrechen", sagte Brown.

In einigen Fällen jedoch werde die Angelegenheit ungeachtet des Gesetzes den weltlichen Behörden gemeldet, sagte Brown.

Über Bowen fügte er hinzu: "Er ist um Opfer der Kindesmisshandlung besorgt, und wir sind es auch." Brown sagte, die Glaubensgemeinschaft verlange, dass mindestens zwei Zeugen jede Art Fehlverhalten beweisen - einschließlich Kindesmissbrauch -, weil das das sei, was in der Bibel gelehrt werde.

Aber statt eines zweiten Zeugen könnten auch untermauernde Beweise verwendet werden, um Fehlverhalten zu beweisen, sagte Brown.

James Bonnell, ein Ältester in Bowens Versammlung, sagte, dass die Glaubensgemeinschaft den Leuten die Hand reiche und ihnen in Not helfe. Das ist keine Kontrolle, sagte er.

"Es ist eine freie Entscheidung", sagte Bonnell aus dem nahe gelegenem Gilbertsville, Kentucky. "Alles, was man tut, gründet sich auf Liebe zu Gott und zum Nächsten."

Die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas hat gemäß ihrer Webseite 89.985 Versammlungen und 5,5 Millionen Mitglieder weltweit. Sie wurde 1872 in Pittsburgh von Charles Taze Russell, einem früheren Kongregationalistenlaien, gegründet.

Die Mitglieder weigern sich, Waffen zu tragen, die Flagge zu grüßen oder an einer weltlichen Regierung teilzuhaben. Sie weigern sich auch, Bluttransfusionen anzunehmen. Sie weisen eine Anzahl von Doktrinen zurück, die von der traditionellen Christenheit gelehrt werden, darunter die Göttlichkeit Jesu Christi.

Zeugen Jehovas wird beigebracht, dass die Glaubensgemeinschaft die Autorität und der einzige Weg zu Rettung ist. Sie sollen mit allen Problemen zuerst zu ihren Religionsführern gehen.

Die Mitglieder besuchen zahlreiche Zusammenkünfte, führen Bibelstunden durch und gehen von Haus zu Haus, um das Evangelium zu predigen, und manche, die die Religionsgemeinschaft verlassen haben, sagen, der Zeitplan gebe einem als Einzelnen wenig Zeit zum Nachdenken.

"Es ist wie eine Identitätssache", sagte Marilyn Zweifel, eine Exzeugin aus New-Berlin, Wisconsin, die eine Telefonhotline betreibt, um gegenwärtigen Mitgliedern zu helfen. "Du verlierst deine Identität irgendwo entlang des Wegs."

Debbie Shard, ein Exmitglied, die auch eine Helpline betreibt, und zwar aus Ocoee, Florida, sagte, dass den Mitgliedern gesagt werde, die Religion zu verlassen könne dem Image der Religion schaden und mache es schwierig, neue Mitglieder zu rekrutieren und bei der Stange zu halten.

"Wenn es ein Feuer gibt, würde man die Feuerwehr rufen", sagte Shard. "Wenn es etwas ist, das kein lebensbedrohlicher Notfall ist, dann wären die Ältesten die erste Verteidigungslinie."

Sie stimmte Bowen zu und sagte: "Wenn du zu den Ältesten gehst, halten sie dich im Allgemeinen davon ab, zu (säkularen) Behörden zu gehen, weil es der Organisation Schande bereitet."

Ein früherer Ältester stimmte dem zu.

"Leugnen und Heimlichtuerei sind elementar für die Art, wie die Gesellschaft funktioniert", sagte Mike Terry aus Conway, Arkansas.

Raymond Franz, ein hochrangiger Zeuge Jehovas, der ausgeschlossen wurde und dann zwei Bücher über das innere Wirken der Religionsgemeinschaft schrieb, sagte, dass er nicht glaubt, dass Fälle von Pädophilie in der Religionsgemeinschaft häufiger vorkommen als in anderen. Aber die Isolation der Religionsgemeinschaft führt zu Problemen, sagte er.

"Die Sache ist die, alles innerhalb des Systems zu halten", sagte Franz. "Das ist eine natürliche Reaktion für Zeugen, weil sie im Grunde genommen eine geschlossene Gemeinschaft sind ..."

Es dauerte mehrere Jahre, ehe Carl und Barbara Pandelo aus New Jersey die Zeugen Jehovas verließen.

Im Jahr 1988 sagte ihnen ihre 12-jährige Tochter, dass sie von ihrem Großvater, Clement Pandelo aus Paramus, New Jersey, der auch ein Mitglied der Glaubensgemeinschaft war, missbraucht wurde.

Als Teil einer Übereinkunft mit dem Gericht plädierte Clement Pandelo auf schuldig der Gefährdung des Kindeswohls in zwei Fällen und strafbarem sexuellen Verhaltens in einem Fall. Gerichtsdokumente offenbaren, dass Clement Pandelo zugab, 40 Jahre lang Mädchen befummelt zu haben.

Er bekam fünf Jahre auf Bewährung. Er rief nicht zurück, als er telefonisch um einen Kommentar gebeten wurde.

Carl und Barbara Pandelo sagten, dass sie wünschten, sie hätten in dem Fall mehr Druck gemacht, so dass er ins Gefängnis käme, aber sie beschlossen, die Gerichtsübereinkunft zuzulassen, weil Kirchenleiter sie aufforderten, es zu tun - eine Behauptung, die von Anthony Valenti, einem Ältesten der Versammlung in Hackensack, New Jersey, bestritten wird.

Trotz des Widerstands der Gruppe dagegen, andere Mitglieder zu verklagen, beschloss das Paar später, die Hauseigentümerversicherung des Großvaters zu verklagen, damit sie mit ihrem Geld helfe, die Therapie der Tochter zu bezahlen. Ein Millionendollarurteil für die Tochter, jetzt Corinne Pandelo-Holloway, wurde letztes Jahr abgewiesen. Dagegen wurde Berufung eingelegt.

Sie und ihre Eltern sind darüber verärgert, dass Clement Pandelo - nachdem er zumindest einmal ausgeschlossen wurde - jetzt Mitglied einer Versammlung der Zeugen Jehovas in Hawthorne, N.J., ist und das Evangelium von Haus zu Haus predigen darf.

"Es ärgert mich wirklich", sagte Pandelo-Holloway, jetzt 24, und verheiratet. "Die Leute wissen nicht, wer das ist, und ich denke, dass sie gewarnt werden sollten, dass er ein verurteilter Pädophiler in der Nachbarschaft ist."