Geheime Datenbank schützt Pädophile

Die Organisation der Zeugen Jehovas unterhält ein Register mit Sexualtätern, das niemand außerhalb der Kirche sehen darf, sagt ein früherer „Ältester“ gegenüber Panorama. Bill Bowen, der sein ganzes Leben als Zeuge Jehovas und mehr als 20 Jahre als Ältester verbracht hat, sagt, die Organisation vertusche Missbrauchsfälle, indem sie die Datenbank geheim hält. Seine Quellen zeigen, dass 23.720 Missbrauchstäter auf der Liste stehen – die von dem System geschützt werden. „Sie [die Zeugen Jehovas] möchten nicht, dass die Leute wissen, dass sie dieses Problem haben“, sagt er gegenüber Panorama. „Und wenn sie das vertuschen, tun sie nur einem damit weh. Durch eine Bekanntgabe schädigen sie den Ruf der Kirche.“

Missbrauchsopfer meinen, sie könnten nicht frei sprechen

Politik auf biblischer Grundlage

Gemäß der Auslegung der Bibel durch die Zeugen Jehovas müssen Anklagen wegen Kindesmissbrauch zuerst der Rechtsabteilung der Organisation gemeldet werden. Die Polizei erfährt manchmal nie davon. In der Versammlung kann nur dann etwas unternommen werden, wenn es für das Verbrechen zwei Augenzeugen oder das Geständnis des Täters gibt. Und wenn ein Versammlungsmitglied des Kindesmissbrauchs verdächtigt oder sogar überführt wird, dann wird diese Tatsache geheim gehalten. Bill Bowen aus Kentucky in den USA trat im Jahre 2000 aus Protest gegen diese Politik bei Kindesmissbrauch von seinem Amt als Ältester zurück. Er sagte gegenüber Panorama:

Alison Cousins wurde durch die Politik der Zeugen zu Missbrauch im Stich gelassen

„Für jeden außerhalb und auch wirklich innerhalb der Organisation bleiben diese Männer anonym, wenn man nicht persönlich die Angelegenheit meldet.“

Die Gefahr ignoriert

 Die Geschichte einer jungen Zeugin Jehovas aus Schottland, mit der Panorama sprach, veranschaulicht die Gefahr einer solchen Politik.

Als Alison Cousins von ihrem Vater missbraucht wurde, befolgte sie die Prozedur, die man sie gelehrt hatte – sie wandte sich an einen der Ältesten. Was sie damals nicht wusste: Ihre Schwester war auch vom Vater missbraucht worden und hatte dies in gleicher Weise gemeldet. Obwohl sie seit drei Jahren wussten, dass Alisons Vater pädophil war, schickten dieselben Ältesten Alison zurück nach Hause, wo sie weiterhin missbraucht wurde. Zum Schluss ging Alison zur Polizei, und ihr Vater wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Wir haben die Pflicht, andere zu schützen, und das können wir nicht, wenn uns niemand etwas sagt.

Detective Sergeant Wallace Burgess

Aber die Polizei hatte als Letzter davon erfahren. Detective Sergeant Wallace Burgess von der Polizei in Strathclyde sagte: „Sie hatten es mehreren Leuten erzählt, ehe sie zur Polizei kamen, und diese Leute hatten es weder der Polizei noch dem Sozialdienst gemeldet. Wir haben die Pflicht, andere zu schützen, und das können wir nicht, wenn uns niemand etwas sagt.“

Juristischer Rat: „Weggehen“

„Im Hinblick auf jede Anklage wegen Kindesmissbrauch ist der wichtigste Erlass, der den Ältesten gegeben wurde, der, die Rechtsabteilung anzurufen“, sagt Bowen. Im vergangenen Jahr gab er sich als besorgter Ältester aus, rief die Rechtsabteilung an und bat um Rat, wie er mit einem mutmaßlichen Missbrauchsfall umgehen solle. Der Rat war: „Frag ihn noch einmal: ‚Ist da etwas dran?’“ Wenn er „nein“ sagte, sollte ich weggehen ... und die Sache Jehova überlassen. „Er wird ans Licht bringen was recht ist.“

Trotzdem behauptet J R Brown, Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit: „Wir haben eine sehr harte Politik, wie Kindesmissbrauch in den Versammlungen gehandhabt werden sollte, und sie dient in erster Linie dazu, die Kinder zu schützen.“ Als er von Panorama über die Zahl der mutmaßlichen Zahl von Kinderschändern gefragt wurde, sagte Paul Gillies vom Büro für Öffentlichkeit der Zeugen Jehovas in Großbritannien: „Es ist belanglos, sich auf die Zahl der Namen in unseren Unterlagen zu konzentrieren.“

Bezüglich ihrer Politik über das Anzeigen von Missbrauchsfällen bei den Behörden verwies er uns auf die Erwachet!-Ausgabe vom 8. Oktober 1993, Seite 9, wo es heißt: „Einige Fachleute raten, den Missbrauch so bald wie möglich bei den Behörden anzuzeigen. In manchen Ländern ist dies vom Gesetz her erforderlich. Andernorts bietet das Rechtssystem möglicherweise wenig Hoffnung auf eine erfolgreiche Verfolgung des Falles.“