Mittwoch, 17. Juli 2002
Schottische Presse
von Claire Stewart
Die Kirche der Zeugen Jehovas in Schottland hat vehement
bestritten, dass sie Pädophilen Schutz bietet.
Am vergangenen Abend wurde in einer Panorama-Sendung
des BBC-Fernsehens behauptet, die Kirche führe Unterlagen über bekannte Pädophile,
die sie sich weigere, der Polizei zu übergeben. Das Programm porträtierte ein
Teenagermädchen aus Ayrshire, das den Ältesten in ihrer Kirche angeblich erzählte,
sie sei von ihrem Vater missbraucht worden. Sie behauptete, man habe ihr gesagt,
sie solle nicht zur Polizei gehen, und das trotz der Tatsache, dass der Mann den
Ältesten bereits gestanden hatte, dass er sie missbraucht hatte.
Ein Sprecher des britischen Zweiges der Zeugen Jehovas
verurteilte Pädophilie als „abscheulich“ und erklärte, das Programm habe
keine Fälle untersucht, in denen die Kirche an die Polizei herangetreten war.
Das Enthüllungsprogramm behauptete, die
Wachtturm-Gesellschaft führe eine weltweite Datenbank von Mitgliedern, die des
Kindesmissbrauchs beschuldigt wurden. Die Liste, die über 20.000 Namen
enthalten soll, basiert auf Einzelheiten aus allen Versammlungen der Zeugen
Jehovas und enthält viele Namen von Personen, die nie bei der Polizei angezeigt
wurden. Panorama behauptete, es bestehe ein Kodex des Schweigens in der
Glaubensgemeinschaft, der auf der biblischen Lehre beruhe, dass die Mitglieder
sich an die Ältesten, und nicht an die Polizei, wenden sollten, und dass die
Mitglieder glaubten, ein Verbrechen habe erst dann stattgefunden, wenn zwei
Mitglieder der Glaubensgemeinschaft Zeugen dieses Verbrechens waren.
Wachtturm-Sprecher Paul Gilles bestritt gestern, dass
irgendeine Versammlung der Zeugen Jehovas einen Pädophilen vor der Polizei schütze.
„Sexueller Missbrauch von Kindern ist nicht bloß eine entsetzliche Sünde,
sondern auch ein Verbrechen, das bei den Opfern bleibende seelische Narben
hinterlassen kann“, sagte er. „Jehovas Zeugen verabscheuen überall den
sexuellen Missbrauch an Kindern und werden keinen Täter einer solch widerwärtigen
Handlungsweise vor den Folgen seiner großen Sünde schützen.“
Als Erklärung, warum die Kirche das Programm brüskierte,
sagte Gilles: „Wir haben aus zwei Gründen beschlossen, nicht daran
teilzunehmen. Der eine ist, dass Jehovas Zeugen in dem Programm vorkommen. Wir
befolgen bei allem, was wir tun, die Bibel, und wir lösen Probleme zwischen
geistigen Brüdern und Schwestern nicht in der Öffentlichkeit. Unsere Ansichten
gründen sich auf tiefen Überzeugungen, die man nicht in ein paar kurzen
Zitaten ausdrücken kann. Darum haben wir uns entschlossen, die Beschuldigungen
auf unserer eigenen Website anzusprechen, damit wir dort im Zusammenhang
detaillierte Antworten geben können.“
Allerdings hat die Kirche dem Programm Informationen über
ihre Politik gegenüber Kindesmissbrauch geliefert.
Gilles sagte, ehe das Programm ausgestrahlt wurde, er
erwarte nicht, dass es eine unparteiische Ansicht wiedergebe. „Soweit ich bis
jetzt sehen kann, erwarte ich kein ausgeglichenes Programm“, sagte er. „Dort
wurden Fälle beleuchtet, die man besser hätte handhaben können. Wir haben
ihnen gesagt, wir könnten nicht über Einzelfälle sprechen. Sie haben sich
Zeitungen herausgefischt, um Fälle zu finden, wo es schiefgelaufen ist, aber
sie haben sich keine Zeitungen herausgefischt, um Fälle zu finden, wo wir zur
Polizei gegangen sind.“ Der Sprecher gab zu, dass es Fälle von
Kindesmissbrauch in der Glaubensgemeinschaft gab, die man besser hätte
handhaben können, und er äußerte sein Bedauern darüber.
Gilles erklärte die Vorgehensweise der Zeugen Jehovas bei
der Meldung solcher Dinge: „Wenn den Ältesten etwas gemeldet wird, dann
wenden sie sich an unser Landesbüro in London und bitten um Rat, damit
sichergestellt wird, dass, erstens, das mutmaßliche Opfer und weitere mögliche
Opfer vor möglichem Missbrauch geschützt werden. Zweitens wird der Rat
gegeben, das Verbrechen bei den zuständigen Behörden anzuzeigen und sich an
alle weiteren rechtlichen Erfordernisse zu halten. Jehovas Zeugen glauben des
weiteren, dass es das unumschränkte Recht eines Opfers, seiner Familie oder
irgendeiner anderen Person ist, die Sache bei den Behörden anzuzeigen, wenn sie
das wollen. Es gibt mit Sicherheit keine Sanktionen gegen irgend jemanden in der
Versammlung, der eine Anschuldigung wegen Kindesmissbrauchs an die Behörden
weitergibt.“
Etwa 8.600 Zeugen Jehovas reisten gestern nach Perth zum Abschlusstag des Kongresses „Eifrige Königreichsverkündiger“. Die Konferenz zog Besucher aus ganz Großbritannien und sogar aus den USA an. Der Organisator Bill Reid sagte: „Die Einwohner von Perth haben, angefangen vom Taxifahrer, sehr gut auf unsere Anwesenheit reagiert.“