Der Komplize eines Pädophilen?

Bostons Katholiken wollen, dass Kardinal Bernard Law wegen seiner Rolle beim Schutz eines Priesters, der Jungen missbrauchte, zurücktritt. Warum wird er für seine Rolle, das Verbrechen zu vertuschen, nicht angeklagt?

von Charles Taylor

7. März 2002 | Boston ist wegen der Enthüllung empört, dass Kardinal Bernard Law jahrelang von den vielen sexuellen Missbrauchsbeschwerden gegen Expriester John Geoghan wusste, ihn aber von einer Gemeinde zur anderen versetzte, und die Bostoner -Katholiken sind am ärgerlichsten von allen. Doch Law tut Forderungen nach einem Rücktritt mit einem Achselzucken ab. "Unser Glauben ruht nicht auf den wechselnden Winden der öffentlichen Meinung", sagte der Kardinal und gab ein schönes Beispiel für die Art, wie katholische Kirchenleiter Kritik an der Pädophilieangelegenheit umgehen, während sie immer wieder ihre herrschaftliche Autorität zitieren.

Man beachte die Sprache. Es sind nicht Law oder seine Entscheidungen, die von Verleumdern bezweifelt werden, es ist der katholische Glaube selbst, als ob die zwei dieselbe Sache sind. Viele religiöse Amerikaner mögen glauben, dass die Gesetze Gottes Vorrang vor menschlichen Gesetzen haben sollten - aber die meisten von ihnen befolgen jedenfalls die menschlichen Gesetze. Der Pädophilieskandal zeigt das Ausmaß, in welchem der katholischen Kirche erlaubt worden ist, das Gesetz im Grunde genommen zu ignorieren, und wirft wirkliche Fragen auf, ob eine echte Trennung von Kirche und Staat in Amerika existiert.

Ob Law zurücktritt, hängt immer noch in der Luft. Was schon klar ist, ist, dass er als Komplize bei Geoghans Verbrechen strafrechtlich verfolgt werden sollte.

Während die Medien gute Arbeit geleistet und die Sexmissbrauchsskandale in der Kirche aufgedeckt haben, sieht es weniger gut aus, wenn man an die Wurzel des Problems geht. Empfindlichkeit über Religion scheint sich mit allgemeiner politischer Korrektheit in den Nachrichtenredaktionen zu mischen - wir wollen es der Gruppe nicht unbequem machen - und zähe Fragen, was der Skandal uns über den Katholizismus sagen könnte, verstummen zu lassen. Newsweeks neue Titelgeschichte über die Kindersexmissbrauchsskandale ist eine Fallstudie. Während sie das Ausmaß des Problems ausführlich darstellte, enthielt es dieses Musterdementi: "Priester haben natürlich kein Monopol auf Kindesmissbrauch."

Natürlich tun sie es nicht - Männer aus allen Bereichen des Lebens missbrauchen Kinder sexuell, und die überwältigende Mehrheit der Priester sind keine Kinderschänder. Aber der Satz dient auch dazu, das Problem zu reduzieren. Allein schon die Zahlen in den neuesten Skandalen zeigen, dass sexueller Missbrauch von Priestern kein seltenes Auftreten ist. Law übergab die Namen von 80 Priestern den Behörden in Massachusetts; Bischöfe in Maine, New Hampshire und Philadelphia haben begonnen, dem zu folgen. Nachrichten von einer Vertuschung in Tucson sind ans Licht gekommen. Los Angeles' beliebter Kardinal Roger Mahony wird unter Druck gesetzt, Missbrauchsbeschwerden dem LAPD zu melden. Und der National Catholic Reporter schätzt, dass die Kirche in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als eine Milliarde Dollar bezahlt hat, um Sexmissbrauchsklagen beizulegen, (die US-Konferenz der Bischöfe besteht darauf, dass die Zahl näher an 250 Millionen ist - immer noch alles andere als eine geringe Summe).

Reporter schienen nur widerwillig die Gründe für das Vorherrschen der Pädophilie unter Priestern zu überdenken. Werden Pädophile vom Priestertum angezogen, weil es ihnen leichten Zugang zu Kindern gibt? Werden Männer mit solchen sexuellen Begierden Priester, die eine Art suchen, jene Impulse zu zügeln? Es gibt etwas, was für beide Positionen spricht. Was klar scheint, ist, dass die katholische Kirche durch eine Kombination ihrer Lehren über Sexualität und ihre wiederholte Bereitschaft, pädophile Priester zu schützen und zu vertuschen, einen sicheren Ort für sexuellen Kindesmissbrauch geschaffen hat, wenn nicht sogar eine Brutstätte dafür.

Askese spielt natürlich eine Rolle in vielen Religionen der Welt, nicht nur im Katholizismus. Aber es scheint offensichtlich, dass das Risiko von sexuellem Kindesmissbrauch in einer Kirche, die auf dem Zölibatsgelübde ihres Klerus besteht, größer ist. Darauf zu bestehen, dass Priester nicht heiraten können, geschweige denn Sex zu haben, und ihnen dann Macht über die verwundbarsten Wesen zu geben - über Kinder, die von Geburt an geschult sind, von Priestern als den Vertretern Gottes auf der Erde zu denken (die auf diese Art fast außerstande sind, Unrecht zu tun) -, scheint die Bedingungen für diesen Skandal zu schaffen.

Die Lehre der Kirche, dass Sünde durch die Beichte und aufrichtige Reue gesühnt werden könne, kann auch eine Rolle dabei spielen, dass Pädophilie gedeihen darf. Wenn Verbrechen nur als Sünde behandelt wird, gibt es nichts, um es daran zu hindern, wieder zu geschehen. Und wenn dieses Verbrechen ein sexueller Zwang ist - der wie alle Zwänge einem wiederkehrenden Muster mit der Notwendigkeit folgt, ihn wieder zu tun, weil er sich nach der Befriedigung wieder aufbaut - ist es nicht wichtig, wie reuig der reuige Sünder ist. Teil der Erregung für Sextäter ist die transgressive Natur ihrer Begierden. Was könnte für einen Kindervergewaltiger aufregender sein, als sein Verbrechen in einer Atmosphäre zu begehen, wo das Objekt ihrer Begierde verehrt wird, in gesegneter Unschuld badet?

Diese Fragen fehlen in den meisten großen Berichten über den Skandal. Tatsächlich ist der liberale National Catholic Reporter mutiger gewesen als die meisten weltlichen Medien, als er nahe legte, dass das kirchliche Erfordernis des Zölibats bedeute, dass das Priestertum unverhältnismäßig häufiger Männer mit sexuellen Problemen anzieht. Aber was auch immer die Gründe für Priesterpädophilie sind, es gibt es kein Geheimnis darüber, was die katholische Kirche als Antwort auf jahrelange Klagen gegen Geoghan in Boston tat. Ich verstehe ehrlich nicht, warum Kardinal Law nicht als Komplize bei Geoghans Verbrechen angeklagt worden ist. Die einzige vertretbare Antwort kann nur sein, dass die Bostoner Behörden immer noch dabei sind, Beweise zu sammeln.

Law, der seit 1984 Bostons Kardinal ist, hat zugegeben, dass er von Geoghans Pädophilie wusste, und statt sie bei den Behörden zu melden oder Eltern in den Gemeinden zu warnen, wo Geoghan wirkte, teilte er den Priester einfach wieder zu - obwohl er letztes Jahr in Bezug darauf in der Zeitung der Diözese rundweg log. (Die Versetzungen von Geoghan ging 30 Jahre weiter. Der Vorgänger von Law, der verstorbene Kardinal Humberto Medeiros, war auch schuldig).

Die Fakten über Geoghan wurden erst bekannt, nachdem der Boston Globe die Diözese vor Gericht brachte, damit die Aufzeichnungen über ihn geöffnet würden. Es war erst diese öffentliche Enthüllung, die Law veranlasste, die Namen von anderen Priestern, mehr als 80 insgesamt, die beschuldigt wurden, weiterzugeben. Als Law die Angelegenheit, wie die Kirche in Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch verfahren sollte, im Jahr 1993 ansprach, wurde nicht davon gesprochen, die Behörden zu benachrichtigen. Stattdessen sind Priester in von Kirchen betriebene "Behandlungszentren" geschickt worden, die diese Skandale wieder unter dem Teppich halten.

Sogar im großzügigsten Licht betrachtet ist die Handlungsweise von Law bemerkenswert gefühllos gewesen. Wie kann von ihm oder irgendeinem Katholikenvertreter, der Missbrauchsanklagen vertuscht hat, gesagt werden, er habe christliche Sorge um seine Angestellten gezeigt? Seine unaufrichtigen Erklärungen des Bedauerns ("Wir treffen nicht immer heilige Entscheidungen, und wir wenden uns an Gott um Vergebung, er ist immer bereit zu vergeben") zeigen kein Bewusstsein dafür, dass er sich vor jeder Autorität außer Gott verantworten muss, und Glauben, dort wenigstens Vergebung zu finden. In einer Erklärung sagte er, dass er nicht wie der Vorstandsvorsitzende eines Unternehmens sei. Das ist genau das, was er ist. Als Leiter einer großen Abteilung einer reichen und mächtigen internationalen Organisation muss er Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen, besonders für die, die er selbst trifft. Es gibt keinen Grund zu denken, dass Law mehr Sorge um die Leute in seiner Obhut zeigte, als es Enron-Chef Kenneth Lay tat, (in der Tat klingt er mehr wie der frühere Vorstandsvorsitzende Jeffrey Skilling, wenn er seine Sprache grammatisch zergliedert, um zu versuchen, die Verantwortung zu umgehen).

Aber Law ist nicht alleine. Vertuschung ist lange der Modus Operandi der Kirche gewesen, wenn sie mit sexuellen Missbrauchsfällen zu tun hatte. Das Problem machte erstmals 1984 landesweite Schlagzeilen, als die Geschichte eines Kinder schändenden Priesters aus Louisiana Schlagzeilen machte. Im Jahr 1986 wies die Nationale katholische Bischofskonferenz die Empfehlung eines Komitees zurück, dass die Öffentlichkeit über Priester benachrichtigt würde, die sexuellen Missbrauch begingen. Stattdessen werden die meisten Fälle bis zu diesem Tag durch Vergleich vor Gericht erledigt und beinhalten ein Schweigegebot. Die Newsweek-Geschichte ergab, dass Aufzeichnungen oft außerhalb der US-Justiz gebracht werden, um die Priester weiter zu schützen.

Endlich scheint das Gesetz Maßnahmen zu ergreifen, um das außergewöhnliche Privileg, das die Kirche genossen hat, im Umgang mit den Pädophilen in ihrer Mitte zu beenden. Am 26. Februar passierte die Massachusetts-Legislative ein Gesetz, das verlangte, dass der Klerus mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzeigt. Kalifornien hat bereits ein ähnliches Gesetz, und die Behörden von Los Angeles haben schon bezweifelt, ob L.A.'s Kardinal Mahony ihm auf diese Weise entsprochen hat, als er sich mit den Priesterpädophilieskandalen seiner Diözese konfrontiert sah.

Was an dem Bostoner Fall am merkwürdigsten gewesen ist: dass Kardinal Law vor der Abstimmung der Legislative unter größerem Druck von Katholiken als von weltlichen Behörden gewesen war. Der 66-jährige Geoghan wurde vor kurzem für einen Übergriff zu 10 Jahren verurteilt. (Newsweek berichtete, dass es 129 weitere potentielle Opfer gibt.) Aber das ist nicht genug. In diesem Fall, wie in allen anderen, wo Kirchenvertreter von pädophilen Priestern wussten und die Beschuldigungen nicht den Behörden bekannt gaben, müssen diese Kirchenvertreter rechtlich schuldig gesprochen werden. Es gibt keinen Streit darüber, was Law tat. Seine Eminenz hat sehr rücksichtsvoll seine frühere Kenntnis von Geoghans Verbrechen ausführlich dargestellt und die vernichtendsten Beweise gegen sich selbst geliefert. Die Frage ist jetzt, haben Staatsanwälte in einer im Wesentlichen katholischen Stadt wie Boston den Mut, Law vor Gericht zu bringen, statt sich vor ihm zu verbeugen?

Sicher variieren die Gesetze von Bundesstaat zu Bundesstaat, aber es scheint verbreitete landesweite Unterstützung dafür zu geben, dass Leute in sozialen Berufen Beweise für ein Verbrechen melden, besonders Kindesmissbrauch. Wie kommt es, dass die Kirche so lange diesem Trend entkommen ist und ihre eigenen Regeln für den Umgang mit Pädophilen - Regeln, die fast nie beinhalten, die Polizei zu informieren - machen durfte? Wird die Schaffung dieser Richtlinien durch dieselbe Verletzung der Trennung von Kirche und Staat geschützt, die uns den der Beichte verliehenen Rechtsschutz gegeben hat?

Zuletzt hat die Legislative von Massachusetts klargestellt, dass Kirchenbeamte gesetzlich verpflichtet sind, mutmaßlichen sexuellen Kindesmissbrauch anzuzeigen. Das ist ein guter erster Schritt. Jetzt müssen die Behörden zeigen, dass sie bereit sind, gegen den Klerus zu handeln, der vertuscht, ganz gleich wie hoch in der Kirchenhierarchie.

Die Kirche kann fortfahren, darauf zu bestehen, dass Pädophilie ein geistliches Problem ist. Aber ihre Führer können alles, was sie wollen, auf die kommende Welt vorbereiten, sie leben sie nun einmal in dieser und müssen ihre Gesetze befolgen. Eine Kirche, die an das Menschenopfer von Kindern glaubte, dürfte diese Praxis nicht ausführen. Eine Kirche, die die Seelen und Geister von Kindern regelmäßig geopfert hat, um ihr öffentliches Image zu schützen, muss die Folgen erleiden. Es ist Zeit, dass jeder Beteiligte seine Aufgaben macht. Mann überlasse die Seelen Kardinal Law und lasse das Gesetz seinem Fleisch einen Stich versetzen.