Religionsgemeinschaft beschwört Rechte in Missbrauchsfall

von unserem Redakteur Steven G. Vegh © Copyright http://www.portland.com/copy.htm 1998 Guy Gannett Communications

Die Zeugen Jehovas berufen sich in einem Prozess, in dem der Kirche für den sexuellen Missbrauch durch ein Mitglied die Schuld gegeben wird, zu ihrer Verteidigung auf ihr verfassungsmäßiges Recht auf Religionsfreiheit.

Bryan Rees, der den Prozess im Bezirksgericht von Cumberland anstrengte, sucht Schadensersatz in nicht genannter Höhe für den Missbrauch, den er seiner Aussage nach zwischen 1989 und 1992 erlitt. Als Täter wird Larry Baker genannt.

In dem Prozess wird auch die Religionsgemeinschaft genannt, förmlich die Watchtower Bible and Tract Society of New York Inc., dann Alan Ayers, der Stiefvater von Rees und Führer in der Kirche, und Patrick LaBreck und Robert Wells, nach Rees ebenfalls Führer in der Versammlung.

Rees behauptet, Führer der Kirche in Augusta, die er als Teenager besuchte, hätten gewusst, dass Baker schon früher ein Kind belästigt habe, hätten die Kirchenmitglieder aber nicht gewarnt oder Baker ausgeschlossen. Dadurch sei Rees dem Missbrauch ausgesetzt worden, so die Klageschrift. Rees ist heute 23 Jahre alt und lebt in Portland.

Der Erste Verfassungszusatz hat mehrere Schutzbestimmungen, und einer davon hindert den Kongress daran, die freie Religionsausübung zu verhindern.

Die Art und Weise, wie die Wachtturm-Gesellschaft ihre Führer wählt und Kirchenmitglieder bestraft, ist Teil ihrer Religionsausübung, sagt Bruce Mallonee, der Anwalt von Wells, LaBreck und der Gesellschaft.

„Wenn man von ihnen fordern kann, vor Gericht zu gehen und ihre Handlungsweise zu verteidigen … dann dürfen sie ihre Entscheidungen nicht auf das gründen, was ihnen ihre Gebete und die Bibel sagen, sondern darauf, was sie meinen, das eine Jury von ihnen fordern würde“, sagte Mallonee.


Mallonee hat an das Gericht den Antrag gestellt, den Fall abzuweisen. Eine Entscheidung über diesen Antrag wird für den Sommer erwartet.

Der Anwalt von Rees sagt, Kirchen und Kirchenführer sollten für die Fehler der Führer verantwortlich gemacht werden.

„Es ist widerlich zu denken, ihr Interesse an der Herrschaft über die eigenen Leute stehe höher als unser eigenes Interesse und das des Staates, sicherzustellen, dass es keine (Missbrauchsfälle) gibt“, sagte Michael J. Waxman.

Baker war, so die Klageschrift, der Türnachbar von Rees in Jefferson im Lincoln County und ein Mitglied der Versammlung der Zeugen Jehovas, zu der die Familie von Rees gehörte.

Weiter heißt es in der Klageschrift, dass Ayers, Wells und LaBreck Älteste in der Versammlung waren und in einem Gremium der Kirche dienten, das Baker vor 1989 dafür bestraft hatte, dass dieser einen Jungen sexuell belästigt hatte. Das Gremium verbot Baker, Kontakt zu Kindern in der Versammlung zu haben, und degradierte ihn aus seiner Position als Ältester.

In der Klageschrift heißt es, man habe der Versammlung nichts über Bakers Taten erzählt und damit Rees dem Missbrauch ausgesetzt.

Baker, so Rees, begann, ihn ab 1989 zu missbrauchen. Dies ging so weiter bis 1992. Die Klageschrift besagt, Baker habe in dieser Zeit seinen Führungsposten als Ältester wiedererlangt.

Rees berichtete später einem Sozialberater, dass er missbraucht worden war, und der Fall wurde bei der Polizei angezeigt. Baker wurde 1993 des ungesetzlichen sexuellen Kontakts und des Missbrauchs eines Minderjährigen für schuldig befunden.

Dokumente an das Gericht von M. Michaela Murphy im Interesse von Baker bestreiten den Hauptteil der Beschuldigungen von Rees. Murphy war am Montag zu keinem Kommentar bereit.

Gemäß Waxman gingen die Zeugen Jehovas ihrer Verantwortung, Kinder zu schützen, aus dem Weg, als die Ältesten die Strafmaßnahme gegen Baker vertraulich hielten.

Doch Mallonee sagt, wenn der Fall vor Gericht käme, versetze das „das Gericht in die Lage, einer Religionsgemeinschaft vorzuschreiben, wie sie ihre Angelegenheiten zu regeln habe.“

Rechtsanwälte sind unterschiedlicher Meinung darüber, ob Kirchen sich in Fällen wie diesem auf den Ersten Verfassungszusatz berufen können.


„Zu sagen, der Fall solle abgewiesen werden ... weil es sich um eine Kirche handle und diese aufgrund des Ersten Verfassungszusatzes nicht der Zivilgesetzbarkeit unterliege, scheint ein kreatives Argument zu sein“, sagte Cabanne Howard, der an der University of Maine School of Law lehrt.

Doch David Gregory, der zur selben Fakultät der Lehranstalt gehört, sagte, der Fall falle wahrscheinlich unter den Grundsatz, dass sich Gerichte in Glaubensdingen nicht einzumischen hätten, indem sie Kirchen nicht dem gewöhnlichen Haftungsrecht unterstellen.

 

Anwalt der Zeugen Jehovas vom Wachtturm-Zweigbüro in Patterson, NY, schreibt eine Widerlegung:
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LESERBRIEF
Veröffentlicht am Samstag, den 23. Mai 1998, Seite: 8A ©1998 Guy Gannett Communications

Kirche hat keine Kontrolle über ihre Mitglieder

Ich führe normalerweise keine Prozesse außerhalb des Gerichtssaales, aber als Anwalt, der die Interessen der Zeugen Jehovas vertritt, muss ich auf die falschen Anschuldigungen antworten, ein Ältester hätte sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht, wie es aus Mr. Veghs Artikel vom 12. Mai hervorgeht.

Jehovas Zeugen glauben, dass sie die Verantwortung vor Gott haben, die Kinder in der Versammlung zu schützen.

Die Wachtturm-Gesellschaft hat ihre offizielle Haltung im Wachtturm vom 1. Januar 1997 zum Ausdruck gebracht: „Zum Schutz unserer Kinder gilt: Ein Mann, von dem bekannt ist, dass er ein Kind sexuell missbraucht hat, eignet sich nicht, eine verantwortungsvolle Stellung in der Versammlung zu bekleiden.“

Der Täter hatte zu keiner Zeit ein Amt in der Kirche inne – nicht vor seiner Tat, nicht während seiner Tat, noch nach seiner Tat. Der Artikel vom 12. Mai irrt, wenn es dort heißt, er “habe seinen Führungsposten als Ältester wiedererlangt”. Er war der Türnachbar des Klägers und ein Mitgläubiger.

Der Kläger versucht, die Kirche für Handlungen verantwortlich zu machen, die in privatem Rahmen, zwischen Nachbarn, stattfanden. Die persönlichen Handlungen der Kirchenmitglieder liegen jedoch eindeutig außerhalb der Kontrolle durch die Kirche.


Der Anwalt des Klägers versucht, der Kirche die Unantastbarkeit und die völlige Vertraulichkeit von Bekenntnissen zu nehmen und ihr die Verantwortung für Fehler ihrer Mitglieder aufzuerlegen.

Wenn alle Fakten vorgetragen wurden, und zwar vor Gericht und nicht vor der öffentlichen Meinung, dann wird klar sein, dass die Wachtturm-Gesellschaft und die Kirchenältesten alles ihnen Mögliche getan haben, um den Kläger zu schützen.

Paul D. Polidoro
Patterson, N.Y.