Mitschrift: Panorama BBC

Programmtitel: "Suffer the little children"
Programmproduzent: PANORAMA BBC1 U. K.
Ausstrahlung: 14. Juli 2002, 22:15 Uhr

[EINLEITUNG]

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Vor zwei Jahren hörten Älteste dieser Kirche eine schockierende Geschichte. Diese junge Frau erzählte ihnen, dass ihr Vater sie sexuell missbrauchte. Die Ältesten nannten sie eine Lügnerin.

ALISON COUSINS (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Was soll man tun, soll man denn tun, wenn etwas nicht stimmt? Und sie sagten: "Komm zu uns und wir befassen uns damit." Und ich sagte zu ihnen: "Also, ich habe schon mit euch gesprochen, und ihr habt mir gesagt, ich sei eine Lügnerin."

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Die Ältesten schickten sie nach Hause zu ihrem Vater. Sie haben ihr nicht gesagt, dass er ihnen drei Jahre zuvor gestanden hatte, dass er ihre Schwester missbrauchte.

BETSAN POWYS (BBC REPORTER): Tulsa, Oklahoma, und eine Zusammenkunft der Kirche, die dies geschehen lässt. Über 6.000 Zeugen Jehovas sind zu ihrem Bezirkskongress in der Stadt. Auch Panorama ist da. Wir suchen nach Antworten von den Führern einer Organisation, die unter Beschuss steht, vor riesigen Beschuldigungen steht, dass sie Kinderschänder abschirmt, Opfer zum Schweigen bringt und Kinder einer Gefahr aussetzt.

BILL BOWEN (ÄLTESTER DER ZEUGEN JEHOVAS 1984-2000): Es ist ein weltweites Problem, das in der Organisation epidemische Ausmaße hat, und niemand weiß davon, außer das eigene Kind wird missbraucht.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Stevenson liegt am Ayrshire-Ufer in Schottland. Es ist ein ruhiger Urlaubsort, eine fest zusammengewachsene Stadt und Heimat einer blühenden Gemeinde der Zeugen Jehovas. Dienst von Haus zu Haus, Bibelstudien und Bekehrungen sind der Kern des Familienlebens dieser jungen Frau. Aber jetzt hat sie die Kirche verlassen, von der sie sagt, dass sie sie verraten hat. Sie möchte nicht erkannt werden. Sie hatte eine strenge religiöse Erziehung, ihre Eltern waren mit dem biblischen Grundsatz verheiratet, dass der Vater das Haupt des Haushaltes sei.

MÄDCHEN (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Wir beteten zusammen, so etwas, ich meine, wir beteten vor dem Essen, und wir beteten, ehe wir zu Bett gingen, und bitte Gott um Hilfe, und bitte Gott um Vergebung für alles Verkehrte, was wir an dem Tag gemacht hatten. Es war sehr streng. Ich hatte jahrelang Angst vor meinem Vater. Ich fürchtete ihn wirklich.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Sie und ihre Schwester verbrachten Stunden damit, alleine zu spielen. Ihr Vater brachte ihnen bei, dass die Einflüsse von draußen schlecht seien. Er verbot Freundschaften außerhalb der Kircher. Aber seit sie 11 war, verbargen ihre Phantasiespiele eine schreckliche Wahrheit - ihr Vater hatte begonnen, sie zu missbrauchen.

MÄDCHEN (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Eines Nachts war ich in meinem Bett, und das war, als mein Vater hereinkam und begann, mich zu berühren und zu befühlen. Ich lag nur da und hoffte, dass er wegging.

MÄDCHEN (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS) [in offiziellen Zeugenaussagen vor der Polizei von at Selkirk]: In den Jahren - als ich 11 war, bis ich 15 war - hatte mein Vater mir Dinge angetan, die er nicht hätte tun sollen, er hat meine Brüste gerieben, den Finger in mich gesteckt und versucht, Sex mit mir zu haben. Ich erinnere mich, als wir in Perth waren; wir waren draußen in einem Zelt. Er begann, mich zu berühren, und er ließ mich ihn berühren, und er brachte mich dazu, seinen Penis in meinen Mund zu stecken und solche Dinge.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Hatten Sie Angst?

MÄDCHEN (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Entsetzliche Angst! Es gab eines, das mein Vater mir gesagt hatte, wenn ich je mit jemandem darüber redete, würde er mich zerreißen.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Jahrelang schwieg sie, aber eines Sonntags, nach einer Zusammenkunft im Königreichssaal, bat sie um ein Gespräch mit den Kirchenältesten. Sie brauchte ihre Hilfe.

MÄDCHEN (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Und ich habe ihnen alles erzählt, was passierte.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Haben sie Ihnen gesagt, dass das schwerwiegend war, dass Sie zur Polizei gehen sollten, dass sie für Sie zur Polizei gehen würden?

MÄDCHEN (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Nein, so etwas haben sie mir nicht gesagt. Sie haben die Polizei überhaupt nicht erwähnt.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Sie haben gesagt, sie würden sich der Sache annehmen.

MÄDCHEN (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ja. Und danach riefen sie meinen Vater herein, und sie hatten ein sehr, sehr langes Gespräch mit ihm. Schließlich kamen sie heraus und wir gingen nach Hause, und das war es dann.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Als er damit konfrontiert wurde, gestand Ian Cousins, dass er seine Tochter missbrauchte. Er sagte, es täte ihm leid, daher schickten die Ältesten ihn mit ihr nach Hause. Der Missbrauch ging weiter. Cousins wurde von den Ältesten öffentlich zurechtgewiesen oder ermahnt, aber Kirchenpolitik hieß, dass niemandem gesagt wurde, warum, nicht einmal seiner jüngeren Tochter.

ALISON COUSINS (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Von der Bühne herab wurde bekannt gegeben, dass Ian Cousins zurechtgewiesen worden war, und danach ging ich zu einem der Ältesten und fragte: "Also, warum ist er zurechtgewiesen worden?" Und er sagte: "Weil er etwas Unrechtes getan hat", aber er wollte mir nicht erzählen, was es war.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Selbst als ihre Schwester auszog, den Missbrauch leid, wusste Alison immer noch nicht, warum. Sie vermisste ihre Schwester und war einsam. Wo nun die eine Tochter weg war, wandte sich Ian Cousins der anderen zu. Es begann alles mit einem unschuldigen Gutenachtkuss.

ALISON COUSINS (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ich gab ihm einen Kuss, ganz flüchtig auf die Lippen, und dann versuchte ich wegzugehen, und er zog mich hinunter und zwang seine Zunge durch meine Zähne, meine zusammengebissenen Zähne, und er versuchte, mir die Schuld zu geben, und sagte: "Hast du wirklich geglaubt, du solltest das tun?"

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Er gab Ihnen die Schuld?

ALISON COUSINS (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ja.

BETSAN POWYS (BBC REPORTER): Es dauerte nicht lange und der Missbrauch wurde schlimmer. Eines Tages wurde ihr Vater beschuldigt, eine von Alisons Freundinnen angefallen zu haben. Sie musste etwas unternehmen, aber sie hatte niemanden, an den sie sich wenden konnte - außer im Königreichssaal. Sie bat um ein Gespräch mit einem Kirchenältesten.

ALISON COUSINS (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ich erzählte ihm alles, was geschehen war und was mein Vater mir angetan hatte, und er sagte, er glaube mir überhaupt nicht und ich sei eine Lügnerin, und dass mein Vater so etwas nie tun würde und so ein netter Mann sei.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Wie ihre Schwester wurde sie nach Hause geschickt. Ihr Vater - der "nette Mann" - konnte sie weiter missbrauchen. So stellte sie den Ältesten ein Ultimatum: Entweder sie tun etwas oder sie geht zur Polizei. Sie taten nichts.

ALISON COUSINS (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS) [in einer offiziellen Aussage vor der Polizei]: Ich habe der Polizei von meinem Vater erzählt, weil ich Sorge habe, dass er mit anderen jungen Mädchen in der ganzen Kirche Kontakt hat.

DETECTIVE SERGEANT WALLACE BURGESS (POLIZEI STRATHCLYDE): Einige dieser Leute sagten etwas Gutes und waren sehr positiv in ihrer Unterstützungshaltung für Alison und ihre Schwester. Andere Leute meinten, sie wollten da nicht hineingezogen werden, und sagten Negatives. Und einige weigerten sich ganz, mit uns zu sprechen.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Warum?

DETECTIVE SERGEANT WALLACE BURGESS (POLIZEI STRATHCLYDE): Ich habe keine Ahnung, warum. Sie weigerten sich einfach, mit der Polizei zu reden.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Waren das Zeugen Jehovas?

DETECTIVE SERGEANT WALLACE BURGESS (POLIZEI STRATHCLYDE): Ich glaube, ja.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Aber sie wollten nicht helfen.

DETECTIVE SERGEANT WALLACE BURGESS (POLIZEI STRATHCLYDE): Sie wollten uns nichts sagen, nein.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Erst während der polizeilichen Untersuchung wurde die ganze Geschichte für Alison Cousins klar. Erst jetzt entdeckte sie, dass auch ihre Schwester missbraucht worden war. Erst jetzt fand sie heraus, dass ihr Vater drei Jahre zuvor vor den Ältesten eingestanden hatte, und doch warnte sie, sein nächstes Opfer, niemand.

ALISON COUSINS (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Niemand hat mir etwas gesagt. Sie hielten alles sehr bedeckt und und erzählten niemandem, was geschehen war.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Was sie taten, war, den Namen ihres Vaters und sein Geständnis in einer kirchlichen Datenbank aufzubewahren - ein Register mit mutmaßlichen und überführten Pädophilen, die zu überwachen waren. Wir baten Alison Cousins um eine Kopie ihrer Aufzeichnungen nach dem Datenschutzgesetz. Dort war schwarz auf weiß der Beweis, dass die Zeugen Jehovas schon seit drei Jahren wussten, dass ihr Vater ein geständiger Pädophiler war. Doch die Ältesten hatten alles andere getan als ihn zu überwachen, sie waren blind für den Missbrauch an seinen Töchtern. Als er vor den Kirchenältesten gestand, erhielt Cousins einen milden Tadel. Als er vor Gericht gestand, bekam er fünf Jahre Gefängnis

DETECTIVE SERGEANT WALLACE BURGESS (POLIZEI STRATHCLYDE): Ich glaube, wir waren die Letzten, die es wussten. Sie hatten es mehreren Leuten gesagt, ehe sie zur Polizei kamen, und diese Leute hatten es auch nicht der Polizei oder den Sozialbehörden gemeldet. Wir haben die Pflicht, sie zu schützen, aber das können wir nicht,, wenn es uns niemand erzählt.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): New York, die Hauptstadt der Geschäftswelt und eine passende Heimat für für eine der größten und reichsten Religionsgemeinschaften der Welt. Von hier aus kontrollieren die Zeugen Jehovas über sechs Millionen Mitglieder. Von hier aus, der Weltzentrale in Brooklyn Heights, wird jede Vorschrift oder Richtlinie vorgeschrieben. Besucher sind willkommen, und eine Botschaft ist klar. In dieser Organisation hält man sich an Gottes Wort. Jeden Monat kommen 50.000 Bibeln aus den Pressen, bereit, weltweit verkauft zu werden. Aber hier werden auch die Aufzeichnungen mutmaßlicher und überführter Pädophiler in ihren Reihen aufbewahrt. Bill Bowen, sein Leben lang Mitglied, ist als Ältester zurückgetreten. Er sagt, die Männer an der Spitze schützten die Kirche, nicht die Kinder.

BILL BOWEN (ÄLTESTER DER ZEUGEN JEHOVAS 1984-2000): Sie möchten nicht, dass die Leute wissen, dass sie dieses Problem haben, und indem sie es vertuschen, fügen sie nur einer Person Schaden zu. Wenn sie es herauslassen, schädigen sie das Image der Kirche.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Älteste müssen Missbrauch der Rechtsabteilung der Kirche melden. Nur wenn das Gesetz es fordert, dürfen sie sich an die Polizei wenden. Wenn dies keine Pflicht ist, wird ihnen gesagt, sie hätten die moralische Pflicht dazu, aber oft scheint es hier haltzumachen. Es scheint nicht weiter zu gehen als die eigene geheime Datenbank der Kirche.

BILL BOWEN (ÄLTESTER DER ZEUGEN JEHOVAS 1984-2000): Jede Einzelheit über das, was geschehen ist, wird aufgeschrieben, wo, wann, wie es passierte

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Sie sagen also, die Organisation hat ihre eigene Sextäterliste.

BILL BOWEN (ÄLTESTER DER ZEUGEN JEHOVAS 1984-2000): Genau richtig.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Dass sie sie für sich behält und niemand anderem zeigt.

BILL BOWEN (ÄLTESTER DER ZEUGEN JEHOVAS 1984-2000): Genau. Diese Männer bleiben für jeden außerhalb der Organisation anonym, und auch für jeden in der Organisation, wenn er die Sache nicht selbst meldet.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Dies war also damals die Vorschrift in Stevenson, die Ian Cousins weiter seine Töchter missbrauchen ließ? Die Ältesten sind zurückgetreten und weigerten sich ,mit uns zu reden, also fragten wir den Mann, den sie geschickt haben, nach Informationen. Hallo, Herr Briggs. Wir kommen, wie Sie wissen, von BBC Panorama.

JONATHAN BRIGGS (VORSITZ FÜHRENDER AUFSEHER DER ZEUGEN JEHOVAS): Das weiß ich.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Wir möchten Ihnen nur ein paar Fragen zu dem Fall Ian Cousins stellen.

JONATHAN BRIGGS (VORSITZ FÜHRENDER AUFSEHER DER ZEUGEN JEHOVAS): Vernünftig ist es, wirklich an die Brüder und Schwestern in der Versammlung zu denken, die all diesen Druck aushalten müssen. Dabei möchte ich es belassen. Das ist alles, was ich zu der Sache zu sagen habe.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Die Datenbank, Herr Briggs, warum sollten Jehovas Zeugen eine Datenbank über Männer führen, die gestanden haben, pädophil zu sein, aber der Polizei wird es nicht gesagt? Halten Sie das für vernünftiges Verhalten, Herr Briggs?

JONATHAN BRIGGS (VORSITZ FÜHRENDER AUFSEHER DER ZEUGEN JEHOVAS): [Lehnt eine Antwort ab, dreht sich um und geht wieder in den Königreichssaal]

[11. JULI 2002]

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Der neueste Name auf der Liste sollte der von James Barrett sein. Vor drei Tagen wurde dieser Älteste aus Rugby, der seine Bibel umklammerte, des unsittlichen Angriffs auf zwei Jungen überführt und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Der Kirche wurde vor fünf Jahren von den Anschuldigungen berichtet, aber Barrett leugnete und durfte weiter Ältester bleiben. Wie viele Namen sind nun in der geheimen Datenbank? Wir fragten die Zentrale in New York. Sie weigerten sich, es uns zu sagen. "Sich auf Zahlen zu konzentrieren ist nicht wichtig", sagten sie. Nach einem ganzen Leben in der Kirche erzählt Bill Bowen etwas anderes. Wie viele Namen vermuten Sie auf der Liste?

BILL BOWEN (ÄLTESTER DER ZEUGEN JEHOVAS 1984-2000): Dreiundzwanzigtausendsiebenhundertundzwanzig.

BETSAN POWYS (BBC REPORTER): Woher wissen Sie das?

BILL BOWEN (ÄLTESTER DER ZEUGEN JEHOVAS 1984-2000): Quellen innerhalb der Kirche wandten sich an mich. Mir wurde eine Zahl von über 20.000 genannt. Zwei verschiedene Quellen kamen zurück zu mir und sagten, dass die Zahl in Wirklichkeit genauer vorliegt, und sie nannten mir die Zahl von 23.720. Sie sagten mir, sie hatten Zugang zu der internen Datenbank und die Zahl beruhe auf den Kinderschändern in den USA, in Kanada und Europa, und das sei die Zahl, die ihnen genannt wurde.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Über 20.000 Namen in einer geheimen Datenbank. Das ist der Grund, warum diese Leute sagen, die Kirche müsse zuhören. Zusammen mit Bill Bowen fordern sie von den Zeugen Jehovas, mit ihren Aufzeichnungen über Kindesmissbrauch klar Schiff zu machen. Seine Kampagne "Silentlambs" hat bereits von 5.000 Opfern gehört. Diese Kerzenwache gilt ihnen.

BILL BOWEN (ÄLTESTER DER ZEUGEN JEHOVAS 1984-2000): Oder es ist das, was sie tun, wenn es einmal herausgekommen ist, was den eigenen Mitgliedern große Unruhe bereitet.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Heather Berry und ihre Stiefschwester Holly Brewer sind von New Hampshire hierher geflogen. Der Mann, der sie missbrauchte, wurde für mindestens 56 Jahre eingebuchtet. Es war Heathers Vater. Jetzt betreten Heather und Holly Neuland, sie bringen die Zeugen Jehovas vor Gericht.

HEATHER BERRY (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ich bin Heather aus New Hampshire. Ich möchte nicht meine Geschichte erzählen, aber ich habe heute schon zu oft das Wort "Opfer" gehört, und wir alle stehen hier heute, und zwar stramm und stolz, und sagen, dass es passierte, und dass es nicht passieren darf, und wir sind Überlebende, wir kämpfen und sind keine Opfer.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Sie sind die ersten der Überlebenden, die ihren Kampf vor Gericht austragen. Sie behaupten nicht nur, dass die Kirche nichts unternahm, als sie missbraucht wurden, sie ächtete und bestrafte auch noch die Familie, als sie die Polizei riefen.

HEATHER BERRY (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ich bin sehr froh, dass ich gekommen bin, und wie ich sagte, ich würde es wieder tun, und wieder, und wieder, und so oft, wie es braucht, damit sich die Politik und die Dinge, die sie ständig verbergen, ändern.

HOLLY BREWER (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ich bin wirklich froh, dass heute so viel über die Verfahrensvorschriften geredet wurde, dass es tatsächlich deren Politik ist, inicht nur ein paar Älteste, die etwas verbergen wollen. Es kommt von ganz oben.

HEATHER BERRY (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Es ist eine weltweite Vorschrift.

HOLLY BREWER (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ja.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Wir baten die Kirche um ein Interview, um über die Behauptungen zu sprechen, dass sie Tausende von Kindern einer Gefahr aussetzen. Stattdessen haben sie uns ein paar Videobänder angeboten. Hier haben wir sie, tatsächlich ein Karton voller Bänder, die Antwort der Zeugen Jehovas, zunehmendes Verstehen der Pädophilie, Aufklärung durch Publikationen, und eines als 'Vorschriften' bezeichnet, und mir wurde gesagt, dort würden wir einige Antworten bekommen. Gestern Abend haben wir uns die Bänder angesehen, nach Antworten gesucht. In langen Briefen hat uns die Organisation mitgeteilt, dass das Wohl der Kinder oberste Priorität für sie habe, dass sie machtvolle Kinderschutzvorschriften hätten. Wir wollen sehen, wie das ausgesprochen wird.

J. R. BROWN (SPRECHER DER WATCHTOWER BIBLE & TRACT SOCIETY): Wir haben gehört, dass nahe gelegt wurde, unsere Vorschriften seien nicht angemessen, um das Problem des Kindesmissbrauchs abzudecken, aber das ist alles nicht der Fall.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Die Vorschriften könnten nicht einfacher sein. Die Ältesten sollten sich der Missbrauchsbeschuldigungen annehmen.

M. R. INFANTE (JEHOVAS ZEUGEN): Ich denke, das ist eine sehr gute Vorschrift, dass es im Wesentlichen in der Verantwortung der Ältesten liegt, Missbrauch der Obrigkeit zu melden.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Aber man sagt ihnen, die Obrigkeit, an die sie sich wenden sollen, sei nicht die Polizei, sondern die eigene Rechtsabteilung.

J. R. BROWN (SPRECHER DER WATCHTOWER BIBLE & TRACT SOCIETY): Tatsache ist, wir haben sehr aggressive Vorschriften der Behandlung von Kindesmissbrauch in der Versammlung, und sie sollen in erster Linie unsere Kinder schützen.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Und wie aggressiv sind sie in der Praxis? Gerade einmal vor einem Jahr hat Bill Bowen bei der Rechtsabteilung in New York angerufen und gefragt, wie er mit einer Missbrauchsanschuldigung in seiner Versammlung umgehen solle. Der Rat, der ihm gegeben wurde, hat wenig mit dem Schutz des Opfers zu tun. Man hat ihm gesagt, er solle zu dem beschuldigten Mann zurückgehen.

VERTRETER DER RECHTSABTEILUNG IN DER WACHTTURM-ZENTRALE IN NEW YORK: Frag ihn nur: "Also, ist an der Sache was dran?" Wenn er sagt: "Nein", dann würde ich die Finger davon lassen. Überlasse es Jehova, Er wird es ans Licht bringen.

BILL BOWEN (ÄLTESTER DER ZEUGEN JEHOVAS 1984-2000): Ja.

VERTRETER DER RECHTSABTEILUNG IN DER WACHTTURM-ZENTRALE IN NEW YORK: Aber setz dich nicht in die Patsche.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): "Überlasse es Jehova". Das ist, so Tausende von Opfern, die Kinderschutzpolitik der Zeugen Jehovas in klarem Licht. Niemand weiß mehr darüber als Sara Poisson. Holly Brewers und Heather Berrys Mutter weiß, dass ihre Loyalität gegenüber der Kirche ihren Töchtern einen hohen Preis abverlangte. Paul Berry, ihr Mann, schlug sie. Sie vermutete Schlimmeres, dass Heather sexuell missbraucht wurde, und sie ging zu den Ältesten.

SARA POISSON (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ich konnte am Ausdruck ihrer Gesichter sehen, dass ich etwas Schlimmes getan hatte, dass ich etwas gegen meinen Mann gesagt hatte, was etwas Schlimmes ist. Und ihre Lösung war, ich sollte eine bessere Ehefrau sein, und ich sollte mehr beten. Das war ihre Lösung, so konnte ich ihn davon abbringen, uns zu verprügeln. Ich nahm an, dass sie Recht hatten. Es musste Recht sein, weil sie alles wissen, denn sie sind Gottes Vertreter auf Erden.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Sie konnte sie nicht überzeugen, aber sie war überzeugt, dass Paul Berry ihre Tochter Heather sexuell missbrauchte.

HEATHER BERRY (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Als ich etwa drei Jahre alt war, begann ich ein Verhalten zu zeigen, das keine vernünftige Dreijährige zeigen würde. Ich warf Hocker aus einem Fenster im zweiten Stock, und ich war, also ich kam ins Bostoner Kinderkrankenhaus in die psychiatrische Abteilung, als ich drei war, weil sie mich fanden, als ich mir in der Küche mit einem Schraubenzieher in den Arm stach. Er kam zu mir in finsterster Nacht, Hände ausgestreckt, es gab keinen Kampf. Der maskierte Mann wurde langsam mit meinen Umrissen vertraut, rieb sanft seine Hände auf mir, jeden Winkel. Mein Kind, du bist so süß, so vollkommen und richtig, dann wusste ich nichts mehr als die Niederlage. Ich versuchte so gut wie möglich, nicht an den Missbrauch zu denken. Ich meine, es gab die körperlichen Misshandlungen, wir wurden beschimpft, und da war der sexuelle Missbrauch. Und als nichts davon geschah, war das ideal, und darauf versuchte ich mich die meiste Zeit zu konzentrieren.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Und die ganze Zeit über gingen Sie jeden Sonntag in den Königreichssaal.

HEATHER BERRY (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ja, das taten wir.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Sie gingen während der Woche in die Zusammenkünfte.

HEATHER BERRY (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Wir gingen raus in den Haus-zu-Haus-Dienst.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Immer wieder wurde den Mädchen gesagt, sie sollten draußen warten, während ihre Mutter die örtlichen Ältesten um Hilfe bettelte. Immer wieder sahen sie, wie sie nach Hause geschickt wurde, um intensiver zu beten und eine bessere Ehefrau zu sein. Auch Holly hatte ihre eigene Geschichte zu erzählen, die Geschichte, die sie vor ihrer Mutter geheim hielt, die Geschichte, von der sie inzwischen wusste, dass die Ältesten sie nicht hören wollten. Ihr Instinkt sagte ihr, sie sollte es dem örtlichen Polizisten erzählen, aber nach Jahren in der Kirche konnte sie es einfach nicht.

DETECTIVE SERGEANT JACK ZELLER (POLIZEI KEENE, NEW HAMPSHIRE): Holly hat mir tatsächlich erzählt, dass sie über die Dinge zu Hause sehr wütend war, und bei mehr als einer Gelegenheit sagte sie mir: "Eines Tages, Sergeant Zeller, werde ich Ihnen etwas erzählen, was mir passierte", und ich sagte Holly immer: "Wenn Sie bereit sind, werde ich da sein. Sie wissen, wo ich bin."

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Ihre Mutter suchte die Ältesten mehr als ein Dutzend Mal auf, aber merkwürdigerweise kam Sarah Poisson nie der Gedanke, außerhalb der Kirche um Hilfe zu bitten. Man kann sagen dass das Leben von Kindern in Gefahr ist, und mit demselben Atemzug, dass Sie niemals zur Polizei gehen konnten. Wie kann das sein?

SARA POISSON (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Weil Gott das nicht wollte. Es wäre mir nie der Gedanke gekommen, und selbst wenn, hätte ich es nicht getan, weil er ein Mann ist. Er ist ein getaufter Mann und er ist Dienstamtgehilfe, und ich war eine Frau und sie sind Kinder, und  das ist noch schlimmer, als eine Frau zu sein. "Diese Dinge müssen unter uns bleiben" - das habe ich viele, viele Male gehört. "Du musst mehr darum beten." Ich kann Ihnen meine Bibel zeigen, sie ist papierdünn. Ich habe sie immer noch. Sie ist ganz abgenutzt. Ich habe eine Menge gebetet.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Selbst nachdem Sie ihnen gesagt hatten, dass ihr Vater Heather sexuell missbrauchte, hat sich nichts geändert?

SARA POISSON (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Nein, nein. Nun ja, etwas änderte sich, die Dinge wurden viel schlimmer für mich.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Am Ende wurde ihr die Entscheidung aus den Händen genommen. In der Schule bemerkte man blaue Flecken an ihren Kindern. Es wurde Sozialarbeitern berichtet. Sie ließen ihr eine harte Wahl: Entweder verlassen Sie Ihren Mann oder wir nehmen Ihnen die Kinder weg. Aber wenn sie ihn verließe, wusste sie, dass die Kirche sie als tot abschneiden würde.

SARA POISSON (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): An diesem Punkt musste ich meine Entscheidung zwischen Gott und meinen Kindern treffen. Und ich wusste ... also damals wusste ich, wenn ich mich für meine Kinder entschied, kann ich nicht mehr beten, aber das interessierte mich nicht mehr. So haben wir alles an einem Tag verloren.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Sarah Poisson kannte kein Leben außerhalb des Königreichssaales. Als die Versammlung sie hinauswarf, hatte sie keine andere Möglichkeit als wegzuziehen. Sie hat nicht nur alle Freunde verloren, die sie hatte, über Nacht war sie obdachlos, ohne Geld, kratzte alles zusammen, um ihre Kinder durchzubringen. Die Freunde, die sie hatte, mieden sie offen. Aber jetzt, da die Familie weg von der Kirche war, konnte Holly ihrer Mutter schließlich die Wahrheit sagen: ihr Stiefvater hatte auch sie missbraucht. Als er versuchte, Zugang zu ihrer jüngeren Schwester zu finden, tat Holly schließlich das, was die Ältesten nicht getan hatten - sie ging zur örtlichen Polizeiwache.

DETECTIVE SERGEANT JACK ZELLER (POLIZEI KEENE, NEW HAMPSHIRE): Mir war klar, das sie sich hier am Scheideweg befanden. Ich hatte nie Zweifel daran, dass Holly es tun konnte. Es war von ihr eine gewaltige Anstrengung, und es war von Anfang bis Ende der Mut der Verzweiflung.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Die Holly Brewer, die an jenem Tag in die Wache kam, war eine sehr veränderte, sehr trotzige junge Frau.

HOLLY BREWER (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Meine erste Erinnerung ist, wo ich drei Jahre alt war; meine letzte Erinnerung ist zehn Jahre alt, und mit den Jahren wirkte er allmählich darauf hin, an richtiggehendem Sex, an Geschlechtsverkehr interessiert zu sein.

[14:47 Uhr, 7. MÄRZ 1997, offizielles Polizeivideo]

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Es war eine entsetzliche Zeit. Die Polizei brachte Holly zurück in das Haus, wo der Missbrauch begonnen hatte.

HOLLY BREWER (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Er hatte einen Raum, den er in einem sehr, sehr alten Haus gefunden hatte, der unter einer Scheune lag, und man musste durch ein Loch kriechen, um da hineinzukommen, und wenn man einmal da drin war, war man vom ganzen Haus isoliert und von allem, und da ging alles hin.

[15:22 Uhr, 7. MÄRZ 1997, offizielles Polizeivideo]

POLIZEIBEAMTIN (POLIZEI NEW HAMPSHIRE): Hat er sich auf, neben oder über Sie gekniet?

HOLLY BREWER (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Er hat etwa so gesessen ... und mich das tun lassen ...

POLIZEIBEAMTIN (POLIZEI NEW HAMPSHIRE): In Ordnung.

HOLLY BREWER (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Und dann hat er sich über mich gebeugt ...

POLIZEIBEAMTIN (POLIZEI NEW HAMPSHIRE): Und hat er Ihnen gesagt, was Sie tun sollten?

HOLLY BREWER (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Nach einer Weile wusste ich es.

POLIZEIBEAMTIN (POLIZEI NEW HAMPSHIRE): Okay.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Sie  erzählte der Polizei genau, was Berry gewollt hatte, die brutalen Übergriffe, unter denen sie in ihrer Kindheit leiden musste.

HOLLY BREWER (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ich wusste nicht, wie das sein wird: aufwachsen und 16 zu werden. Ich dachte, er würde mich schließlich umbringen, wissen Sie - und dann wäre ich frei; so habe ich das gesehen.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Es ist wirklich hart, darauf zurückzukommen.

HOLLY BREWER (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ich weiß. Er sagte so Dinge wie: "Danke, dass du mir gehorcht hast", und er hat mir gedankt, dass ich ihm gehorcht habe, und wenn ich mich daran erinnere, an das Wort "gehorchen". Das war eine große Sache.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Paul Berry war sich sicher, dass Holly nie zu den Ältesten gehen würde. Abgesehen von allem anderen haben die Zeugen Jehovas eine klare Vorschrift bei Sünde. Sie brauchen zwei Augenzeugen oder ein Geständnis, ehe sie etwas unternehmen. Als Holly ihre Geschichte erzählte, schien es der Polizei, als ob diese Regel in einer strengen religiösen Gemeinde den Missbrauch weiter geschehen lassen würde.

HOLLY BREWER (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Den ganzen Weg bis hier ...

POLIZEIBEAMTIN (POLIZEI NEW HAMPSHIRE): Das ist also dasselbe Material. In Ordnung.

DETECTIVE SERGEANT JACK ZELLER (POLIZEI KEENE, NEW HAMPSHIRE): Sexueller Kindesmissbrauch wird nicht toleriert, und mich interessiert nicht, wie die Argumentation war, es war eine falsche Argumentation. Sie sind im Irrtum, und ich denke, sie waren einfach in verbrecherischer Weise nachlässig. So sehe ich das.

POLIZEIBEAMTIN (POLIZEI NEW HAMPSHIRE): Auch wenn es nur das Wort des Kindes, eines Zeugen, gibt, nur das Wort der Mutter, ohne die zwei Zeugen, die sie nach der Bibel brauchen?

DETECTIVE SERGEANT JACK ZELLER (POLIZEI KEENE, NEW HAMPSHIRE): Also, leider gibt es bei den meisten Vergewaltigungen von Kindern keine zwei Zeugen. Das ist das Unglückliche daran.

POLIZEIBEAMTIN (NEW HAMPSHIRE POLICE): Es dauerte fast vier Jahre, bis der Fall vor Gericht kam. Paul Berry wurde sexuelle Gewalt in 17 Fällen vorgeworfen.

SARA POISSON (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Ich habe Hollys Hand gehalten, und sie hatte eine Menge Ringe mit Spitzen an, und sie hat wirklich fest meine Hand gedrückt, und sie brauchten sehr lange, um durch die Urteilsbegründung zu kommen, weil es so viele Anklagepunkte gab, und als es vorüber war, war meine Hand ganz blutig und ich fühlte sie nicht mehr. Und es war so eindrücklich, dass einem geglaubt wurde.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Aber nicht alle glaubten ihnen, selbst als er von den Geschworenen in allen 17 Anklagepunkten für schuldig befunden wurde. Zwei Dutzend Mitglieder des Königreichssaales kreuzten bei der Urteilsverkündung auf. Sie erschienen alle, um ein Leumundszeugnis für Paul Berry abzugeben.

DETECTIVE SERGEANT JACK ZELLER (POLIZEI KEENE, NEW HAMPSHIRE): Er war bereits für schuldig befunden worden, und sie hatten die Stirn, vor dem Kind zu stehen und zu sagen: Wir glauben das alles nicht. Und sie sagten eigentlich: Wir glauben nicht dem Kind, wir glauben nicht an das Rechtssystem, wir glauben nicht an den Richter, wir glauben nicht an die Geschworenen. Sie haben an niemanden geglaubt - außer an sich selbst.

HOLLY BREWER (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Alles, was sie sagten, war: "Er ist so ein guter Arbeiter, ich habe mit ihm auf der weltlichen Arbeit zu tun gehabt, und er war immer pünktlich da, er ist so ein guter Arbeiter." Jeder sagte das, und auch bei der zweiten Hälfte begannen sie zu sagen: "Er hat Hunderte von Malen auf unsere Kinder aufgepasst. Ich würde ihn jeden Tag auf mein Kind aufpassen lassen, er ist so ein guter Arbeiter." Und ich saß nur da wie ...  er steht nicht vor Gericht, weil er ein nachlässiger Arbeiter ist.

DETECTIVE SERGEANT JACK ZELLER (POLIZEI KEENE, NEW HAMPSHIRE): Ich kann mir nicht ausmalen, wie schlimm sie sich gefühlt haben muss, dass die Ältesten in ihrer abgeschlossenen Gemeinschaft ihr nicht geglaubt haben. Was für ein entsetzlicher Schlag muss das für ein Kind gewesen sein. Schande, Schande über sie.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Aber gegen die Zeugen Jehovas wird noch eine weitere schwerwiegende Anklage erhoben. In ihrem Bemühen, Missbrauch zu vertuschen, haben sie vielleicht sogar polizeiliche Ermittlungen gestört. In Birmingham wurde der Polizei von West Midlands von einem sexuellen Übergriff eines Zeugen Jehovas gegen einen Jungen berichtet. Sie baten die örtlichen Ältesten um Hilfe.

SERGEANT STEVE COLLEY (POLIZEI WEST MIDLANDS): Sie haben die Informationen nur sehr widerstrebend an mich weitergegeben. Es war ein mühseliger Kampf, den ich gegen die Kirche führte, praktisch bei jeder Wendung. Sie sagten mir tatsächlich, wenn ich nicht zwei Zeugen Jehovas beibrächte, die die Tat gesehen hätten, dann hätte die Tat, soweit es sie beträfe, nicht stattgefunden.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Der Junge war Simon Brady. Er war erst neun, als er von einem Mitglied dieses Königreichssaales missbraucht wurde. Er meinte, er könne es niemandem erzählen.

SIMON BRADY Man hat uns gelehrt, wenn du zu den Ältesten gehst, wenn du willst, dass man dir glauben soll, oder wenn du eine Klage gegen jemanden hast, dann muss es einen mehr als dich selbst geben, es muss zwei Leute geben. Wissen Sie, es muss im Grunde genommen mehr als einen Zeugen geben. Was soll ich sagen? Sie wollen mehr als einen Zeugen haben, wissen Sie ... jedes Mal, wenn ich zu ihnen gegangen bin, wissen Sie ... wollten sie mir nicht glauben. Aussage von Simon Andrew Brady, Alter: 18 Jahre.

SIMON BRADY (in einer offiziellen Erklärung vor der Polizei): Ich erinnere mich, dass einer der Brüder aus der Versammlung, ein Mann, den ich als Jaswant Patty kenne, Interesse an mir zu haben begann. Damals war ich acht oder neune Jahre alt.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Simon Bradys Eltern lebten gerade in Scheidung. Jaswant Patty bot Hilfe an, wollte ihn aus den Händen seiner Mutter nehmen.

SIMON BRADY (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Er hat mich nach den Zusammenkünften im Auto mitgenommen, er hat mich von der Versammlung nach Hause gebracht, wissen Sie ... nach Hause gebracht. Ich kann mich an eine Begebenheit erinnern, da hat er mich in die Wohnung seiner Schwester gebracht, als sie im Urlaub war. Er sagte, gehen wir hinein, und wir haben nach der Wohnung seiner Schwerster gesehen, und da hat er mich eigentlich sexuell missbraucht.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Was hat er getan?

SIMON BRADY (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Es war sehr ernst, um ehrlich zu sein, es war sehr ernst. Auch jetzt, wo ich daran denke, tue ich ... wissen Sie ... es schmerzt, jetzt darüber zu reden, um ehrlich zu sein, und ich habe das schon einmal getan. Ich finde es grundsätzlich sehr schwer, noch einmal darüber zu reden. Er hat mich zu Hause abgesetzt. Ich erinnere mich, wie ich ins Badezimmer ging und mich mit Dettol abscheuerte, denn was da passiert war, da fühlte ich mich so schmutzig.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Jahrelang sagte er nichts vor Angst, die Ältesten würden ihm nicht glauben. Als er sich schließlich meldete, erwies sich sein Instinkt als 9-Jähriger richtigt.

SIMON BRADY (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): Es war nicht so sehr, ob sie mir glaubten. Wollten sie mir glauben? Sie wollten mir nicht glauben. Wissen Sie, ich denke wie zu Hause ... sie waren nicht aufgeschlossen, und ich meine, sie hatten sich bereits ihre Meinung gebildet.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Die Polizei hat ihm geglaubt, und sie spürte einen zweiten Jungen auf, der von Patty missbraucht worden war. Was aber als nächstes passierte, machte ihnen ernsthafte Sorgen. Ein Ältester stellte sich vor den Vater des Opfers und nannte seinen Sohn einen Lügner. Der Vater beschwerte sich bei der Polizei, und die warnte den Ältesten, er solle sich von der Familie des Opfers fern halten. Seine Ausrede war, er sei Ältester, er habe jedes Recht, den Fall selbst zu untersuchen.

SERGEANT STEVE COLLEY (POLIZEI WEST MIDLANDS): Es war seine Pflicht, die Beweise zu prüfen, bevor der Fall vor Gericht kam. Ich wies ihn darauf hin, wenn diese Art von Verhalten weiterginge und formal Beschwerde erhoben werde, müsste ich gegen diese Person ermitteln, weil sie die Justiz behindere und Zeugen einschüchtere. Gegen Ende wurde das Gespräch etwas hitzig, aber ich hatte offensichtlich die Pflicht, meine Ankläger und Zeugen in dem Fall zu schützen. Ich stellte sicher und ließ deutlich erkennen, dass ich bereit sei, ie zu schützen, und drastische Schritte unternehmen würde, dass heißt die Leute verhaften würde, wenn sie sich dagegen vergingen.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): In Birmingham unterstützten die Ältesten wie in New Hampshire den Angeklagten. Selbst nachdem Patty überführt und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde, wankten sie nicht. Bei der nächsten Zusammenkunft im Königreichssaal stellte die Ältesten sicher, dass die Versammlung wusste, wo sie standen.

SIMON BRADY (OPFER DER PÄDOPHILENSCHUTZPOLITIK DER ZEUGEN JEHOVAS): McGivern sagt zum Beispiel: "Als Ältestenschaft - das heißt einschließlich aller Ältester in Rubery - meinen wir, dass dieser Mann im Grunde genommen unschuldig ist, wir glauben, dass er unschuldig ist, und das Bethel hat uns informiert, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun werden, um diesem Mann zu helfen."

SERGEANT STEVE COLLEY (POLIZEI WEST MIDLANDS): Darauf machte ich es zu meiner Pflicht, mit dem Team der Rechtsabteilung des Bethels in London zu sprechen und meine Beunruhigung über die mangelnde Zusammenarbeit zu äußern, die vom Beginn der Ermittlung an bestand.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Unter dem Druck der Polizei entschuldigten sich die Ältesten und wurden degradiert, wenn auch nicht ganz hinaus getan. Die Londoner Zentrale, das Bethel, lehnte ein Gespräch über einen bestimmten Fall ab. Sie sagten, der Grund sei, dass die Ältesten zum Schutz der Opfer nicht die Vertraulichkeit verletzen dürften. Aber die Opfer wollten Antworten. Wir baten noch einmal um ein Interview mit ihrem Sprecher Paul Gillies. Als er sich weigerte, riefen wir ihn an, sagten ihm, wir würden das Gespräch aufnehmen, und stellten ihm eine einfache Frage. Müssen die Ältesten Missbruchsbeschuldigungen anzeigen oder nicht?

PAUL GILLIES (SPRECHER DER WATCHTOWER BIBLE & TRACT SOCIETY): Richtlinie der Ältesten ist: Wenn man auf eine Missbrauchsbeschuldigung aufmerksam wird, ruft dieses Büro an.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Warum dieses Büro anrufen? Warum nicht die örtliche Polizeiwache?

PAUL GILLIES (SPRECHER DER WATCHTOWER BIBLE & TRACT SOCIETY): Nun, sehen Sie, das Erste ist, wir müssen den Schutz des Kindes sicherstellen, das ist unsere erste Priorität.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Ist es der Schutz des Kindes ... ist es fair, Sie zu fragen, ob es hier nicht eher um den Schutz der Kirche geht?

PAUL GILLIES (SPRECHER DER WATCHTOWER BIBLE & TRACT SOCIETY): Es ist der Schutz des Kindes. Wir haben Vorschriften zum Schutz des Kindes.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Es war ein langes Gespräch, und wir fragten, ob er bereit sei, dieselbe Frage vor der Kamera zu beantworten. Er lehnte ab. Also mussten wir wieder zurück nach Amerika, zurück zum Kongress der Zeugen Jehovas in Tulsa. Man hat uns gesagt, dort würden wir ein Mitglied der leitenden Körperschaft finden. Ted JARACZ ist einer der Männer, die für die Kinderschutzvorschriften der Kirche verantwortlich sind. Wir bitten sie schon seit über zwei Monaten um ein Gespräch. Wir möchten Antworten auf ein paar einfache Fragen. Warum halten sie ihre Datenbank mit mutmaßlichen Pädophilen geheim? Warum melden sie Missbrauchsbeschuldigungen nicht der Polizei? Warum schicken sie Kinder in die Fänge ihrer Schänder zurück? Sie weigerten sich, mit uns zu reden. Aber hier hatten wir unsere letzte Chance. Herr JARACZ, erzählen Sie mir etwas über die Datenbank. Wie rechtfertigen Sie es, eine Liste mit Tätern zu führen, Männern, die in manchen Fällen ihre Pädophilie eingestanden haben, aber Sie haben sie nicht den Behörden gemeldet? Welche Rechtfertigung gibt es für Sie, diese Liste zu führen?

TED JARACZ (GLIED DER LEITENDEN KÖRPERSCHAFT DER ZEUGEN JEHOVAS): Sie kommen aus Großbritannien, nicht? Sie haben ein Gesetz, das die Privatsphäre schützt. Sie haben eine Anweisung der Europäischen Union. Daran halten Sie sich doch, oder?

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Wenn Missbrauchsbeschuldigungen erhoben werden, ist es also in Ordnung, sie im Privaten zu behalten?

TED JARACZ (GLIED DER LEITENDEN KÖRPERSCHAFT DER ZEUGEN JEHOVAS): Ich denke, Sie haben eine Antwort erhalten. Diese Frage wurde ganz zu ihrer Zufriedenheit beantwortet.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Können Sie sie jetzt beantworten?

TED JARACZ (GLIED DER LEITENDEN KÖRPERSCHAFT DER ZEUGEN JEHOVAS): Ich werde sie nicht wiederholen. Ich sage es Ihnen nur genau, und Sie werden es schriftlich sehen. Es ist alles gedruckt. Sie wissen, dass die Bibel sagt: "Geht nicht über das hinaus, was geschrieben steht"? Wir gehen nicht über das hinaus, was geschrieben ist.

BETSAN POWYS (BBC-REPORTERIN): Und das war es. Keine Zweifel, keine Nebengedanken. Nur der einfache Glaube, dass Jehova es richtig stellen wird, ein Glaube, für den andere, Jüngere und Verletzlichere, vielleicht weiter den Preis bezahlen.

BILL BOWEN (ÄLTESTER DER ZEUGEN JEHOVAS 1984-2000): Sie bestreiten einfach, sie leugnen, was mit ihren Kindern geschieht, und es ist keine Sache ... sehen Sie, wenn sie das akzeptieren, dann akzeptieren sie, dass ein Problem besteht. Anstatt also zuzugeben, dass ein Problem besteht, lassen sie einfach zu, dass ihre Kinder weiter missbraucht werden, und sie unternehmen nichts dagegen.