Eine Schlacht entsteht bei
Jehovas Zeugen
Montag, 27. Mai 2002 http://www.bergen.com/page.php?level_3_id=3&page=3590283
Im Jahre 1989 bekannte
sich ein Zeuge Jehovas aus Paramus in einem Gerichtssaal in Hackensack schuldig,
seine Enkelin sexuell belästigt zu haben.
Damals erregte der Fall
nicht die Aufmerksamkeit der Medien, aber heute ist er Teil einer größeren
Schlacht von Eltern von Opfern und zwei weiteren abweichlerischen Zeugen Jehovas
in Kentucky und Tennessee gegen die Führung dieser isolierten christlichen
Religionsgemeinschaft.
Jeder der vier hat sich öffentlich
darüber beklagt, wie die Kirche mit Anschuldigungen gegen Mitglieder, sie hätten
jemanden missbraucht, umgeht. Sie sagen, die Kirche versuche, solche Dinge
privat zu behandeln, anstatt zu den Behörden zu gehen.
Diesen Monat begann die
Kirche mit Sitz in Brooklyn – formell unter der Bezeichnung Watchtower Bible
and Tract Society bekannt –, die vier Mitglieder hinauszuwerfen.
Carl und Barbara Pandelo,
die Eltern des Opfers in dem Fall in Bergen County, sagen, sie seien vor zwei
Wochen wegen „Abtrünnigkeit“ ausgeschlossen worden, weil sie ihrem Glauben
abgeschworen hätten.
Aber die früheren
Einwohner von Maywood sagen, sie vermuteten, der wirkliche Grund sei Vergeltung
für ihre Klagen im NBC-Programm Dateline. Die anderen beiden Kritiker,
die vor dem Hinauswurf stehen, haben auch bei Dateline mitgewirkt. Die
Ausstrahlung ist für Dienstag geplant, sagte eine Sprecherin des Senders.
Weil es Jehovas Zeugen
verboten ist, jemandem zuzuhören, der aus der Kirche ausgeschlossen ist, sagen
die Pandelos, der Hinauswurf verbiete es praktisch den anderen Mitgliedern, sich
die Sendung anzuschauen.
„Das war ein
vorbeugender Schlag“, sagte Carl Pandelo, der mit seiner Frau in Belmar lebt.
„Selbst rebellische Mitglieder, die zuschauen, wären nicht in der Lage, darüber
mit anderen Kirchenältesten zu reden.“
Kirchenvertreter lehnten
einen Kommentar zu den Hinauswürfen ab, verteidigten aber die Art, wie mit
Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs umgegangen wird.
Anders als bei dem gegenwärtigen
Skandal in der katholischen Kirche dreht es sich bei den Anschuldigungen gegen
Jehovas Zeugen mehr um mutmaßlichen Missbrauch durch Versammlungsmitglieder
statt durch Kirchenführer. Aber wie bei der katholischen Kontroverse werfen die
Anschuldigungen Fragen auf, wie Religionsgemeinschaften mit möglichen
kriminellen Handlungen in den eigenen Reihen umgehen.
Die Kritik der Pandelos an
der Kirche geht zurück bis ins Jahr 1988, als ihre 12-Jährige Tochter ihnen
erzählte, sie sei von ihrem Großvater missbraucht worden. Der Verdächtigte,
Carls Vater Clement Pandelo, gestand und wurde zu fünf Jahren auf Bewährung
verurteilt, so Gerichtsunterlagen.
Aber die Nachwirkungen
schufen eine Kluft zwischen den Pandelos und ihrer Versammlung, damals gelegen
an der Saddle River Road in Fair Lawn.
Die Ältesten, oder Führer,
der Versammlung spielten eine große Rolle in dem Fall; sie wiesen den Großvater
an, sich den Behörden zu stellen, warfen ihn aus der Versammlung und vergaben
ihm schließlich 18 Monate später wieder.
In dieser eng verwobenen
Religionsgemeinschaft, wo die Gläubigen sich an biblische Verfügungen halten
und gewöhnlich Rat bei den Kirchenältesten suchen, sagen die Pandelos, habe
man ihnen gesagt, sie sollten dem Großvater vergeben und seine Verbrechen vor
den anderen Kirchenmitgliedern geheim zu halten.
Sie sagten, die Ältesten
hätten ihn auf Dauer hinauswerfen sollen, und informierten die Versammlung über
seine Vergehen. Sie sind insbesondere verärgert, weil er von Haus zu Haus gehen
darf, um die Botschaft der Kirche zu verkündigen – obwohl seine Frau ihn
dabei begleiten muss.
„Sie haben sich nicht um
meine Tochter gesorgt, auch nicht um andere Kinder in der Versammlung“, sagte
Barbara Pandelo.
Ein Sprecher der Zeugen
Jehovas sagte, die Kirche glaube daran, dass man Sündern vergeben müsse, wenn
sie Reue zeigen, und von den Mitgliedern werde erwartet, sie wieder in der Herde
willkommen zu heißen. Ein Mann aus Maywood, der als Ältester in der
Versammlung der Pandelos diente, sagte, die Ältesten würden den Großvater
genau im Auge behalten, um sicherzustellen, dass er in Kirchenfunktionen nicht
mit Kindern alleine sei.
„Soweit es Pädophilie
betrifft, werden die Ältesten die Situation überwachen, und zwar neben dem,
was von Justizseite aus unternommen wird“, sagte der Älteste, Anthony
Valenti. „Und das ist bis heute der Fall.“
Die Kluft wurde weiter,
als die Versammlung sich weigerte, für die Pandelos auszusagen, als sie gegen
den Großvater Klage einreichten.
Mit Hilfe des Internet
schloss sich die Familie vor ein paar Jahren anderen Kritikern an. Kürzlich
gaben sie eine gemeinsame Presseerklärung heraus, als die Kirche das Verfahren
zum Ausschluss einleitete.
Weil in New Jersey jeder Bürger
einen Missbrauchsfall bei der Polizei anzeigen muss, sagten die Ältesten im
Fall der Pandelos, sie hätten die Behörden anrufen müssen.
Aber Kritiker wie auch
Kirchenführer sagen, das sei nicht in jedem Fall notwendig, besonders nicht in
Bundesstaaten, nach deren Gesetzen eine Anzeige keine Pflicht ist.
Kirchenvertreter sagen,
sie entschieden von Fall zu Fall, wie sie mit den Anschuldigungen umgingen.
David Semonian, Sprecher der Kirchenzentrale, sagte, Versammlungsälteste müssten
Rechtsberater in der Zentrale der Zeugen Jehovas anrufen, wenn es um mutmaßlichen
Kindesmissbrauch gehe.
„Wenn das Gesetz eine
Anzeige erfordert, dann kommt das automatisch, und wir würden nie jemandem
davon abraten“, sagte Semonian. „Aber jemand mag selbst entscheiden, dass er
keine Anzeige erstattet. Dann würden wir ihn auch nicht dazu zwingen.“
Jehovas Zeugen, die nach
eigenen Angaben sechs Millionen Mitglieder weltweit haben, leben nach einer auf
die Bibel gegründeten Theologie, die von den Mitgliedern einigen Abstand von
den Fallen der Welt fordert. Unter dieser „christlichen Neutralität“ grüßen
die Mitglieder nicht die Landesfahne, dienen nicht im Militär und haben keinen
Anteil an der Politik.
Mitglieder sagen, sie
strebten danach, anständige, gesetzestreue Bürger zu sein, während sie Jesu
Beispiel folgten, „kein Teil der Welt zu sein“. Kritiker sagen jedoch, diese
Weltanschauung habe zu Fehlern geführt, wie der Behandlung von Missbrauchsfällen
durch Versammlungsälteste anstatt durch die Justizbehörden.
„Bei jeder Art von
Vergehen soll man die Sache den Ältesten berichten, und sie geben göttlichen
Rat, was zu tun sei“, sagte William Bowen, früher Ältester in seiner
Versammlung in Kentucky und heute einer der vier, die vor dem Hinauswurf stehen.
„Wenn sie dir sagen: ‚Ich glaube nicht, dass du Anzeige erstatten
solltest’, und du hörst nicht auf sie, dann wird das so angesehen, als ob du
gegen Gottes Willen handelst“, sagte Bowen. Er war im Jahre 2000 zurückgetreten,
nachdem Kirchenführer seinen Bemühungen widerstanden hatten, einen Fall von
Missbrauch aus den achtziger Jahren anzuzeigen.
Kritiker wollen erreichen,
dass die Kirche eine Anzeige zur Pflicht macht und verbietet, dass überführte
Kinderschänder Ämter inne haben und von Haus zu Haus missionieren.
Inzwischen sagen die
Pandelos, sie würden gegen ihren Ausschluss bei den Kirchenältesten Berufung
einlegen, obwohl sie zugeben, keine aktiven Zeugen Jehovas mehr zu sein.