Zeugen bereiten Schande
Fälle schlagen Wellen:
Noch eine Religionsgemeinschaft hat ihren Skandal
von Julie Scelfo
NEWSWEEK
Ausgabe
vom 24. Juni — Als römisch-katholische Bischöfe letzte Woche ein mea
culpa [Schuldeingeständnis] herausgaben, bewegten sich die Zeugen Jehovas,
eine weltabgeschiedene Gruppe von 980.000 Personen, näher an einen eigenen
Skandal um sexuellen Missbrauch. Im Januar reichte eine Frau aus Sacramento,
Kalifornien, eine Klage ein, in der Kirchenführer beschuldigt werden, vorsätzlich
nicht bei den Behörden angezeigt zu haben, dass sie von einem Mitglied der
Versammlung vergewaltigt worden war.
EIN EHEMALIGER KIRCHENFÜHRER aus Maryland wurde im Februar
beschuldigt, drei Frauen sexuell angegriffen zu haben, die erzählten, die Ältesten
hätten ihnen gesagt, sie dürften keine Anzeige erstatten, und die
ausgeschlossen wurden, als sie es dennoch taten. Nachdem kürzlich im Fernsehen
weitere Geschichten gesendet wurden, wurde eine von William H. Bowen betriebene
Opferselbsthilfegruppe mit E-Mails und Anrufen überflutet. „Katholiken schützen
nur den Priester. Jehovas Zeugen tun es bei jedem Mitglied“, sagt Bowen, ein
ehemaliger Ältester aus Kentucky.
Sara Poisson sagt, vor der
Verurteilung ihres Mannes wegen sexuellen Missbrauchs an ihren Töchtern hätten
ihr die Kirchenältesten gesagt, sie müsse „mehr beten und eine bessere
Ehefrau sein“. Kirchensprecher J. R. Brown sagt, die Gruppe weise die Ortsältesten
an, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, wenn das Gesetz dies fordere. Sie führt
auch ihre eigene Untersuchung durch: „Das besteht darin, sofort zu dem
Beschuldigten zu gehen.“ Wenn jemand gestehe, sagt Brown, werde ihm verboten,
von Haus zu Haus zu gehen – es sei denn, ein anderer Zeuge begleite ihn. Brown
weist darauf hin, dass Leute, die die Kirche beschuldigen, oft abtrünnige
Zeugen und „offene Beute“ für Ausbeuter seien. Aber Opfer wie Poissons
Tochter, Heather Berry, 20, sagt, es sei die Kirche selbst, die andere ausbeute.
„Sie lässt die Kinder im Stich. Ich denke, wenn man Missbrauch fortbestehen lässt,
hat dass nichts mit Christentum zu tun.“