Mein Gemeinschaftsentzug

 

Wie bei jedem, der mit den Zeugen Jehovas verbunden ist, ist die schlimmste Nachricht, die man erhalten kann, die, dass einem die Gemeinschaft entzogen wurde. Das bedeutet den Verlust von allem und jedem, was man im Leben gekannt hat. Als ich mit meiner Anschuldigung, in der Organisation würden Missbrauchsfälle vertuscht, zu den Medien ging, war eine Sache, die ich den Reportern klar machte, die, dass man mir die Gemeinschaft entziehen würde, wenn ich mich zu dem Thema meldete. Ihr seht, ich habe Wachtturm-Gesellschaft gespielt. Ich wusste, dass sie so arrogant sind, dass sie mich ihnen nicht sagen lassen würden, was sie vorhatten. So mussten sie ihre Kontrolle ausüben und nichts tun. Schlimmer Fehler, Wachtturm-Gesellschaft. Eure Dummheit erlaubte mir monatelang, Beweise zu sammeln und die Sache wasserdichter zu machen, als ich es hätte tun können, wenn ihr mir in den ersten beiden Wochen die Gemeinschaft entzogen hättet. Aber ich habe mich auf eure Dummheit und Arroganz verlassen, ganz zu schweigen von einer Public-Relations-Abteilung, die wie eine Bande arbeitete, die nicht geradeaus schießen konnte.

 

Zuerst nennen sie mich in der Versammlung einen Lügner; schlimmer Zug, Jungen, ich habe das auf Band. Dann das Band von meinem Vater, einfach nur dumm; selbst Reporter haben mich angerufen, erstaunt darüber, wie böse sie wären. Dann ging es zu den Sanktionen; ich habe jede davon durch Briefverkehr und Forderung nach Entschuldigung dokumentiert, sie haben sie natürlich ignoriert. Vielen Dank, ihr beweist euren Mangel an Christlichkeit. Aber vielleicht hebe ich mir den besten Edelstein für zum Schluss auf: eure Leugnung, etwas Falsches getan zu haben. 30 Geschichten waren vielleicht nur faule Eier, bei 100 Geschichten war vielleicht ein Ältester von der Rolle, aber über 5.000? Wenn man lügt, wo 5.000 Opfer einen anklagen, macht man sich völlig zum Narren. Danke, J. R. Brown.

 

Denkt darüber nach: Wem ist je die Gemeinschaft entzogen worden, der solche Breitseiten gegen die Wachtturm-Gesellschaft abgeschossen hat. Die New York Times, am Sonntag, als ich meine Berufungsverhandlung hatte; CNN am Tag zuvor; und ein netter Artikel über alles im Ortsblatt heute morgen. Wachtturm-Gesellschaft, wie dumm musst du sein, solche schlechte Public Relations zu bekommen? Du solltest dich zurückgehalten haben, aber wie ein verzogenes Gör wolltest du es jetzt, darum haben wir aus allen Rohren geschossen. Erkennt jemand, was hier passiert ist? Erinnert ihr euch an den Aufstand in China? Die liberale Seite bekam immer mehr Anhänger und schien kurz davor zu sein, dem ganzen Land die Demokratie zu bringen. Und was geschah? Es gab den Konservativen die Entschuldigung, alle Liberalen völlig zu vernichten. Bis heute gibt es keine wesentliche liberale Bewegung in China. So auch mit der Wachtturm-Gesellschaft. Als erstmals das Thema Probleme mit Kindesmissbrauch auftauchte, gab es viele Insider, die mit mir Kontakt aufnahmen und mir ihre Hilfe anboten. Sie sahen das Problem sofort, und in dem Bemühen, die Organisation zu retten, boten sie Einblicke und Hilfen an, um die Dinge voranzubringen. Sie sagten, sie würden mich schützen. Vielleicht war es eine Kombination des oben Stehenden zusammen mit liberalem Schutz, was mir ermöglichte, siebzehneinhalb Monate auszuhalten, ohne einen Gemeinschaftsentzug zu erhalten. Nun, gegen Ende April gab es eine Änderung sehr ähnlich dem, was in China passierte. Die Konservativen benutzten silentlambs als Entschuldigung, die Liberalen zu vernichten und jede Chance auf eine Reform in der Organisation im Keime zu ersticken. Warum, glaubst du, fordern sie 1.000 Leute auf, zu gehen? Wer, denkst du, sind 90% von diesen 1.000? Die Liberalen, sie werden in großem Maße rausgeworfen, und damit wird die letzte Chance vertan, die Organisation zu retten. Die Schlacht ist vorbei, Jaracz hat gewonnen. 

 

Alle Zeugen Jehovas werden jetzt „nicht über das hinausgehen, was geschrieben steht“, und wenn jemand etwas anderes sagt, dann wird ihm die Gemeinschaft entzogen. Erinnert euch: China war nicht aus dem Geschäft, es verlor nur seine letzte Chance auf eine bessere Regierung. So ist es auch mit der Wachtturm-Gesellschaft. Sie hätte die Kinder besser schützen können, sie hätte mehr Mitgefühl zeigen können, sie hätte mehr Liebe zeigen können, sie hätte es leichter machen können, ein Zeuge Jehovas zu sein. Nicht von allem. Sie wird jeden in der Organisation opfern, damit man den Befehlen eines verzogenen Görs namens leitende Körperschaft folgt. „Zum Teufel mit den Kindern, wir möchten einfach nicht, dass uns jemand sagt, was wir zu tun haben.“ So geht sie …

 

Ich ging also heute Abend zu dem Treffen. Ich rief alle Reporter, die ich kannte, an und bat sie zu kommen, und eine kreuzte auf, gerade genug, um sie nervös zu machen. Sie saß vorne gegenüber von der Zuhörerschaft, und ich bat einen Ältesten, sie mit einem Liederbuch zu versorgen. Was er schnell tat, denn man möchte ja ein mögliches Mitglied nicht zum Straucheln bringen. Ich war in der Lage, kurz zu erklären, wie die Versammlung ablaufen würde, da niemand sonst das freiwillig tat. Ich vermute, ich hätte meine Zeit zählen können.

 

Zwei Älteste sprachen mich an, nachdem ich ihnen in die Augen gesehen und etwas direkt zu ihnen gesagt hatte. Alle anderen schauten weg und weigerten sich zu sprechen, auch wenn ich etwas zu ihnen sagte. Könnte es sein, dass da jemand die Vertraulichkeit gebrochen hatte? Ich war etwa fünf Minuten zu früh da und stellte mich in Richtung auf die ersten Reihen der Zuhörer hin, der Rest der Versammlung blieb hinten. Der vorsitzführende Aufseher schaute mich dreckig an und lachte; ich nahm meinen Finger und zeigte etwa fünf Sekunden lang direkt auf ihn und schenkte ihm ein breites Lächeln.

 

Dann begann die Zusammenkunft. Ich hatte mein Liederbuch und sang schön und laut. Alle um mich herum versuchten, mich zu überstimmen, so haben sie aus vollen Lungen geschrieen. Es war nett, die Freunde schließlich dazu zu bringen, aus voller Kehle zu singen. Dann kam die Schule, ich war lieb und habe sogar die Bibelstellen nachgeschlagen. Jeder, der Ansprachen hatte, war nervös wie eine Katze, zitterte merklich und schielte zu mir herüber. Es war, als dachten sie, ich würde auf sie herabstoßen. Bei Ansprache Nummer zwei ging ich zurück zum Anschlagbrett, um auf dem Laufenden zu bleiben. Wir bekommen eine neue CD. Sie nennt sich Wachtturm-CD 2001, aber haben wir nicht schon 2002? Sie sagten, sie würde bald kommen, also nehme ich an, sie ist noch nicht fertig. Der Brief war von Ende Juni. Nichts von Bedeutung, außer dass ich deutlich bemerkte, dass der Name des Kinderschänders nirgends auf dem Brett stand, nicht einmal für die Theokratische Dienstschule. Anscheinend habe ich also etwas Wirkung auf sein Leben gezeigt, besonders weil ich der ganzen Welt erzählt habe, wann sie wieder Verwendung für ihn hatten. Er hatte eine hübsche kleine Gruppe um sich herum, die ihn vor der Zusammenkunft aufsuchte und ihm das Gefühl gab, willkommen zu sein. Nach dreizehn Monaten handelte niemand so, als wollte er mich da haben. Na ja, was soll ich sagen? Ich vermute, dass geistige Paradies mag keine Leute, die in den Medien sind.

 

Die Reporterin kam zurück, und wir gingen nach draußen, um ein kleines Interview zu machen, als wir auf die Pause warteten. Sie begannen wieder zu singen, als Sheila mit der Digitalkamera vorfuhr. Habe ich gesagt, dass wir Bilder gemacht haben?

 

http://community.webshots.com/album/47148865uPbeds  Habt Spaß daran …

Jedem Teil der theokratischen Dienstschuld gingen Kommentare zum weltweiten Werk voran, und wie diese Ansprachen auf der ganzen Welt gehalten würden. Nette Public Relations für die Reporterin; Junge, haben die dick aufgetragen! Bei den Bekanntmachungen sagten sie schließlich, jetzt sollte doch der Bruder Ältester auf die Bühne kommen. Als er hinaufstieg, stand ich auf. Dann begann er, über den Besuch des Kreisaufsehers in der vergangenen Woche zu reden und stellte den Antrag, ihm die Kosten zu ersetzen. Ich setzte mich wieder. Ich dachte, vielleicht später. Nein, sie haben es ausgelassen. 

 

Jetzt etwas an alle Ältesten: Jeder weiß, die Bekanntmachungen werden während des Programmpunktes „Bekanntmachungen“ bekannt gegeben. Warum haben sie dann gewartet?  Hatten sie „Menschenfurcht“?  Ich ging hinaus und redete mit der Reporterin von der Paducah Sun. Ich äußerte die Vermutung, sie würden das bis zuletzt aufbehalten und hoffen, sie würde gehen oder bis zu einer anderen Zusammenkunft warten, damit ich herumrätselte. Ich sagte ihr, sie wollten wohl ein Spiel treiben und mit den Wimpern zucken. Sie rief ihren Chefredakteur an, und der gab ihr weitere 30 Minuten. 

 

Wir gingen wieder hinein und ich dachte, ich bin dieses alberne Spielchen satt. Lee Stockwell hatte den letzten Teil der Zusammenkunft, und da er sich bereits bei mehreren Gelegenheiten zum Narren gemacht hatte, dachte ich, ich werde warten, bis er hinaufgeht. Was sollte ich tun? 

 

Von diesem Punkt an haben wir beschlossen, für jeden neue Richtlinien aufzustellen, der wegen des Themas Missbrauch ausgeschlossen wurde. Wir machen unsere eigene Bekanntmachung.

 

Als Stockwell auf die Bühne gelangte, stand ich auf, wandte mich an die Zuhörer und sagte: „Heute Abend sollten sie eigentlich bekannt geben, dass mir die Gemeinschaft entzogen wurde. Ich protestiere gegen diese Bekanntmachung, ich protestiere gegen dieses Vorgehen. Ich habe kein biblisches Gesetz gebrochen, ich habe kein Gesetz der Organisation gebrochen. Die leitende Körperschaft hat meinen Gemeinschaftsentzug angeordnet, um zu verhindern, dass ich die Beweise vorlege, die beweisen, dass sie lügende Heuchler sind. Jetzt bin ich ein schweigendes Lamm wie die Tausende von Missbrauchsüberlebenden, deren Leben durch die Wachtturm-Politik zu Kindesmissbrauch ruiniert wurden.“   

 

Stockwell versuchte an einer Stelle, mich zu überschreien, hielt aber den Mund. Sheila machte Fotos, und da erstarrten sie und griffen mich nicht, weil sie wussten, wir bekämen das auf den Film. Ich hatte meine Meinung gesagt und ging hinaus. Als ich ganz hinten war, verkündete Stockwell: „William H. Bowen ist die Gemeinschaft entzogen worden.“

 

Ich schrie: „Du hast es erfasst!“  

 

Dann ging ich zur Tür hinaus. Da war ein Gefühl von Aufheiterung und Befreiung. Schließlich hatte ich der Versammlung das gesagt, was ich ihr schon zwei Jahre lang sagen wollte. Ich habe nichts Verkehrtes getan. 

 

Die Reporterin saß auf dem Einstellplatz unter dem Licht und schrieb meine Erklärung an die Versammlung auf. Sie kamen ans Fenster und guckten hinaus und schenkten mir wütende Blicke. Ich lächelte einfach und winkte, während Sheila ein paar weitere Fotos machte. Sie sahen in dem Augenblick wirklich sehr kleinlaut aus.

 

Die Reporterin sagte: „Kaufen Sie sich am Freitag die Zeitung“, und wir verabschiedeten uns.  Als ich mit lautem Pfeifen meinen Lastwagen startete, fuhr, glaube ich, Satan einen Augenblick in mich. Ich fuhr die Auffahrt durch, nahm den Gang heraus und trat ganz das Gaspedal durch, als ich im Leerlauf fuhr. Habe ich da die Versammlung zerrissen?

 

Als ich nach Hause kam, warteten Sheila und die Kinder mit Champagner und einer herzlichen Umarmung. Dass mir die Gemeinschaft entzogen wurde, weil ich für Kinder aufstand, trage ich jetzt als Ehrenabzeichen. Ich finde an dem, was ich getan habe, keine Scham, Schuld oder Unehre. Wenn alles mit silentlambs heute enden würde, hielte ich es wegen der Hilfe und der Hoffnung, die so vielen gegeben wurde, doch der Sache wert. Man kann aufstehen, man kann die Meinung sagen und zurückholen, was man einem geraubt hat. Dein Selbstwertgefühl und das Wissen, dass man nichts Verkehrtes getan hat.

 

Joe Anderson wurde heute Abend auch ausgeschlossen. Er folgte demselben Weg. Er schickte Briefe an jeden in der Versammlung, außer an den vorsitzführenden Aufseher. Der Brief informierte sie über den Gemeinschaftsentzug und den Grund dafür, zusammen mit dem ursprünglichen Brief, mit dem er von seinem Ältestenamt zurückgetreten war. Als sie die Bekanntmachung verlasen, wusste es also bereits jeder. Joe war nicht anwesend, das hätte nichts gebracht.     

 

Die Konservativen haben gewonnen, die Organisation wird weitermachen, aber es wird eine härtere, grausamere Organisation sein, geführt von Soldaten ohne Gewissen und mit verängstigten Karnickeln, die auf Befehl handeln. Das Schlimmste ist der Schaden, der den Kindern noch angetan wird, bis sich die Wachtturm-Politik einmal ändert. 

 

 

Hier ist Joes Brief:

 

 

Joe Anderson

1527 Normandy Rd.

Normandy, TN 37360

 

Liebe Leute,

 

Mit diesem Brief möchte ich euch von meiner Situation in der Versammlung und meinen Gefühlen in dieser Angelegenheit wissen lassen. Ihr mögt auch sagen, dies sei ein Abschiedsbrief.

 

Ich bin mehr als 50 Jahre mit den Zeugen Jehovas verbunden gewesen, und mein Interesse gilt immer noch Jehova und seinem Vorhaben. Was mich immer beeindruckt hat, waren die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit der Organisation und die Änderungen, die die Organisation in der Vergangenheit zum Nutzen der Versammlungen vorgenommen hat. Ich möchte hier hinzufügen, dass ich weiterhin nichts als Liebe für die Zeugen Jehovas empfinde, darunter die Ältesten und die Leute in der Wachtturm-Zentrale, von denen ich viele seit den 1950er Jahren kenne.

 

Kürzlich schrieb ich einen Brief, in dem ich erklärte, warum ich als Ältester zurücktrat, und schickte ihn an die Watchtower Bible & Tract Society. Es ging da um Änderungen in ihrer Politik gegenüber Kindesmissbrauch, die ich für notwendig hielt. Ich gab jedem Ältesten in der Versammlung Manchester eine Kopie des Briefes, um sie wissen zu lassen, was ich tat. Ich möchte hier sagen, dass es nichts mit den Lehren usw. zu tun hat, sondern mit Vorgehensweisen, die sich auf die Sicherheit der Herde, die christliche Liebe und die Ältesten, die im Interesse der Mitglieder das Richtige tun, auswirken könnten. Doch weil ich diesen Brief geschrieben habe, wurde ich bei einer Rechtskomiteesitzung vor einigen Wochen beschuldigt, „das Vertrauen der Brüder in Jehovas Organisation zu untergraben“. 

 

Ich habe zu eurer Beachtung eine Kopie dieses Briefes beigefügt, so dass ihr ein Gefühl dafür erlangen könnt, was da eigentlich vor sich geht. Wie ihr wisst, wird diese Art Dinge immer vor der Versammlung geheim gehalten, folglich scheint alles friedlich abzulaufen. Normalerweise pflichte ich den Verfahrensweisen der Organisation in Bezug auf die Intimsphäre bei, denn es gibt Dinge, die nicht die gesamte Versammlung betreffen, also ist es am besten, die Vertraulichkeit zu wahren. Doch ich erkenne, dass ein Stillhalten bei sexuellem Kindesmissbrauch in der Versammlung etwas völlig anderes ist. Diese verbrecherischen Handlungen müssen zu unserem Schutz bloßgestellt werden. Angemessene Behandlung von Kindesmissbrauch und die darauf folgende Information der Versammlung „untergraben das Vertrauen der Brüder in Jehovas Organisation“ nicht. Im Gegenteil, das Geheimhalten von Kindesmissbrauch „untergräbt das Vertrauen der Brüder in Jehovas Organisation“.

 

Um euch Beispiele für in der Organisation geheim gehaltene abweichende sexuelle Neigungen zu geben, die dazu gedient haben, „das Vertrauen der Brüder in Jehovas Organisation zu untergraben“, führe ich die Entlassungen zweier Brüder aus der leitenden Körperschaft im Bethel seit 1991 an, der Brüder Chitty und Greenlees. Chitty war homosexuell und Alkoholiker. Er kehrte nach England zurück, woher er kam, und die Wachtturm-Gesellschaft gab ihm ihre Unterstützung und eine Wohnung zum Leben. Ihm wurde nicht die Gemeinschaft entzogen.

 

Greenlees war als Homosexueller bekannt, als er in Georgetown arbeitete, dem kanadischen Zweigbüro der Wachtturm-Gesellschaft, und seine Ernennung zum Mitglied der leitenden Körperschaft löste hier beim Personal einen erheblichen Schock aus. Er wurde aus dem Bethel in Brooklyn Mitte der 1980er Jahre entlassen, als Barbara, Lance und ich dort waren, und als Sonderpionier hinausgeschickt. Später erzählten uns informierte Leute im Bethel, Greenlees sei nicht entlassen worden, weil er schwul war, sondern vielmehr, weil er einen kleinen Jungen sexuell belästigt hatte. Ihm wurde nicht die Gemeinschaft entzogen.

 

In meinem Rücktrittsbrief nannte ich eine junge Frau, die einige Jahre lang zur Versammlung Manchester gehörte und sich aufgrund des Berichtes in einer Zeitung in Tennessee meldete und mehrere Brüder in unserer Gegend identifizierte, die sie als Kind belästigt hatten. Ich war gelinde gesagt schockiert, als ich ihre Geschichte hörte, und dann, als die Ältesten informiert wurden und ich mit ihnen zusammenkam, bestätigten zwei von ihnen einige ihrer Behauptungen.

 

Wegen des Wesens von Pädophilen glaube ich, dass jeder von uns über ihre vergangenen Vergehen Bescheid wissen sollte, was uns vor dem möglichen Schaden warnen würde, der entstehen kann, wenn man das geheim hält. Es gibt in den USA, in Kanada und Großbritannien mehr als 23.000 Fälle von geständigen oder angeklagten Kinderschändern in den Akten in der Wachtturm-Weltzentrale, von denen viele nicht den Behörden gemeldet wurden. Wenn man in Betracht zieht, dass die Wachtturm-Gesellschaft zwei oder mehr Augenzeugen fordert, ehe in der Versammlung etwas gegen einen Kinderschänder unternommen wird, bedeutet das, dass es viele Tausende mehr Opfer als 23.000 Kinderschänder gibt. Tatsächlich belästigte ein Zeuge Jehovas in Nevada siebzehn Kinder, ehe er verhaftet wurde. Ihm wurde immer noch nicht die Gemeinschaft entzogen. Gegenwärtig gibt es einen geständigen Kinderschänder in der Versammlung Manchester und einen weiteren früheren Ältesten, der eine sexuelle Belästigung gestand und der im vergangenen Jahr in eine Versammlung in der Nähe umgezogen ist. Doch die Wachtturm-Politik hindert uns daran, euch zu sagen, wer sie sind. In der Versammlung Manchester gibt es nur einen Ältesten, der kleine Kinder in seiner Obhut hat und weiß, wer diese Männer sind. Er kann folglich seine Kinder schützen, aber euch, die ihr Kinder habt, wird das Recht, dies zu wissen, nicht zugestanden. Ist das fair? Oder liebevoll?

 

Warum können wir der Watchtower Bible & Tract Society nicht über unsere Sorgen, Fragen und Zweifel an Dingen, die uns betreffen, schreiben? Wie ihr aber aus den Maßnahmen gegen mich erseht, seid ihr nicht so „frei“, wie ihr denkt. Siehe Jakobus 1:25. Überdies vergesst nicht, dass Jakobus in Kapitel 4, Vers 17, sagte, wenn du weißt, was recht ist und es nicht tust, dann ist es Sünde.

 

Wenn ihr der Wachtturm-Gesellschaft Komplimente schreibt, hört ihr nichts. Schreibt aber mal etwas, das negativ oder strittig ist, dann wird euer Brief an die Heimatversammlung zurückgeschickt und die Ältesten untersuchen die Sache. Wenn ihr nicht bereut, wird euch die Gemeinschaft entzogen. Da mein biblisch geschultes Gewissen nicht zulässt, dass ich bereue, was die Wachtturm-Gesellschaft als „das Vertrauen der Brüder in Jehovas Organisation zu untergraben“ ansieht, was ich in meinem Rücktrittsbrief sagte, wird mir die Gemeinschaft entzogen.

 

Um zu sehen, was die Bibel uns über die christliche Freiheit sagt, lest 1. Petrus 2:19-21 und Hebräer 3:6. Achtet auch darauf, dass 1. Kor. 10:29 fragt, warum denn die Freiheit eines Menschen durch das Gewissen eines anderen gerichtet werden sollte.

 

Ich möchte euch nicht von der Versammlung und den vielen Freunde, die ihr habt, trennen. Ich möchte euch nur wissen lassen, was da vor sich geht, was ich schon immer tun wollte. Es gäbe noch viel mehr zu sagen, aber jetzt kann ich nur sagen, dass ich hoffe, dass Änderungen vorgenommen werden, weil das Thema immens viel Schmerz und Leid für die Opfer und ihre Familien verursacht, darunter meine eigene Familie. Überdies ist die schlimmste Auswirkung von allem, dass sie die Organisation verlassen. Es ist sehr traurig.

 

Abschließend sende ich euch meine besten Wünsche. Ich werde eure Gemeinschaft vermissen..

 

In christlicher Liebe,

Joe Anderson