Sonntag,
14. Juli 2002, 06:07 Uhr
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Jehovas
Zeugen beschuldigt, „Pädophilenparadies“ zu schaffen
Schottischer
Zweig der Weltkirche beschuldigt, Missbrauchstätern Schutz
geboten und Informationen nicht der Polizei übergeben zu
haben
von Torcuil Crichton
Die
Kirche der Zeugen Jehovas in Schottland wird beschuldigt,
Kinderschändern Schutz zu bieten, Akten über bekannte Pädophile
in der Organisation geheim zu halten und sich zu weigern,
diese Akten der Polizei zu übergeben.
Nach
einer erfolgreichen Strafverfolgung wegen Kindesmissbrauchs
in einer Familie von Zeugen Jehovas in Ayrshire soll sich
die schottische Polizei darauf vorbereiten, im Nordosten
einen weiteren Fall vor Gericht zu bringen.
Die
Kirche der Zeugen Jehovas, die auf der ganzen Welt sechs
Millionen Mitglieder hat, ist durch die Offenbarungen erschüttert
worden, dass ihre Ältesten Sexualstraftäter geschützt,
Anschuldigungen nicht bei der Polizei angezeigt und sogar
Kinder und Familien, die Anschuldigungen erhoben, bestraft
haben.
Die
Wachtturm-Gesellschaft, die Weltzentrale der Kirche in
Brooklyn, bemüht sich, nach einer Reihe von
Kindesmissbrauchsfällen von den USA bis Schottland ihren
angeschlagenen Ruf wiederherzustellen. Eine Untersuchung des
BBC-Programms Panorama hat herausgefunden, dass die
Wachtturm-Gesellschaft eine weltumspannende Datenbank mit
den Namen von Mitgliedern, die des Kindesmissbrauchs
angeklagt wurden, unterhält. Die Liste, die angeblich über
20.000 Namen enthält, gründet sich auf Einzelheiten aus
allen Versammlungen der Zeugen Jehovas, und viele Namen auf
der Liste sind nie der Polizei gemeldet worden.
Anschuldigungen
wegen Kindesmissbrauchs in der Kirche traten erstmals in der
ruhigen Küstenstadt Stevenson in Ayrshire zutage, als die
19-Jährige Alison Cousins zur Polizei ging, nachdem sie von
den Kirchenältesten, an die sie sich um Hilfe gewandt
hatte, als Lügnerin gebrandmarkt worden war.
Cousins,
die als Zeugin Jehovas aufwuchs, ging vor drei Jahren mit
der schockierenden Anschuldigung zu ihren Kirchenältesten,
dass ihr Vater,
ein geachtetes Mitglied der Versammlung, sie sexuell
missbraucht habe.
Cousins,
die die strengen kirchlichen Vorschriften befolgte, dass
jede Beschuldigung wegen eines Vergehens innerhalb der
Versammlung behandelt werden muss, brach zusammen, als sie
ihre Geschichte den Männern erzählte, die der Herde ihre
moralische Führung zuteil werden ließen. Die Antwort war,
sie solle nichts unternehmen.
„Sie
sagten zu mir, eine Bibelstelle besage, dass man nie gegen
einen Glaubensbruder vor Gericht ziehen dürfe”, erzählte
Cousins Panorama. „Und
ich sagte zu ihnen: ‚Und was solltet ihr tun, wenn er ein
Unrecht begeht?’ Und sie sagten: ‚Komm zu uns, wir
werden uns der Sache annehmen.’“
Das
Gesetz der Kirche, das vorschreibt, dass die Mitglieder sich
an die Ältesten statt an die Polizei wenden müssen,
fordert auch, dass es für ein Verbrechen zwei Augenzeugen
geben müsse, ehe etwas unternommen wird. Das biblische
Zitat dafür findet sich in 5. Mose 19:15: ‚Kein
einzelner Zeuge sollte sich gegen einen Mann hinsichtlich
irgendeines Vergehens oder irgendeiner Sünde erheben, im
Falle irgendeiner Sünde, die er begehen mag. Auf die
Aussage zweier Zeugen oder auf die Aussage dreier Zeugen
sollte die Sache feststehen.“
In
Fällen von Kindesmissbrauch, wo es außer den Beteiligten
keine Zeugen gibt, führen die Richtlinien, so sagen
Kritiker, zu einem „Pädophilenparadies“.
Schließlich
ging Cousins im vergangenen Jahr, weil sie den Ältesten
keine untermauernden Erklärungen von Zeugen vorweisen
konnte, zur Polizei, und als deren Untersuchung begann,
machte sie eine schockierende Entdeckung. Die Kirchenältesten
wussten bereits seit drei Jahren, dass ihr Vater die ältere
Schwester missbraucht hatte, dass er das in der Kirche
gestanden hatte und dass nichts unternommen worden war.
Ihr
Vater Ian Cousins, der dann strafverfolgt und zu fünf
Jahren Gefängnis verurteilt wurde, war von den Ältesten
nur getadelt und daraufhin nach Hause geschickt worden, wo
er den Missbrauch einfach von der einen Schwester zur
anderen verlagerte.
Die
Art, wie Cousins’ Fall von der Kirche behandelt wurde, ist
kein Einzelfall. Die Zeugen Jehovas werden augenblicklich
durch eine Reihe von weltweiten Skandalen und
Anschuldigungen erschüttert, dass ihre Kinderschutzpolitik
von eigenen Gnaden nichts bewirkt, außer dass sie
Missbrauchstäter schützt und nicht sicherstellt, dass
Missbrauchsanklagen auch bei den Behörden angezeigt werden.
Kinderschänder
in der Organisation werden, so ihre Kritiker, durch strenge
biblische Gesetze und die Drohung geschützt, dass jedes
Mitglied, das die Anweisung der Ältesten, nicht zur Polizei
zu gehen, missachtet, möglicherweise gebrandmarkt und aus
der Versammlung ausgestoßen wird.
Die
Organisation besteht darauf, dass sie eine strenge
Kinderschutzpolitik habe, und verteidigt die Datenbank geständiger
Täter als Teil ihrer Strategie, selbst Missbrauchsfälle zu
behandeln, anstatt sie an das Justizsystem zu verweisen.
Die
Kirche behandelt das Bestehen einer Liste als streng gehütetes
Geheimnis. Die Wachtturm-Gesellschaft erklärt, sie brauche
die Liste, um die Handlungsweise von Männern zu überwachen,
die beschuldigt wurden, Kinder vergewaltigt und sexuell belästigt
zu haben. Doch ehemalige Mitglieder der Kirche machen
geltend, die Liste geheim zu halten, schirme Missbrauchstäter
wirkungsvoll ab und lasse den Missbrauch weiter geschehen.
Im amerikanischen Bibelgürtel von Kentucky behauptet Bill
Bowen, der sein ganzes Leben als Zeuge Jehovas und über 20
Jahre als Ältester verbracht hat, die Organisation
vertusche Missbrauchsfälle, indem sie die Datenbank geheim
hielte.
Gemäß
Bowen, der zu einem Stachel im Fleisch der Organisation
geworden ist, zeigen seine Quellen in der
Wachtturm-Gesellschaft an, dass es 23.720 Missbrauchstäter
auf der geheimen Liste gibt – die durch das System geschützt
werden
„Jede
Einzelheit von dem, was passiert ist, wurde
aufgeschrieben“, sagte Bowen. „Wenn dieser Mann irgend
woandershin umzieht und es wiederum zu einer Anschuldigung
kommt, dann ist das die Art, wie diese Leute überwacht
werden.“
Die
Kirche in Großbritannien und in den USA lehnt es ab, über
die Liste oder die in ihr enthaltenen Einzelheiten mit
jemandem zu sprechen, der nicht persönlich in den Fall
verwickelt ist. Es war diese Mauer der Anonymität, die
zuließ, dass Cousins’ Vater zu Hause bleiben konnte –
hemmungslos mit seinen Töchtern in Gefahr.
Bowen
begann seinen Feldzug, die Kirche zu entlarven, nachdem er
einen Missbrauchsfall in seiner eigenen Versammlung
behandeln musste und ihn der Druck verwirrte, der auf das
Opfer ausgeübt wurde.
„Wenn
eine Anschuldigung wegen Missbrauchs aufkommt, wird von den
Eltern gefordert, dass sie zuerst zu den Ältesten gehen“,
sagte Bowen. “Wenn der Täter die Anschuldigung
abstreitet, werden sie sich wieder an das Kind wenden und
fragen: ‚Hast du für das, was geschah, zwei
Augenzeugen?’ Das heißt, das Kind und einen weiteren
Zeugen.“
Wenn
es keine Grundlage gibt, auf der die Anschuldigung durch
zwei Augenzeugen festgestellt werden kann, dann, so Bowen,
wendet sich der Druck gegen den Ankläger. Wenn es keine
untermauernden Beweise gibt, werden die Mitglieder, die die
Anschuldigung erheben, davor gewarnt, sie gegen einen
„Unschuldigen“ zu wiederholen oder Spaltungen in der
Kirche zu verursachen – auf die Gefahr hin, dass ihnen
„die Gemeinschaft entzogen“ wird' – praktisch ein
lebenslängliches Exil.
„Es
wird ihnen gesagt, wenn sie nicht diesen Ältesten
gehorchten, würde Gott sie töten, und wie Gott sie tötet,
zeige der Gemeinschaftsentzug: man wird als tot
betrachtet“, sagte Bowen. „Das ist wie bei der
biblischen Verfügung des Steinigens. Die eigene Mutter, der
eigene Vater wird einen in der Öffentlichkeit nicht kennen.
Die eigenen Kinder werden nicht mit einem sprechen. Und sie
haben die Wahl: Sie können still sein und ihre Familie und
alle Freunde, die sie seit 40 Jahren haben, behalten, oder
sie erheben die Stimme, dann verlieren sie das alles über
Nacht.“
Die
Mauer des Schweigens, die Missbrauchsfälle umgibt, und die
Bedingung, dass es zwei Augenzeugen geben muss, ehe etwas
unternommen wird, haben Tausende von Strafverfolgungen
vereitelt, so die amerikanische Polizei.
Jack
Zeller, ein amerikanischer Polizeioffizier, der mit mehreren
Fällen von Kindesmissbrauch zu tun hatte, sieht die Ironie.
Er sagt: „Leider haben die meisten Kinder keine zwei
Zeugen, die beobachten, wie sie vergewaltigt werden.“
Auf
dasselbe Maß an Behinderung und geringem Entgegenkommen ist
die Polizei in Großbritannien getroffen, wenn sie sich mit
Anschuldigungen von Kindesmissbrauch in der Kirche befasste.
Polizeiliche Untersuchungen von Kindesmissbrauchsanklagen in
der Gemeinde der Zeugen Jehovas in Birmingham wurden lange
Zeit von den Ältesten der Kirche durchkreuzt.
Steve
Colley, Untersuchungsbeamter bei der Polizei der West
Midlands, war über die Entschlossenheit der Ältesten
schockiert, keine Mitarbeit bei den Vernehmungen in einem
Missbrauchsfall in einer Versammlung in Birmingham zu
zeigen.
„Ich
war überrascht“, sagte Colley. „Sie sagten doch tatsächlich
zu mir, wenn ich keine zwei Zeugen Jehovas vorbringen könne,
die die Tat gesehen hatten, dann habe die Tat, was sie
betrifft, nicht stattgefunden.“
Dessen
ungeachtet hat jede Versammlung umfangreiche Aufzeichnungen
über irgendein geistiges Fehlverhalten oder Vergehen in der
Kirche. Die Aufzeichnungen, dass Ian Cousins seine älteste
Tochter missbraucht hatte, waren hinterlegt, aber nach dem
Datenschutzgesetz nur Cousins selbst zugänglich. Die
Unterlagen zeigen, dass die Zeugen Jehovas in Ayrshire und
in der Zentrale der Organisation drei Jahre, ehe sie um
Hilfe bat, wussten, dass ihr Vater ein geständiger Pädophiler
war. Anstatt dass die Unterlagen es den Ältesten ermöglichten,
ihn zu überwachen, zeigten sie, dass sie beim Missbrauch
seiner Tochter zweimal die Augen zudrückten.
„Es
ist ein von den Zeugen Jehovas geschaffenes Paradies für Pädophile“,
sagte Bill Bowen. „Ein Kinderschänder kann in jede
Versammlung gehen, anonym bleiben, durch die Aktivitäten
der Kirche Zugang zu weiteren Kindern haben, und alles, was
er tun muss, ist, es einfach zu leugnen. Die Vertraulichkeit
gemäß Wachtturm-Politik
wird es ihm erlauben, wie bisher weiterzumachen.“