Zeugen auf dem Wachtturm

Stephen Bates
Samstag, 26. Januar 2002
The Guardian


Der Brief von JR Brown, Leiter des Büros für öffentliche Information der Zeugen Jehovas in New York, sprach freundlich über den Guardian und wies darauf hin, dass "unsere Zeitschriften Erwachet! und Wachtturm ausgiebig daraus zitieren." Leider hat sich seine Meinung aufgrund eines Artikels aus vier Absätzen, den ich vergangenen November geschrieben habe, geändert.

Die Geschichte war besonders schrecklich. Larry und Constance Slack, ein frommes Paar aus dem Süden Chicagos, war beschuldigt worden, ihre 12-jährige Tochter Laree mit einem fast 1,5 Meter langen und 2 cm dicken Elektrokabel erschlagen zu haben, als sie nicht schnell genug den Mantel ihrer Mutter finden konnte, um eines Samstagabends rechtzeitig aus dem Haus zu kommen.

Sie hatten sie in Übereinstimmung mit 5. Mose 25, Verse 1-3, geschlagen. De Stelle schreibt 40 Schläge minus einen als Strafe vor, autorisiert durch jüdische Tradition, doch dann straften sie eifrig so, wie der hl. Paulus bestraft wurde (1. Korinther 2:11), indem sie die Schläge verdreifachten. Das Kind, dessen Mutter Constance einige der Schläge durchführte, starb, nachdem es 160 Mal geschlagen worden war. Frau Slack ist Krankenschwester.

Die fünf anderen Kinder des Paares - eines von ihnen, ein 8-jähriger Junge, wurde auch geschlagen, weil er den Mantel nicht finden konnte - mussten Laree festhalten. Sie wurde mit einem Handtuch geknebelt, um zu verhindern, dass man ihre Schreie hören konnte.

Was JR Brown aber an dem Artikel im Guardian störte, war nicht die schockierende Geschichte selbst, sondern die Tatsache, dass die Slacks als Zeugen Jehovas bezeichnet wurden. Er fügte hilfreich eine Aussage von Leon, Larry Slacks Bruder, bei, dass das Paar keine frommen Zeugen Jehovas war. Obwohl als Zeugen Jehovas getauft, "hatten sie sich die vergangenen 10 Jahre nicht an unserem Gottesdienst beteiligt, obwohl es ein paar relativ kurze Zeitperioden gab, wo sie hin und wieder zu den Zusammenkünften auftauchten.

"Andere körperlich schädigen, misshandeln oder töten ist völlig biblischen Grundsätzen entgegengesetzt, an die wir glauben und zu leben versuchen ... unter den Eigenschaften, von denen wir aus der Bibel erfahren ... sind ... Liebe, Freude, Frieden, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Glauben, Milde und Selbstbeherrschung."

Die Zeugen Jehovas haben Grund, in diesem Fall nervös zu sein. Eine Reihe von Klagen wegen Kindesmissbrauchs sind landesweit in den USA vor Gerichten anhängig, und die Richtlinien der Sekte werden näher in Augenschein genommen, weil sie eine Untersuchung der von Kindern erhobenen Anschuldigungen zu behindern scheinen. Sie empfehlen beispielsweise, dass Klagen nur dann untersucht werden, wenn der Missbrauch von zwei unabhängigen Zeugen beobachtet wurde, und dass jede Dokumentation aus einer Befragung eher verbrannt als Außenstehenden gezeigt werden sollte.

Die Wachtturm-Gesellschaft schreibt keine 117 Schläge für Kinder vor, aber sie hält sich sicher an Sprüche 23:14: "Enthalte doch dem, der noch ein Knabe ist, die Zucht nicht vor. Falls du ihn mit der Rute schlägst, wird er nicht sterben." Zeile 4 des Liedes 164 im Gesangbuch der Zeugen, "Kinder - Gottes kostbare Gabe", fordert auf: "Er spricht: ‘Spar die Rute nicht.’ Doch die Zucht, gepaart mit Liebe stets ..."

Die Organisation erwartet schon seit 1914 fast täglich Harmagedon und hält die Mitglieder bei der Stange, indem sie Ungläubigen ein hartes Schicksal vorhersagt - privat bekannt als Vogelfutter - da in Erfüllung von Hesekiel 39:18 ihre Knochen von Krähen abgenagt werden. Insbesondere seit dem 11. September hoffen sie, dass niemand bemerkt, dass ihre Standardbeschreibung des Beginns von Harmagedon ein Flugzeug ist, das in einen Wolkenkratzer in New York stürzt.

Die Wachtturm-Gesellschaft glaubt, dass "theokratische Kriegslist" benutzt werden kann, um Außenstehende zu täuschen: "In Zeiten eines geistigen Krieges ist es angebracht, den Feind irrezuführen, indem die Wahrheit verborgen wird. Es geschieht selbstlos und schadet niemandem."

Vermutlich ist dies JR Browns Grundsatz in seinem Brief. Eine Durchsicht von Erwachet! und Wachtturm offenbart nur wenige Hinweise auf den "Manchester Guardian" in den vergangenen 20 Jahren - gewiss wird gegenwärtig nicht ausgedehnt daraus zitiert -, und die erschienenen Zitate scheinen Verdrehungen zu sein oder direkt das genaue Gegenteil von dem, was unsere Artikel ausgesagt haben. Wie bei der Bibel wird die Auslegung aus dem Textzusammenhang gerissen.

Aber hier gibt es einen tieferen, nagenden Gedanken. Warum überlässt die Wachtturm-Gesellschaft die Slacks so eifrig ihrem Schicksal? Sicher sollte eine christliche Religion ihre Anhänger nicht verleugnen, wie abstoßend sie sich auch benommen haben. Hat hier nicht das Beispiel des hl. Petrus am Karfreitag ein paar Richtlinien gegeben? Es kann doch nicht sein, dass JR Brown glaubt, das gewöhnliche Volk - Vogelfutter, Guardian-Leser - denke vielleicht, dass das Lesen der Bibel durch die Zeugen Jehovas ein solches Missverständnis zulässt, oder?

Mit Interesse warten wir auf seine nächste Antwort.

· Stephen Bates ist Korrespondent des Guardian für religiöse Fragen