CBC The Fifth Estate, 29. Januar 2003 

Bob McKeown: Guten Abend. Ich bin Bob McKeown. Willkommen zu „The Fifth Estate“. Heute Abend ... Die Verbrechen waren entsetzlich, und noch schlimmer, sie wurden von Leuten begangen, denen die Opfer am meisten vertrauten. Aber als sie nach Hilfe suchten, von ihrer Kirche, da war das, was sie dort fanden, schlimmer als gar keine Hilfe. Die Zeugen Jehovas haben ein grellsauberes Image. Sie predigen von Haus zu Haus. Sie werben Bekehrte an, um das kommende Paradies mit ihnen zu teilen. Die meisten leben nach diesem Bild. Aber wie andere Kirchen gefunden haben, keine Glaubensgemeinschaft ist frei von Kinderschändern.   

Bill Bowen (früherer Ältester): Es ist die Pädophilendatenbank der Wachtturm-Gesellschaft. Man hat mir gesagt, dort seien 23.720 Leute in dieser Datenbank.   

McKeown: Klingt etwas nach den Problemen, vor denen andere Religionsgemeinschaften stehen. Bis ein Opfer, heißt das, so handelt, wie die Lehre der Zeugen Jehovas es fordert und es seine Anschuldigungen den Kirchenältesten meldet.   

Mike Moss (Opfer): Da rief mich einer und sagte, ich müsse an einer Verhandlung teilnehmen, weil ich an einer homosexuellen Handlung teilgenommen hatte.   

McKeown: Opfer sagen, was dann kommt, sei ein Prozess der Einschüchterung, anscheinend dazu da, sie ruhig und ihre Angreifer, Kirchenmitglieder, in gutem Ansehen zu halten.   

Unidentifiziert: Sie sehen alles als Sünde an, und wenn es eine Sünde ist, können sie darüber beschließen.   

Unidentifiziert: (Stimme auf Band): Überlass es Jehova, er wird es zum Vorschein bringen.   

**BEGINN DER GESCHICHTE**

Bob McKeown: Weil ihre reine, fromme Art so heraussteht, weil sie evangelisieren, indem sie an die Türen klopfen, erscheinen die zeugen Jehovas vielleicht als zahlreicher, als sie es sind. Nur etwa sechs Millionen weltweit; 110.000 oder so in Kanada. Aber sie haben ein großes Problem bekommen. In den USA, in Großbritannien, Kanada und sonstwo auf der Welt beklagen sich junge Zeugen Jehovas. Sie gehen mit der Beschuldigung vor Gericht, sie seien von älteren Mitgliedern der Kirche sexuell belästigt worden. Väter, Stiefväter, Älteste, Bibellehrer. Was ihr Elend noch vermehrt, so sagen sie, sei die Art, wie die Kirche diese Fälle behandle. Sie vermeidet den Gang zur Polizei; stattdessen gibt sie die Dinge in die Hände der Ältesten – geistiger Hirten. Praktisch schaffen sie ihr eigenes internes Rechtssystem. Und die Opfer werden Ihnen sagen, dass es ein System ist, das dazu bestimmt ist, nicht die Kinder, sondern die Kirche selbst zu schützen. Und als Ergebnis mag sie gefährliche Pädophile schützen oder sogar ermutigen.   

Auf dem Bildschirm: Eine Warnung: Einige Schilderungen in diesem Programm mögen einige Zuschauer ärgern, besonders junge Leute. Unterscheidungsvermögen ist angeraten.   

Es gab eine Zeit im ländlichen New Hampshire, wo Holly Brewer ihre beste Sonntagskleidung anzog. Keinen Nasenring. Keine Tätowierungen. Nur ein kleines Mädchen in einem frischen, sauberen Kleid, das lernte, wie man die Bibel liest und sich ruhig verhält. Denn jahrelang misshandelte Hollys Stiefvater sie systematisch und missbrauchte sie sexuell.   

Holly Brewer (Opfer): (singt) ... Denkt daran, als wir im Wald waren, denkt daran, wie wir waren, als wir erwachsene Zeugen Jehovas wurden. Man lehrte uns, loyal zu sein, tun, was Vater sagt. Alle Ältesten ... Er hat mir meine ganze Kindheit genommen. ER hat sie mir völlig genommen. Und ich war noch sehr klein. Und plötzlich lernte ich, groß zu sein. 

McKeown: Holly sagt, als sie fünf war, wusste sie, wie sie ihren Stiefvater sexuell befriedigen konnte. Er bestand darauf, dass sie es geheim hielte. Sonst wäre sie ein schlechtes Mädchen, was bedeutete, sie würde Harmagedon nicht überleben, das Ende der Welt, das ist der zentrale Glaube der Zeugen Jehovas. 

Brewer: Wenn man ein Zeuge Jehovas ist und das Wort hört, dreht sich einem der Magen um. Es ist jeden Tag. Man geht um 5 Uhr zu Bett, und wenn der Sonnenuntergang wirklich rot ist, fragt man sich, ist es jetzt so weit? 

McKeown: Jehovas Zeugen glauben, wenn das Weltende kommt, werden nur sie errettet. Und wie dieses Video der Kirche zeigt, müssen sie Stunden damit verbringen, von Haus zu Haus zu gehen, bewaffnet mit der Bibel, um auch den Rest von uns zu retten zu versuchen. 

Videoclip: Die Gerechten selbst werden die Erde besitzen. 

McKeown: Auf diese Weise wurde Sarah Brewer, Hollys Mutter, Zeugin Jehovas. 

Sarah (Hollys Mutter): Zwei nette Frauen klopften eines Tages an meine Tür und begannen ein Bibelstudium mit mir, und so wurde ich in die Kirche eingeführt. 

McKeown: 1979 war Sarah alleinstehende Mutter mit zwei Kindern, die einen Vater für ihren kleinen Sohn und die Tochter suchte. Sie dachte, sie hätte mit Paul Berry eine gute Partie gemacht. Auch er wurde Zeuge Jehovas, und ihr neuer Mann. Aber schon an dem Abend, als sie heirateten, wusste sie, dass sie einen schrecklichen Fehler gemacht hatte.   

Sarah: Das war das erste Mal, dass er mich schlug.   

Holly Brewer: Bei uns zu Hause aufzuwachsen war einfach wie – es war wie Feuer. Er hat einen gegen die Wand geworfen und ins Gesicht geschlagen, und dann hat er gesagt, er hätte es nicht getan, buchstäblich zwei Sekunden später.   

Sarah: Es gibt nichts so Verheerendes, wie zuzusehen, wie jemand deine Kinder verletzt und man kann nichts dagegen tun.   

McKeown: Was Sarah tat, war, was von jedem guten Zeugen Jehovas erwartet wird. Sie bat die Kirchenältesten im Königreichssaal um Hilfe. Geistige Hirten nennen sie sich.   

Sarah: Sie gaben mir das Gefühl, ich machte eine Mücke zum Elefanten. Irgendwie war es mein Fehler. Wenn ich mich bessern könnte, würde es aufhören.   

McKeown: Fromme Frau. Fromme Zeugin. Aber das hat einen Kinderschänder nicht  aufgehalten. Sarah sagt, sie wusste nicht, dass ihr Mann Holly sexuell missbrauchte. Aber sie wurde überzeugt, dass er die gemeinsame Tochter missbrauchte. Hollys neue kleine Schwester, Heather.   

Sarah: Heather erfuhr buchstäblich über Nacht eine extreme Persönlichkeitsänderung. Sie war ein sehr fügsames, sehr scheues kleines Mädchen. Und sie wurde unglaublich gewalttätig, unglaublich selbstverletzend.   

Heather Berry (Opfer): Als ich etwa drei war, begann ich, Dinge nach meinem Vater zu werfen. Ich habe mich in Wandschränken versteckt. Ich habe in der Badewanne geschlafen. Ich begann, mich zu verstümmeln. Sie fand mich, wie ich mir einen Schraubenzieher in den Arm stieß.   

McKeown: Sarah ging mit ihrem Verdacht wegen des Kindes zurück zum Königreichssaal. Sicher, dachte sie, würden sie ihr diesmal glauben und ihrem Mann Einhalt gebieten.   

Sarah: Ihr Erwiderung war, ich müsse mehr beten und eine bessere Frau sein. Das war ihre Antwort.   

McKeown: Mehr beten. Immer wieder wurde Sarah zurück auf die Bibel verwiesen. Zu ihrem Mann. Und zur Wohnung, die nun die Hölle auf Erden war. Und weil Paul Berry es bestritt, war es das, soweit es die Kirche betraf. Sarah sagt, sie sei nie auf den Gedanken gekommen, außerhalb der Kirche Hilfe zu suchen, weil die Zeugen Jehovas die Außenwelt als Herrschaftsbereich Satans ansehen.   

Sarah: Wären Sie eine Mutter, würden Sie Saddam Hussein um Hilfe bitten? Sie müssen verstehen, dass jeder außerhalb der Schirmherrschaft des Königreichssaales böse ist. Dies ist meine Gemeinde. Dies ist meine Welt, und dies sind die Leute, die alle Antworten haben.   

Bill Bowen (ehemaliger Ältester): Sie sind die einzigen Freunde und Angehörigen, die man als Mitglied der Versammlung und Gemeinde kennt. Also waren sie mein Leben.   

McKeown: Bill Bowen war einmal einer der Männer mit allen Antworten.   

Bowen: Älteste überwachen alles Fehlverhalten in der Versammlung. Wenn Sie Ihre Frau ermorden würden, riefen sie als nächstes die Ältesten, um ihnen das zu melden und zu fragen, was Sie als nächstes tun sollten.   

McKeown: Zeuge ab dem Tag seiner Geburt, wurde Bowen ein geachteter Kirchenältester in Kentucky, der seinem Glauben mit Leidenschaft folgte, das heißt, bis zu dem Tag vor zwei Jahren, als er einige Kirchenakten durchging und eine schockierende Entdeckung machte. Ein Mitältester hatte ein Kind belästigt, aber die Kirche hatte es niemandem gesagt.   

Bowen: Alles in Bezug auf Kindesmissbrauch wird absolut vertraulich gehalten. Nicht einmal die eigene Frau des Mannes wusste, dass er ein Kinderschänder war.   

McKeown: Aber hier wussten sie es sicher. In der Weltzentrale der Zeugen Jehovas, der Wachtturm-Gesellschaft in New York. Wie wichtig ist in der Welt der Zeugen Jehovas die Wachtturm-Gesellschaft in Brooklyn, New York?   

Bowen: Sie ist Gott.   

McKeown: Was sie sagt, wird als Wort Gottes ausgelegt?   

Bowen: Es ist das direkte Wort der Körperschaft. Der leitenden Körperschaft, einer Gruppe von 11 Männern. Alles, was sie sagen, wird als direktes Wort Gottes angesehen und kann nicht angezweifelt werden.   

McKeown: Aber Bill Bowen war nicht sicher, was er in dem Fall, den er entdeckt hatte, tun sollte. So machte er seinen ersten Anruf, wie man einem Ältesten sagt ...   

Unidentifiziert: Guten Abend, Zeugen Jehovas.   

McKeown: Nicht beim Jugendamt oder bei der Polizei, sondern in der Zentrale der Zeugen Jehovas. Den Rat, den ihm die Rechtsabteilung der Kirche gab, nahm er dann auf Band auf.   

Unidentifiziert: Frag ihn einfach, ob an der Sache etwas dran ist? Wenn er nein sagt, würde ich die Finger davon lassen.   

Bowen: Ja.   

Unidentifiziert: Überlass es Jehova. Er wird es ans Licht bringen.   

Bowen: Ja.   

Unidentifiziert: Bring dich nicht in die Patsche.   

McKeown: Überlass es Jehova. Gemäß Bill Bowen ist das die Philosophie der Zeugen Jehovas in aller Kürze. Man behandelt, sagt Bowen, Kindesmissbrauch als Sünde, aber nicht unbedingt als Verbrechen.   

Bowen: Die Politik ist einfach. Die Kirche fordert von den Ältesten, die Sache zu untersuchen und das Kind über den Missbrauch zu befragen.   

McKeown: Sind das Leute, die geschult sind, sexuellen Missbrauch zu untersuchen, geschult in der Psychologie des sexuellen Missbrauchs?   

Bowen: Nichts. Sie haben nichts. Alles was sie haben, ist eine Sammlung von Bibelstellen, die sie vorlesen.   

McKeown: Tatsächlich haben Kirchenälteste etwas anderes, das sie leitet, das nennt sich Gebt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde. Eine Art Lehrbuch für Älteste, die unter anderem eine Vorlage dafür liefert, wie man mit Beschuldigungen von Fehlverhalten umgeht, darunter sexuellem Missbrauch. Obwohl das Lehrbuch kurz die Möglichkeit erwähnt, dass manche Verbrechen den Behörden gemeldet werden sollten, legt es die Bürde der Untersuchung offen den Kirchenältesten auf und sagt ihnen, sie sollten sowohl den Beschuldigten als auch den Ankläger befragen. Einige Fälle gehen dann an ein so genanntes Rechtskomitee, um zu entscheiden, ob der Beschuldigte bereut. Und es kann schwere Strafen geben. Aber vom Anfang bis zum Ende stellt dieses Lehrbuch eines völlig klar ... Die Ältesten können nur dann alles mögliche unternehmen, wenn der Beschuldigte gesteht oder ein unabhängiger Augenzeuge da ist. Kein Geständnis, kein Zeuge: Akte zu. Das gefällt Kriminalbeamten wie Sergeant Jack Zeller aus New Hampshire gar nicht.   

Sergeant Jack Zeller (Kriminalbeamter, New Hampshire): Ich habe mit einer Menge Kinderschändern zu tun gehabt, und gewöhnlich stellen sie keine zwei Zeugen auf, die der Vergewaltigung Drei-, Vier- und Fünfjähriger zusehen. Gewöhnlich nimmt es ihnen den Spaß, wenn Zeugen da sind.   

McKeown: Und wenn kein Augenzeuge da ist, wenn der Beschuldigte einfach alles abstreitet, dann steht gemäß dem Ältestenhandbuch das Wort eines Bruders gegen das eines anderen. Also sagt man den Ältesten, sie sollten die Sache in den Händen Jehovas lassen. Mit anderen Worten, sie sollten nichts tun. Und genau das geschah in New Hampshire mit Paul Berry, als er jeden Missbrauch bestritt. Tatsächlich stieg er dann in der Hierarchie der Zeugen Jehovas auch noch auf.   

Holly Brewer: (singt) ... Er nimmt mich dahin mit, wo mich niemand finden wird.   

McKeown: Und für Holly gab es keinen sichereren Ort. Während ihre Mutter zur Arbeit war, nahm sie ihr Stiefvater mit in die Scheune oder an einen geheimen Ort unterhalb des Hauses.   

Holly Brewer: Ich habe ein paar Tücher hingelegt, damit es nett aussah und geeignet für die Vergewaltigung war. Er nannte mich immer Schlampe, kleine Schlampe. Er war ein sehr abartiger Mensch. Man erinnert sich an diese Bewegungen, wie er mich da festhält. Dann habe ich das mit ihm getan, und dann bin ich obenauf. Er sagte immer Dinge wie: Du bist besser als deine Mutter. Aber am Ende tut es immer weh, wenn man so klein ist, weil man zu klein ist. Mein Ding ist zu klein für sein Ding.   

McKeown: Hollys einziger Fluchtort war im Wald hinter ihrem Haus. Aber sie konnte nie für lange weggehen. Sechs Jahre lang vergewaltigte und quälte Paul Berry sie. Der Missbrauch hörte erst auf, als Holly und ihre übrige Familie schließlich vor ihrem Stiefvater flohen. Nicht weil die Kirche eingriff, sondern nachdem örtliche Schulmitarbeiter blaue Flecken bei ihrem älteren Bruder bemerkten und es den Behörden mitteilten.   

Sarah: Eine Sozialarbeiterin besuchte mich, die mir sagte, entweder er müsse gehen oder sie müssten mir die Kinder wegnehmen. Wir waren eine Zeitlang ohne Wohnung. Wir lebten aus dem Auto. Und hatten keinerlei soziale Unterstützung.   

McKeown: Keine Unterstützung, nicht einmal von ihrer Kirche. Tatsächlich waren Sarah und ihre Kinder geächtet, während Paul Berry immer noch ein Zeuge Jehovas in gutem Ansehen war. Was die Kirche betraf, bedeutete, ihren Mann zu verlassen, auch einen solchen Schänder, dass sie in Harmagedon verurteilt waren. Aber am Horizont gab es Hoffnung für Holly. Als verstörte 13-Jährige traf sie einen höchst unwahrscheinlichen Freund. Der Kriminalbeamte Jack Zeller, damals Streifenpolizist in Keene, New Hampshire, wusste, dass etwas schrecklich falsch war.   

Zeller: Eines Tages sagte sie zu mir, Jack, ich werde dir darüber erzählen, aber nicht jetzt. Ich kann es noch nicht.   

McKeown: Aber in den nächsten drei Jahren begann Holly, sich zu ändern und genug Vertrauen aufzubauen, um schließlich zur Polizeistation zu gehen und ihr Geheimnis mitzuteilen.   

Zeller: Das war etwas: ein Kind zu beobachten, wie es eine Vergewaltigung noch einmal durchmacht, die Qual, das Entsetzen, mit dem es schlafen musste, noch einmal zu durchleben. Sie zitterte und weinte, als sie mit mir sprach. Und man wusste, sie macht dieses Gefühl wieder durch.   

Unidentifiziert: Das war – wie nannten Sie diesen Raum?   

Holly Brewer: Den geheimen Raum.   

Unidentifiziert: Den geheimen Raum.   

McKeown: Die Staatspolizei übernahm den Fall und nahm Holly und eine Videokamera mit zu dem Haus in New Hampshire, um zu dokumentieren, wo alles geschah. Paul Berry wurde für das, was er da getan hatte, verhaftet.   

Holly Brewer: Nur das ... ich war wirklich klein.   

Unidentifiziert: Du warst wirklich klein, ich weiß.   

McKeown: Im Fall New Hampshire gegen Paul Berry wurde Hollys Stiefvater in 21 Fällen sexuellen Angriffs für schuldig befunden. Die Zeugen Jehovas bezahlten seinen Verteidiger. Am Tag der Urteilsverkündung war dieser Gerichtssaal voll von Mitgliedern der Versammlung. Nicht um Holly und ihre Familie zu unterstützen, sondern den Angeklagten. Über zwei Dutzend sagten für ihn aus. Hollys Schwester Heather sagt, sie konnte es einfach nicht glauben.   

Heather Berry: Sie sagten, er sei ein ausgezeichneter Arbeiter, und wenn er morgen freigelassen würde, würden sie ihn auf ihre Kinder aufpassen lassen. Sie würden ihn kommen lassen, damit er mit ihnen spielt. Er sei ein ausgezeichneter Mensch. Er sei so nett.   

McKeown: Ich frage einmal Detective Jack Zeller, was ihm durch den Kopf ging.   

Zeller: Als Kirche, als Einrichtung, Schande über Sie! Sie sollten sich völlig schämen.   

McKeown: Am Ende schickte der Richter Paul Berry für mindestens 56 Jahre ins Gefängnis, und das heißt, Hollys Stiefvater wird hinter Gittern sterben.   

Holly Brewer: (singt) ... Sie nahmen dich also dahin mit, wo dich keiner finden kann. Sie machen dir die Beine breit, sie nehmen dir das Leben, sie nehmen dir den guten Ruf, und sie geben dir eine Anzahl Jahre im Gefängnis ... Leben.   

McKeown: Kommen wir auf Kanadas strenge Gesetze für das Anzeigen von Kindesmissbrauch zurück, sicher könnte so etwas hier nicht passieren, oder?   

Mike Moss (Opfer): Sie werden von vorne bis hinten beschwören, dass es nicht wahr ist. Aber fragen Sie jeden, der durch diese Leute zum Opfer gemacht wurde, es ist die Wahrheit. (PAUSE)   

Ansager: Und hier ist wieder „The Fifth Estate“.   

Protestierer: Eins, zwei, drei, vier ... keine schweigenden Lämmer mehr! Eins, zwei, drei, vier. Keine Pädophilen mehr an meiner Tür.   

McKeown: Sie nennen sich „silentlambs“. Viele sind selbst Opfer sexuellen Missbrauchs, und sie werden angeführt von dem früheren Ältesten Bill Bowen. Es sind Leute, die von Haus zu Haus gingen und predigten, die Zeugen Jehovas könnten ein geistiges Paradies erlangen. Heute überbringen sie eine andere Botschaft, eine schockierende, für die Zentrale der Zeugen Jehovas in Brooklyn, New York.   

Bowen: Es ist ein Pädophilenparadies. Ein Pädophilenparadies ist ein Ort, wo Pädophile geschützt werden und Zugang zu Kindern haben. Das muss ein Ende haben. Diese Leute müssen aufwachen und sehen, was da passiert.   

McKeown: Bill Bowen sagt, seit Gründung von Silentlambs vor zwei Jahren hätten Tausende von Horrorgeschichten über sexuellen Missbrauch die Website der Organisation überschwemmt.   

Bowen: Es waren 15 Seiten nur einer E-Mail, eine nach der anderen, von Personen, die sagten, sie seien missbraucht worden und man habe es vertuscht.   

McKeown: Und Bowen machte eine noch überraschendere Entdeckung. Er sagt, zwei voneinander unabhängige Quellen in der Kirche hätten ihm von der Existenz einer Art von interner Liste mit Kinderschändern, die Zeugen Jehovas sind, berichtet. Unterlagen, die Einzelheiten über von Kirchenältesten berichtete mutmaßliche Missbrauchsfälle enthalten.   

Bowen: Das ist die Pädophilendatenbank der Wachtturm-Gesellschaft. Man hat mir gesagt, es wären 23.720 Leute in dieser Datenbank.   

McKeown: Über 23.000 Leute.   

Bowen: Ja, und das war schockierend.   

McKeown: Die Zentrale der Zeugen Jehovas in New York lehnte unsere Bitte um ein Interview ab, aber man gab uns dieses Video über die Missbrauchspolitik der Kirche.   

Videoclip: Wir haben die Vermutung gehört, unsere Politik sei nicht angemessen, um mit dem Problem des Kindesmissbrauchs umzugehen. Aber das ist überhaupt nicht der Fall.   

McKeown: Die Kirche will zwar nicht über Beschuldigungen in der Missbrauchsdatenbank oder über ausdrückliche Zahlen reden, aber sie behauptet, ihr sei die Bedeutung des Themas sehr wohl bewusst.   

Videoclip: Wir haben sehr harrte Vorschriften, um mit Kindesmissbrauch in den Versammlungen umzugehen. Und sie sind in erster Linie dazu da, die Kinder zu schützen.   

McKeown: Nicht gemäß diesem Mann, der sein Leben lang zeuge Jehovas war.   

Unidentifiziert: Ich opfere eine Menge, weil ich hier bin. Es ist sehr wahrscheinlich, dass man mich ausschließen und ächten wird.   

McKeown: Er bat uns, wegen der möglichen Auswirkungen auf die Zeugen Jehovas in seiner Familie nicht sein Gesicht zu zeigen. Aber er sprach mit uns wegen dem, was er sah, als er hier arbeitete, in der kanadischen Zentrale der Kirche. Sie nennen sie Bethel, das Haus Gottes; einen auf 26 Hektar verstreut liegenden Komplex in Georgetown, Ontario, außerhalb von Toronto. Drei Jahre lang arbeitete er Anfang der 90er Jahre in der Rechtsabteilung. Schreiben, Karteien führen, das Telefon bedienen. Manchmal Anrufe von Ältesten entgegennehmen, die über mutmaßlichen Kindesmissbrauch berichten. Das sind Älteste der Kirche, die von einem möglichen Missbrauchsfall erfahren haben, und ihr erster Anruf gilt ...   

Unidentifiziert: Der Rechtsabteilung im Bethel.   

McKeown: Der Zentrale.   

Unidentifiziert: Das stimmt.   

McKeown: Sie rufen nicht das örtliche Jugendamt an, sie rufen nicht die Polizei an?   

Unidentifiziert: Nein. In Briefen an die Ältestenschaften wird ihnen gesagt, bevor sie etwas tun, sollten sie Verbindung mit der Rechtsabteilung im Bethel aufnehmen.   

McKeown: Die Jugendschutzgesetze variieren zwar von Provinz zu Provinz, doch überall in Kanada ist das Gesetz eindeutig. Wenn es vernünftige Gründe gibt, einen Kindesmissbrauch zu vermuten, dann muss jeder, auch die Geistlichkeit, das den Jugendbehörden melden. Doch dieser Mann sagt, so funktioniert das nicht immer. Ist Ihnen ein Fall oder sind Ihnen Fälle bekannt, wo jemand anrief wegen einer Missbrauchsbeschuldigung, und man sagte ihm, er solle keine Anzeige erstatten?   

Unidentifiziert: Ja. Es gab mehrere solcher Fälle, die ich mitbekam, während ich in der Rechtsabteilung war, wo Leuten gesagt wurde ... Ältesten gesagt wurde, sie sollten keine Anzeige erstatten, weil es dafür keine Grundlage gäbe.   

McKeown: Sie haben diese Anrufe erhalten. Sie haben die Fragen gestellt. Kam es Ihnen je in den Sinn, den Hörer zu nehmen und die Jugendbehörden oder die Polizei anzurufen?   

Unidentifiziert: Das kommt wirklich niemandem in den Sinn, der im Bethel dient. Denn damit würde man sich völlig gegen Gottes Organisation stellen. Es wäre ein Akt der Rebellion, es wäre ein Akt unabhängigen Denkens, alles Dinge, von denen die Zeugen Jehovas abraten.   

McKeown: Aber drüben in der Kirchenzentrale in Georgetown, Ontario, bestehen die Zeugen Jehovas darauf, dass sie immer den Buchstaben des Gesetzes befolgen. Tatsächlich wurden die Ältesten bereits 1988 schriftlich angewiesen, sich an das Erfordernis, Anzeige zu erstatten, zu halten.   

Mike Moss (Opfer): So funktionierte das in meinem Fall nicht. Ich habe Beweise dafür. Hier ist der Beweis.   

McKeown: Mike Moss sollte es wissen. Als junger Zeuge Jehovas wurde er sexuell belästigt, aber als die Kirchenältesten es herausfanden, erstatteten sie keine Anzeige.   

Mike Moss: Man geht zu den Ältesten, und sie nehmen sich der Sache an. Man sucht nicht Hilfe außerhalb der Organisation. Sie sagen es einem, sie werden von vorne bis hinten beschwören, dass es nicht wahr ist. Aber fragen Sie jeden, der durch diese Leute zum Opfer gemacht wurde, es ist die Wahrheit   

McKeown: Heute kann es für den 27-Jährigen Mike nicht genug Eiszeit geben. Er wuchs als Zeuge in Sault Ste. Marie, Ontario, in Übereinstimung mit der Kirchenlehre auf und durfte nicht an Hockeywettkämpfen teilnehmen. Dennoch sagt er, er war ein recht glückliches Kind.   

Mike Moss: Wir hielten als Familie eng zusammen. Ich hatte eine schöne Kindheit, bis ich etwa 12 oder 13 Jahre alt war.   

McKeown: Aber dann machte Mike die typische Rebellion als Teenager durch. Streit mit seinem Vater. Sein Vater meinte, dass ein Bibelstudium mit einem geachteten Vorbild aus der Versammlung, einem verheirateten Mann mit zwei Kindern, Mike auf den rechten Weg bringen würde.   

Mike Moss: Meine Eltern hatten ein sehr gutes Gefühl bei ihm. Er war ein hervorragendes Mitglied der Kirche. Wissen Sie, er war Dienstamtgehilfe, hatte eine nette Familie und so.   

McKeown: Und anfangs machte es Spaß. Zu Hause war Mike eines von sechs Kindern. Aber Peter Gavin schien alle Zeit der Welt für ihn zu haben. Sie sprachen über Hockey und Mädchen. Gavin gab ihm Taschengeld. Fing an, ihm Geschenke zu kaufen. Schließlich schmuggelte er sogar Alkohol in die Studienstunden. Und bald wurde offensichtlich, dass Mikes Lehrer mehr im Sinn hatte als die Bibel.   

Mike Moss: Ich erinnere mich, wie er einmal mit dem Auto heranfuhr, und es spielte ein Lied. Es war ein Liebeslied, und er sagte mir, es erinnere ... es erinnere ihn an mich, und da sagte ich zu ihm, ich denke, das hebst du dir besser für deine Frau auf.   

McKeown: Der Wendepunkt kam, als Mike 14 war. Er und andere Jungen in der Kirche gingen zu einer Saalbaustelle. Sie halfen, einen neuen Königreichssaal in Sudbury zu bauen. Blieben über Nacht in einem Hotel mit Peter Gavin.   

Mike Moss: Ich erinnere mich wie ich schlief und dann aufwachte, und da war, wissen Sie ... ich fühlte mich schlecht, weil er etwas tat. Und ich ging ins Badezimmer, und er kam herein und fragte, ob etwas nicht stimme. Und ich erinnere mich, wie ich die Tür zumachte, und mir geht es gut, keine Sorge. Und ich sagte nichts. Und am nächsten Morgen war es, ab ob nichts passiert sei, und da waren vier weitere Typen im Zimmer.   

McKeown: Als sie sagten, er habe etwas getan, meinen Sie da, er habe Sie sexuell angegriffen?   

Mike Moss: Ja, ja.   

McKeown: Als Sie aufwachten?   

Mike Moss: Ja.  

McKeown: In den folgenden beiden Jahren wurde Mike von Peter Gavin wenigstens ein halbes Dutzend Male angegriffen. Aber wenn man sein Alter und seine Erziehung in Rechnung stellt, sagt er, er schämte sich und hatte nicht die Kraft, dem Einhalt zu gebieten. Wir reden über – etwas – es geschah alles vor über einem Jahrzehnt.   

Mike Moss: Ja.   

McKeown: Aber es ist offensichtlich immer noch da.   

Mike Moss: Und ich wache jeden Tag damit auf.   

McKeown: Als Mike Moss 16 Jahre alt war, nahm er allen Mut zusammen und tat genau das, was ihn seine Religion gelehrt hatte. Er kam hierher in den Königreichssaal, um Hilfe zu suchen. Und obwohl er es nicht über sich bringen konnte, viel über die Einzelheiten seines sexuellen Missbrauchs zu sprechen, sagte er den Kirchenältesten doch, dass sich sein Bibellehrer an ihn herangemacht hatte. In vielen Fällen, wenn jemand eines Fehlverhaltens beschuldigt wird, gehen die Zeugen Jehovas so vor, dass sie den Ankläger und den Beschuldigten vor den Kirchenältesten einander gegenüberstellen, und genau das geschah auch mit Mike.   

Mike Moss: Ich ging das ganze Zeug durch, dass er mir Liebesbriefe gegeben hatte, dass er mir folgt. Ich will, dass das aufhört. Und ihre Antwort an mich war, ich sei rebellisch, hätte ein Problem mit Autorität, und das war ihre Antwort an mich.   

McKeown: Und Peter Gavin stritt vor den Ältesten alles ab. Er blieb Zeuge in gutem Ansehen. Was Mike betrifft, versuchte er verzweifelt, fortzukommen. Am Tag nach seinem Abschluss in der High School zog er Hunderte von Kilometern von Sault Ste. Marie nach Cambridge, Ontario, um. Aber er konnte doch nicht alles hinter sich schieben. Eines Abends rief der 17-Jährige Mike seinen Vater an und erzählte ihm, was Peter Gavin getan hatte.   

Mike Moss: Eines Abends trank ich, und schließlich kommt es heraus, und er, also, oh mein Gott, Mike, wissen Sie, er sagt, lass mich die Sache in die Hand nehmen. Also, ich muss da was unternehmen. Also rief er einen der Ältesten an und sagte, schau, Peter Gavin hat meinem Sohn etwas angetan und ich möchte, dass man sich damit befasst.   

McKeown: Die Ältesten befassten sich sofort damit. Nicht mit einem Anruf bei den Behörden, sondern bei Mike. Ein Gespräch, von dem er sagt, dass er sich noch Wort für Wort daran erinnert.   

Mike Moss: Der eine rief mich an und sagte mir, ich müsse vor ein Rechtskomitee, weil ich an einer homosexuellen Handlung teilgenommen hatte.   

McKeown: Sie haben also gerade erfahren, dass Sie angegriffen wurden, und fordern Sie nun auf, zu kommen, damit sie über Sie richten können?   

Mike Moss: Ja. Er fragt mich, ob ich eine Ejakulation hatte, ob es ... also, wie das vor sich ging, richtig alle Einzelheiten. Ich war wie benommen, und ich frage, also, warum musst du das wissen? Und er sagt, nun, ich richte mich danach, was die Polizei tun würde. So etwas würden die fragen.   

McKeown: Aber wiederum gingen die Ältesten trotz dessen, was Mike und sein Vater ihnen berichteten, nicht zur Polizei oder Jugendbehörde. Und Peter Gavin, er gestand einen einzigen Vorfallt. Und die Ältesten nahmen ihm für eine Zeitlang seine Vorrechte in der Kirche weg. Sie ließen die Versammlung wissen, dass er etwas Verkehrtes getan hatte. Aber sie sagten nicht, was. Nicht einmal Gavins eigener Frau. Und Mikes Eltern sahen ihn immer noch jede Woche im Königreichssaal.   

Julie: (Mikes Schwester): Meine Eltern durchleben es jeden Tag, als wäre es gestern passiert.   

McKeown: Mikes ältere Schwester Julie.   

Julie: Ich vertraue heute niemandem mehr. Es ist alles weg. Ich glaube nicht, dass ich noch jemandem vertrauen kann, der in eine Kirche oder in einen Königreichssaal geht, wie auch immer man das nennen will, weil sie meine Familie verrieten. Nicht einmal, sondern zweimal.   

McKeown: Nicht einmal, sondern zweimal verraten. Denn so unglaublich es klingt, aber fünf Jahre vor ihrem Bruder war auch Julie zu den Kirchenältesten gegangen, und man hatte sie ignoriert. Wegen ihrer eigenen Erfahrung mit einem anderen Zeugen Jehovas, einem anderen Familienvater. Sie war 14 und passte auf ein Kind auf, als es an einem Wochenende zu weit ging.   

Julie: Er wollte mich missbrauchen. Er zog mich aus. Wenn die Freundin seiner Frau nicht die Auffahrt heraufgefahren wäre, wäre es passiert.   

McKeown: Er hätte Sie vergewaltigt?   

Julie: Ja.   

McKeown: Sie sagte es ihren Eltern, die wieder den Ältesten, und die sagten ihr, sie müsse sich dem Mann stellen.   

Julie: Mir, ich war 14. Ich wollte nicht in einem Raum mit ihm sein. Ich wollte ihm nicht sagen, was er tat. Er wusste, was er tat. Also riefen sie ihn an, sie trafen sich mit ihm, und er bestritt alles.   

McKeown: Es erscheint zu grausam zu denken, dass sich ein Kind, das sich vor einem Schänder entsetzt, ihm stellen sollte. Aber Insider sagen, bei den Zeugen Jehovas sei das oft der Fall. Sie wissen, was geschieht?   

Unidentifiziert: Ja.   

McKeown: Dass ein Kind, das angegriffen oder sogar vergewaltigt wurde, mit demjenigen in einen Raum gesteckt wird, der der Tat beschuldigt wird?   

Unidentifiziert: Ja, und mit drei weiteren Männern aus der Versammlung, die die Ältesten des Rechtskomitees sind.   

McKeown: Und welche Fragen werden in diesem Rahmen gestellt?   

Unidentifiziert: Ich habe Berichte von Komitees gelesen, wo sie ein 6-Jähriges Kind gefragt haben, wo hat dich dein Pappi angefasst? Hat er die Finger in dich reingesteckt? Wie tief ging der Finger? Hat er ... hat er dich seinen Penis berühren lassen? Hat er den Penis in dich reingesteckt?   

McKeown: Es ist doch ganz klar, dass das mögliche psychische Trauma einer Situation wie dieser ... unvorstellbar ist.   

Unidentifiziert: Aber man muss das aus dem geistigen Blickwinkel dieser Männer sehen, die meinen, sie seien Gottes Vertreter, sie seien verantwortlich. Sie sehen alles als Sünde an, und wenn es eine Sünde ist, können sie es regeln.   

McKeown: Kommen wir nochmal darauf zurück, wen die Zeugen Jehovas vielleicht an Ihre Tür schicken, damit er für sie predigt.   

Mike Moss: Die Öffentlichkeit weiß nicht, die Leute an der Tür, zu denen er geht, sie wissen nicht, was er getan hat oder wieder tun könnte. (PAUSE)   

Ansager: Und hier ist wieder „The Fifth Estate“.   

McKeown: Zwei Jahre lang zu Beginn seiner Teenagerjahre wurde Mike Moss von seinem Bibellehrer in Sault Ste. Marie, Ontario, sexuell belästigt. Und zwei Jahre lang danach versuchte er, der Qual des Missbrauchs und dem Versagen der Zeugen Jehovas, darauf zu reagieren, zu entkommen. Er wurde selbständig, fand einen Therapeuten, heiratete, aber nichts, so sagt er, konnte seine Vergangenheit auslöschen.   

Mike Moss: Mit meiner Frau lief es nicht. Ich schlief auf dem Boden. Ich konnte nicht im selben Bett schlafen. Mir kamen immer wieder die Erinnerungen. Es war einfach alles schlimm.   

McKeown: Wann zerbrach ihre Ehe?   

Mike Moss: Als ich zur Polizei ging. So war das.   

McKeown: War das der Auslöser?   

Mike Moss: Das war der Auslöser. Ich erinnere mich noch, ich stand vor ... (weint)  Ich habe so lange nicht darüber gesprochen.   

McKeown: Fünf Jahre, nachdem den Ältesten von dem sexuellen Missbrauch berichtet wurde, erzählte es schließlich jemand den Behörden. Mike Moss selbst.   

Monique Rollin (Kriminalbeamtin aus Sault Ste. Marie): Der Schaden, der ausgelöst wurde, war phänomenal. Ich denke, er hat eine Menge von dem verloren, was die Grundlage seines Lebens bildete.   

McKeown: Kriminalbeamtin Monique Rollin aus Sault Ste. Marie untersuchte Mikes Fall. Sie sagt, sie habe keine Zweifel, dass die Kirchenältesten, als sie erfuhren, was Peter Gavin getan hatte, Anzeige hätten erstatten sollen, auch wenn Mike zu der Zeit bereits 17 geworden war.   

Rollin: Das Gesetz ist deutlich. Wenn man Geistlicher ist und erfahren hat, dass ein Kind  missbraucht wird oder kurz davor ist, missbraucht zu werden, hat man die klare Pflicht, Anzeige zu erstatten.   

McKeown: Haben sie es getan?   

Rollin: Nein. Es wurde keine Anzeige erstattet bei der Polizei oder der Jugend- ... in diesem Fall die Jugendhilfsgesellschaft.   

McKeown: Als Sergeant Rollin im Rahmen ihrer Untersuchung die Ältesten fragen wollte, erhielt sie von keinem viele Antworten.   

Rollin: Soweit sie als mögliche Zeugen befragt wurden, weigerten sie sich. Sie sagten, wir wollen, dass Sie mit unserem Anwalt sprechen.   

McKeown: Und als  Sie mit dem Anwalt der Zeugen Jehovas sprachen, versprach er da volle Zusammenarbeit?   

Rollin: Nein. Ich meine, seine Worte waren, ich handle für diese Herren, und ich raten ihnen, nicht mit ihnen zusammenzuarbeiten.   

McKeown: Aber jemand aus der Kirche hatte mit Peter Gavin gesprochen. Der Anwalt der Zeugen Jehovas informierte Sergeant Rollin, er erwarte, dass sich Gavin schuldig bekennen würde. Und im Gerichtssaal von Sault geschah genau das. Der Richter verurteilte Gavin zu 18 Monaten Gefängnis und sagte, das Leben von Mike Moss sei ein einziger Alptraum. Sogar jetzt, ein Jahrzehnt, nachdem er erstmals um Hilfe bat, glaubt Mike immer noch, die Kirchenältesten hätten sich von ihm abgewandt.   

Mike Moss: Ich sehe Leute hier, und es ist einfach zu schwer, hierher zu kommen, die Erinnerungen. Es ist selbst schwer aus diesem ...   

McKeown: Herr Horner? Hallo, mein Name ist Bob McKeown. Ich bin von „The Fifth Estate“. Wir würden sehr gerne mit ihnen übert Mike Moss reden. Grant Horner war einer der Ältesten, die Mike um Hilfe bat. Warum dachte, als Mike zuerst zu Ihnen ging, als sein Vater zu Ihnen ging und Ihnen sagte, was Peter Gavin tat, niemand, hier sei das Gesetz anwendbar, und Sie haben das  nicht der Polizei oder Jungendbehörde gemeldet?   

Grant Horner (Ältester): Als ich um ein Interview vor der Kamera gebeten wurde, haben ich Ihnen eine schriftliche Erklärung gegeben.   

McKeown: Herr Horner lehnte es ab, unsere Fragen vor der Kamera zu beantworten. Aber schriftlich teilte er uns mit, dass die Ältesten es deshalb nicht den Behörden meldeten, weil Mike zu der Zeit, als er zu ihnen kam, kein Kind mehr gewesen sei, das des Schutzes bedurft hätte. Das ist etwas, worauf Mike sehr gerne eine Antwort hätte. Glauben Sie nicht, er hätte eine Entschuldigung verdient, die er, so sagt er, nie bekommen hat?   

Horner: Nun, wenn CBC seinen Sinn geändert hat und man mich wissen lässt, worum es in dem Interview geht ...   

McKeown: Wir würden sehr gerne ... wir würden sehr ...   

Horner: Linda hat meine Nummer. Sie kann mich anrufen.   

McKeown: Wir würden gerne von Ihnen die beiden folgenden Fragen beantwortet haben. Warum gingen Sie nicht zu den Behörden, und warum haben Sie Mike nichts zu sagen?   

Horner: Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen.   

McKeown: Schriftlich teilte uns Horner auch mit, dass Peter Gavin, als die Tatsachen deutlich wurden, aus der Versammlung geworfen wurde. Aber tatsächlich wurde Peter Gavin erst rausgeworfen, als die Polizei ins Spiel kam. Fünf Jahre nachdem er den Ältesten gestanden hatte. Und bald nachdem er wieder aus dem Gefängnis kam, wurde Gavin wieder in der Versammlung willkommen geheißen. Das alles überrascht den früheren Ältesten Bill Bowen, jetzt selbst Opferanwalt in den USA mit deutlicher Meinung, nicht.   

Bowen: Das Hauptziel der Wachtturm-Gesellschaft, wenn es um Kindesmissbrauch geht, ist, sich selbst rechtlich zu schützen, zu verhindern, dass sie selbst verklagt wird. Das zweite Ziel ist, das Image der Organisation zu wahren. Das dritte Ziel ist, Kinderschänder zu schützen. Und das vierte Ziel ist das Kind.   

McKeown: Und wegen dieser deutlichen Ansichten wurde Bill Bowen selbst kürzlich aus der Kirche geworfen, die er einmal ehrte.   

Bowen: Ich verlor mein Leben. Ich verlor alles. Leute, die einen das ganze Leben lang gekannt haben, erkennen nicht mehr an, dass man existiert. Man könnte einen Meter entfernt von ihnen stehen, sie würden wegsehen.   

McKeown: In Fredericton, New Brunswick, weiß diese 32-Jährige Mutter von drei kleinen Mädchen, wie es ist, als Feind der Kirche angesehen zu werden. Vicki Boer sagt, sie wurde drei Jahre lang von ihrem Vater missbraucht, und das fing an, als sie 11 war. Aber erst mit 19, heimgesucht von Depressionen, beschloss sie, dass es an der Zeit wäre, es den Kirchenältesten zu sagen.   

Vicki Boer (Opfer): In dem Augenblick, als sie mir sagten, wie sie vorgehen würden und dass ich mich meinem Vater gegenüberstellen müsste und dass es diese Rechtskomitees geben würde, wollte ich sterben.   

McKeown: Aber in der Kirche ihrer Kindheit in Shelburne, Ontario, machte sie das jedenfalls durch. Die Einzelheiten. Die Treffen mit den Ältesten. Und obwohl die Kirche bestreitet, sie dazu gezwungen zu haben, stand sie vor dem Rechtskomitee ihrem Vater gegenüber. Er gestand wenigstens einen Vorfall und blieb in der Versammlung. Allerdings hat man ihm einige Vorrechte weggenommen. Er kam nie vor ein Strafgericht. Was Vicki, das Opfer, angeht, sie wurde in ihrer eigenen Heimatstadt eine Ausgestoßene.   

Boer: Die Leute in der Versammlung glaubten mir nicht. Die Leute hörten auf, mit mir zu reden, und schließlich wurde es so schlimm, dass ich weggehen musste. Sie müssen die Versammlung rein erhalten. Es interessiert sie nicht, dass man gegangen ist. Tatsächlich ist man nur ein Makel. Wissen Sie, sie sind dass kleine Stück Schimmel im Brot, das sich ganz ausbreiten wird. Wenn man also gegangen ist, wird alles andere rein bleiben.   

McKeown: So reichte Vicki Boer Klage ein. Nicht gegen ihren Vater, sondern gegen drei Älteste und die Wachtturm-Gesellschaft in Kanada auf 700.000 Dollar, weil die Handlungsweise der Kirche in ihrem Fall mehr Schaden angerichtet, als Gutes getan hat. Der Prozess dauerte zwei Wochen im September. Jeden Tag kann der Richter das Urteil verkünden. Kirchensprecher Clive Thomas redete damals mit Reportern.   

Clive Thomas (Kirchensprecher): Wir empfinden sehr mit ihr. Aber wir meinen, sie sollte ... wenn sie schon jemanden verklagt, dann sollte es wirklich der Täter sein und nicht die Kirche und die Leute in der Kirche, die ihr zu helfen versuchten.   

McKeown: Die Kirche sagt: Ihre Probleme sind vielleicht eher auf den Vater zurückzuführen, als auf Jehovas Zeugen. Warum verklagst du uns?   

Boer: Sicher, mein Vater hat mich missbraucht. Er hat viel getan, aber die Kirche sollte eigentlich ein sicherer Ort für mich sein. Sie sollte ein Ort sein, wo ich hingehen konnte, weil ich nirgendwo sonst hingehen konnte. Man darf nicht woandershin gehen. 

McKeown: Die Zentrale der Zeugen Jehovas in Kanada wollte nicht vor der Kamera mit uns reden. Aber in einer Erklärung an „The Fifth Estate“ erkannte die Kirche an, dass sie in der Behandlung von Kindesmissbrauchsfällen gelernt hat. Und in weiteren Erklärungen an uns haben Kirchenvertreter zugegeben, dass die Ältesten nicht vollkommen sind und  dass es Fälle gegeben hat, wo man Anzeige hätte erstatten sollen. Aber für diesen ehemaligen Kircheninsider geht diese Erklärung nicht weit genug. Wissen Sie, die Kirche sagt uns, die Sache werde aufgeblasen, aus ein paar isolierten Fällen werde eine Sturmflut gemacht.   

Unidentifiziert: Zwei Fälle sind meiner Meinung nach eine Sturmflut. Wie viele sind denn nötig, dass daraus ein Problem wird? Tatsache ist, dass Pädophile in den Räumen der Königreichssäle herumlaufen. Pädophile gehen in den Gemeinden in ganz Kanada von Haus zu Haus. Selbst wenn jemand überführt wurde und seine Strafe als Kinderschänder abgesessen hat, wird ihm gesagt, er müsse in den Haus-zu-Haus-Dienst gehen und Samstag- und Sonntagmorgens an die Türen der Leute klopfen.   

McKeown: Selbst Peter Gavin. 

Peter Gavin (überführter Kinderschänder): Danke, ich habe nichts zu sagen.   

McKeown: Sie wollen nach alledem nichts sagen?  

Gavin: Nein, ich will nicht missverstanden werden ...   

McKeown: Nun, hier haben Sie die Chance, sich verständlich zu machen.   

Gavin: Nein, jedenfalls danke.   

McKeown: „The Fifth Estate“ hat herausgefunden, dass der frühere Bibellehrer, der Mike Moss belästigte, immer noch in Sault Ste. Marie von Haus zu Haus geht. Die Kirche gibt zu, dass das so ist, wenn ein überführter Kinderschänder hinreichend rehabilitiert ist. Aber sie besteht darauf, dass er immer in Begleitung geht.   

Mike Moss: Die Öffentlichkeit weiß es nicht. Die Leute, an deren Türen er kommt, wissen nicht, was er getan hat oder wieder tun könnte, und darum bin ich hier. Ich glaube nicht, dass das richtig ist.   

Unidentifiziert: Du bringst Schande auf Jehovas Namen!   

Bowen: Bist du Ältester?   

Unidentifiziert: Du bringst Schande auf Jehovas Namen!   

McKeown: Und weitere Missbrauchsüberlebende erheben vor der Zentrale der Zeugen Jehovas in New York ihre Stimme.   

Bowen: Wir möchten ein Lamm als Geschenk abgeben. Nehmen Sie es bitte an?   

McKeown: Hier werden symbolische Stofflämmer in der Hoffnung an der Tür abgegeben, dass schlechte Publicity die Kirche zwingen wird, sich von schlechter Politik zu befreien. In New Hampshire sind Heather Berry und ihre Schwester Holly, beide jahrelang sexuell missbraucht, Teil einer amerikanischen Klage gegen ihren Schänder und die Organisation der Zeugen Jehovas. Sie hoffen, die Kirche zu verändern, selbst wenn sie niemals die Vergangenheit ändern können.   

Heather Berry: Es hat sich einem irgendwo in der Seele eingeprägt. Weil ich ... Für mich ist es so, als habe man einen Teil von mir genommen und ich bekomme ihn nie zurück, und man kann immer diese Leere verspüren.   

Bowen: Ich verlor alles. Ich verlor meine Frau. Ich verlor meinen Glauben, meine Familie. Alles, an das ich geglaubt hatte, liegt in Trümmern.   

Holly Brewer: Mann, ich habe so viele Jahre geweint, ich habe keine Tränen mehr.   

McKeown: Wir werden natürlich am Ball bleiben und Ihnen über jede Entwicklung berichten.   

Bob McKeown: Sie können mehr über das Programm des heutigen Abends und über „The Fifth Estate“ im Internet unter cbc.ca/fifth erfahren. Bleiben Sie dran. Wir werden in einem Augenblick mit mehr zurück sein.