Sonntag, 4. Februar 2001

Vorschriften zur Anzeige bei sexuellem Missbrauch in jeder Religion anders
von PETER SMITH, The Courier-Journal

Wie die Zeugen Jehovas erwarten sieben weitere Religionsgemeinschaften, die das Courier-Journal untersuchte, von ihren Geistlichen, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch in Bundesstaaten zur Anzeige bringen, wo das Gesetz dies fordert. Die Haltung der Religionsgemeinschaften unterscheidet sich in den Bundesstaaten, wo eine Anzeige nicht Pflicht ist. Selbst in Bundesstaaten, wo eine Anzeige Pflicht ist, gibt es aber Unterschiede. So fordern zum Beispiel Kentucky und Indiana von den Bürgern, dass sie mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzeigen. Indiana kennt keine Ausnahmen. Kentucky lässt Ausnahmen zu für Gespräche zwischen Geistlichen und reuigen Sündern sowie zwischen Anwälten und Klienten.
Römisch-katholische Kirche: Die Vorschriften unterscheiden sich von Diözese zu Diözese. Die Erzdiözesen Louisville und Indianapolis fordern von Priestern, dass sie mutmaßlichen Missbrauch in allen Fällen anzeigen, außer wenn sie davon bei der Beichte erfahren. Und selbst dann können Priester den Tätern den Rat geben, ein Verbrechen bei der Sozialberatung oder bei der Polizei zu gestehen. Susan Schramm, die Sprecherin der Erzdiözese Indianapolis, kennt keinen Fall, wo diese Ausnahme in Konflikt mit den Gesetzen von Indiana geriet.  

Südliche Baptisten: Die Kirchen unterliegen einer Selbstverwaltung, regionale Körperschaften erlassen also keine Vorschriften. Doch die Baptistenversammlung in Kentucky schult Personal und Freiwillige, Kindesmissbrauch zu erkennen und bei den Behörden anzuzeigen, so Wendy Dever, Mitarbeiterin für Vorschul- und Schulkinder.  

Presbyterianer (USA): Die Vorschriften variieren von einer  regionalen Körperschaft zur anderen, richten sich aber oft nach den Gesetzen der jeweiligen Bundesstaaten. Pastoren in der Religionsgemeinschaft mit Sitz in Louisville ist es verboten, etwas zu enthüllen, was ihnen im Vertrauen gesagt wurde. Die Kirche macht keine ausdrückliche Ausnahme bei mutmaßlichem Kindesmissbrauch, doch Pastoren können die Vertraulichkeit brechen, wenn „das Risiko besteht, dass jemandem ein körperlicher Schaden droht.“  

Rabbinische Versammlung (Konservatives Judentum): Die Versammlungen unterliegen einer Selbstverwaltung, aber von Rabbinern wird erwartet, dass sie alles tun, um Missbrauchsopfer zu schützen, und dazu gehört das Einschalten der Behörden. „Es muss nicht unbedingt eine weltliche Verpflichtung bestehen, die besagt, dass jemand Probleme hat“, sagte Rabbi Joel Meyers, Vizepräsident der Rabbinischen Versammlung.  

Evangelisch-lutherische Kirche in Amerika: Die Vorschriften werden von den regionalen leitenden Körperschaften erlassen, folgen aber oft dem Gesetz eines Bundesstaates, wo die Pflicht zu einer Anzeige besteht, so Reverend Lowell Almen, Sekretär der Evangelisch-lutherische Kirche in Amerika.  

Vereinigte Methodisten: Die Kirche hat keine Vorschrift, die von den Geistlichen fordert, mutmaßlichen Kindesmissbrauch anzuzeigen, aber bei der Schulung der Geistlichen wird betont, dass die Gesetze eine Anzeige oft zur Pflicht machen. Wenn ein Pastor im vertraulichen Gespräch, zum Beispiel wenn er jemanden berät, von einem Missbrauch erfährt, „ist das etwas, was der Pastor von Fall zu Fall entscheiden kann“, sagte Robert Kohler, stellvertretender Generalsekretär der Abteilung für ordinierte Geistliche.  

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen): Die Kirchenführer sind angewiesen, die Hotline der Religionsgemeinschaft anzurufen, wenn das Thema Missbrauch in einer Versammlung aufkommt. Am anderen Ende der Leitung sitzen professionelle Berater sowie Anwälte, die die Ortsgeistlichen über die im jeweiligen Bundesstaat geltenden Gesetze informieren. „Das Gesetz des Landes ist zu befolgen“, heißt es in einer Erklärung der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinschaft. „Wenn eine Anzeige Pflicht ist, hilft das Personal den örtlichen Kirchenführern … wer die Anzeige erstatten sollte – ob ... ein Familienmitglied, oder ob der Täter dazu gebracht werden kann, sich selbst anzuzeigen.“  

Keine Religionsgemeinschaft, mit der wir uns in Verbindung setzten, denkt auch nur an das, was einige Zeugen Jehovas von ihrer Kirche fordern: dass den Versammlungen gesagt wird, wenn Pädophile in ihrer Mitte sind. Aber viele Kirchen hindern Sexualtäter daran, mit Kindern zu arbeiten, so Frau Dever von der Baptistenversammlung in Kentucky. Und sie prüfen zunehmend, ob Pastorenkandidaten, Jugendarbeiter oder andere Freiwillige schon einmal straffällig geworden sind. „Kleine Kirchen haben es schwer damit, weil sie jeden kennen“, sagte Dever. „Aber wir kennen wirklich nicht jeden. Wir leben im Jahr 2001. Wir müssen uns darüber Sorgen machen.“

Unsere Redakteurin Megan Woolhouse schrieb diese Geschichte.