Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs in Zeugen-Jehovas-Familie

Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs können zum Gemeinschaftsentzug führen

Gegenwärtig wird von Zeugen Jehovas und ehemaligen Mitgliedern der Sekte ein tragischer Familienkonflikt genau beobachtet. Er dreht sich um den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch eines Vaters an seinen Töchtern und um Mord. Die früheren Zeugen fragen sich, ob die Wachtturm-Gesellschaft die Anschuldigungen ernst nehmen wird. Gemäß früheren Zeugen und anderen Kritikern vertuschen Jehovas Zeugen derartige Verbrechen regelmäßig.

von Anne Korsholm

Etwas weist darauf hin, dass die örtlichen Ältesten diesmal gezwungen sein werden, etwas zu unternehmen, sagt Poul Dal, der selbst einmal Ältester bei den Zeugen Jehovas war, jetzt aber die Sekte verlassen hat.

Der Leiter des Informationsbüros der Zeugen Jehovas in Dänemark, Erik Joergensen, versteht die Kritik nicht. Die Zeugen hätten, so sagt er, Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauch immer sehr ernst genommen.

Der mutmaßliche Täter ist ein 78-jähriger Mann aus Vesterhimmerland, der beschuldigt wird, seine Töchter sexuell missbraucht zu haben. Eine seiner Töchter behauptet, sie habe nach dem Missbrauch ein Kind geboren und der 78-jährige Mann habe das Kind getötet.

Sowohl der Vater als auch die Töchter sind Zeugen Jehovas.

Die Polizei von Loekstoer Police hat in dem Fall die Akten geschlossen, weil es keine Beweise gebe. Unter anderem war es unmöglich, festzustellen, ob ein Kind auf die Welt gebracht wurde, das dann angeblich getötet wurde. Gemäß der Selbsthilfegruppe für Exzeugen, Christian Freedom, hat auch eine Enkelin den 78-jährigen Mann bei der Polizei angezeigt, weil er sie missbraucht habe. Die Polizei will dies weder bestätigen noch bestreiten.

Für Schweigen verurteilt

Jehovas Zeugen in den USA und Europa sind in späteren Jahren in Verbindung mit Missbrauch kritisiert worden, weil die Zeugen solche Fälle offensichtlich hinter den verschlossenen Türen des Königreichssaales gehalten und sie nicht bei der Polizei und weltlichen Behörden angezeigt haben.

1998 wurden in Frankreich drei Älteste (Priester der Zeugen Jehovas) zu Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie einen Zeugen, der seine Tochter missbraucht hatte, nicht bei der Polizei angezeigt hatten. Der Zeuge hatte Reue gezeigt und Jehovas Gnade und die Vergebung der Ältesten erlangt. Von den französischen Behörden bekam er keine Vergebung, sonder n12 Jahre Gefängnis.

In den USA hat es eine Reihe von Berichten über pädophile Zeugen Jehovas gegeben, die von ihrer Führung beschützt wurden, offensichtlich, damit die Fälle sexuellen Missbrauch nicht den Ruf der Sekte schädigten. Gemäß der neuesten Zeitschrift von Christian Freedom gibt es jetzt so viele Opfer, dass ein früherer Ältester der Zeugen Jehovas in den USA zu ihrem Nutzen eine Organisation, "Silentlambs", gegründet hat.

Den Zeugen bringt man bei, mit ihren Problemen zu den Ältesten in der eigenen Versammlung und nicht zu weltlichen Behörden zu gehen. Es ist daher sehr wichtig, dass Ortsälteste solche Anschuldigungen ernst nehmen. Oft sind interne Ermittlungen wegen Kindesmissbrauch zu einem Ende gekommen, weil es keine Augenzeugen gab, und die Zeugen Jehovas fordern zwei oder drei Augenzeugen, damit jemand überführt wird.

Interne Bestrafung

Erik Joergensen sagt, Augenzeugen seien nicht das einzige Kriterium, damit Zeugen Jehovas einen Fall ernst nähmen. Normalerweise hören wir in einem Fall beide Seiten, wir reden mit Leuten, die den Betroffenen nahe stehen, wenn es zu dem mutmaßlichen Missbrauch kam. Wenn die Umstände deutlich zeigen, dass Missbrauch stattgefunden hat, oder wenn der Beschuldigte gesteht, dann zählt das als Tatsache, sagt er.

Offensichtlich ist in diesem Fall bei den Zeugen Jehovas eine interne Untersuchung in Gang gesetzt worden. Offensichtlich soll ein internes, aus Ortsältesten bestehendes Gericht darüber entscheiden, ob dem 78-Jähriugen die Gemeinschaft entzogen wird.

Erik Joergensen hat davon noch nichts gehört, aber er kann bestätigen, wenn der 78-Jährige von der Polizei überführt wird, dann werde er höchstwahrscheinlich ausgeschlossen, möglicherweise zusammen mit seiner Frau, falls sie von dem Missbrauch wusste.

Jehovas Zeugen sind in erster Linie eine Religionsgemeinschaft, kein Gerichtshof. Wir sehen es als vorderste Pflicht an, dieser Familie zu helfen, damit sie zusammen leben kann, betont er.

In der letzten Reihe

Ein Gemeinschaftsentzug bedeute nicht, dass ein Zeuge die Sekte verlassen müsse, und etwa die Hälfte aller Ausgeschlossenen bleiben Zeugen Jehovas, sagt Erik Joergensen.

Ein Ausgeschlossener verliert alle Ämter und die Versammlung als soziales Netzwerk. Der Ausgeschlossene kann die Zusammenkünfte im Königreichsaal besuchen, ohne das Recht zu haben, Kommentare zu geben oder Umgang zu pflegen.

Nach einiger Zeit kann ein Ausgeschlossener den Antrag stellen, wieder Mitglied der Versammlung zu werden, und die Ältesten sind souverän in ihrer Entscheidung, ob und wann er wieder in die Versammlung darf.

Poul Dal war selbst Ältester und nahm an den Exkommunikationen von Zeugen teil, die die Regeln verletzt hatten. Er kann sich noch daran erinnern, dass er am Ausschluss eines Mannes teilnahm, der sich hatte scheiden lassen und dann wieder geheiratet hatte.

Das kostete ihn drei Jahre in der letzten Reihe im Königreichssaal. Aber man kann auch ausgeschlossen werden, wenn man einen Fahnemast kauft und eine Fahne hisst oder sich eine Bluttransfusion geben lässt. Ich wurde 1995 ausgeschlossen, weil ich nicht geglaubt habe, dass die Zeugen Jehovas der einzige von Gott benutzte Kanal seien, sagt Poul Dal.

Die Zeugen können einem Gemeinschaftsentzug oft entgehen, wenn sie schnell Reue zeigen, aber gemäß Erik Joergensen ist das nicht der Fall bei sexuellem Missbrauch und Mord.

Die dänische Zeitung "Kristeligt Dagblad", 18. Oktober 2001

http://www.kristeligt-dagblad.dk/nytomkirke/artikel:aid=8960