Wie lange ist es her, dass die Wachtturm-Gesellschaft weiß, wie man mit Kindesmissbrauch richtig umgeht? Bis heute herrschte der Gedanke, als 1992 Untersuchungen wegen des Missbrauchs vorgenommen wurden, war die leitende Körperschaft bereits informiert und weigerte sich, angemessene Anweisungen im Interesse des Schutzes der Kinder zu erlassen. Mit der kürzlichen Entdeckung eines Briefes an alle Ältestenschaften in Kanada aus dem Jahre 1988 scheint das nicht mehr der Fall zu sein. Der Brief, der von der Rechtsabteilung der Wachtturm-Gesellschaft autorisiert wurde, zeigt, dass die Zentrale genau wusste, wie mit Missbrauch in der Versammlung angemessen umzugehen sei. Lest diesen Brief und fragt euch, wie viele Kinder vergewaltigt wurden, weil diese Politik nicht in den USA in Kraft gesetzt wurde. Was ist die Schuld der leitenden Körperschaft? Schwäche oder Bosheit? Ignoranz oder Bösartigkeit?

 

WATCH TOWER

BIBLE AND TRACT SOCIETY OF CANADA

Box/C,P, 4100, Halton Hill: (Georgetown), Ontario, Canada L7G 04

Telephone: (418) 873-4100

LB:LSB 29. Juli 1988

AN ALLE ÄLTESTENSCHAFTEN IN KANADA  VERTRAULICH

Liebe Brüder, 

          Erwachet! hat unsere Aufmerksamkeit auf das Problem der sexuellen Belästigung von Kindern gelenkt (siehe 22. Januar 1985, Seiten 3-10). Es wurde angemessen als „wachsendes Entsetzen“ beschrieben. Dies ist ein weiterer Beweis für die Verderbtheit vieler in der Welt um uns herum. - Röm. 1:20.

Diese Situationen sind selten, und wir sind froh, dass die meisten von euch dem Problem nie begegnen werden. Doch weil wir erkennen, dass ihr in eurer Rolle als geistige Hirten auch damit bekannt werden könntet, möchten wir euch auf die rechtliche Verantwortung hinweisen, die heute Dienern obliegt, die von solchem Missbrauch erfahren. 

           Provinzgesetze in allen Provinzen Kanadas fordern, dass Kindesmissbrauch Jugendwohlfahrtsbeamten gemeldet wird, so dass sofort Schritte unternommen werden können, um die Kinder zu schützen. Jehovas Zeugen unterstützen sicher das Ziel, Kinder zu schützen. 

          Die Schwierigkeit besteht in der Ausgeglichenheit zwischen eurer Verpflichtung, solche Dinge anzuzeigen, und eurer Pflicht in der Versammlung, Vertraulichkeit zu wahren. Wir haben unsere Rechtsabteilung um einige Bemerkungen gebeten, und wir geben die folgende Rechtsmeinung an euch weiter:

Wann anzeigen? 

           Es besteht die Pflicht zur Anzeige, wenn jemand vernünftige und wahrscheinliche Gründe hat, zu glauben, es gebe Missbrauch oder es bestehe das erhebliche Risiko eines Missbrauchs und die Eltern haben das Kind nicht geschützt. Die Anzeige soll bei den örtlichen Jugendschutzbehörden erfolgen. Sexualtäter sind notorische Wiederholungstäter. Daher sollte eine sorgfältige Untersuchung vorgenommen werden, um sicherzustellen, dass andere Kinder nicht durch dieselbe Person gefährdet sind. 

Wer muss anzeigen?

Die meisten Provinzen sagen: „Jeder“. Es gibt keine Gesetzesvorkehrung eines Kirchenprivilegs. Allgemein kann niemand verklagt werden, der in gutem Glauben Anzeige erstattet. Ein Diener kann diese Verpflichtung nicht ignorieren. Er würde sich sonst der Strafverfolgung, einer Geldstrafe oder Gefängnis aussetzen. 

AN ALLE ÄLTESTENSCHAFTEN IN KANADA 

29. Juli 1988, Seite 2. 

Hat ein Diener eine Alternative?

Ja. Ein Diener könnte dafür sorgen, dass jemand anderer Anzeige erstattet. 

           Zum Beispiel könnten Familienmitglieder ermuntert werden, den Missbrauch mit dem Hausarzt zu besprechen. Er kann für die Therapie durch einen geeigneten Seelenfachmann sorgen. Dann könnten die Familie oder der Arzt die Sache anzeigen. Der Missbraucher könnte sich anzeigen, und er wäre gut beraten, dies zu tun. Das würde dazu führen, dass dem Missbraucher geholfen wird, und Beamte sind immer mitfühlender mit einem Missbraucher, der Hilfe sucht. 

            Älteste müssen sich jedoch dessen bewusst sein, dass sie eine Verpflichtung haben, wenn sie einmal Kenntnis erlangt haben. Sie können nicht einfach darauf hoffen, dass schon jemand anderer Anzeige erstattet. Sie müssen die Sache schnell durchziehen und sicher sein, dass das getan wird. Ist einmal Anzeige erstattet, entweder durch sie oder jemand anderen, haben sie sich ihrer Verpflichtung entledigt. 

Gibt es sonst noch etwas zu bedenken? 

            Ja. Wenn der Täter in derselben Wohnung wie das Kind lebt, ist es für ihn am besten, wenn er, auch nur zeitweise, die Wohnung verlässt. Sonst werden die Jungendbehörden die Kinder wahrscheinlich beiden Eltern wegnehmen. Die Behörden könnten zu dem Schluss kommen, auch der nicht missbrauchende Elternteil habe das Kind nicht genügend geschützt. Solch eine Entscheidung liegt natürlich bei der Familie, aber ie Vorteile sind offensichtlich. 

Gilt in jeder Provinz dasselbe Gesetz? 

            Nein, es gibt Unterschiede. Wenn ihr bei der Entledigung eurer Verpflichtung auf Schwierigkeiten stoßt, nehmt Kontakt mit dem Zweigbüro der Gesellschaft in Georgetown auf.

Sollte man Unterlagen aufbewahren? 

            Es ist wichtig, dass ihr sorgfältig alles, was geschehen ist, dokumentiert, darunter Namen, Daten und Zeiten, und es bei den vertraulichen Unterlagen der Versammlung in einem versiegelten Umschlag aufbewahrt.  

AN ALLE ÄLTESTENSCHAFTEN IN KANADA 

29. Juli 1988, Seite 3. 

Checkliste 

Die folgende Checkliste gibt euch eine kurze Zusammenfassung der Schritte, die ihr bei der Behandlung dieses Problems unternehmen sollt: 

1.         Lest Seite I dieses Briefes unter der Überschrift „Wann anzeigen“ und stellt fest, ob es sexuellen Missbrauch gab, der angezeigt werden muss.  

2.         Ratet den Eltern, sofort Schritte zu unternehmen, das missbrauchte Kind zu schützen, d.h. dass der Missbraucher nicht in derselben Wohnung wie das Opfer bleiben darf und jeder Zugang zwischen Missbraucher und Kind streng überwacht wird. 

3.         Empfehlt, dass die Familie das Opfer sofort zu einem Arzt bringt. Empfehlt, dass der Missbraucher oder die Familie die Hilfe eines Arztes oder Psychologen sucht. Der Arzt hat die Pflicht, die Sache anzuzeigen. 

4.          Beschäftigt euch sofort damit, dass die Familie und/oder Arzt, Psychologe usw. sicherstellen, dass der Missbrauch angezeigt wurde. 

5.          Erstellt ein schriftliches Memorandum der Schritte, die zur Anzeige des Missbrauchs führten, und bewahrt es in einem versiegelten Umschlag in den vertraulichen Unterlagen der Versammlung auf.

Wir haben Wertschätzung für eure Arbeit, diese Dinge zu handhaben. Die Brüder und Schwestern ziehen Nutzen aus eurem Dienst – die Versammlung wird rein erhalten und Irrenden wird Hilfe geleistet. Wir beten darum, dass Jehova euch in eurem treuen Dienst weiterhin stützen und segnen möge. In christlicher Verbundenheit und mit den besten Wünschen. 

Eure Brüder, 

Watch Tower B & T Society

of CANADA