*** g93 8. 10. S. 10-13 Zu Hause sexuellem Mißbrauch vorbeugen ***

Zu Hause sexuellem Mißbrauch vorbeugen

Monique war neun Jahre alt, als er begann, sie sexuell zu belästigen. Anfangs schaute er heimlich zu, wenn sie sich auszog, dann fing er an, nachts in ihr Zimmer zu kommen und sie an den Genitalien zu berühren. Wenn sie sich dagegen wehrte, wurde er wütend. Einmal griff er sie sogar mit einem Hammer an und warf sie die Treppe hinunter. „Niemand glaubte mir", erinnert sich Monique — nicht einmal ihre Mutter. Der Täter war Moniques Stiefvater.

ES IST nicht der Fremde im Regenmantel, nicht der im Busch lauernde Einzelgänger, der für Kinder die größte Gefahr darstellt. Es sind die eigenen Angehörigen. Sexuelle Belästigungen finden meistens zu Hause statt. Wie kann daher das Zuhause gegen sexuellen Mißbrauch sozusagen resistenter gemacht werden?

Der Historiker Dr. Sander J. Breiner ist in seinem Buch Slaughter of the Innocents den Beweisen für Kindesmißbrauch in fünf alten Kulturen — Ägypten, China, Griechenland, Rom und Israel — nachgegangen. In Israel, so sein Fazit, gab es das zwar auch, war aber relativ selten. Wie kam das? Im Gegensatz zu den Nachbarvölkern wurden die Israeliten gelehrt, Frauen und Kinder mit Respekt zu behandeln — eine aufgeklärte Ansicht, die sie der Heiligen Schrift verdankten. Wandten die Israeliten das göttliche Gesetz auf das Familienleben an, so beugten sie auch dem Kindesmißbrauch vor. Heutzutage brauchen die Familien diese reinen und praktischen Maßstäbe dringender denn je.

Moralgesetze

Hat das biblische Gesetz Auswirkungen auf unsere Familie? Zum Beispiel heißt es in 3. Mose 18:6: „Ihr sollt euch nicht, kein Mensch von euch, irgendeinem nähern, der sein naher Verwandter nach dem Fleische ist, um die Blöße aufzudecken. Ich bin Jehova." In ähnlicher Weise wird auch in der Christenversammlung heute auf die Einhaltung strikter Gesetze gegen jegliche Form des sexuellen Mißbrauchs geachtet. Jeder, der ein Kind sexuell mißbraucht, riskiert es, ausgeschlossen, das heißt aus der Versammlung entfernt zu werden (1. Korinther 6:9, 10).

Alle Familien sollten solche Gebote kennen und als Familie zusammen betrachten. In 5. Mose 6:6, 7 lesen wir die Aufforderung: „Und es soll sich erweisen, daß diese Worte, die ich dir heute gebiete, auf deinem Herzen sind; und du sollst sie deinem Sohn einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du auf dem Weg gehst und wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst." Diese Gebote den Kindern einzuschärfen bedeutet mehr, als nur ihnen gelegentlich einen Vortrag zu halten. Es erfordert regelmäßigen offenen Gedankenaustausch. Von Zeit zu Zeit sollten sowohl die Mutter als auch der Vater ihre Anerkennung der göttlichen Gesetze gegen Inzest bekräftigen und die auf Liebe beruhenden Gründe dafür wiederholen.

Man kann außerdem Geschichten wie die von Tamar und Amnon (den Kindern Davids) verwenden, um seinen Kindern zu zeigen, daß es auf sexuellem Gebiet Grenzen gibt, die niemand — auch kein naher Familienangehöriger — jemals überschreiten darf (1. Mose 9:20-29; 2. Samuel 13:10-16).

Respekt vor diesen Grundsätzen kann sogar in der Aufteilung des Wohnraums zum Ausdruck kommen. Wie Untersuchungen in einem asiatischen Land gezeigt haben, kommt Inzest häufig in Familien vor, in denen die Kinder bei den Eltern schlafen, selbst wenn das von der finanziellen Situation her nicht notwendig ist. Ebenso ist es im allgemeinen unklug, wenn heranwachsende Kinder unterschiedlichen Geschlechts sich ein Bett oder einen Raum teilen, sofern es nur irgendwie anders möglich ist. Selbst unter beengten Wohnverhältnissen sollten Eltern ein gutes Unterscheidungsvermögen bekunden, wenn es darum geht, wo jedes Familienmitglied schlafen soll.

Die Bibel verbietet Trunkenheit und läßt anklingen, daß diese zu Perversionen führen kann (Sprüche 23:29-33). Einer Studie zufolge geben 60 bis 70 Prozent aller Inzestopfer an, der mißbrauchende Elternteil hätte getrunken, als der Mißbrauch begonnen habe.

Ein liebevolles Familienhaupt

Wie Forscher herausgefunden haben, kommt es in Familien mit einem herrschsüchtigen Ehemann öfter zum Mißbrauch als in anderen Familien. Die weitverbreitete Ansicht, Frauen seien in erster Linie zur Befriedigung der männlichen Bedürfnisse da, ist unbiblisch. Mit dieser unchristlichen Einstellung rechtfertigen es einige Männer, wenn sie sich bei ihrer Tochter das holen wollen, was sie bei ihrer Frau nicht bekommen. Diese Art der Unterdrückung kann bei Frauen unter den gegebenen Umständen den Verlust des seelischen Gleichgewichts bewirken. Viele Mütter verlieren dadurch sogar den natürlichen Drang, ihr eigenes Kind zu beschützen. (Vergleiche Prediger 7:7.) Andererseits stellte man im Rahmen einer Untersuchung fest, daß es in Familien mit arbeitssüchtigen Vätern, die selten zu Hause sind, manchmal zum Mutter-Sohn-Mißbrauch kommt.

Wie sieht es in der eigenen Familie aus? Der Vater sollte sich fragen: Nehme ich meine Rolle als Haupt ernst, oder schiebe ich sie auf meine Frau ab? (1. Korinther 11:3). Behandle ich meine Frau mit Liebe, Achtung und Respekt? (Epheser 5:25; 1. Petrus 3:7). Zählen auch ihre Ansichten? (1. Mose 21:12; Sprüche 31:26, 28). Und wie sieht es mit den Kindern aus? Betrachte ich sie als kostbar? (Psalm 127:3). Oder betrachte ich sie nur als Bürde und als leicht auszubeuten? (Vergleiche 2. Korinther 12:14.) Wenn man verzerrte, unbiblische Ansichten über die Rollen innerhalb der Familie ausmerzt, wird das Zuhause auch vor sexuellem Mißbrauch besser geschützt sein.

Ein Ort der Geborgenheit

Eine junge Frau, die wir Sandi nennen wollen, berichtet: „Unsere ganze Familie war für den Mißbrauch geradezu prädestiniert. Sie war in der Gesellschaft isoliert, ebenso wie die Familienmitglieder untereinander." Isolation, Strenge und Geheimnistuerei — all diese ungesunden, unbiblischen Merkmale sind Kennzeichen von Inzestfamilien. (Vergleiche 2. Samuel 12:12; Sprüche 18:1; Philipper 4:5.) Daher muß man in der Familie für eine Atmosphäre sorgen, in der sich die Kinder geborgen fühlen. Das Zuhause sollte ein Ort sein, wo sie gestärkt und ermutigt werden und wo sie sich frei fühlen, ihr Herz auszuschütten.

Kinder haben auch ein großes Bedürfnis nach körperlichen Ausdrucksformen der Liebe wie Umarmen, Streicheln, An-der-Hand-Halten, Herumtollen. Deshalb sollte man auf die Gefahr eines sexuellen Mißbrauchs nicht überreagieren und seinem Kind diese Zeichen der Liebe nicht vorenthalten. Kindern muß durch offene, herzliche Zuneigung und Lob zugesichert werden, daß man sie wirklich schätzt. Sandi erinnert sich: „Meine Mutter hielt es für falsch, irgend jemand für irgend etwas zu loben; das würde einem nur zu Kopf steigen." Schweigend erduldete Sandi mindestens zehn Jahre lang sexuellen Mißbrauch. Kinder, die sich nicht sicher sein können, daß sie geliebt und geschätzt werden, sind möglicherweise anfälliger für das Lob, die „Zuneigung" oder die Androhung von Liebesentzug seitens eines Mißbrauchers.

Nach Aussage eines Pädophilen, der über einen Zeitraum von 40 Jahren Hunderte von Jungen sexuell mißbraucht hatte, waren die Jungen, die ein emotionelles Bedürfnis nach einem Freund wie ihm hatten, die „besten" Opfer. Eltern dürfen nicht zulassen, daß sich bei ihren Kindern ein solches Bedürfnis entwickelt.

Den Kreislauf des Mißbrauchs durchbrechen

Unter schweren Prüfungen sagte Hiob: „Meine Seele empfindet bestimmt Ekel vor meinem Leben. Ich will meiner Besorgnis um mich freien Lauf lassen. Ich will in der Bitterkeit meiner Seele reden!" (Hiob 10:1). In ähnlicher Weise haben Eltern festgestellt, daß sie ihren Kindern helfen können, indem sie sich selbst helfen. In der Publikation The Harvard Mental Health Letter hieß es unlängst: „Daß es in der Gesellschaft auf starke Mißbilligung stößt, wenn Männer Schmerz zeigen, scheint den Kreislauf des Mißbrauchs aufrechtzuerhalten." Anscheinend ist bei Männern, die sexuell mißbraucht wurden, aber nie über den Schmerz sprechen konnten, die Wahrscheinlichkeit, selbst zu Tätern zu werden, überdurchschnittlich hoch. Gemäß dem Buch The Safe Child Book sind die meisten Täter selbst als Kind sexuell mißbraucht worden, ohne je die Gelegenheit zur Heilung gehabt zu haben. Sie bringen ihren Schmerz und ihre Wut dadurch zum Ausdruck, daß sie selbst Kinder mißbrauchen. (Siehe auch Hiob 7:11; 32:20.)

Das Risiko für die Kinder ist auch größer, falls ihre Mutter früher mißbraucht wurde und dies nicht bewältigen kann. Wie Forscher beispielsweise festgestellt haben, heiraten Frauen, die als Kind mißbraucht wurden, oft Mißbraucher. Wenn außerdem eine Frau den an ihr begangenen Mißbrauch nicht bewältigen kann, wird es ihr verständlicherweise schwerfallen, mit ihren Kindern über Mißbrauch zu reden. Wenn es dann dazu kommt, ist sie vielleicht schlechter in der Lage, den Mißbrauch zu erkennen und daraufhin positive Schritte zu unternehmen. Als Folge muß das Kind einen furchtbaren Preis für die Tatenlosigkeit der Mutter zahlen.

So kann der Mißbrauch von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Natürlich kommt anscheinend eine ganze Reihe von Opfern, die sich entschieden haben, nicht über ihre schmerzhafte Vergangenheit zu sprechen, ziemlich gut im Leben zurecht, und das ist auch gut so. Doch bei vielen sitzt der Schmerz tiefer, und sie müssen — wenn nötig mit qualifizierter professioneller Hilfe — Anstrengungen unternehmen, die schweren Kindheitswunden zu heilen. Ihr Ziel besteht nicht darin, in Selbstmitleid zu zerfließen. Sie wollen den krankhaften, schmerzlichen Kreislauf des Kindesmißbrauchs durchbrechen, unter dem ihre Familie leidet. (Siehe Erwachet! vom 8. Oktober 1991, Seite 3 bis 11.)

Das Ende des Mißbrauchs

Werden in einer Familie die bisher erwähnten Anregungen richtig in die Tat umgesetzt, kann dies die Wahrscheinlichkeit des Kindesmißbrauchs stark herabsetzen. Allerdings gehen die Täter im geheimen vor, sie mißbrauchen das in sie gesetzte Vertrauen, und sie benutzen Strategien der Erwachsenenwelt gegenüber unschuldigen Kindern. Zwangsläufig scheinen einige trotz ihres abscheulichen Verbrechens ungeschoren davonzukommen.

Doch seien wir versichert, daß Gott sieht, was sie tun (Hiob 34:22). Wenn sie nicht bereuen und sich ändern, wird er ihre abscheulichen Handlungen nicht vergessen. Zu seiner Zeit wird er es ans Licht bringen. (Vergleiche Matthäus 10:26.) Und er wird Gerechtigkeit üben. Jehova Gott hat eine Zeit verheißen, in der all solche hinterhältigen Personen ‘von der Erde weggerissen sein werden’ und nur milde und sanftmütige Menschen, die Gott und ihre Mitmenschen lieben, am Leben bleiben (Sprüche 2:22; Psalm 37:10, 11, 29; 2. Petrus 2:9-11). Dank des Loskaufsopfers Jesu Christi haben wir die wunderbare Hoffnung auf eine neue Welt (1. Timotheus 2:6). Dann — und erst dann — wird jeglicher Mißbrauch für immer der Vergangenheit angehören.

Bis dahin müssen wir alles in unserer Macht Stehende tun, um unsere Kinder zu schützen. Sie sind so kostbar! Die meisten Eltern wären sofort bereit, zum Schutz ihrer Kinder ihre eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen. (Vergleiche Johannes 15:13.) Wenn wir unsere Kinder nicht beschützen, können die Folgen katastrophal sein. Wenn wir sie schützen, schenken wir ihnen etwas Wunderbares: eine ungetrübte Kindheit ohne Schuldgefühle. Sie können dann dem Psalmisten nachempfinden, der die Worte schrieb: „Ich will zu Jehova sagen: ‚Du bist meine Zuflucht und meine Feste, mein Gott, auf den ich vertrauen will‘ " (Psalm 91:2).

[Fußnoten]

Sexueller Kindesmißbrauch liegt vor, wenn sich jemand eines Kindes bedient, um sein eigenes sexuelles Verlangen zu befriedigen. Oftmals handelt es sich bei dem Mißbrauch um das, was die Bibel als Hurerei oder pornéia bezeichnet, wie beispielsweise das Streicheln der Geschlechtsorgane sowie genitaler, oraler oder analer Geschlechtsverkehr. Einige sexuelle Übergriffe, wie das Streicheln der Brüste, eindeutig unsittliche Angebote, das Betrachten pornographischen Materials zusammen mit einem Kind, Voyeurismus und Exhibitionismus, könnten unter Umständen mit dem in der Bibel verurteilten „zügellosen Wandel" gleichbedeutend sein (Galater 5:19-21; siehe Wachtturm, 15. Juni 1983, Fußnote auf Seite 30).

Zwar sind die meisten Täter als Kind selbst mißbraucht worden, doch das bedeutet nicht, daß Mißbrauch aus Kindern Mißbraucher machen muß. Weniger als ein Drittel aller mißbrauchten Kinder werden später selbst zu Mißbrauchern.

[Kasten auf Seite 11]

Kindern zuhören

IN Britisch-Kolumbien (Kanada) wurde kürzlich der Werdegang von 30 Sexualtätern untersucht, die Kinder mißbraucht hatten. Die Ergebnisse waren erschütternd. Die 30 Täter hatten insgesamt 2 099 Kinder mißbraucht. Die Hälfte von ihnen hatte eine Vertrauensstellung als Lehrer, Geistlicher, Verwalter oder Kinderbetreuer inne. Einer der Täter, ein 50jähriger Zahnarzt, hatte über einen Zeitraum von 26 Jahren fast 500 Kinder mißbraucht.

Die in Toronto erscheinende Zeitung The Globe and Mail schreibt allerdings: „In 80 Prozent aller Fälle wird der Mißbrauch von einer oder mehreren gesellschaftlichen Gruppen (dazu gehören Freunde und Kollegen des Täters, Angehörige des Opfers, andere Kinder sowie einige Opfer) verleugnet oder heruntergespielt." Es überrascht daher nicht, daß, „wie der Bericht erkennen läßt, Verleugnung und Unglauben dem weiteren Mißbrauch Vorschub leisten".

Einige der Opfer hatten über den Mißbrauch berichtet. Doch „die Eltern sehr junger Opfer waren nicht bereit, ihren Kindern zu glauben", heißt es in dem Bericht gemäß der Globe and Mail. Wie die deutsche Ministerin für Frauen und Jugend unlängst erklärte, hatte sie in einer Beratungsstelle gehört, daß „mißbrauchte Kinder bis zu sieben Mal Erwachsene ansprechen müssen, bis ihnen geglaubt wird".

[Kasten auf Seite 11]

Ein Opfer, das über Jahre hinweg Inzest erdulden mußte, sagte: „Der Mißbrauch tötet Kinder, er tötet ihr Vertrauen und ihr Recht darauf, sich unschuldig zu fühlen. Darum müssen Kinder beschützt werden. Denn ich muß jetzt mein ganzes Leben neu aufbauen. Warum sollten noch mehr Kinder dazu gezwungen werden?"

Ja, warum?

[Kasten auf Seite 12]

„Suchen Sie jetzt Hilfe"

„WENN Sie ein Mann sind und sexuellen Kontakt zu Kindern haben, sagen Sie vielleicht zu sich selbst: ‚Sie mag das‘ oder: ‚Er wollte das‘ oder: ‚Ich kläre sie über Sexualität auf.‘ Sie belügen sich selbst. Echte Männer haben keinen Sexualkontakt mit Kindern. Wenn Sie in irgendeinem Winkel des Herzens wirklich am Wohl des Kindes interessiert sind, hören Sie auf! Suchen Sie jetzt Hilfe." (Vorschlag für eine Anzeige staatlicher Institutionen, entnommen dem Buch By Silence Betrayed).

[Bild auf Seite 13]

Kinder brauchen sehr viel von Herzen kommende, liebevolle Aufmerksamkeit

 

*** g85 22. 12. S. 26-28 Leserbriefe „Kindesmißbrauch" ***

Leserbriefe „Kindesmißbrauch"

DIE Ausgabe der Zeitschrift Erwachet! vom 8. August 1985 (englisch: 22. Januar 1985) enthielt eine dreiteilige Artikelserie, betitelt „Kindesmißbrauch — Man kann sein Kind schützen". In der Welt von heute sollten sich Eltern mit diesem unangenehmen Thema beschäftigen, und viele unserer Leser haben auch in Briefen ihre Dankbarkeit für den dargebotenen Aufschluß zum Ausdruck gebracht. Wir möchten einen Teil dessen, was sie uns geschrieben haben, allen Lesern mitteilen.

„Die Vorschläge waren sehr hilfreich"

Hier ist ein Auszug aus dem Brief einer Leserin aus den USA: „Vielen Dank für den Aufschluß über Kindesmißbrauch. Als Kinder sind meine Schwester und ich von einem Cousin belästigt worden. Heute haben wir selbst Kinder und möchten alles daransetzen, um sie zu schützen. Wir werden den guten Rat, der in diesen Artikeln gegeben wurde, bestimmt beherzigen."

Ebenfalls aus den USA: „Ihre Artikelserie über ‚Kindesmißbrauch — Man kann sein Kind schützen‘ schätze ich wirklich sehr. Die Vorschläge waren sehr hilfreich und einfach anzuwenden. Ich habe meinerseits einige Empfehlungen, die ich an Sie weitergeben möchte: Für Kinder kann es eine Gefahr sein, wenn ihr Name auf ihrem T-Shirt steht. Sie werden eher mit einem Fremden mitgehen, der ihren Namen kennt. Eltern drohen oft auch ihren Sprößlingen, wenn diese unartig sind, mit den Worten: ‚Sei artig, sonst holt dich die Polizei!‘ Dadurch bekommen die Kinder Angst vor der Polizei und sind nicht bereit, sich an sie zu wenden, falls sie jemals Hilfe benötigen."

Ebenfalls aus den USA: „Nachdem ich die Ausgabe der Zeitschrift Erwachet!, in der das Thema ‚Kindesmißbrauch‘ behandelt wurde, zum zweiten Mal gelesen habe, möchte ich Sie wissen lassen, daß diese eine der besten Ausgaben ist, die ich je gelesen habe. Natürlich hätte ich die Informationen gern schon vor einigen Jahren gehabt, bevor meine zwei hübschen Enkelinnen so schrecklich und unbarmherzig mißbraucht wurden. Es würde mich freuen, wenn diese Artikel verhindern würden, daß andere Kinder so wie sie leiden müssen."

„Ich war selbst ein Opfer"

In vielen Briefen wurde bestätigt, welch ungeheurer Schaden durch Kindesmißbrauch angerichtet wird. Hier ist zum Beispiel ein Brief aus England: „Vielen Dank für die unlängst erschienenen Artikel über das Thema ‚Kindesmißbrauch‘. Ich war selbst ein Opfer des Kindesmißbrauchs und empfand ähnlich wie diejenigen, von denen in Ihren Artikeln berichtet worden ist. Selbst heute, nach so vielen Jahren, muß ich meine Gefühle beherrschen, weil es mich innerlich sehr aufwühlt, wenn ich etwas darüber lese oder höre, was Kindern in dieser Hinsicht angetan wird."

In einem anderen Brief aus England heißt es: „Von meinem fünften Lebensjahr an wurde ich jahrelang blutschänderisch mißbraucht. Der Täter war mein Stiefvater. Was er mir antat, wirkte sich auf mein kindliches Gemüt so traumatisch aus, daß vieles davon bis vor einigen Monaten im Unterbewußtsein blieb. Als die Erinnerungen aber wachgerufen wurden, trat alles wie ein Alptraum hervor.

Möglicherweise werden manche Ihre Artikel als eine Überreaktion werten und darüber entsetzt sein, daß sie ihre Kleinen belehren sollten, was sie zu tun hätten, wenn jemand — selbst ein naher Verwandter — ihre intimen Körperteile berühren sollte oder sie aufforderte, sich die ihrigen anzusehen oder anzufassen. Solchen Personen habe ich zu sagen: ‚Der Rat in den Artikeln ist ausgezeichnet.‘ "

„Wer würde dir schon glauben!"

Einige Briefe bringen die Taktiken der Sexualtäter ans Licht. Eine Leserin aus England schreibt: „Als Kind wurde ich von einem älteren Herrn mißbraucht, den ich damals sehr respektierte. Wie aus Ihrem Artikel hervorging, wurde das unsittliche Streicheln (dabei blieb es bei mir) als Spielen oder Kitzeln getarnt. Ich behielt starke Schuld- und Schamgefühle zurück."

Eine Leserin aus den USA macht darauf aufmerksam, daß Kinder nicht nur von Erwachsenen mißbraucht werden. Sie schreibt: „Ich warnte meine Kinder vor Erwachsenen, aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, daß ein neuneinhalbjähriges Mädchen meine vierjährige Tochter unsittlich berühren könnte."

Eine andere Leserin aus England berichtet: „Mein Stiefvater war Richter; deshalb dachte ich nicht daran, daß irgend etwas verkehrt sein könnte, als er anfing, mich zu mißbrauchen. Als ich zwölf Jahre alt war, wurde mir bewußt, daß es verkehrt war, aber ich war nicht imstande, mit jemandem darüber zu sprechen, weil er mir eingetrichtert hatte: ‚Wer würde dir schon glauben! Und sei nicht undankbar. Denk daran, was du alles von mir bekommen hast.‘ Später wurde ich auch von meinen Brüdern und von einem meiner Onkel mißbraucht. Ab meinem 14. Lebensjahr nahm ich Drogen, da ich das für den einzigen Weg zum Glück hielt. Als Heranwachsende führte ich einen äußerst promiskuitiven Lebenswandel, da ich mir nur dadurch Rauschgift leisten konnte. Ich möchte Ihnen nochmals für die Artikel danken. Jetzt kann ich dafür sorgen, daß mein Sohn niemals das durchmachen muß, was ich zu ertragen hatte."

Aus den USA schreibt eine Leserin: „Ich habe gerade die Artikel über ‚Kindesmißbrauch‘ in der Zeitschrift Erwachet! gelesen. Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten, da ich selbst mißbraucht worden bin. Damals war ich fünf Jahre alt. Der Schuldige war der Freund meiner Mutter. Wenn sie nicht zu Hause war und meine Brüder draußen spielten, nahm sich dieser Mann mir gegenüber sexuelle Freiheiten heraus. Ich habe versucht, alles zu verdrängen, es einfach aus meinem Sinn auszulöschen, mir einzubilden, es sei ein böser Traum gewesen, aber es war kein Traum. Es war Wirklichkeit, und bis heute (ich bin jetzt 27 Jahre alt) habe ich niemandem davon erzählt. Vielen Dank für die Artikel über Kindesmißbrauch. Sie machten mir Mut, diesen Brief zu schreiben."

Das ist nur ein Teil der Briefe, die wir erhalten haben. Sie lassen das erschreckende Ausmaß des Problems erkennen. Wir leben wirklich in dekadenten Zeiten (2. Timotheus 3:1, 3). Es gab sogar in christlichen Familien einige Fälle, mit denen sich die Versammlungsältesten befassen mußten! Man sollte nie vergessen: Kindesmißbrauch ist zwar ein Verbrechen, das gewöhnlich von Erwachsenen verübt wird, doch es sind die Kinder, die dadurch belastet werden. Es ist tragisch, daß so viele Kinder von hemmungslosen Erwachsenen ihrer unbeschwerten Kindheit beraubt werden. Die seelischen Wunden, die diesen jungen Menschen zugefügt werden, mögen ein Leben lang nicht heilen.

[Kasten auf Seite 27]

Vorbeugungsmaßnahmen mit Erwachet! in Oregon

Als die Erwachet!-Ausgabe vom 22. Januar 1985 (deutsch: 8. August 1985) in Oregon (USA) eintraf, machte sich Joy, eine Zeugin Jehovas, mit einer Bekannten auf den Weg, um die Artikel über Kindesmißbrauch dem Polizeibeamten zu zeigen, der am Ort für die Verbrechensverhütung zuständig war. Dieser erklärte, daß er sich gerade zu einer höheren Schule aufmachen wollte, um ein Seminar über Kindesmißbrauch zu leiten. Daher nahm er eine Ausgabe der Zeitschrift mit. Am Nachmittag jenes Tages setzte er sich mit Joy in Verbindung und sagte ihr, er würde gern die Zeitschrift in dem Seminar verwenden. Joy machte ihn noch auf die Erwachet!-Ausgabe vom 22. April 1984 (deutsch: 22. Juli 1984) aufmerksam, die eine Artikelserie über das Thema „Mein Kind ist verschwunden!" enthielt. Der Beamte bestellte je 200 Exemplare von beiden Ausgaben der Zeitschrift, um sie den Seminarteilnehmern auszuhändigen.

Später erhöhte er seine Bestellung auf 250 Exemplare je Ausgabe, damit diese auch der örtlichen Polizei für Hilfsprogramme zur Verfügung standen. Er empfahl Joy, das Jugendamt aufzusuchen. Sie befolgte seinen Rat und konnte vor einer Gruppe von 20 Beratern sprechen, die an einem Fortbildungsseminar teilnahmen. Die Berater nahmen alle noch übrigen Exemplare dieser beiden Erwachet!-Ausgaben entgegen.

 

*** g85 8. 8. S. 8 Kindesmißbrauch Man kann sein Kind schützen ***

Verdächtig ist jede Veränderung im normalen Tagesablauf. In einem Fall bat ein Lehrer darum, daß bestimmte Kinder viel früher als andere zur Schule kommen sollten. Aufmerksamkeit verdient auch jedes auffällige Anzeichen bei Kindern wie schlechtere Noten oder extreme Angst in Gegenwart eines bestimmten Erwachsenen. Eine Frau, die als Mädchen von ihrem Bruder und von ihrem Vater belästigt worden war, sagte: „Ich wurde in einer Klasse von 42 Schülern die Schlechteste, und niemand versuchte herauszufinden, warum."

Achtung bei Symptomen wie Kopfschmerzen, Erbrechen oder Nachlassen des Appetits und Schlafschwierigkeiten. Beschwerden im genitalen Bereich, insbesondere Schmerzen, sind ernst zu nehmen. Beachten sollte man ferner frühreifes Sexualverhalten in bezug auf Sprache, Kleidung oder Benehmen. Auch hinter plötzlichen Verhaltensänderungen kann sich ein Problem verbergen. Ein anderes Warnzeichen ist es, wenn sich ein Kind in auffälliger Weise zurückzieht oder dazu neigt, einem Familienangehörigen aus dem Weg zu gehen. Nicht überhört werden sollten auch indirekte Äußerungen der Kinder. Wenn ein Kind sagt: „Ich kann diesen Mathelehrer nicht mehr leiden", könnte es sein, daß es auf diese Weise das schwierige Thema anschneiden möchte.

Falls Eltern bei einem ihrer Kinder irgend etwas dieser Art feststellen, sollten sie versuchen, herauszufinden, was nicht in Ordnung ist. Das Kind hat ein Problem, und es könnte mit Kindesmißbrauch zusammenhängen. Es benötigt in diesem Fall Hilfe. Leider bleibt sie vielen Kindern versagt. Mißbrauchte Kinder sind auch schon beschuldigt worden, den Vorfall erdichtet zu haben, obwohl Fachleute versichern, daß Kinder selten, wenn überhaupt, so etwas erfinden. Und um die Familie zusammenzuhalten, vertuscht man inzestuöse Beziehungen.

Wenn jedoch Kindesmißbrauch — insbesondere Inzest — ans Tageslicht kommt, müssen sofort zwei Schritte unternommen werden:

Erstens muß das Kind — und auch andere Kinder — vor irgendwelchem weiteren Mißbrauch geschützt werden. Das muß geschehen, koste es, was es wolle. In vielen Fällen muß der Täter dem Kind gegenübergestellt werden. Doch was immer auch nötig sein mag, es ist wichtig, dem Kind das Vertrauen zu geben, daß der Täter nie mehr in der Lage sein wird, ihm etwas anzutun.

Zweitens muß dem Kind viel Liebe und Zuneigung geschenkt werden. Eltern müssen sehr klar herausstellen, daß nicht das kleine Opfer die Schuld hat. Das eigentliche Verbrechen und irgend etwas, was darauf folgt — selbst wenn ein naher Verwandter ins Gefängnis kommen sollte —, ist nicht die Schuld des Kindes. Das muß ihm aber wiederholt versichert werden, so daß es an seine Unschuld glaubt — und auch glaubt, daß die Eltern davon überzeugt sind!

 

*** g85 8. 8. S. 4-6 Kindesmißbrauch Wer sind die Täter? ***

Kindesmißbrauch Wer sind die Täter?

DIE meisten Eltern würden diese Frage nicht richtig beantworten. Beim Gedanken an sexuellen Mißbrauch stellt man sich meist einen unheimlichen Fremden vor, der sich entweder vor Kindern entblößt oder sie in ein Auto oder in ein Wäldchen lockt. Ferner ist es publik geworden, daß Gruppen darauf aus sind, Kinder wegzulocken, um sie zu Zwecken der Kinderpornographie oder Kinderprostitution auszubeuten. So etwas geschieht natürlich, doch der typische Sexualtäter, der sich an Kinder heranmacht, gehört einem ganz anderen Personenkreis an. Wer verübt denn gewöhnlich Sexualdelikte an Kindern?

Sue wurde von einem Mann mißbraucht, der eine kirchliche Gruppe leitete. Er stand einem Jugendklub vor, und alle hielten ihn für sehr freundlich. Doch Sue und andere Mädchen wurden von ihm sexuell mißbraucht. Ein anderes junges Mädchen schrieb an die Ratgeberspalte einer Zeitung, daß ihr Lieblingsonkel versucht habe, sie auf seinen Schoß zu ziehen und sie auf unschickliche Weise zu streicheln. Ein Mann erinnert sich daran, daß er als Junge ständig von dem erwachsenen Sohn eines guten Freundes der Familie mißbraucht wurde. Ein 11jähriger Junge wurde von seiner Tante belästigt, bei der er wohnte. Eine Frau aus New York berichtet, daß sie im Alter von sieben Jahren von ihrem Großvater mißbraucht worden sei. Ein 15jähriger Junge wurde von seinem Arzt bei einer medizinischen Untersuchung mißbraucht. Für Pam war es noch schlimmer. Über viele Jahre mißbrauchte sie ihr eigener Vater. Und Mary wurde von zweien ihrer älteren Brüder und einem älteren Cousin sexuell belästigt.

Genauer gesagt, gehen vermutlich weniger als ein Drittel der sexuellen Belästigungen von Kindern auf das Konto von Fremden. In der Regel ist der Täter dem Opfer nicht unbekannt. Der Sittlichkeitsverbrecher ist oft ein Verwandter. Daher werden Kinder in den meisten Fällen von Personen mißbraucht, die sie kennen und denen sie vertrauen, wodurch es viel schwieriger wird, die Kinder zu schützen.

Wie Sittlichkeitsverbrecher vorgehen

Eltern unterliegen oft einem weiteren Irrtum. Sie stellen sich vor, der Mißbrauch sei mit Gewaltakten verbunden, wobei das Kind kämpfen und um Gnade schreien würde. Das muß überhaupt nicht so sein, zumindest nicht zu Beginn. Anfänglich kann der sexuelle Mißbrauch durch Kontakt beim Spielen oder durch Liebkosungen getarnt sein, und dann kann er sich weiterentwickeln. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Sexualtäter das Kind überreden und bedrängen wird, indem er die Autorität nutzt, die er als ältere Person besitzt. Eltern können sich sicher noch an ihre Kindheit erinnern, als ihnen eingetrichtert wurde, Erwachsenen zu gehorchen, und zwar selbst dann, wenn diese etwas sagen würden, was ihnen nicht gefiele, wie zum Beispiel, sie sollten früh zu Bett gehen oder das Gemüse aufessen. Sittlichkeitsverbrecher machen sich diese Erziehung zunutze. Ein überführter Sittlichkeitsverbrecher erklärte: „Zeigt mir ein gehorsames Kind, und ich zeige euch ein leichtes Opfer."

Ein kleines Mädchen erhielt obszöne Telefonanrufe. Als es gefragt wurde, warum es denn den Hörer nicht aufgelegt habe, erwiderte es, es habe gedacht, dies sei unhöflich, solange jemand noch spreche. Eine Frau im Alter von 30 Jahren erinnert sich daran, daß ihr Großvater sich an sie heranmachte, als sie fünf Jahre alt war. Er sagte zu ihr: „Brave Mädchen tun das für Opa und sagen der Mutti nichts." Wie viele Fünfjährige könnten wohl eine solche Täuschung durchschauen?

Und können sich Erwachsene nicht daran erinnern, wie sehr es ihnen als Kindern gefiel, wenn ihnen jemand etwas schenkte oder etwas spendierte? Sittlichkeitsverbrecher nutzen diese Neigung der Kinder aus, um sich an sie heranzumachen. Eltern könnten sich fragen, wie ihr Kind reagieren würde, wenn z. B. der Hausmeister der Schule zu ihm sagen würde: „Komm nach dem Unterricht zu mir in mein Büro. Ich möchte dir gern etwas Taschengeld geben." Oder was wäre, wenn der Babysitter sagen würde: „Wenn du für mich etwas Bestimmtes tust, darfst du länger aufbleiben und fernsehen."?

Gelegentlich nutzen Sexualtäter die Vorliebe der Kinder für Geheimnisse aus. War es für uns, als wir jung waren, nicht etwas Aufregendes, ein Geheimnis zu haben? Ein kleines Mädchen hütete ein Geheimnis, das sie ihren Eltern nicht verriet. Doch eines Tages beobachteten die Eltern bei ihr ein frühreifes sexuelles Verhalten. Als sie ihre kleine Tochter fragten, wo sie so etwas gelernt habe, erwiderte sie: „Das ist ein Geheimnis." Ihr Vater erklärte ihr, daß manche Dinge nicht geheimgehalten werden sollten, woraufhin das kleine Mädchen das Geheimnis preisgab. Ein 40jähriger Mann, der selbst Kinder hatte und mit der Familie eng verwandt war, hatte sie zu Boden gedrückt und sich sexuell an ihr vergangen.

Schließlich mögen die Täter auch zu Drohungen greifen — raffinierten Drohungen, die auf das Sicherheitsgefühl des Kindes abzielen. Eine Frau erzählte, sie sei als Kind von ihrem Stiefvater mißbraucht worden. Sie erklärte, er habe damit begonnen, als sie sechs Jahre alt gewesen sei, und er habe das vier Jahre lang getan. Warum erzählte sie ihrer Mutter nichts davon? „Er sagte mir, die Polizei würde ihn abholen und meine Mutter verlöre ihre Anstellung, wenn ich jemals irgend jemandem etwas davon erzählen würde. Unsere ganze Familie müßte dann hungern und alles wäre nur meine Schuld."

Die Autorin Gail Sheehy spricht mehrere dieser Punkte an, indem sie folgendes bemerkt: „Wir vergessen, wie allmächtig uns Erwachsene erschienen, als wir selbst Kinder waren." Sie fügt hinzu: „Für Eltern oder einen Babysitter ist es sehr einfach, sexuelle Handlungen durch normale Vorgänge wie Baden und Körperpflege zu tarnen. Das Kind merkt nur dann, daß etwas verkehrt ist, wenn es zur Geheimhaltung aufgefordert wird: ‚Erzähl deiner Mutti nichts von dem, was wir getan haben‘ — und zur Einschüchterung genügt eine einzige Drohung —, ‚sonst hat sie dich nicht mehr lieb.‘ " Welches Kind wäre in der Lage, sich gegen diese Art psychologischer Erpressung zur Wehr zu setzen?

Der beste Schutz für die Kinder

Wie man sieht, kann es sich bei Sexualtätern um Personen handeln, von denen man so etwas nicht erwartet hätte, und gerade diese können ausgeklügelte und listige Taktiken anwenden. Vermutlich werden Kinder schon beinahe so lange mißhandelt, wie es Menschen gibt. Die Gefahr wird aber zusehends größer, da immer mehr ‘Menschen eigenliebig sind, keine natürliche Zuneigung und keine Selbstbeherrschung haben’ (2. Timotheus 3:1-3). Kinder haben jedoch einen sehr großen Schutz. Worum handelt es sich? Um ihre Eltern. Niemand anders als sie ist besser in der Lage, sie vor Erwachsenen zu schützen, die darauf aus sind, Kinder zu belästigen. Wir wollen sehen, wie das möglich ist.

 

*** g82 22. 12. S. 28 Leserbriefe ***

Ich finde es unfair, daß Sie die Zeitschrift Time beschuldigen, sie veröffentliche Propaganda von Inzestbefürwortern [22. September 1982, S. 9, 10]. Sie haben die Meinung sogenannter Sexologen und auch die von Kinderpsychiatern unterbreitet, aber Sie haben es versäumt, zu erwähnen, daß die Ansichten der Inzestbefürworter in den Augen des Time-Berichterstatters „beunruhigend und verantwortungslos" waren, „nicht mehr weit entfernt von den Ansichten derer, die einen Freibrief für die Kinderbelästigung verlangen".

L.C.,Pennsylvanien,USA

In dem Erwachet!-Artikel hätte es nicht heißen sollen, daß die Time Propaganda von Inzestbefürwortern veröffentlichte, sondern daß sie einen Bericht darüber brachte. Wir zitierten aus dem Time-Artikel, um zu zeigen, wie gefährlich solche Propaganda ist (Red.).

 

*** g81 8. 5. S. 20-23 Blutschande das geheime Verbrechen ***

Blutschande das geheime Verbrechen

„KANN man jemandem wie mir überhaupt helfen?" Diese traurige Frage wurde von einer Frau gestellt, die ein schwieriges Problem hat, von dem heutzutage auch überraschend viele andere Frauen betroffen sind. Nach vielen Jahren litt sie immer noch unter einem Kindheitserlebnis. Sie war das Opfer einer blutschänderischen Tat. Wie kann man ihre Frage beantworten?

„Blutschande" ist kein angenehmes Wort. Kaum jemand möchte darüber diskutieren, obwohl dieses Vergehen immer häufiger wird. Wenn die Schätzungen korrekt sind, dann ist es sehr wahrscheinlich, daß einige aus deinem Bekanntenkreis als Kind blutschänderisch mißbraucht wurden. Gewiß ist es ein Problem, dessen sich Eltern bewußt sein sollten.

Die meisten von uns wissen, was Blutschande bedeutet — sexuelle Betätigung zwischen engen Verwandten. Man vermutet, daß solche Betätigungen häufig zwischen Brüdern und Schwestern vorkommen, obwohl das gewöhnlich nicht gemeldet wird. Die Behörden sind besonders besorgt, wenn Kinder von erwachsenen Verwandten mißbraucht werden. Die meisten Fälle sind wahrscheinlich Situationen, in denen Kinder von ihrem Vater oder Stiefvater belästigt werden, und sie erregen die größte Besorgnis.

Ist das Problem wirklich weit verbreitet?

Obwohl vollständige Statistiken fehlen, ist die Antwort ein unmißverständliches Ja. Susan Brownmiller schreibt in ihrem Buch Against Our Will: „Das sexuell mißbrauchte Kind ist statistisch häufiger als das körperlich mißhandelte, das geschlagene Kind." Die Fürsorgerin Lee Preney versichert, Blutschande sei „häufiger als Vergewaltigung und werde seltener gemeldet".

Ein Bericht in der Seattle Times lautete: „Sie brauchen sich im Klassenzimmer Ihrer Tochter bei der nächsten Gelegenheit nur 15 Mädchen anzusehen, . . . und Sie können ziemlich sicher sein, daß mindestens eines davon — möglicherweise auch zwei oder drei — bereits blutschänderisch mißbraucht wurde."

Hank Giarretto, ein Psychologe, der in Kaliforniens wohlhabendem Verwaltungsbezirk Santa Clara bei einem Behandlungsprogramm gegen sexuellen Mißbrauch mitwirkt, glaubt, daß die Blutschande in Amerika eine „Epidemie" ist. In einem Gebiet mit einer Bevölkerung von etwa einer Million erlebte er eine Steigerung von 30 Fällen von Blutschande im Jahre 1971 auf mehr als 500 im Jahre 1977. In einem Interview sagte er: „Ich glaube, wir beginnen erst, das wirkliche Ausmaß zu erahnen."

Manche schätzen, daß 25 Millionen amerikanische Frauen als Kinder blutschänderisch mißhandelt wurden. Wie Berichten zu entnehmen ist, leiden viele andere Länder zunehmend unter dem gleichen Problem.

Sollten wir besorgt sein?

Viele Experten haben diese Frage gestellt. Zum Beispiel wurde Wardell Pomeroy, Mitherausgeber der Kinsey-Reports, in der Zeitschrift Time wie folgt zitiert: „Es ist an der Zeit, zuzugeben, daß Blutschande keine Perversion oder kein Symptom von Geisteskrankheit sein muß. Blutschande zwischen . . . Kindern und Erwachsenen . . . kann manchmal nützlich sein."

Hast du Kinder? Wie denkst du über diese Ansicht? Würdest du zulassen, daß dein kleiner Sohn oder deine kleine Tochter mit einem älteren Verwandten Geschlechtsbeziehungen hat?

Wenn du ein Christ bist, weißt du, daß dir Blutschande nicht gleichgültig sein sollte. Gottes Meinung darüber — weitaus wichtiger als die irgendeines Menschen — wurde den Israeliten sehr deutlich unterbreitet: „Ihr sollt euch nicht, kein Mensch von euch, irgendeinem nahen, der sein naher Verwandter nach dem Fleische ist, um die Blöße aufzudecken." Zu den verbotenen Beziehungen gehörten: Bruder/Schwester, Eltern/Kind, Onkel oder Tante/Nichte oder Neffe (3. Mose 18:6-18).

Auch die Erfahrungen von Kindern, die blutschänderisch mißhandelt worden sind, zeigen, daß wir besorgt sein sollten.

Wie trifft es das Kind?

In der Zeitschrift Australian Women’s Weekly beschrieb eine Frau, daß sie durch Blutschande in der Kindheit zu mehreren Selbstmordversuchen getrieben wurde, und das vom Alter von 10 Jahren an. Andere Opfer können sich heute als Erwachsene keiner normalen Geschlechtsbeziehungen erfreuen.

Eine von drei Schwestern, die von ihrem Vater belästigt worden waren, schrieb: „Ich brauchte 10 Jahre und viel Hilfe von meinem Mann, um es zu überwinden und offen darüber zu sprechen. Jeder reagiert anders darauf. Meine ältere Schwester denkt, Sex sei die schmutzigste Sache der Welt; meine jüngere macht sich überhaupt nichts daraus. Als 14jährige wurde sie wegen Prostitution angeklagt, und mit 15 hatte sie schon ein Kind."

Prostitution, Drogenmißbrauch, das Verüben von Vergewaltigungen (im Fall von Jungen), Alkoholismus, Rebellion und emotionale Unruhe zählen zu den Folgen von Blutschande. Ein junges Mädchen konnte sich Gott nicht als ihren himmlischen Vater vorstellen. Eine blutschänderische Beziehung mit ihrem natürlichen Vater hatte ihr das ganze Vaterbild verleidet.

Warum scheint Blutschande mehr emotionale Unruhe hervorzurufen als beispielsweise Vergewaltigung? Weil der Täter ein sehr enges und wichtiges Verhältnis mißbraucht. Ein Mädchen beklagte sich darüber, daß sie sich wie eine Ehefrau statt wie eine Tochter vorkam, und glaubte, sie sei nur zum sexuellen Vergnügen ihres Vaters da.

Betrachte den Kommentar eines anderen Opfers: „Ich hatte Angst davor, irgend jemandem zu erzählen, was mir widerfuhr. Ich getraute mir nicht, mich ihm zu widersetzen; da er schließlich mein Vater war, würde er nichts tun, was nicht richtig wäre . . . Als ich ins Teenageralter kam, wurde es immer schlimmer. Ich verstand alles besser. Ich kam mir schmutzig, billig und wertlos vor. Oft dachte ich an Selbstmord. Und wie ich die Männer haßte! . . . Ich wußte, daß ich nur ein kleines Mädchen war, als es begann, aber ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß es alles meine Schuld war . . . Fast noch schlimmer als die eigentliche Belästigung ist das Schuldgefühl."

Wie steht es mit dem Täter?

Nicht nur das Opfer, sondern auch der Täter kann unter der blutschänderischen Beziehung leiden. Oft schämt er sich und kann sich selbst nicht ausstehen, während er sich immer weiter in die Sache verstrickt. Ein Therapeut sagte gegenüber der Seattle Times: „Das Problem besteht darin, daß wir es mit einem Zwangsverhalten zu tun haben. Diese Männer haben sich durch wiederholtes sexuelles Tagträumen darauf eingestellt . . ., auf junge Mädchen zu reagieren."

Ein Täter sagte: „Ich versuchte des öfteren aufzuhören und sagte meiner Stieftochter, ich müsse aufhören, da ich es der Familie nicht länger antun könne." Aber er hörte nicht auf. Ein anderer sagte, sein blutschänderisches Verhältnis habe bei ihm „bleibende emotionale Narben" hinterlassen.

Zudem ist in den meisten Ländern Blutschande gegen das Gesetz und kann mit Gefängnis bestraft werden. Wenn all diese Tatsachen im Sinn behalten würden, gäbe es mehr Eltern, die sich davor bewahren würden, blutschänderischen Beziehungen zu verfallen.

Warum tun sie es denn?

Manche Erwachsene, die sich der Blutschande zuwenden, sind psychotisch, die meisten dagegen nicht. Sie mögen im Gewande guter Familienväter, angesehener Geschäftsleute oder Gemeindepolitiker und sogar guter Kirchgänger erscheinen.

Warum begehen solche „normalen Leute" Blutschande? Schon wiederholt hat Alkohol dabei eine Rolle gespielt. Manchmal heiratet ein Mann eine Frau, die bereits Kinder hat. Während seine Stiefkinder heranwachsen, können für ihn sexuelle Versuchungen entstehen.

Ein anderer Faktor sind Familienprobleme. Hank Giarretto sagt: „Gewöhnlich ist es ein Mann, der seinen Arbeitsplatz verloren hat oder ein Tief durchlebt. Er und seine Frau entfremden sich. Der Vater sucht dann die Nähe seiner Tochter. Sie ist ihm gegenüber aufgeschlossen, liebt ihn und hält ihn für großartig. Die ersten Annäherungsversuche sind nicht sexuell geartet."

Es kann noch zusätzliche Ursachen geben. Ein Opfer einer blutschänderischen Beziehung berichtete, daß in der Wohnung immer pornographische Zeitschriften herumlagen. Giarretto fügt hinzu: „Das sexuelle Klima unserer Gesellschaft trägt zur Entstehung des Problems bei. Wir bringen unseren Mädchen bei, schon mit zwei Jahren Lolitas zu sein und sich sexuell provozierend zu verhalten."

Ein Erwachsener, der mit einem Kind Blutschande begeht, bekundet Selbstsucht. Er zeigt, daß er nicht um das Wohl des Kindes besorgt ist. Sollte es uns aber überraschen, daß in einer Welt, die uns ermuntert, das zu tun, was einem gerade beliebt, und so etwas Perverses wie Kinderpornographie fördert, die Fälle von Blutschande immer häufiger werden?

Kann es vermieden werden?

Gewiß, aber das bedeutet, daß man einen entschiedenen Standpunkt gegen das schlechter werdende moralische Klima dieser Welt einnehmen muß. Nirgendwo finden wir einen besseren Rat dazu als in der Bibel. Der Apostel Paulus sagt uns: „Formt euch nicht mehr nach diesem System der Dinge, sondern werdet durch die Neugestaltung eures Sinnes umgewandelt" (Röm. 12:2). Um das zu tun, müssen wir schmutzige Literatur und Unterhaltung meiden und unseren Sinn gegen die schmutzigen Einflüsse abschirmen, denen wir ständig ausgesetzt sind. Auf diese Weise vermeiden wir es, uns zu einem Fehlverhalten beeinflussen zu lassen.

Ein Opfer einer blutschänderischen Beziehung empfahl, bereits kleinen Kindern beizubringen, daß bestimmte Teile ihres Körpers nicht dazu da sind, daß andere damit spielen. Man kann das auf eine liebevolle Weise tun, indem man beispielsweise die Geschichte von Dina in der Publikation Mein Buch mit biblischen Geschichten verwendet. Wenn dann irgend etwas vorfällt, was einer Belästigung gleichkommt, kann das Kind gleich Vater und Mutter davon erzählen. Denke nicht, sexuelle Belästigung müsse unbedingt Geschlechtsverkehr sein. Ein Betasten, Berühren, unerwünschte Vertraulichkeit oder jegliches sexuelle Spiel kann großen Schaden für später anrichten.

Innige Elternliebe ist ein wahrer Schutz. Paulus sagte: „Die Liebe . . . benimmt sich nicht unanständig, blickt nicht nach ihren eigenen Interessen aus" (1. Kor. 13:4, 5). Diese selbstlose Liebe wird sicher Eltern davor bewahren, sich von fleischlichen Schwächen übermannen zu lassen und sich an ihren Nachkommen zu vergehen. Außerdem wird es sie noch vor einem anderen Problem bewahren. Manchmal werden nämlich die Eltern, wenn ihre Kinder beginnen, junge Männer oder Frauen zu werden, aus Furcht davor, einer blutschänderischen Beziehung zu verfallen, kühl und unnahbar. Auch das schadet natürlich dem Heranwachsenden.

Das Problem meistern

Mit der Blutschande fertig zu werden ist nicht so einfach. Es handelt sich um ein geheimes Verbrechen. Oft versuchen die Angehörigen, es geheimzuhalten. Mütter, die wissen, daß „etwas vor sich geht", schweigen vielleicht, um die Familieneinheit zu wahren. Kinder, die ihre Eltern anzeigen, werden möglicherweise unter starken Druck gesetzt, um zu widerrufen. Doch die Erfahrung vieler Experten zeigt, daß Kinder im Falle der Blutschande selten lügen.

Manche glauben, die Gefängnisstrafe sei für den Täter nicht immer das richtige. Daher hat man Beratungsstellen eingerichtet, in denen die betroffenen Familien als Ganzes behandelt werden. Hank Giarretto erklärt, was er bei dieser Behandlung für sehr wichtig hält: „[Der Vater] muß der Tochter gegenübertreten und für alles, was geschah, die volle Verantwortung übernehmen." Das mag dem Vater schwerfallen; aber es ist ein Versuch, einen Teil des Schadens, der dem Kind entstanden ist, wiedergutzumachen.

Auch Außenstehende können helfen. Viele Opfer haben bestätigt, daß sie durch geduldige, rücksichtsvolle und selbstlose Aufmerksamkeit die emotionale Verwirrung überwinden und Zukunftspläne machen konnten. Die Narben mögen niemals völlig verschwinden; aber durch Ausdauer werden sie zumindest in den Hintergrund treten.

Eine andere Quelle der Hilfe

Wie ist es um die Frau bestellt, deren Frage zu Beginn des Artikels steht? Sie wurde im Alter von 6 bis 9 Jahren von ihrem Großvater belästigt. Sie versuchte es mit Unmoral, Drogen und Psychiatern, wurde aber dadurch nicht glücklich.

Glücklicherweise gibt es Hilfe für solche Menschen. Wie verwirrt und niedergeschlagen wir auch sein mögen, es gibt jemand, der „den Geringen selbst aus dem Staube" erhebt, und wir können ihn durch die Bibel kennenlernen (Ps. 113:7). Er kann uns selbst in den tiefsten Depressionen helfen, denn er ist der „Vater inniger Erbarmungen und der Gott allen Trostes" (2. Kor. 1:3). Viel Gebet und Studium sowie das Gespräch mit reifen Menschen sind erforderlich, um die Gedanken der Depression und der Schuld durch erbauliche zu ersetzen. Aber man kann es schaffen. Folgende Erfahrung mag das veranschaulichen.

Eine Frau sagte, sie sei als kleines Kind von ihrem leiblichen Vater und später von ihrem Stiefvater mißbraucht worden. Sie geriet in den Sog der Unmoral und des Drogenmißbrauchs und bekam schließlich ein uneheliches Kind. Aber sie sagt: „Es gibt einen Ausweg aus der Blutschande, dem Kindesmißbrauch, der Unzucht mit Minderjährigen, dem Drogenmißbrauch und der Homosexualität. Du denkst, du könntest das nicht ertragen, ohne verrückt zu werden, aber du kannst es, wenn du eine Hoffnung auf ein besseres Leben hast. Ich habe diese Hoffnung . . . Als Kind habe ich mich nie gewehrt. Ich wünschte, ich hätte es getan, aber ich hatte Angst, Angst davor, es würde sich niemand um mich kümmern. Ich hatte unrecht, völlig unrecht. Jehova kümmert sich um einen, . . . und die Ältesten im Königreichssaal [der Zeugen Jehovas] auch."

Ganz gleich, wie unsere Vergangenheit aussieht, wir können von Gottes Standpunkt aus „reingewaschen" und „geheiligt" werden (1. Kor. 6:11). Das „Wie" wird in der Bibel erklärt. Durch die Kraft seines Wortes und seines Geistes kann Gott uns auch von unseren Schuldgefühlen und sogar von emotionaler Verwirrung befreien. Er kann uns helfen, jetzt ein befriedigendes Leben zu führen, und kann uns die Zuversicht geben, daß wir eines Tages in einer Welt leben, in der es so etwas wie Blutschande nie mehr geben wird.

[Fußnoten]

 

*** g93 8. 10. S. 9 Wenn das eigene Kind mißbraucht wird ***

Wenn das eigene Kind mißbraucht wird

UM DEM sexuellen Mißbrauch Einhalt zu gebieten, muß man ihn zuerst einmal erkennen. In den zahlreichen Büchern zu diesem Thema haben Fachleute Dutzende von verräterischen Anzeichen eines Mißbrauchs aufgelistet, nach denen Eltern Ausschau halten können. Dazu gehören: Klagen über Schmerzen beim Urinieren oder beim Stuhlgang, Infektionen an den Genitalien, Abschürfungen und Verletzungen im Genitalbereich, plötzliches Bettnässen, Appetitsverlust und Eßstörungen, frühreifes Sexualverhalten, plötzliche Furcht vor der Schule, vor bestimmten Teilen des Hauses oder vor ähnlichen Orten, Panikattacken, extreme Angst vor dem Entkleiden, Angst vor dem Alleinsein mit einer vertrauten Person, Selbstverstümmelung.

Man sollte sich jedoch vor übereilten Schlußfolgerungen hüten. Die meisten dieser Symptome bedeuten an sich noch nicht notwendigerweise, daß ein Kind wirklich sexuell mißbraucht worden ist. Jedes dieser Anzeichen könnte auch Symptom eines anderen Problems sein. Wenn jedoch beunruhigende Symptome zu sehen sind, sollte man das Thema vorsichtig anschneiden, vielleicht mit einer Bemerkung wie: „Ich möchte, daß du weißt, daß du es mir immer sagen kannst, wenn du jemals von jemandem auf unangenehme Weise berührt wirst, und daß ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um dich zu beschützen. Hast du schon je so etwas erlebt?" (Sprüche 20:5).

Von seinem Kind zu erfahren, daß es sexuell belästigt wurde, ist zweifellos erschütternd. Doch sollte man nicht vergessen: Die Reaktion der Eltern spielt beim Heilungsprozeß eine wichtige Rolle. Das Kind trägt eine untragbare Last und braucht jetzt einen Erwachsenen mit all dessen Kraft, der ihm die Last von den Schultern nimmt. Als erstes sollte das Kind gelobt werden, daß es den Mut aufgebracht hat, über das Geschehene zu sprechen. Auch muß ihm wiederholt versichert werden, daß man sein Bestes tun wird, es zu schützen, daß der Mißbrauchende an dem Mißbrauch schuld ist und nicht es selbst, daß es nicht „schlecht" ist und daß man es liebt.

Einige Fachleute raten, den Mißbrauch so bald wie möglich bei den Behörden anzuzeigen. In manchen Ländern ist dies vom Gesetz her erforderlich. Andernorts bietet das Rechtssystem möglicherweise wenig Hoffnung auf eine erfolgreiche Verfolgung des Falles.

Was jedoch, wenn der Mißbraucher der eigene geliebte Ehepartner ist? Tragischerweise unternehmen viele Frauen keine entschiedenen Schritte. Natürlich ist es für niemanden einfach, der schrecklichen Tatsache ins Auge zu sehen, daß sein Kind von dem eigenen Ehepartner mißbraucht wird. Emotionale Bindungen, aber auch die finanzielle Abhängigkeit können überwältigend sein. Der Ehefrau wird möglicherweise auch bewußt, daß ihr Mann seine Familie, seine Arbeit und seinen Ruf verlieren könnte, wenn sie etwas unternehmen würde. In Wirklichkeit erntet er jedoch wahrscheinlich gerade das, was er gesät hat (Galater 6:7). Auf der anderen Seite erleiden die unschuldigen Kinder einen viel größeren Verlust, wenn ihnen nicht geglaubt wird und niemand sie beschützt. Ihre gesamte Zukunft steht auf dem Spiel. Sie verfügen nicht über die gleichen Möglichkeiten wie Erwachsene. Das Trauma kann sie nachteilig prägen und sie ihr ganzes Leben lang ängstigen. Sie sind es, die eine behutsame Behandlung brauchen und auch verdienen. (Vergleiche 1. Mose 33:13, 14.)

Eltern müssen daher jegliche vernünftige Anstrengung unternehmen, um ihre Kinder zu schützen! Viele verantwortungsbewußte Eltern entscheiden sich, für das mißbrauchte Kind professionelle Hilfe zu suchen. Wie bei jedem Arzt sollten Eltern sicherstellen, daß derjenige, an den sie sich um Hilfe wenden, ihre religiöse Überzeugung respektiert. Man muß seinem Kind helfen, das zerschlagene Selbstwertgefühl wiederaufzubauen, indem man ihm gegenüber immer wieder seine elterliche Liebe zum Ausdruck bringt.

[Fußnoten]

In Wirklichkeit ist der Mißbraucher schon in großen Schwierigkeiten und braucht dringend Hilfe. Selbst wenn der Täter sagt, es tue ihm leid, so könnte sich der Ehepartner fragen: Warum hat er die Tat nicht gestanden, bevor das mißbrauchte Kind etwas gesagt hat?

Wenn zum Beispiel die Frage einer Bluttransfusion aufkommt, achten Zeugen Jehovas darauf, daß der Arzt ihre religiöse Überzeugung respektiert.