WATCH TOWER

BIBLE AND TRACT SOCIETY OF PENNSYLVANIA

THE RIDGEWAY LONDON NW7 1RN ENGLAND

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Original per Fax

9. Mai 2002

 

Betsan Powys

BBC Panorama

 

Sehr geehrte Frau Powys, 

            hiermit beantworten wir Ihr Fax vom 30. April 2002, in dem Sie uns davon in Kenntnis setzen, dass die BBC ein Programm darüber vorbereitet, wie Jehovas Zeugen mit Kindesmisshandlung umgehen. Sie haben uns freundlicherweise die Gelegenheit geboten, vor der Kamera interviewt zu werden. Wir müssen dies jedoch höflich ablehnen.

             Wir sind nicht generell dagegen, Interviews zu geben; doch unter denen, deren Ansichten in Ihrer Sendung zum Ausdruck kommen, werden wahrscheinlich auch einige Personen sein, die Zeugen Jehovas sind. Unserer Ansicht nach wäre es weder richtig noch der Bibel gemäß, wenn wir uns im öffentlichen Rahmen in eine Position zu unseren christlichen Brüdern und Schwestern brächten, die sich als gegnerisch erweisen könnte. (1. Korinther 6:1-8; Epheser 4:2) Wir hoffen, dass Sie unsere Haltung verstehen werden. 

            Auch wenn wir uns nicht in der Lage sehen, an einem Interview teilzunehmen, so sind wir gewiss bereit, zu den in Ihrem Fax aufgeworfenen Fragen Stellung zu nehmen. Wir merken, dass diese Fragen sich fast ausschließlich um das Wesen der Aufzeichnungen drehen, die wir über mutmaßliche Kinderschänder führen. Sie sagen, es sei entscheidend, dass wir Ihre Fragen zu den Vorschriften, wie wir unsere Aufzeichnungen führen, wegen der „sehr schwerwiegenden Natur der im Programm erhobenen Anschuldigungen“ beantworten, obwohl Sie nicht näher erklären, worin diese Anschuldigungen bestehen. Zuerst lassen Sie uns jedoch zu der Art und Weise Stellung nehmen, in der Jehovas Zeugen mit Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs umgehen. Wir sind uns klar, dass Sie uns nicht baten, diesen Aspekt zu berühren; dennoch ist es wesentlich, dass wir dazu Stellung nehmen, um eine angemessene, offene Antwort geben zu können. 

In den Vereinigten Staaten wird von den Ältesten erwartet, dass sie den Fall untersuchen, wenn ein Zeuge Jehovas des Kindesmissbrauchs beschuldigt wird. Die Sache läuft folgendermaßen ab: Zwei Älteste kommen getrennt mit dem Beschuldigten und mit dem Ankläger zusammen, um zu sehen, was jeder dazu zu sagen hat. Wenn der Angeklagte die Beschuldigung abstreitet, mögen die Ältesten ihm die Gelegenheit bieten, dem Ankläger in ihrer Gegenwart gegenüberzutreten. Wenn der Angeklagte bei diesem Treffen die Beschuldigung immer noch abstreitet und es keine weiteren Personen gibt, die sie bestätigen können, können die Ältesten zu diesem Zeitpunkt nichts in der Versammlung unternehmen. Warum nicht? Als Organisation, die sich auf die Bibel stützt, müssen wir uns an das halten, was die Bibel sagt, nämlich: „Kein einzelner Zeuge sollte sich gegen einen Mann hinsichtlich irgendeines Vergehens oder irgendeiner Sünde erheben, im Falle irgendeiner Sünde, die er begehen mag ... Auf die Aussage zweier Zeugen oder auf die Aussage dreier Zeugen sollte die Sache feststehen.“ (5. Mose 19:15) Jesus bestätigte diesen Grundsatz nochmals, wie in Matthäus 18:15-17 aufgezeichnet ist. 

            Wenn das Zweigbüro von einem mutmaßlichen Kindesmissbrauch unterrichtet wird, kann eine Nachprüfung der Unterlagen ergeben, dass früher schon einmal ähnliche, nicht untermauerte Beschuldigungen gegen die Person erhoben wurden, vielleicht als er in einem anderen Teil des Landes lebte. Wenn eine zweite glaubwürdige Beschuldigung von jemand anderem gegen dieselbe Person erhoben wird, sind die Ältesten durch die Bibel ermächtigt, sich mit dem Fall zu befassen. 

Doch auch dann, wenn die Ältesten nichts als Versammlung unternehmen können, wird von ihnen erwartet, dass sie die Beschuldigung dem Zweigbüro der Zeugen Jehovas in ihrem Land melden, wenn es das örtliche Datenschutzgesetz zulässt. Hier wird wiederum, wenn es das Datenschutzgesetz zulässt, ein Bericht erstellt, dass der Betreffende des Kindesmissbrauchs angeschuldigt worden ist. Jedes Zweigbüro der Zeugen Jehovas führt seine eigenen Unterlagen, wenn die örtliche Rechtsprechung das erlaubt. In den Vereinigten Staaten haben wir keine Berichte über Kinderschänder, die in anderen Ländern leben. Wenn das Datenschutzgesetz es verbietet, dass solche Unterlagen gehalten werden, tun die Ältesten, was innerhalb der Gesetze zulässig ist, um darauf zu achten, dass Kinder geschützt werden. Das Ziel ist,

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das Recht des Einzelnen auf den Schutz der Persönlichkeit mit der vorrangigen Notwendigkeit in Einklang zu bringen, die Sicherheit der Kinder zu wahren. 

            Über das Abfassen eines Berichts an das Zweigbüro der Zeugen Jehovas mag das Gesetz von den Ältesten fordern, selbst nicht bestätigte oder unbegründete Anschuldigungen den Behörden zu melden. Wenn das so ist, dann erwarten wir von den Ältesten, dass sie sich dem fügen. Zusätzlich mag das Opfer die Sache bei den Behörden anzeigen wollen, und es ist sein uneingeschränktes Recht, das zu tun. In den Vereinigten Staaten ist es von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich, ob eine Anzeige erstattet werden muss. Es kann eine Herausforderung sein, mit den Bestimmungen über das Erstatten von Anzeigen auf dem Laufenden zu bleiben, aber unsere Rechtsabteilung unternimmt in dieser Hinsicht jede Anstrengung. 

            Wenn der Beschuldigte gegenübergestellt wird und gesteht, dass er sich des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht hat, werden die Ältesten das Zweckmäßige unternehmen. Wenn er keine Reue zeigt, wird man ihn kein Mitglied der Versammlung mehr sein lassen. Selbst wenn er bereut und im Innersten getroffen ist und damit energisch entschlossen ist, kein solches Verhalten in der Zukunft mehr zu zeigen, trifft zu, was im Wachtturm vom 1. Januar 1997 gesagt wurde. Es hieß dort: Zum Schutz unserer Kinder gilt: Ein Mann, von dem bekannt ist, dass er ein Kind sexuell missbraucht hat, eignet sich nicht, eine verantwortungsvolle Stellung in der Versammlung zu bekleiden. Auch kann er nicht als Pionier [Vollzeitmissionar der Zeugen Jehovas] dienen oder eine andere Form besonderen Vollzeitdienstes verrichten.“ (1. Timotheus 3:2-7, 10) Wir handeln so, weil es uns am Herzen liegt, biblische Grundsätze aufrecht zu erhalten und unsere Kinder zu schützen. Von jedem in unserer Organisation wird erwartet, dass er den gleichen Erfordernissen nachkommt, körperlich, seelisch, moralisch und geistig rein zu sein. – 1. Korinther 7:1; Epheser 4:17-19; 1. Thessalonicher 2:4. 

In wenigen Fällen sind Einzelne, die sich des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht haben, in Ämter in der Versammlung ernannt worden, wenn ihr Verhalten in jeder anderen Hinsicht jahrzehntelang vorbildlich war. Alle Umstände müssen sorgfältig betrachtet werden. Angenommen zum Beispiel, dass ein 16-Jähriger Junge vor langer Zeit sexuelle Beziehungen mit einem 15-Jährigen Mädchen hatte und das Mädchen einverstanden war. Abhängig von der US-Rechtsprechung, wo er lebte, als das geschah, müssen die Ältesten dies als einen Fall von Kindesmissbrauch melden. Sagen wir einmal, seither seien zwanzig Jahre vergangen. Das Gesetz über das Anzeigen von Kindesmissbrauch mag sich geändert haben, er hat das Mädchen vielleicht sogar geheiratet! Beide führen ein vorbildliches Leben und werden geachtet. In solch einem seltenen Fall kann der Mann vielleicht in ein verantwortungsvolles Amt in der Versammlung ernannt werden. 

            Unsere Richtlinien sind mit der Zeit verbessert worden. In den vergangenen paar Jahren war es unsere Politik, dass wenigstens zwanzig Jahre vergangen gewesen sein müssen, ehe jemand, der Kindesmissbrauch beging, auch nur für eine Ernennung in ein verantwortungsvolles Amt in der Versammlung in Erwägung gezogen wurde, wenn überhaupt. Die Bibel lehrt, dass Einzelpersonen ihre Sünden bereuen und sich wieder Gott zuwenden können, indem sie Werke verrichten, „die der Reue entsprechen“, und wir akzeptieren, was die Bibel sagt. (Apostelgeschichte 26:20) Doch immer noch ist die Sicherheit unserer Kinder von höchster Bedeutung. Daher erkennen wir, dass die örtlichen Ältesten sehr vorsichtig sein müssen, wenn sie jemanden empfehlen, der sich in einer fernen Vergangenheit einmal des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht hat. 

Ihnen ist gesagt worden, dass wir hier in den Vereinigten Staaten eine Liste mit 23.720 Namen von Kinderschändern zusammengestellt hätten. Das ist falsch. Erst einmal liegt die Gesamtzahl der Namen in unseren Aufzeichnungen erheblich niedriger als Ihre Zahl. Überdies ist es auch belanglos, sich auf die Zahl der Namen zu konzentrieren, die wir in unseren Aufzeichnungen haben. Das ist so, weil in unseren Zahlen auch viele enthalten sind, die nur

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des Kindesmissbrauchs beschuldigt wurden, wo sich aber die Anschuldigung nicht bewahrheitet hat. Wir führen diese Aufzeichnungen, um zu dokumentieren, dass wir uns an die gesetzlichen Erfordernisse in der Rechtsprechung vieler US-Bundesstaaten halten. In unserer Liste sind auch Anschuldigungen auf der Grundlage von „verdrängten Erinnerungen“ enthalten, deren Wert von vielen Autoritäten angezweifelt wird. Dann sind da die Namen von Personen, die beschuldigt werden, Kinder missbraucht zu haben, bevor sie Zeugen Jehovas wurden, wie auch von Personen, die nie getaufte Zeugen gewesen sind, deren Namen zu führen wir aber verpflichtet sind, weil sie in Verbindung zu den Zeugen stehen. (Ein Beispiel wäre ein Vater oder Stiefvater, der kein Zeuge ist und von seinen Kindern oder Stiefkindern, die Zeugen sind, beschuldigt wurde, sie missbraucht zu haben.) Um auf der sicheren Seite zu sein, führen wir auch die Namen von Personen auf, die abhängig von der Rechtsprechung an ihrem Wohnort als Kinderschänder zu betrachten sind oder auch nicht (beispielsweise der 16-Jährige Junge, der sexuelle Beziehungen mit einem damit einverstandenen 15-Jährigen Mädchen hatte). Der Name einer Person, die des Voyeurismus schuldig ist oder mit Kinderpornografie zu tun hatte, ist ebenfalls in der Liste enthalten. Und natürlich sind in der Liste auch die Namen von Personen enthalten, die tatsächlich des Kindesmissbrauchs schuldig sind. Wir entschuldigen uns nicht dafür, dass wir hier in den Vereinigten Staaten solche Aufzeichnungen führen. Abgesehen davon, dass sie aus rechtlichen Gründen gebraucht werden, haben sie sich auch als sehr hilfreich dabei erwiesen, Schaden von der Herde abzuwenden. (Jesaja 32:2) Christliche Eltern können sich zu Recht in dem Wissen sicher fühlen, dass diese Bemühungen unternommen werden, um mögliche Kinderschänder vor einer Ernennung in verantwortungsvolle Ämter in der Versammlung auszusieben.

Frau Powys, bitte kommen Sie nicht zu dem Schluss, wir glaubten, unser System sei vollkommen. Keine menschliche Organisation ist vollkommen. Was wir aber glauben, ist: Wir haben strenge, auf die Bibel gegründete Vorschriften zum Kindesmissbrauch. Jeder in einer verantwortlichen Stellung, der des Kindesmissbrauchs schuldig ist, wird ohne Zögern von seinen Verantwortungen entbunden. Wir würden ihn sicher nicht wissentlich versetzen, damit er anderswo dient. 

            Wir verabscheuen den sexuellen Missbrauch an Kindern. Selbst nur ein missbrauchtes Kind ist eines zu viel. Wenigstens seit 1981 wurden in unseren Zeitschriften Wachtturm und Erwachet! Artikel im Hinblick auf eine Aufklärung des Volkes Jehovas und der Öffentlichkeit über die Wichtigkeit und Notwendigkeit veröffentlicht, Kinder vor Kindesmissbrauch zu schützen. Unter anderem gab es den Artikel „Verabscheuen wir das Böse“, veröffentlicht in der Wachtturm-Ausgabe vom 1. Januar 1997, dann „Hilfe für Opfer von Blutschande“, der im Wachtturm vom 1. Januar 1984 erschien. Erwachet! brachte Artikel wie „Unsere Kinder sind in Gefahr“, „Wie können wir unsere Kinder schützen?“ und „Zu Hause sexuellem Missbrauch vorbeugen“ (8. Oktober 1993) wie auch „Kindesmissbrauch – der Alptraum jeder Mutter“ in der Ausgabe vom 8. August 1985. Mit den Jahren haben wir, wenn wir Gebiete bemerkten, auf denen unsere Vorgehensweise wirkungsvoller gemacht werden konnte, nicht gezögert, dies zu tun. Und wir werden sie weiter verbessern.

  Wir hoffen, dass Ihnen die Informationen in diesem Brief weiterhelfen. Sie haben sicher bemerkt, dass wir auf die allgemeinen Themen, die Sie aufwerfen, geantwortet haben, anstatt speziell auf Ihre detaillierte Liste von Fragen zu antworten. Wir wissen, dass Sie eine ähnliche Liste mit Fragen an unsere Büros in London geschickt haben. Uns ist klar, dass sie Ihre Fragen in Übereinstimmung mit ihren Vorschriften und unter Einhaltung des britischen Gesetzes beantworten werden.

Mit freundlichen Grüßen Ihr

J. R. Brown