Täterschutz vor Opferschutz - Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas

AUTOR: Caroline Walter und Marcus Weller

 

Schon wieder ein Skandal in einer Glaubensgemeinschaft: schon wieder sexueller Missbrauch von Kindern durch "Männer Gottes".

Caroline Walter und Marcus Weller über ein Verbrechen an Kindern und ein finsteres Kartell des Schweigens.

Ursel Wagner war 9 Jahre alt, als sie von einem Mitglied der Zeugen Jehovas sexuell mißbraucht wurde.

Ursel Wagner:
"Da kam der Bruder regelmäßig zu Besuch und hat meinen Eltern angeboten, "Hey ich bring die Kleine ins Bett, ich les ihr noch eine Geschichte vor, das macht ihr bestimmt Spaß."

Cornelia Wagner, Mutter:
"Sie müssen sich vorstellen, ich steh und mach meine Bügelwäsche, mach meinen Abwasch und dieser junge Mann ist im Zimmer meiner Tochter, liest ihr Geschichten vor und missbraucht sie im Zimmer weiter."

Ursel Wagner:
"Ich hab auf eine gewisse Weise gewusst, dass es nicht recht ist, was der macht. Aber ich war irritiert, bei den Zeugen Jehovas gab's ja so was nicht."

Die Eltern von Ursel waren damals selbst Zeugen Jehovas. Als ihre Tochter ihnen vom Missbrauch erzählt, gehen sie den Weg, der ihnen vorgeschrieben ist: sie melden den Vorfall sofort ihrer Gemeinde. Doch dort heißt es nur, sie sollen keine Unruhe in die Gemeinschaft bringen.

Cornelia Wagner, Mutter:
"Ich war fertig, ich war einfach fertig. Ich konnte das nicht glauben, was diese Leute jetzt von mir verlangen, was ich tun sollte, nämlich zu Schweigen. Man brachte das auch mit fadenscheinigen Begründungen, von wegen wir würden auch unsere Tochter dadurch schützen."

Die Familie bekommt keine Unterstützung von ihren geistigen Führern, im Gegenteil: der Täter wird geschützt, andere Mitglieder werden nicht vor ihm gewarnt.

Ursel Wagner:
"Wie die Leute damals damit umgegangen, das macht mich heute noch wütend. Ich bin mir sicher, wir hätten bestimmt einige Mädchen schützen können. Und es ist nichts passiert, gar nichts."

Cornelia Wagner, Mutter:
"Also, man hat uns sehr spüren lassen, dass wir auf einmal zu, dass die Rolle umgedreht wird, dass wir Täter werden. Wir sind Ankläger und das passte überhaupt ja gar nicht in dieses perfekte Bild."

Die Zeugen Jehovas sehen sich als auserwählte Gruppe, die streng nach biblischen Grundsätzen lebt. Jehovas Zeugen glauben an einen baldigen Weltuntergang, den nur ihre Mitglieder überleben werden. Die oberste Führung ist die Wachtturmgesellschaft, sie agiert weltweit. In Deutschland leben 210.000 Zeugen. Ihre Lehren verbreiten sie über die Zeitschriften "Wachtturm" und "Erwachet". Der Inhalt ist verbindlich für alle Mitglieder.

Stephan Wolf war 20 Jahre bei den Zeugen Jehovas. Heute hilft er anderen beim Ausstieg. An ihn wenden sich immer wieder Opfer von Kindesmissbrauch.

Stephan E. Wolf, Ausstieg e.V.:
"Die Einstellung zur Frau als untergeordnetes, dienendes Wesen und die Einstellung zu Kindern, die man einfach notfalls mit Gewalt dazu bringen muss in erster Linie, zu gehorchen. Diese Einstellung spielt hier, glaube ich, zusammen, und fördert zumindest ein Klima, in dem Kindesmissbrauch wahrscheinlicher ist als in anderen Gesellschaftskreisen."

Ruth Schlegel wurde in die Zeugen Jehovas hinein geboren. Ihre Familie lebte streng nach den Regeln der Gemeinschaft. Ihr Vater war ein angesehenes Mitglied.

Ruth Schlegel:
"Im Alter von 9 Jahren fingen dann die ersten Übergriffe meines Vaters an, das heißt das waren erst leichte Berührungen, also es ging in Richtung sexueller Missbrauch. Und das zog sich dann bis zum Alter von 15, 16 ungefähr und da, ja letztendlich ist es in Vergewaltigung geendet."

Ruths Mutter meldet die Übergriffe den Obersten der Gemeinde, den sog. Ältesten. Doch auch in diesem Fall wird nichts unternommen, der Täter nicht angezeigt. Ruths Vater missbrauchte jahrelang auch andere Mädchen.

Ruth Schlegel:
"Aus ihrer Sicht gesehen haben sie ja genug getan. Sie haben sich zusammengesetzt, sie haben mit ihm gesprochen, sie haben von ihm verlangt, dass er sich bei mir entschuldigen soll. Sie haben eigentlich genau das getan, was die Wachtturmgesellschaft vorgibt, und damit war der Fall für sie erledigt. Aus ihrer Sicht gesehen, aus der religiösen Sicht gesehen, weil alles was außen ist, was zum Beispiel der Gesetzgeber vorgibt, Anzeige und so weiter, war nicht weiter relevant, weil die Gesellschaft ja sagt, dass sie dann über ihnen stehen, über dem Gesetz, also das sie das intern behandeln."

Schutz der Täter und Vertuschung - ein ganz normaler Vorgang bei den Zeugen Jehovas?

Dr. Andreas Fincke, Sektenbeauftragter Evangelische Kirche:
"Sie haben sich insofern eine eigene Welt gebaut, als dass sie so eigene Rechtskomitees haben, in denen eben Konflikte und moralische Verfehlungen behandelt werden. Das Bild, was dahinter steht, ist, dass man unter Brüdern und Schwestern nicht vor Gericht geht, sondern die Dinge erst mal intern regelt. Das klingt gut, führt aber im Alltag eben oft dazu, dass die Leute, die Autoritäten sind, die Ältesten, dadurch sozusagen zwangsläufig auch immer Männer, über andere Leute auch zu Recht sitzen und Urteile treffen."

Laiengerichte bei Kindesmissbrauch? Wir fragen bei den Zeugen Jehovas nach:

Uwe W. Herrmann, Sprecher Zeugen Jehovas:
"Wir sind aufgrund unseres Bibelverständnisses der Meinung, dass es ganz bestimmte Sünden gibt, bei denen die Gemeindeältesten die Verantwortung tragen."

"Gebt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde" , heißt das Lehrbuch der Zeugen. Und wie die Ältesten zu richten haben, wird hier vorgegeben.
"Gewisse Streitigkeiten sollten nicht vor weltlichen Gerichten ausgetragen...werden."
Weiter heißt es:
""...es liegt bei den Ältesten zu entscheiden, ob die Aussagen glaubwürdig sind."

Dr. Andreas Fincke, Sektenbeauftragter Evangelische Kirche:
"Es ist praktisch unmöglich, als ein Zeuge Jehova, der Opfer von sexuellem Missbrauch wurde, innerhalb der Organisation Recht zu bekommen. Aus dem ganz einfachen Grund man braucht zwei Zeugen, die unabhängig voneinander den Vorfall bestätigen und das ist bei sexuellem Missbrauch fast immer nicht möglich, weil es natürlich keine Zeugen gibt."

Die Wachtturmgesellschaft der Zeugen Jehovas bildet eine Mauer des Schweigens um die Täter. Pädophile können ungestört ihren Neigungen nachgehen, weiter in Amt und Würden bleiben.

Stephan E. Wolf, Ausstieg e.V.:
"Das Grundprinzip bei den Zeugen Jehovas ist nach außen ein gutes Bild abzugeben. Sie sehen sich als die moralischen Vorbilder dieser Welt, mit diesem Stichwort treten sie auch in den Medien gerne auf. Und in dieses Image passt natürlich nicht, wenn es in ihren Reihen Pädophile gibt, wenn es sogar raus kommt, dass sie in ihren Reihen geschützt werden. Also werden sie alles versuchen, damit solche Fälle nicht an die Öffentlichkeit gelangen."

Denn ein tadelloses Image soll den Zeugen Jehovas die Anerkennung als Kirche bringen. Seit elf Jahren streiten sie vor Gericht durch alle Instanzen um die Gleichstellung mit der katholischen und der evangelischen Kirche. Eine Anerkennung würde ihnen zahlreiche Privilegien einbringen, zum Beispiel könnten sie Kirchensteuer erheben.

Vorwürfe von Kindesmissbrauch passen da gar nicht ins Konzept. Dabei kommen immer mehr Fälle ans Licht. Doch die Organisation leugnet sie weiter.

Uwe W. Herrmann, Sprecher Zeugen Jehovas:
"Uns, der Religionsgemeinschaft in Deutschland sind solche Fälle für Deutschland nicht bekannt"

Stephan E. Wolf, Ausstieg e.V.:
"Ich glaube, es ist allerhöchste Zeit, dass auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, dass sich in einer Gruppierung wie den Zeugen Jehovas, hier etwas zusammenbraut, dass hier Pädophile, ich sag mal, ideale Umweltbedingungen finden, ohne dass etwas gegen sie unternommen wird, ohne dass sie irgendetwas befürchten müssen."

Uwe W. Herrmann, Sprecher Zeugen Jehovas:
""Im Grunde genommen strafen wir überhaupt nicht. Eine Strafe kann nur Gott aussprechen. Die Ältesten einer Gemeinde können lediglich überprüfen, ob Reue vorliegt oder nicht, wenn Reue vorliegt, wird dem Sünder weitergeholfen, mit dieser Sünde fertig zu werden, sie zu überwinden."

Bestraft werden anscheinend nur die Opfer. Ruth Schlegel wurde wegen Rauchens und Ehebruchs von den Zeugen ausgeschlossen. Mit den Folgen des Missbrauchs kämpft sie bis heute.