Ursel Wagner war 9 Jahre alt, als sie von
einem Mitglied der Zeugen Jehovas sexuell mißbraucht wurde.
Ursel Wagner:
"Da kam der
Bruder regelmäßig zu Besuch und hat meinen Eltern angeboten,
"Hey ich bring die Kleine ins Bett, ich les ihr noch eine
Geschichte vor, das macht ihr bestimmt Spaß."
Cornelia Wagner, Mutter:
"Sie müssen sich vorstellen, ich steh und mach
meine Bügelwäsche, mach meinen Abwasch und dieser junge Mann
ist im Zimmer meiner Tochter, liest ihr Geschichten vor und
missbraucht sie im Zimmer weiter."
Ursel Wagner:
"Ich hab auf
eine gewisse Weise gewusst, dass es nicht recht ist, was der
macht. Aber ich war irritiert, bei den Zeugen Jehovas gab's ja
so was nicht."
Die Eltern von Ursel waren damals selbst
Zeugen Jehovas. Als ihre Tochter ihnen vom Missbrauch erzählt,
gehen sie den Weg, der ihnen vorgeschrieben ist: sie melden
den Vorfall sofort ihrer Gemeinde. Doch dort heißt es nur, sie
sollen keine Unruhe in die Gemeinschaft bringen.
Cornelia Wagner, Mutter:
"Ich war fertig, ich war einfach fertig. Ich
konnte das nicht glauben, was diese Leute jetzt von mir
verlangen, was ich tun sollte, nämlich zu Schweigen. Man
brachte das auch mit fadenscheinigen Begründungen, von wegen
wir würden auch unsere Tochter dadurch schützen."
Die Familie bekommt keine Unterstützung von
ihren geistigen Führern, im Gegenteil: der Täter wird
geschützt, andere Mitglieder werden nicht vor ihm gewarnt.
Ursel Wagner:
"Wie die
Leute damals damit umgegangen, das macht mich heute noch
wütend. Ich bin mir sicher, wir hätten bestimmt einige Mädchen
schützen können. Und es ist nichts passiert, gar nichts."
Cornelia Wagner, Mutter:
"Also, man hat uns sehr spüren lassen, dass wir
auf einmal zu, dass die Rolle umgedreht wird, dass wir Täter
werden. Wir sind Ankläger und das passte überhaupt ja gar
nicht in dieses perfekte Bild."
Die Zeugen Jehovas sehen sich als auserwählte
Gruppe, die streng nach biblischen Grundsätzen lebt. Jehovas
Zeugen glauben an einen baldigen Weltuntergang, den nur ihre
Mitglieder überleben werden. Die oberste Führung ist die
Wachtturmgesellschaft, sie agiert weltweit. In Deutschland
leben 210.000 Zeugen. Ihre Lehren verbreiten sie über die
Zeitschriften "Wachtturm" und "Erwachet". Der Inhalt ist
verbindlich für alle Mitglieder.
Stephan Wolf war 20 Jahre bei den Zeugen
Jehovas. Heute hilft er anderen beim Ausstieg. An ihn wenden
sich immer wieder Opfer von Kindesmissbrauch.
Stephan E. Wolf, Ausstieg e.V.:
"Die Einstellung zur Frau als untergeordnetes,
dienendes Wesen und die Einstellung zu Kindern, die man
einfach notfalls mit Gewalt dazu bringen muss in erster Linie,
zu gehorchen. Diese Einstellung spielt hier, glaube ich,
zusammen, und fördert zumindest ein Klima, in dem
Kindesmissbrauch wahrscheinlicher ist als in anderen
Gesellschaftskreisen."
Ruth Schlegel wurde in die Zeugen Jehovas
hinein geboren. Ihre Familie lebte streng nach den Regeln der
Gemeinschaft. Ihr Vater war ein angesehenes Mitglied.
Ruth Schlegel:
"Im Alter
von 9 Jahren fingen dann die ersten Übergriffe meines Vaters
an, das heißt das waren erst leichte Berührungen, also es ging
in Richtung sexueller Missbrauch. Und das zog sich dann bis
zum Alter von 15, 16 ungefähr und da, ja letztendlich ist es
in Vergewaltigung geendet."
Ruths Mutter meldet die Übergriffe den
Obersten der Gemeinde, den sog. Ältesten. Doch auch in diesem
Fall wird nichts unternommen, der Täter nicht angezeigt. Ruths
Vater missbrauchte jahrelang auch andere Mädchen.
Ruth Schlegel:
"Aus ihrer
Sicht gesehen haben sie ja genug getan. Sie haben sich
zusammengesetzt, sie haben mit ihm gesprochen, sie haben von
ihm verlangt, dass er sich bei mir entschuldigen soll. Sie
haben eigentlich genau das getan, was die
Wachtturmgesellschaft vorgibt, und damit war der Fall für sie
erledigt. Aus ihrer Sicht gesehen, aus der religiösen Sicht
gesehen, weil alles was außen ist, was zum Beispiel der
Gesetzgeber vorgibt, Anzeige und so weiter, war nicht weiter
relevant, weil die Gesellschaft ja sagt, dass sie dann über
ihnen stehen, über dem Gesetz, also das sie das intern
behandeln."
Schutz der Täter und Vertuschung - ein ganz
normaler Vorgang bei den Zeugen Jehovas?
Dr. Andreas Fincke, Sektenbeauftragter
Evangelische Kirche:
"Sie haben sich insofern
eine eigene Welt gebaut, als dass sie so eigene Rechtskomitees
haben, in denen eben Konflikte und moralische Verfehlungen
behandelt werden. Das Bild, was dahinter steht, ist, dass man
unter Brüdern und Schwestern nicht vor Gericht geht, sondern
die Dinge erst mal intern regelt. Das klingt gut, führt aber
im Alltag eben oft dazu, dass die Leute, die Autoritäten sind,
die Ältesten, dadurch sozusagen zwangsläufig auch immer
Männer, über andere Leute auch zu Recht sitzen und Urteile
treffen."
Laiengerichte bei Kindesmissbrauch? Wir
fragen bei den Zeugen Jehovas nach:
Uwe W. Herrmann, Sprecher Zeugen
Jehovas:
"Wir sind aufgrund unseres
Bibelverständnisses der Meinung, dass es ganz bestimmte Sünden
gibt, bei denen die Gemeindeältesten die Verantwortung
tragen."
"Gebt acht auf euch selbst und auf die
ganze Herde" , heißt das Lehrbuch der Zeugen. Und wie die
Ältesten zu richten haben, wird hier
vorgegeben.
"Gewisse Streitigkeiten sollten nicht vor
weltlichen Gerichten ausgetragen...werden."
Weiter
heißt es:
""...es liegt bei den Ältesten zu entscheiden,
ob die Aussagen glaubwürdig sind."
Dr. Andreas Fincke, Sektenbeauftragter
Evangelische Kirche:
"Es ist praktisch unmöglich,
als ein Zeuge Jehova, der Opfer von sexuellem Missbrauch
wurde, innerhalb der Organisation Recht zu bekommen. Aus dem
ganz einfachen Grund man braucht zwei Zeugen, die unabhängig
voneinander den Vorfall bestätigen und das ist bei sexuellem
Missbrauch fast immer nicht möglich, weil es natürlich keine
Zeugen gibt."
Die Wachtturmgesellschaft der Zeugen Jehovas
bildet eine Mauer des Schweigens um die Täter. Pädophile
können ungestört ihren Neigungen nachgehen, weiter in Amt und
Würden bleiben.
Stephan E. Wolf, Ausstieg e.V.:
"Das Grundprinzip bei den Zeugen Jehovas ist nach
außen ein gutes Bild abzugeben. Sie sehen sich als die
moralischen Vorbilder dieser Welt, mit diesem Stichwort treten
sie auch in den Medien gerne auf. Und in dieses Image passt
natürlich nicht, wenn es in ihren Reihen Pädophile gibt, wenn
es sogar raus kommt, dass sie in ihren Reihen geschützt
werden. Also werden sie alles versuchen, damit solche Fälle
nicht an die Öffentlichkeit gelangen."
Denn ein tadelloses Image soll den Zeugen
Jehovas die Anerkennung als Kirche bringen. Seit elf Jahren
streiten sie vor Gericht durch alle Instanzen um die
Gleichstellung mit der katholischen und der evangelischen
Kirche. Eine Anerkennung würde ihnen zahlreiche Privilegien
einbringen, zum Beispiel könnten sie Kirchensteuer erheben.
Vorwürfe von Kindesmissbrauch passen da gar
nicht ins Konzept. Dabei kommen immer mehr Fälle ans Licht.
Doch die Organisation leugnet sie weiter.
Uwe W. Herrmann, Sprecher Zeugen
Jehovas:
"Uns, der Religionsgemeinschaft in
Deutschland sind solche Fälle für Deutschland nicht bekannt"
Stephan E. Wolf, Ausstieg e.V.:
"Ich glaube, es ist allerhöchste Zeit, dass auch
in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, dass sich in einer
Gruppierung wie den Zeugen Jehovas, hier etwas zusammenbraut,
dass hier Pädophile, ich sag mal, ideale Umweltbedingungen
finden, ohne dass etwas gegen sie unternommen wird, ohne dass
sie irgendetwas befürchten müssen."
Uwe W. Herrmann, Sprecher Zeugen
Jehovas:
""Im Grunde genommen strafen wir
überhaupt nicht. Eine Strafe kann nur Gott aussprechen. Die
Ältesten einer Gemeinde können lediglich überprüfen, ob Reue
vorliegt oder nicht, wenn Reue vorliegt, wird dem Sünder
weitergeholfen, mit dieser Sünde fertig zu werden, sie zu
überwinden."
Bestraft werden anscheinend nur die Opfer.
Ruth Schlegel wurde wegen Rauchens und Ehebruchs von den
Zeugen ausgeschlossen. Mit den Folgen des Missbrauchs kämpft
sie bis heute.