Mitschrift: Dänemark/DTV3

DATUM: 24. November 2002

"Schweigende Kinder"

Ansage des Moderators:

 

Ein Vater, der sein eigenes Kindes sexuell missbraucht, das ist eine der grausamsten Situationen, die es gibt.

 

Etwas, das  die meisten von uns ablehnen, und wenn wir davon hören, möchten wir, dass die Sozialdienste ermitteln, damit die Opfer angemessene Hilfe erhalten und der Schuldige unter Strafverfolgung kommt.

 

Aber das ist nicht die Reaktion überall.

 

In diesem Programm, das Sie sehen werden, berichten mehrere Frauen über ihren sexuellen Missbrauch. Und in ihrem Bedürfnis nach Hilfe gingen sie zu den Ältesten der Zeugen Jehovas, und dort sagte man ihnen, sie sollten den Mund halten.

 

Eine doppelte Bestrafung, die gemäß mehreren Zeugen in der geschlossenen Gemeinschaft der Zeugen Jehovas nicht unüblich ist.

 

Intro – der Moderator spricht über das erste Bild mit Dorthe in der Küche hinweg.

 

Wir gehen in den Norden Jütlands. Hier treffen wir Dorthe Tveiti – 38, verheiratet und Mutter dreier Kinder. Vor zwei Jahren begann sie, sich an ihre Kindheit zu erinnern – eine Kindheit, die sie für ihr Leben gekennzeichnet hat.

 

Dorthe:

Ich lag in meinem Bett und wollte schlafen. Ich nahm immer meine Decke, so dass sie meinen Kopf bedeckte, und dann habe ich geschwitzt, aber ich habe es nicht gewagt, die Decke wegzuziehen, weil ich zitterte. Manchmal zitterte ich so sehr, dass das Bett wackelte.

 

Reporter:

Dorthe Tveiti ist die jüngste von drei Schwestern. Sie wächst auf auf einem Bauernhof in dem kleinen Dorf Morum im Norden Jütlands.

 

Dorthe:

Eines der ersten Dinge, an die ich mich erinnere, war, dass ich auf einer Couch im Wohnzimmer saß, und Henry, mein Vater, kam auf mich zu und zwang mich zu Oralsex – das ist die erste Erinnerung.

 

Wie alt waren Sie?

 

Ich war vier Jahre alt.

 

Reporter:

Der Vater Henry war Bauer, und die Mutter war Haushälterin in der kleinen Gesellschaft, wo jeder sich um seine eigenen Dinge kümmerte. Dorthe versuchte einmal, über den Missbrauch zu erzählen – aber der Vater bekam Wind davon.

 

Dorthe:

Er hat mich sehr schlimm verhauen. Er sagte, warum hast du davon erzählt? – Es war im Stall, wo er mich schlug, bis ich schließlich Blut hustete. Er hat mich wirklich schlimm verhauen.

 

Reporter:

Der Missbrauch ging weiter und erreichte einen Höhepunkt, als Dorthe Tveiti 12 Jahre alt war. Sie wurde von ihrem Vater schwanger.

 

Dorthe:

Da habe ich gesagt: "Vater, was machen wir mit dem Kind?", und er sagt: "Ich werde mich darum kümmern." Und dann weiß ich, was geschieht, denn er ist ein sehr gewalttätiger Mann – Ich weiß, dass er das Kind einfach töten wird. In der Nacht, als ich das Kind bekam – zwischen 23.00 und 2.00 Uhr, und dann nimmt er das Kind und geht in die Küche, es ist ein kleines Mädchen – sie ist gesund …

Was geschieht dann?

Er geht zur Küche und schließt die Tür, dann nach ein paar Sekunden hört sie auf zu schreien.

 

Warum haben Sie nichts getan?

 

Was hätte ich tun können – ich war gefangen. Ich konnte nichts tun, und er würde lügen, ich habe nicht daran gedacht, etwas zu tun, da ich so an den Missbrauch gewöhnt war.

 

Was hat Ihre Mutter getan?

 

Sie hat nach der Geburt sauber gemacht, mich gewaschen, und dann kam sie zur Couch und gab mir ein Glas Milch und Brot mit Käse, und dann geht sie in die Küche. Ich kann sie reden hören, und nach einer Zeit kommen beide ins Wohnzimmer, und er sagt: "Es ist tot – und wir werden nie mehr darüber reden."

 

Und Sie haben später nie darüber gesprochen??

 

Nie.

 

Reporter:

Vor zwei Jahren, 24 Jahre nachdem es geschah, meldete sich Dorthe mit den Anschuldigungen. Aber alles stand gegen sie. Niemand konnte ihre Schwangerschaft bestätigen.

 

Reporter:

Es ist eine schwere Anschuldigung, die Mord und Missbrauch zum Inhalt hat, Sie melden sich so viele Jahre, nachdem es geschehen ist. Eine typische Person könnte fragen, stimmt das?

 

Dorthe:

Ja, ich weiß, es ist schwer zu akzeptieren, aber ich kann mich in allen Einzelheiten erinnern, was geschah, welche Kleidung ich trug, wo wir im Zimmer waren, die Gefühle, die ich hatte, den Geruch von Milch und Käse, die ich bekam, ich kann mich an alles erinnern.

 

Ja, aber nach 20 Jahren?

 

Ja, aber es ist so schlimm gewesen, dass ich es vergessen musste, ich konnte es einfach nicht ertragen, daran zu denken.

 

Reporter:

Dorthes Anschuldigung steht auf schwachen Füßen, da sie die ersten Erinnerungen an Schwangerschaft und Missbrauch hatte, lange nachdem es geschah. Aber sie hat einige Zeugen, die ihre Erklärung bestätigen. Zum Beispiel möchte Dorthes großer Bruder anonym bleiben, aber als er zu Hause lebte, war er Zeuge mehrerer Episoden.

 

Henning:

Mein Vater hat meiner kleinen Schwester einen Zungenkuss gegeben – das zu sehen war abstoßend.

 

Reporter:

Dorthe ist nicht allein mit ihren Anschuldigungen gegen ihren Vater. Ihre große Schwester klagt den Vater auch des sexuellen Missbrauchs an. Sie möchte aus persönlichen Gründen nicht interviewt werden. Und nun berichtet auch die Enkelin, dass sie missbraucht wird.

 

Randy :

Es war im Mund, dass er es getan hat.

 

Das hört sich nicht nett an. Haben Sie ihm je gesagt, er solle aufhören oder Sie wollten nach Hause gehen?

 

Randy :

Ja, einmal, als er es mit meinem kleinen Bruder getan hat, versuchte ich, ihn weg zu schieben, und da packte er mich am Hals und sagte, wenn ich es meiner Mutter und meinem Vater erzähle, bringt er mich um.

 

Die Geschichte der beiden Frauen ist ziemlich bizarr, aber ihre Familie sind auch Mitglieder der Zeugen Jehovas. Offensichtlich hatten mehrere Zeugen Nebengedanken über das Verhalten des Vaters – aber niemand hat reagiert.

 

Henning:

Sie kamen zu mir und sagten, es sei merkwürdig, wie mein Vater meine kleine Schwester küsste.

 

Warum haben sie nichts unternommen?

 

Ich weiß nicht warum, denn das falsche Verhalten haben sie ja eindeutig bemerkt – aber ich vermute, es gehört zu einem Zeugen Jehovas, dass er schweigt.

 

Reporter:

Das Gesetz der Kirche schreibt den Mitgliedern vor, Rat bei den Führern der örtlichen Versammlung zu suchen – den so genannten Ältesten, wenn es ein Problem in der Familie gibt. Und Dorthe befolgte die Versammlungsregeln. Sie wandte sich an zwei Älteste um Hilfe, einen Fabrikarbeiter und einen Fensterputzer. Ihre Furcht war ihre Hauptsorge, darüber, wie die Öffentlichkeit reagieren würde.

 

Dorthe:

Sie haben gesagt, sag es nicht der Polizei, denn dann wird es vor eurem Haus vor Journalisten wimmeln. Und die Untersuchung wird eine lange Zeit brauchen, es war, als wären wir besser dran, wenn wir es nicht meldeten, wir meinten, so wie sie das sagten, war es eine Drohung.

 

Warum, meinen Sie, haben sie so reagiert?

 

Sie wollen vertuschen, dass solche Dinge geschehen, anstatt sich dessen annehmen – sie wollen es verbergen.

 

Reporter:

Und Randy Frederiksen hat auch versucht,. Hilfe von den Ältesten der örtlichen Versammlung zu erhalten. Ihre Reaktion war völlig negativ.

 

Randy :

Sie haben gesagt, wie glaubten uns nicht, und behandelten uns sehr schlecht.

 

Reporter:

Dorthe Tveiti und ihrer Schwester wurde der Rat gegeben, sich hier in der Kirche in Aars in Nordjütland dem Vater mit ihren Anklagen zu stellen. Der Vater bestritt die Anschuldigungen, und da Anklage gegen Anklage stand, haben die Zeugen Jehovas nichts unternommen. Dorthe Tveiti ging schließlich zur Polizei. Erst als das geschah, leiteten die Ältesten eine Untersuchung ein. Ein halbes Jahr später kamen sie zu dem Schluss:

 

Dorthe:

Mein Vater wurde als unschuldig angesehen, und der Fall wurde geschlossen, niemand darf darüber reden, und wir durften nicht darüber reden.

 

Randy :

Sie sagen, es sei nie geschehen, sie konnten nichts unternehmen, wir werden ihn respektieren, er ist so ein alter Mann, und wir sollten Mitleid mit ihm haben.

 

Reporter:

Die Erfahrung der beiden Frauen damit, wie die Zeugen Jehovas die Angelegenheit regelten, ist nicht einzigartig.

Im Augenblick klagt die Polizei in Schottland die Zeugen Jehovas an, Informationen über einen Vater zurückzuhalten, der seine Kinder sexuell missbraucht hat.

 

In den USA gibt es mehrere Fälle, wo Jehovas Zeugen versuchen, Fälle von sexuellem Missbrauch zu vertuschen.

 

Bill Bowen war vor zwei Jahren noch Ältester in einer Versammlung der Zeugen Jehovas in im USA-Bundesstaat Kentucky. Als Ältester erhielt er Kenntnis von einem Mitglied, das Kinder missbrauchte.

 

Bill Bowen:

In meinem Versuch, das Kind zu schützen wie auch die Versammlung zu warnen, dass er ein Kinderschänder war, wurde mir von der Organisation gesagt, von der Rechtsabteilung, ich solle es Gott überlassen und die Sache nicht anzeigen.

 

Reporter:

Wenn ein Ältester Informationen über Missbrauch in der Versammlung erhält, muss er das Hauptbüro der Wachtturm-Gesellschaft in Brooklyn, New. York, anrufen, wie er in der Sache verfahren soll. Die örtlichen Versammlungen MÜSSEN die Richtlinien der Zeugen Jehovas befolgen – ein Gesetz, das über den Gesetzen der Menschen steht.

 

Bill Bowen:

Wenn die leitende Körperschaft also sagt, theokratisches Vorgehen erfordere, dass man dies nicht anzeigt, und man gehorcht nicht, dann ist man Gott ungehorsam.

 

Reporter:

Aber Bill Bowen beschloss, gegen die Richtlinien der Zeugen Jehovas zu handeln. Er ging an die Öffentlichkeit und berichtete, wie die Organisation sexuellen Missbrauch vertuscht.

 

Bill Bowen:

Die Politik der Wachtturm-Gesellschaft und der Zeugen Jehovas durch ihre Führung ist in jedem Land der Welt zu 100% dieselbe. Wenn man also in Dänemark oder in Kentucky ist, man WIRD die Politik befolgen, wie Kindesmissbrauch untersucht und behandelt wird.

Ich denke, dasselbe Problem, das in den USA besteht, wird in Dänemark und in anderen Ländern weiter bestehen. Kinder werden missbraucht, Kinderschänder werden geschützt, das Pädophilenparadies blüht also in den USA, und in Dänemark besteht ein eigenes Pädophilenparadies, geschaffen durch Wachtturm-Politik.

 

Reporter:

Dorthe Tveiti geht es nach langer Behandlung besser. Sie wird bald eine Ausbildung als Sozialarbeiterin beginnen. Randy Fredriksen beginnt im Januar an der Pflegeschule. Beide sind immer noch Mitglieder der Zeugen Jehovas, obwohl sie nicht zu den Zusammenkünften der Versammlung gehen.

 

Randy :

Sie wollen nicht mit mir zusammen sein, auch wenn ich nicht abgelehnt werde, einige meiner Freunde wollen keinen Kontakt mehr, und einige haben mir direkt gesagt, ich sei schlechter Umgang.

 

Dorthe Tveiti:

In der Organisation, wo man immer zu dem Glauben geleitet wurde, in der Versammlung gebe es Gerechtigkeit, werden solche Leute nicht toleriert, und dann findet man heraus, dass nichts geschieht – zumindest geschah nichts mit meinem Vater, er wird immer noch als unschuldig angesehen, und wir dürfen nicht mehr darüber reden, es ist, als wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen.

 

Reporter:

Nach einer langen Untersuchung des Falles gegen Dorthe Tveitis Vater wurde die Sache zu den Akten gelegt. Die Anschuldigungen wegen des Missbrauchs sind verjährt. Es war nicht möglich, die Überreste von Dorthe Tveitis Tochter zu finden. Sie hofft immer noch, dass ihre Tochter eines Tages gefunden wird.

 

Dorothy:

Ich denke jeden Tag an sie, sie ist immer noch ein Teil von mir.

 

Was würde Ihnen einen inneren Abschluss geben?

 

Wenn ich sie finden würde, hätte ich einen Ort, zu dem ich gehen könnte, dann könnte ich die Sache innerlich abschließen.

 

Der Moderator hat danach ein Interview mit Erik Jorgensen, dem Pressesprecher der Zeugen Jehovas in Dänemark. Er bestreitet alles.

 

Nach dem Interview sagt der Moderator:

 

Wir haben natürlich versucht, mit Dorthe Tveitis Vater Kontakt aufzunehmen, aber er erwidert unsere Anrufe nicht.