10.
Mai 2002
Sexskandal
trifft Kirche
Vier
Zeugen Jehovas vor Ausschaltung wegen Protest
LOUISVILLE, Kentucky
(AP) — Vier Zeugen Jehovas stehen vor der Exkommunikation. Die Anklage: sie hätten
in der Glaubensgemeinschaft Unfrieden gesät, indem sie ihre Stimme gegen die
Art und Weise erhoben haben, wie die Kirche mit mutmaßlichem Kindesmissbrauch
umgeht.
William Bowen,
ein 44-Jähriger ehemaliger Kirchenältester, beklagt, dass die Zeugen Jehovas
mutmaßlichen Sex mit Kindern ihren Reihen wegen des geschlossenen Charakters
der Kirche und ihrem Beharren, Probleme intern zu behandeln, im Allgemeinen
nicht bei den weltlichen Behörden anzeigen.
Jehovas Zeugen
gehen der Welt auf vielerlei Weise aus dem Weg. Sie weigern sich, Waffen zu
tragen, die Landesfahne zu grüßen oder an weltlichen Regierungen teilzuhaben.
Sie lehnen auch Bluttransfusionen ab.
Bowen soll
heute in seiner Kirche in Draffenville, einer Kleinstadt in Westkentucky, vor
einem Rechtskomitee erscheinen.
Zwei weitere
Personen, Carl und Barbara Pandelo aus Belmar, New Jersey, hatten diese Woche
ihre Anhörung und warten nun auf eine Entscheidung.
Barbara
Anderson aus Normandy, Tennessee, wird gleichfalls vor ein Komitee zitiert.
Anderson hat gesagt, sie habe von der Art des Umgehens ihrer Kirche mit
Missbrauchsfällen erfahren, als sie in der Weltzentrale in New York City tätig
war.
Wie Bowen sagen
auch die Pandelos, der wahre Beweggrund sei der, sie in der
Religionsgemeinschaft, die behauptet, sechs Millionen Mitglieder weltweit zu
haben, zum Schweigen zu bringen.
In einer von
der Weltzentrale herausgegebenen Erklärung sagten Jehovas Zeugen, Kirchenführer
„seien durch die Bibel verpflichtet, darauf zu achten, dass die Versammlung
rein und einig bleibt.“
J. R. Brown,
Sprecher der Religionsgemeinschaft, sagte, Eltern würden von der Kirche nicht
bestraft, wenn sie in Fällen sexueller Belästigung von Kindern zuerst zur
Polizei gingen. Weiterhin meinte er, wen ein Rechtskomitee des sexuellen
Missbrauchs für schuldig befinde, der werde aus allen Ämtern entfernt und dürfe
nicht von Haus zu Haus missionieren, ohne dass ihn ein Mitzeuge begleite.
Bowen bestritt
das und sagte, er habe von Fällen gehört, wo Eltern dafür bestraft wurden,
dass sie zuerst zur Polizei gingen, und von Vorfällen, wo Missbrauchstäter
doch allein von Haus zu Haus gehen durften.
Bowen, der zwei
Jahre in der Zentrale in Brooklyn verbrachte, sagte, er habe sich vor ein paar
Jahren der Sache angenommen, als er in vertraulichen Unterlagen gelesen hatte,
dass Anfang der 80er Jahre ein Mitglied der Kirche ein Kind missbraucht habe. Er
sei in seinen Bemühungen, das Problem in der Kirchenhierarchie zur Sprache zu
bringen, ernüchtert worden.
„Sie wollten
sich mit dem Thema Kindesmissbrauch nicht abgeben“, sagte Bowen. „Sie
wollten nicht, dass die Täter immer angezeigt werden. Und sie benutzten die
Kontrolle, die die Organisation ausübt, als mehr oder weniger geheimen Weg, das
zu verhindern.“
Bowen trat im
Jahr 2000 aus Protest als Kirchenältester zurück und hat eine Hilfsgruppe für
mutmaßliche Missbrauchsopfer geschaffen.
Er sagte, er habe im
vergangenen Jahr von Tausenden von möglichen Missbrauchsopfern gehört.
Beschuldigt werden sowohl einfache Mitglieder, als auch, wie bei dem Skandal,
der die katholische Kirche verschlingt, Führer der Religionsgemeinschaft.
Bowen warnte,
auf die Religionsgemeinschaft könne eine wahre Flut von Prozessen zukommen,
wenn sie sich nicht ändere.