CNN-Interview mit Connie Chung 

14. August 2002

CHUNG: Die meisten von uns, nehme ich an, kennen die Zeugen Jehovas nur als die Männer und Frauen, die von Tür zu Tür gehen und Literatur über ihren Glauben aushändigen. Jehovas Zeugen sind evangelikale Christen mit etwa einer Million Mitgliedern hier in den USA. Die Bewegung wurde in den 1870er Jahren in Pennsylvania gegründet. Jehovas Zeugen glauben an die Bibel als dem buchstäblichen Wort Gottes. Sie erlauben keine Bluttransfusionen, dienen nicht im Militär und feiern kein Weihnachten oder Geburtstage.

Nun sagen einige Mitglieder, etwas Schreckliches geschehe hinter verschlossenen Türen, ein Muster mutmaßlicher Kindesmissbrauchsfälle, die die Religionsgemeinschaft nicht nur nicht angezeigt hat, sondern auch noch vor den Behörden verborgen gehalten hat.

Heute Abend werden wir zwei junge Frauen vorstellen, die sagen, sie seien Opfer eines Zeugen Jehovas geworden.

Uns aus Minneapolis angeschlossen, um ihre Geschichten aus erster Hand zu berichten, haben sich Heidi Meyer und Amber Long. Ebenfalls angeschlossen hat sich uns ein Mann, der versucht hat, mutmaßliche Missbrauchsopfer bei den Zeugen Jehovas zusammenzubringen. Es ist William Bowen, einmal Ältester in der Versammlung, der sein Amt vor zwei Jahren aus Protest gegen die Art, wie die Gruppe mit verdächtigten Missbrauchstätern umgeht, abgegeben hat.

Ich heiße Sie alle willkommen. Nun, Heidi, Sie waren 10 Jahre alt, als sie erstmals missbraucht wurden. Was passierte?

HEIDI MEYER, MUTMASSLICH VON EINEM ZEUGEN JEHOVAS MISSBRAUCHT: Der Mann, der mich missbrauchte ...

CHUNG: … war ein Zeuge Jehovas?

MEYER: Er war ein Zeuge Jehovas in meiner Versammlung. Sein Name ist Derrick Lindelah. Er war ein Freund unserer Familie. Er war mit meinem Bruder befreundet, und ich war mit seiner jüngeren Schwester befreundet, und wann immer sich die Gelegenheit ergab oder er eine schuf, hat er mich beiseite gezogen und mich sexuell belästigt.

CHUNG: Wie lang hielt das an, Heidi?

MEYER: Bis – zu meinem 13. Lebensjahr. Bis kurz nachdem ich 13 wurde.

CHUNG: In Ordnung. Und Sie berichteten das den Ältesten der Zeugen Jehovas. Und was geschah?

MEYER: Als ich 15 war, ging ich damit zu den Ältesten, wie man es uns als Zeugen Jehovas gelehrt hat. Und ich redete mit ihnen in der Hoffnung, dass das Problem aufhört und sie einschreiten und sich der Person annehmen.

CHUNG: Und haben sie’s getan?

MEYER: Nein. Sie sagten nur, sie dachten, ich hätte die ganze Situation falsch interpretiert, aber sie sagten mir auch, ich müsse vorsichtig sein, mit wem ich darüber redete und was ich darüber sagte, denn ohne zwei Augenzeugen für einen Vorfall müsste ich selbst wegen Geschwätz und Verleumdung vor ein Rechtskomitee.

CHUNG: Im Grunde genommen meinen Sie, sie hätten Ihnen zu sagen versucht, Sie sollten nicht zur Polizei gehen?

 

MEYER: Absolut. Sie sagten, zur Polizei zu gehen und die Sache vor Gericht zu bringen, wäre eine Schande für Gottes Namen und Gottes Organisation.

CHUNG: So sind Sie still geblieben.

MEYER: Absolut. Unter der Drohung mit – der Drohung mit einer Exkommunikation.

CHUNG: Ja, von den Zeugen Jehovas. Und ihre ganze Familie, die ganze Familie gehörte dazu, deshalb hat es Ihnen auch etwas bedeutet, dazu zu gehören.

MEYER: Absolut. Nicht nur meine Familie, sondern als Zeuge Jehovas hat man nur Umgang mit Mitgliedern in gutem Ansehen. Und damit ist man in der Position, wo jeder, den man kennt, jeder, dem man traut, jeder, dem man je vertraut hatte oder den man kannte, innerhalb der Organisation ist.

Die Drohung, da rausgeworfen und von ihnen geächtet zu werden, ist mächtig genug, dass ich mich eine sehr lange Zeit still verhalten habe.

CHUNG: In Ordnung, Heidi, wir werden in einer Minute wieder auf Sie zurückkommen. Amber, Sie behaupten, Sie seien von demselben Mann belästigt worden, als Sie 12 Jahre alt waren. Was geschah mit Ihnen?

AMBER LONG, MUTMASSLICH VON EINEM ZEUGEN JEHOVAS MISSBRAUCHT: Das stimmt. Es war bei seinen Eltern zu Hause. Ich war mit seiner jüngeren Schwester befreundet. Und ich wurde dort belästigt. Nach dem Besuch ging ich nach Hause und erzählte es meinen Eltern sofort, und wir gingen zu den Ältesten, wie die Anweisung in der Religion es sagt.

CHUNG: Und was geschah?

LONG: Wissen Sie, sie unterstellten, das sei ein Missverständnis gewesen, vielleicht sei ich verärgert gewesen. Sie sagten uns, wir sollten später darüber reden kommen. Als ich immer noch an meiner Geschichte festhielt, sagten sie uns, sie könnten wirklich nichts unternehmen, weil es keine zwei Augenzeugen gebe. Und dann war da immer noch die verhüllte Drohung mit dem Ausschluss.

Und wissen Sie, mein ganzes Leben lang, als ich danach aufwuchs, spielten sie immer darauf an, ich hätte vielleicht etwas getan, womit ich den Missbrauch verdiente.

CHUNG: Ja. Amber, wir werden in einer Minute auf Sie zurückkommen.

Bill, Sie sind so weit gegangen zu sagen, sie glaubten, die Zeugen Jehovas seien ein Pädophilenparadies. Übertreiben Sie da nicht? Ich weiß, dass sie Nachforschungen angestellt haben, aber ich meine, man könnte glauben, dass Sie da übertreiben.

WILLIAM BOWEN, LEITER VON SILENTLAMBS.ORG: Ich habe mit mehr als 5.000 Missbrauchsopfern gesprochen – entweder per E-Mail oder direkt am Telefon. Ich habe eine Missbrauchshotline direkt zu mir nach Hause, und jeden Tag bekomme ich Anrufe. Alle diese Leute sind Missbrauchsüberlebende, die mir dieselbe Geschichte erzählen wie Amber und Heidi. Das heißt, sie gingen zu den Ältesten, sie wurden unterdrückt, und die Sache wurde vertuscht.

Das ist wie ein roter Faden. Gestern bekam ich einen Faden oder eine E-Mail von einem jungen Mädchen, 15 Jahre alt, sie ging zu den Ältesten; sie sagte: Ich bin so wie Heidi, und was ich jetzt in den Medien sehe, macht mich über das wütend, was sie mir antun. Und das ist es, was die meisten jungen Frauen sind. Sie sind ärgerlich, dass sie missbraucht und dann durch die Politik dieser Kirche noch einmal zu Opfern gemacht wurden.

CHUNG: Wurden Sie von den Zeugen Jehovas eingeschüchtert?

MEYER: Ganz sicher. Es gibt nichts anderes, als eingeschüchtert zu sein. Dein ganzes Leben dreht sich um die Zugehörigkeit zu dieser Organisation. Das ist dein ganzes Leben. Und so wird es in der Organisation auch oft bezeichnet. Wenn man von dieser Organisation rausgeworfen wird, ist das ein Trauma fürs Leben. Das ist ein enormer Umbruch. Es ist etwas, das sich auf jeden Tag deines Lebens auswirkt.

CHUNG: Hier ist eine Erklärung der Zeugen Jehovas, und ich möchte, dass Sie alle zuhören.

„Wir verabscheuen den sexuellen Missbrauch von Kindern und werden keinen Täter vor den Auswirkungen seiner großen und perversen Sünde schützen. Wir erwarten, dass die Ältesten jeden mutmaßlichen Kindesmissbrauch untersuchen. Reuelose Übeltäter werden aus der Versammlung geworfen. Mit besonderer Fürsorge stellen wir sicher, dass Opfer fortdauernde Hilfe und Rat erhalten, was ihnen hilft, mit dem Schmerz über den Missbrauch fertig zu werden. Kein Ältester sollte ihnen sagen, die Anschuldigung nicht den Behörden zu melden.“

Amber, ich sehe, Sie schütteln den Kopf.

LONG: Ich – es ist so entsetzlich, dass sie etwas wie dies schreiben. Das ist so unwahr.

MEYER: Wissen Sie, auf dem Papier ist das eine schöne Praktik. Aber es ist einfach nicht – es wird nicht so gehandelt. In meiner Situation, in Ambers Situation, in zahllosen Situationen im ganzen Land und in anderen Ländern wird nicht so gehandelt.

CHUNG: Aber warum sollten sie eine solche Erklärung herausgeben, von der Sie behaupten, dass sie nicht stimmt?

BOWEN: Diese Erklärung ist meiner Meinung nach eine unverblümte Lüge. Diese Leute wissen, dass Missbrauchsfälle vertuscht wurden. Vor zehn Jahren wurde in der Organisation eine Untersuchung vorgenommen – sie wussten, dass eine Vielzahl kleiner Mädchen sexuell missbraucht wurden. Sie wurden mit Post überschwemmt – über ein Erwachet!, das über dieses Thema schrieb.

Damals weigerten sie sich, das  einzusehen, und Tatsache ist, dass es seither so weiter ging. Würden sie zugeben, dass es da ein Problem gibt, dann würden sie damit zugeben, dass sie vorsätzlich Kindern Schaden zugefügt und nichts dagegen unternommen haben.

CHUNG: Bill, Ihnen mag sehr gut die Gemeinschaft entzogen werden, das ist im Wesentlichen ein Ausschluss aus der Versammlung. Und ihr Vater drehte sogar ein Video, in dem er Sie für Ihre Untersuchung dieses Problems mit dem sexuellen Missbrauch verurteilte. Tut das nicht weh?

BOWEN: Ja, das tut sehr weh. Ich halte es ihm nicht vor, weil ich weiß, dass er, so wie diese beiden jungen Frauen von der Kirche eingeschüchtert wurden, selbst auch eingeschüchtert wurde, das Video zu drehen und es in den Medien in dieser Gegend verbreiten zu lassen ...

CHUNG: Ja, aber ist es Ihnen das wert, von Ihrer Familie geächtet zu werden?

BOWEN: Man muss das tun, was ethisch und moralisch richtig ist. Und dass Menschen von der Religion gedrängt werden, zu tun, was ethisch und moralisch falsch ist, ist keine Entschuldigung. Ich bin also gezwungen, weiterzumachen, diese – für die Opfer, die von der Kirche noch einmal zu Opfern gemacht wurden.

Vielen jungen Frauen wurde die Gemeinschaft entzogen, als sie versuchten, anderen Mitgliedern in der Kirche zu erzählen, dass sie belästigt wurden, einfach weil sie wollten – der Täter sagte, sie hatten keine zwei Augenzeugen, als er sie vergewaltigte.

CHUNG: Heidi und Amber, was ist mit dem Kirchenmitglied passiert, der Sie Ihrer Behauptung nach belästigte?

MEYER: Absolut nichts, bis heute.

LONG: Nichts.

CHUNG: Ist er ein Mitglied in gutem Ansehen?

MEYER: Er ist ein Mitglied in gutem Ansehen.

LONG: Ja.

CHUNG: Sie – Sie beide können gut ausgeschlossen werden. Sind Sie darauf vorbereitet? Und heißt das nicht, dass Ihre Familie nicht mehr mit Ihnen reden darf?

MEYER: Ja, das heißt es. Aber wissen Sie, meine Eltern haben mich zu jemandem erzogen, der eigenständig denkt, der stark ist, der gerecht ist. Und die Beweise sind in dieser Situation so überwältigend, dass es keine Alternative gibt. Es gibt keinen anderen Weg, den ich hier gehen könnte.

CHUNG: Heidi, Amber, wir danken Ihnen, dass Sie bei uns waren. Und Bill, auch Ihnen dankel.

Ehe wir schließen, sollten wir noch anmerken, dass wir mit dem Anwalt von Derrick Lindelah sprachen, dem Mann, der beschuldigt wird, Heidi und Amber belästigt zu haben, und sein Anwalt sagte uns, dass Lindelah alle Anschuldigungen bestreiten werde, aber noch keine formelle Antwort in einem von den beiden Mädchen angestrengten Zivilprozess ergangen ist.