9.
Mai 2002
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LOUISVILLE, Kentucky (AP) –
Als Säule seiner Kirche saß William Bowen über Mitzeugen zu Gericht, die
vom rechten Weg abkamen. Bei einigen Gelegenheiten trug Bowen die äußerste
Strafe mit – den Hinauswurf aus der straff organisierten
Religionsgemeinschaft.
Aber nun erwartet Bowen, seit seiner Geburt Zeuge
Jehovas, selbst die Verurteilung durch Mitgläubige.
Der 44-Jährige ehemalige Kirchenälteste ist einer von vier Zeugen Jehovas,
die vor der Exkommunikation – oder dem Gemeinschaftsentzug, wie die
Religionsgemeinschaft das nennt – stehen. Die Anklage: sie hätten in der
Glaubensgemeinschaft Unfrieden gesät, indem sie ihre Stimme gegen die Art und
Weise erhoben haben, wie die Kirche mit mutmaßlichem Kindesmissbrauch umgeht.
Bowen beklagt, dass die Zeugen Jehovas mutmaßlichen Sex mit Kindern
ihren Reihen wegen des geschlossenen Charakters der Kirche und ihrem Beharren,
Probleme intern zu behandeln, im Allgemeinen nicht bei den weltlichen Behörden
anzeigen.
Jehovas Zeugen gehen der Welt auf
vielerlei Weise aus dem Weg. Sie weigern sich, Waffen zu tragen, die Landesfahne
zu grüßen oder an weltlichen Regierungen teilzuhaben. Sie lehnen auch
Bluttransfusionen ab.
Bowen soll am Freitag in seiner
Kirche in Draffenville, einer Kleinstadt in Westkentucky, vor einem
Rechtskomitee erscheinen.
Zwei weitere Personen, Carl und
Barbara Pandelo aus Belmar, New Jersey, hatten diese Woche ihre Anhörung und
warten nun auf eine Entscheidung.
Barbara Anderson aus Normandy,
Tennessee, wird gleichfalls vor ein Komitee zitiert. Anderson hat gesagt, sie
habe von der Art des Umgehens ihrer Kirche mit Missbrauchsfällen erfahren, als
sie in der Weltzentrale in New York City tätig war.
Wie Bowen sagen auch die Pandelos,
der wahre Beweggrund sei der, sie in der Religionsgemeinschaft, die behauptet,
sechs Millionen Mitglieder weltweit zu haben, zum Schweigen zu bringen.
In einer von der Weltzentrale
herausgegebenen Erklärung sagten Jehovas Zeugen, Kirchenführer „seien durch
die Bibel verpflichtet, darauf zu achten, dass die Versammlung rein und einig
bleibt.“
J. R. Brown, Sprecher der
Religionsgemeinschaft, sagte, Eltern würden von der Kirche nicht bestraft, wenn
sie in Fällen sexueller Belästigung von Kindern zuerst zur Polizei gingen.
Weiterhin meinte er, wen ein
Rechtskomitee des sexuellen Missbrauchs für schuldig befinde, der werde aus
allen Ämtern entfernt und dürfe nicht von Haus zu Haus missionieren, ohne dass
ihn ein Mitzeuge begleite.
Bowen bestritt das und sagte, er
habe von Fällen gehört, wo Eltern dafür bestraft wurden, dass sie zuerst zur
Polizei gingen, und von Vorfällen, wo Missbrauchstäter doch allein von Haus zu
Haus gehen durften.
Bowen, der zwei Jahre in der
Zentrale in Brooklyn verbrachte, sagte, er habe sich vor ein paar Jahren der
Sache angenommen, als er in vertraulichen Unterlagen gelesen hatte, dass Anfang
der 80er Jahre ein Mitglied der Kirche ein Kind missbraucht habe. Er sei in
seinen Bemühungen, das Problem in der Kirchenhierarchie zur Sprache zu bringen,
ernüchtert worden.
„Sie wollten sich mit dem Thema
Kindesmissbrauch nicht abgeben“, sagte Bowen. „Sie wollten nicht, dass die Täter
immer angezeigt werden. Und sie benutzten die Kontrolle, die die Organisation
ausübt, als mehr oder weniger geheimen Weg, das zu verhindern.“
Bowen trat im Jahr 2000 aus Protest als Kirchenältester zurück und hat eine Hilfsgruppe für mutmaßliche Missbrauchsopfer geschaffen. Er sagte, er habe im vergangenen Jahr von Tausenden von möglichen Missbrauchsopfern gehört. Beschuldigt werden sowohl einfache Mitglieder, als auch, wie bei dem Skandal, der die katholische Kirche verschlingt, Führer der Religionsgemeinschaft.
„Ich glaube nicht, dass wir versucht haben der
Organisation der Zeugen Jehovas Schaden zuzufügen“, sagte er. „Sie
behaupten, sie hätten höhere moralische Maßstäbe als andere Religionen und
Gruppen. Nun, dann ist das in jeder Hinsicht zu ihrem Vorteil, um ihre Maßstäbe
zu erhöhen.“
Bowen warnte, auf die Religionsgemeinschaft könne eine
wahre Flut von Prozessen zukommen, wenn sie sich nicht ändere. In zwei
Klageschriften, die bereits im vergangenen Jahr in den Bundesstaaten New
Hampshire und Washington gegen die Religionsgemeinschaft eingereicht wurden,
werden Kirchenälteste beschuldigt, nicht die Gesetze der Bundesstaaten befolgt
und mutmaßliche Täter bei der Polizei angezeigt zu haben.
Steve Lyons, Ältester in Bowens Kirche in Draffenville,
die aus etwa 60 Mitgliedern besteht, sagte, Jehovas Zeugen seien für jede
Anschuldigung eines Missbrauchs empfänglich.„Ich
denke, wir tun, was wir können. Wenn es darum geht, Täter anzuzeigen, halten
wir uns an alle örtlichen Gesetze. Wir tun unser Möglichstes, Kinder selbst in
Fällen zu schützen, wo der Missbrauch noch nicht bewiesen, sondern nur
behauptet wird.“
Der Streit der Pandelos mit der
Religionsgemeinschaft geht auf das Jahr 1988 zurück, als ihre 12-Jährige
Tochter berichtete, sie sei von ihrem Großvater väterlicherseits, der auch der
Glaubensgemeinschaft angehört, sexuell belästigt worden. Carl Pandelos Vater
ist inzwischen wieder in der Gemeinschaft, während die Pandelos selbst möglicherweise
ausgeschlossen werden.
„Das ist fast wie eine öffentliche
Steinigung“, sagte Barbara Pandelo.
So können Zeugen Jehovas, die beim Umgang mit
Ausgeschlossenen ertappt werden, selbst hinausgeworfen werden, sagte sie.
„Niemand redet mit einem Ausgeschlossenen. Sie schauen durch einen hindurch,
als ob man unsichtbar wäre.“
Ähnlich sagte Bowen, er sei von seinen Angehörigen
geächtet worden und sein Kerzengeschäft hätte Schaden genommen.
„Vielleicht tut es mir irgendwie persönlich
leid. Aber wenn ich noch einmal entscheiden sollte, würde ich es tausend Mal
wieder tun“, sagte Bowen.