Samstag, 11.5.2002    |    Middle Tennessee News & Information

 

 

Zeugin vor Ächtung wegen Missbrauchsbeschuldigung

 


ERIC PARSONS / STAFF  
Barbara Anderson aus der Versammlung Manchester der Zeugen Jehovas steht vor möglicher Disziplinierung.  

von LEON ALLIGOOD
und EMILY HEFFTER

TULLAHOMA, Tenn. — Eine Frau aus Coffee County stand gestern vor Strafmaßnahmen durch ihre Versammlung, nachdem sie die Führer der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas beschuldigt hatte, sexuellen Missbrauch von Kindern durch Mitglieder der Versammlungen jahrelang heruntergespielt oder nicht zur Kenntnis genommen zu haben.

Barbara Anderson fürchtete, man werde ihr die Gemeinschaft entziehen, was einer Exkommunikation entspricht, weil sie in einer bevorstehenden Episode der NBC-Nachrichtenshow Dateline auftreten wird, wo sie zusammen mit weiteren alarmierten Mitgliedern die Stimme gegen die Religionsgemeinschaft erhebt, weil diese angeblich nicht bereit ist, Missbrauch anzuzeigen und geständige Pädophile von kleinen Kindern fernzuhalten.

Nach der gestrigen Zusammenkunft mit drei Versammlungsältesten, die eine Stunde und 45 Minuten dauerte, war Anderson voller Hoffnung, dass man sie nicht wegen Kommentaren ächten werde, die auf der von einem ehemaligen Zeugen Jehovas betriebenen Website erschienen.

„Augenblicklich hoffe ich, dass man mir nicht die Gemeinschaft entziehen wird, aber man wird sehen“, sagte sie, als sie das Anbetungszentrum der Versammlung der Zeugen Jehovas in Manchester, Tennessee, verließ. Dies ist schon seit vielen Jahren ihre geistige Heimat und die ihres Mannes Joe, obwohl sie aus Protest gegen die ihrer Meinung nach laxe Ansicht der Führer der internationalen Organisation seit 1997 keinen Gottesdienst mehr besucht.

Ein Ehepaar aus New Jersey, Barbara und Carl Pandelo aus Belmar, wurde diese Woche ausgeschlossen, nachdem sie öffentlich kritisiert hatten, wie die Organisation mit der Anschuldigung ihrer Tochter, von einem anderen Mitglied der Glaubensgemeinschaft sexuell missbraucht worden zu sein, umging, sagte Barbara Pandelo vergangenen Abend. Die Pandelos hatten auch mit Dateline gesprochen.

„Was sie (Anderson) behauptet, stimmt überhaupt nicht“, sagte J. R. Brown, Sprecher der Watchtower Bible and Tract Society of New York Inc., der Körperschaft der Zeugen Jehovas.

Brown sagte, er habe mit Dateline ein Jahr lang über die Geschichte, die die Show bringen wolle, gesprochen, aber er und andere Führer der Organisation wüssten nicht, welche Mitglieder die Fernsehproduzenten interviewt hätten.

„Wir haben keine Ahnung, was sie Dateline gesagt hat“, sagte Brown über Anderson.

Dateline-Sprecherin Caryn Mautner wollte keine Einzelheiten der Geschichte nennen oder sagen, wann die Sendung geplant sei. Mautner bestätigte, dass Dateline Anderson wegen „Anklagen, dass die Kirche Fälle von sexueller Belästigung vertusche“, interviewt hatte.

Anderson gehörte, wie ihr Mann auch, die meiste Zeit ihres Lebens, 45 Jahre, zu den Zeugen Jehovas. Sie wurde vergangene Woche zu dem gestrigen Zusammenkommen einbestellt.

Sie fürchtete das Schlimmste.

„Die meisten Menschen verstehen nicht, was ein Gemeinschaftsentzug für einen Zeugen bedeutet. Ich würde meine ganze Familie verlieren. Zeugen dürfen mit jemandem, dem die Gemeinschaft entzogen wurde, keinen Umgang haben“, sagte sie. Sie würde zwar mit Joe, einem Ältesten der Versammlung, verheiratet bleiben, sagte Anderson, würde aber ihre Beziehung zu ihrem Sohn, einem Ältesten, ihrer Schwiegertochter und ihren kleinen Enkeln aufs Spiel setzen.

Die Folgen einer Exkommunikation seien mit gutem Grund so schwerwiegend, sagte Brown. Man hofft, die harsche Isolation, die ausgeschlossene Mitglieder empfinden, werde sie in die Organisation zurückbringen.

Andere Angehörige der Glaubensgemeinschaft dürfen nicht mit Ausgeschlossenen sprechen. Sie können sie im Geschäft nicht grüßen oder mit ihnen zusammen essen. Im Haus wohnende Angehörige können mit der Person reden, aber niemals über geistliche Dinge.

„Unsere Statistiken bestätigen, dass jedes Jahr viele Leute wieder aufgenommen werden“, sagte Brown.

„Mein Sohn sagte, er meine, was ich tue, sei anerkennenswert, aber er ist nicht einverstanden, dass ich damit an die Öffentlichkeit gegangen bin“, sagte Anderson. Tatsächlich habe sie zuerst gezögert, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, sie sei aber, so sagte sie, zu dem Schluss gekommen, die Führung der Zeugen Jehovas habe nicht vor, die Politik der Organisation zu ändern, wenn sie nicht dazu gezwungen werde.

„Sie beschuldigen mich, Spaltungen zu verursachen, aber das ist keine theologische Frage. Es geht vielmehr darum, ob die Kirche alles ihr Mögliche tut, um die Kinder von Zeugen Jehovas zu schützen“, sagte Anderson.

Brown sagte, Jehovas Zeugen hätten eine strikte Vorgehensweise bei sexuellem Kindesmissbrauch. Wenn Eltern zu den Führern der Versammlung kämen und besorgt seien, dass ihr Kind missbraucht worden sei, dann befolgten die Führer die Gesetze des jeweiligen Bundesstaates. Wenn das Gesetz in einem Bundesstaat fordert, dass Eltern wegen des Missbrauchs Anzeige erstatten, dann sagen die Führer der Versammlung ihnen das auch.

Personen in der Organisation, die des sexuellen Missbrauchs beschuldigt werden, müssen zu einer Anhörung wie der, zu der Anderson gestern ging, sagte Brown. Sie werden automatisch aus führenden Ämtern entfernt und dürfen, ohne dass ein weiteres Mitglied zugegen ist, nicht von Haus zu Haus gehen.

Anderson sagte, sie wüsste von Pädophilen in vier Versammlungen im mittleren Tennessee, die den Ältesten gestanden hätten, die aber nicht bestraft worden seien. Sie sagte, die Ältesten seien mit dem, was sie erfahren hatten, nicht zu den Behörden gegangen.

Die Anschuldigungen, die Anderson erhoben hatte, konnten gestern noch nicht bestätigt werden. Brown sagte, sie seien falsch. Ein Anruf beim zuständigen Bezirksstaatsanwalt in seinem Haus führte gestern zu keinem Rückruf.

Gestern wurde die Frau aus Tullahoma angeklagt, auf einer Internetseite, die ein ehemaliger Zeuge Jehovas betreibt, schlecht von der Organisation gesprochen zu haben. Den Artikel schickte sie als persönliche E-Mail, aber er sei auf der Abtrünnigen-Website aufgegriffen und ohne ihre Erlaubnis benutzt worden, sagte Anderson.

„Ich habe das den drei Ältesten, die zuhörten, erklärt. Sie haben mich, glaube ich, fair behandelt“, sagte sie. Keiner der drei Ältesten, die Anderson gestern verhörten, wollte mit Reportern reden.

Anderson sagte, keiner der Ältesten sei sich bewusst gewesen, dass drei weitere Zeugen Jehovas, die mit Dateline redeten, in dieser Woche Rechtskomiteeanhörungen hatten.

„Alles, was sie hatten, war eine Aufforderung aus New York, die Sache beizulegen“, sagte Anderson, die glaubt, es sei deshalb etwas unternommen worden, um die bevorstehende Dateline-Show zu diskreditieren. „Wenn man ausgeschlossen ist, dann können Zeugen Jehovas, wo auch immer, sich die Show nicht ansehen; sie können ihren Freunden erzählen, dass wir verbitterte Zeugen und automatisch Abtrünnige seien, und man könne dem, was wir sagen, nicht trauen“, sagte Anderson.

Das Dilemma, in dem sie sich befindet, ist beklagenswert. „Die Kirche war unser Leben. Wir haben große Opfer gebracht“, sagte Anderson und meinte die Jahrzehnte des Dienstes, den sie und ihr Mann in der Weltzentrale der Zeugen in New York geleistet hatten.

Anderson sagte, sie habe ihren Ruf in der Organisation aufs Spiel gesetzt, weil sie glaubte, Missbrauchsfälle ließen sich unterbinden, wenn die Führer angemessen reagieren würden.

„Die Leute in den Versammlungen wissen nicht, neben wem sie sitzen. Die Leute wissen nicht, wen sie zu sich nach Hause einladen“, sagte sie.

Bericht unter Verwendung von Material von Associated Press

Über Jehovas Zeugen:

Charles Taze Russell gründete die Religionsgemeinschaft 1872 in Pittsburgh. Es gibt sechs Millionen Zeugen Jehovas weltweit, darunter eine Million in den Vereinigten Staaten.

Jehovas Zeugen glauben, sie praktizierten die älteste Religion auf Erden. Sie nennen Gott Jehova, ein Name, der aus dem Alten Testament übersetzt wurde.

Jehovas Zeugen glauben nicht an die Trinität. Statt dessen beten sie Jehova an und glauben, Jesus sei Gottes Sohn, geboren als Mensch und auferweckt als Geist. Die Zeugen weigern sich, Waffen zu tragen, die Landesfahne zu grüßen oder an Regierungen teilzuhaben. Sie lehnen auch Bluttransfusionen ab.

Quelle: Associated Press