Stumme
Zeugen
GRAHAM DAVIS, REPORTER: Im Tenniszentrum von Melbourne machen die Götter
des Sportes Platz für das Wahre, wie 10.000 Stimmen den Allmächtigen preisen.
Es sind nur einige von etwa 60.000 Australiern, die zur Wachtturm Bibel- und
Traktat-Gesellschaft gehören, besser bekannt als Zeugen Jehovas.
PREDIGER: Wir müssen eifrige Verkündiger des Königreiches Gottes sein
und als Leuchten für die Welt scheinen.
REPORTER: Es sind die sauberen Evangelisten, die draußen an den Türen
erscheinen und Harmagedon und das Paradies, das für die Gläubigen kommen soll,
predigen.
PREDIGER: Wir besuchen jeden zum zweiten Mal, der auch nur das leiseste
Interesse zeigt, selbst wenn wir nur ein Traktat dagelassen haben.
REPORTER: Und doch haben, wie wir sehen werden, die Hirten, wie sich die
Kirchenführer selbst bezeichnen, für einige der verletzlichsten Menschen der
Herde die Hölle auf Erden geschaffen, und diese sind Geächtete im klassischen
Sinne. Sie haben sich außerhalb der Gesetze gestellt, die Kinder vor Sexualtätern
schützen sollen. Als es Ihnen schließlich dämmerte, dass Sie Zeugin einer
Politik der Vertuschung von Kindesmissbrauch waren, was empfanden Sie da für
sie?
NATALIE WEBB, KINDESMISSBRAUCHSOPFER: Verheerend. Enttäuscht. Wütend.
REPORTER:
Heute erheben Opfer wie Natalie Webb zum ersten Mal die Stimme und klagen die
Kirche an, Verbrechen gegen sie zu vertuschen. Sie wurde von ihrem eigenen Vater
Victor missbraucht, einem äußerlich angesehenen Mitglied der Versammlung
Bentleigh in einem Vorort von Melbourne.
NATALIE WEBB: Meine früheste Erinnerung ist, dass ich mit meinem Vater
badete, und er berührte mich, und von den anderen Dingen um mich herum erkannte
ich, dass ich so etwa vier Jahre alt gewesen sein muss.
REPORTER: Vier Jahre alt?
NATALIE WEBB: Vier, ja.
REPORTER: Und wie lange ging das so mit dem Missbrauch?
NATALIE WEBB: Bis ich … 17 wurde.
REPORTER: 17?
NATALIE WEBB: Mmm-hmm.
REPORTER: Und vermutlich steigerte sich das von ...
NATALIE WEBB: Berührung bis Verkehr, Eindringen.
REPORTER: Natalie lebte mit ihrem schrecklichen Geheimnis, bis sie
verheiratet war – wie alle anderen strahlte ihr Vater an ihrem Hochzeitstag.
Dann war sie nicht mehr in der Lage, es noch länger zu ertragen und erzählte
ihre Geschichte diesem Kirchenältesten, Maurice Hadley. Hat man irgendwie den
Vorschlag gemacht, die Polizei zu rufen?
NATALIE WEBB: Überhaupt nicht. Eigentlich im Gegenteil. Maurice sagte
mir, die Behörden sollten nicht benachrichtigt werden, weil das ein schlechtes
Zeugnis gäbe und sie in der Lage wären, die Situation zu handhaben.
REPORTER: Maurice Hadley hat Ihnen also recht ausdrücklich gesagt, Sie
sollten nicht zur Polizei gehen?
NATALIE WEBB: Ja, ja, und auch keine Psychiater und Psychologen für
mich, weil ich dann Schwierigkeiten bekäme.
REPORTER: Warum hat er Ihnen verboten, zu Psychiatern oder Psychologen zu
gehen?
NATALIE WEBB: Weil das Weltmenschen sind und möglicherweise satanisch,
und sie könnten mir Flausen in den Kopf stecken.
REPORTER: Unglaublich, aber Natalies Geschichte ist die Regel, nicht die
Ausnahme für Kindesmissbrauchsopfer bei den Zeugen Jehovas. Simon Thomas war
12, als er diesem Mann, Robert Souter, aus der Versammlung Corrimal an der Südostküste
von Neusüdwales zum Opfer fiel. Selbst als Souter seine Verbrechen vor den
Kirchenältesten zugab, durfte er weiter ein Zeuge Jehovas bleiben. Er hat auch
weiter andere Kinder belästigt. Hat man irgendwie den Vorschlag gemacht,
deswegen die Polizei zu rufen?
SIMON THOMAS, KINDESMISSBRAUCHSOPFER: Nein, überhaupt nicht. Meine
Eltern sprachen mit den Ortsältesten, sie sprachen mit reisenden Aufsehern, und
man hat ihnen gesagt, sie sollten nicht zur Polizei gehen und das Beste wäre,
die Versammlung rein zu erhalten, nichts zu sagen, mehr zu beten und es Jehova
zu überlassen.
REPORTER: Wie kann man die Versammlung rein erhalten, wenn man schweigt
und so etwas vertuscht, wenn der Unreine wieder zurück darf?
SIMON THOMAS: Nun, ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.
REPORTER: Heute gibt es verwirrende Antworten, eindeutige Beweise, dass
die Wachtturm-Gesellschaft gewohnheitsmäßig versucht, den Lauf der
Gerechtigkeit bei Kindesmissbrauch zu pervertieren, indem sie
Polizeiuntersuchungen behindert.
JIM DONALD, FRÜHERER ÄLTESTER: Dies ist mein Exemplar eines Ältestenbuches,
und dies sind meine handschriftlichen Notizen, so wie uns der Kreisaufseher
angewiesen hat.
REPORTER: Jim Donald ist ein früherer Ältester, der jetzt seine Mitbrüder
mit Einzelheiten einer Verfügung warnt, die so heikel ist, dass sie nie zu
Papier gebracht wurde.
JIM DONALD: Dies war ein Brief an alle Ältestenschaften.
REPORTER: Und hier heißt es: „Kindesmissbrauch vertraulich halten“.
Was steht da?
JIM DONALD: Es heißt da: „Wenn Sozialarbeiter oder die Polizei oder
andere Behörden nachfragen, sagt nicht, dass jemand gestanden hat. Setzt euch
sofort mit der Gesellschaft in Verbindung.“
REPORTER: Wenn also ein Kinderschänder gesagt hat: „Ja, ich habe es
getan“, dann sollen Sie das nicht der Polizei sagen?
JIM DONALD: Nein, keinesfalls.
REPORTER: Glauben Sie, das ist Behinderung?
JIM DONALD: Offensichtlich. Offensichtlich.
REPORTER: Jim Donald ist Friedensrichter, der einmal als Kirchenältester
in der Stadt Glen Innes im Norden von Neusüdwales Jehovas Wort verbreitete. Nun
beschränkt er sich darauf, nachdem er die Kirche vor vier Jahren verlassen hat,
Neuigkeiten in weltlichen Dingen an die Zeitungen in der Umgebung zu verbreiten.
JIM DONALD: Wir sollten jedem Versuch der Behörden widerstehen,
freiwillig Informationen preiszugeben.
REPORTER: Und Sie wussten doch wohl auch, dass das Tagesordnungspunkt
war, dass Sie nicht zusammenarbeiten sollten?
JIM DONALD: Absolut. Sehen Sie, jeder Fall wie dieser wird als Angriff
gegen die reine Anbetung und gegen Jehovas Namen angesehen, und so findet statt,
was sie theokratische Kriegsführung nennen.
REPORTER: Theokratische Kriegsführung?
JIM DONALD: Ja.
REPORTER: Was heißt das?
JIM DONALD: Das bedeutet, dass wir uns im Kampf befinden.
REPORTER: Mit der Polizei? Mit dem Staat?
JIM DONALD: Mit dem Staat.
ANDY FARRELL, FRÜHERES MITGLIED: Sie haben da eine Erklärung, was
theokratische Kriegsführung ist, und das ist im Grunde genommen, man dürfe lügen
oder Dinge vertuschen, wenn es dem Vorhaben Gottes dient.
REPORTER: Andy Farrell verließ die Zeugen Jehovas vor fünf Jahren,
nachdem er vorher das ganze Leben lang dazugehört hatte.
ANDY FARRELL: Sie werden nicht gutheißen, dass man das Gesetz bricht, wo
es um Schwarz oder Weiß geht, sagen wir um einen Mord oder so etwas, aber es
gibt sicher eine Menge Probleme geringeren Ausmaßes, die die Kirche intern zu
behandeln versucht, die aber wahrscheinlich vor ein Gericht gehören.
REPORTER: Kindesmissbrauch?
ANDY FARRELL: Ja, genau.
REPORTER: Hier steht: „Durchsuchungsbefehle und Vorladungen“. Was hat
man Ihnen gesagt?
JIM DONALD: Sie erzwingen sich ihren Weg in den Saal. Wir wurden also
ermutigt, vor der Tür zu stehen und nicht bereit zu sein, die Tür für sie zu
öffnen.
REPORTER: Offiziell leugnet die Kirche jedes Wissen dieser Vorstellung
von einer theokratischen Kriegsführung,, aber Jim Donalds Bericht über die mündliche
Anweisung, nicht mit der Polizei zusammenzuarbeiten, wurde gegenüber Sunday
von einem weiteren früheren Ältesten bestätigt. Er wollte allerdings nicht
gefilmt werden. Es gibt nichts Schriftliches, richtig?
JIM DONALD: Nein.
REPORTER: Überhaupt nichts Schriftliches?
JIM DONALD: Nein.
REPORTER: Glauben Sie, das ist so, weil ihre Rechtsabteilung gewusst hätte,
sie könnte damit in der Zukunft ein Problem haben?
JIM DONALD: Oh, ich denke ja.
REPORTER: Weil sie ein großes Problem bekommen haben, nicht wahr?
JIM DONALD: Ganz sicher, ja.
REPORTER: Und der Mann, der einmal der Anwalt der Gesellschaft war,
stimmt zu.
REV WARRYN STUCKEY, FRÜHERER ANWALT DER WACHTTURM-GESELLSCHAFT: Ich
glaube, es kann die praktische Auswirkung haben, den Lauf der Justiz zu
verdrehen.
REPORTER: Könnte?
REV WARRYN STUCKEY: Es könnte diese praktische Auswirkung haben.
REV WARRYN STUCKEY SPRICHT DIE KIRCHE AN: Wir wollen unseren Gottesdienst
mit unserem erstel Lied, Nummer 673, beginnen – „Es gibt einen Erlöser“.
REPORTER: Reverend Warryn Stuckey hat die Juristerei und die Zeugen
Jehovas hinter sich gelassen und ist anglikanischer Priester geworden. Körperlich
war es eine kurze Reise, denn seine Kirche liegt nur einen Steinwurf weit von
der Wachtturm-Zentrale entfernt. Aber persönlich und theologisch war es ein
bedeutungsvoller Abfall, denn als früherer Ältester und Direktor von
Wachtturm-Untergesellschaften ist er ein mächtiger Zeuge gegen seine früheren
Mitverbundenen.
REV WARRYN STUCKEY: Ich könnte mir vorstellen, wenn es um ein anderes
Verbrechen ginge, wie Mord oder so etwas, dass sie dann voll mitarbeiten würden.
Wenn das in diesem Fall nicht so ist, dann liegt nahe, dass es etwas gibt, das
sie schützen.
REPORTER: Schützen sie den Ruf der Kirche oder sogar vielleicht den
Kinderschänder?
REV WARRYN STUCKEY: Oder insbesondere Kinderschänder.
REPORTER: Die Zeugen Jehovas schirmen tatsächlich gewohnheitsmäßig Pädophile
vor dem Gesetz ab – wie im Fall von Robert Souter, der immer weiter seine
Taten begehen konnte. Man hat das „Pädophilenparadies“ genannt. Würden Sie
dem zustimmen?
JIM DONALD: Ja, ich habe das gehört, ja.
REPORTER: Würden Sie dem zustimmen?
JIM DONALD: Ja.
REPORTER: Sicher?
JIM DONALD: Ja.
REPORTER: Pädophilenparadies?
ANDY FARRELL: Ja.
REPORTER: Sie würden dem zustimmen?
ANDY FARRELL: Ich denke, das stimmt.
REPORTER: Dies war also die Ältestenschaft des Königreichssaales hier?
SIMON THOMAS:
Ja.
REPORTER:
Und im größten Verrat von allen, weit entfern, die Kinder nicht zu hindern,
hat die Kirche ungezähltes Leid zugefügt, das bis ins Erwachsenenalter
andauert.
SIMON THOMAS: Ich erinnere mich, das erste Mal, als er mich berührte und
mir etwas antat, bin ich gerade – das war ein Augenblick, der mein Leben verändert
hat. Es war entsetzlich. Ich wusste nur, danach war ich nicht mehr derselbe.
REPORTER: Jahrelang hat Simon Thomas den Schmerz einer zerstörten
Kindheit im Königreichssaal gepflegt. Nun möchte er, dass seine Geschichte,
wie die Kirche seinen Schänder, Robert Souter, schützte, erzählt wird.
SIMON THOMAS: Es sollte wirklich ein schöner, sicherer Ort sein, aber für
mich und eine Menge anderer Kinder war es das nicht.
REPORTER: Jetzt wissen Sie, nachdem Souter Sie missbraucht hat,
missbrauchte er eine ganze Schar weiterer, nicht wahr?
SIMON THOMAS: Ja.
REPORTER: Wie
viele?
SIMON THOMAS: Ich weiß selbst von zehn, aber die Polizei hat gesagt, es
ollen etwa vierzig sein.
REPORTER: Vierzig weitere?
SIMON THOMAS: Von denen sie wissen.
REPORTER: Nach Ihnen?
SIMON THOMAS: Nach mir.
REPORTER: Hätte die Kirche auf Ihr Flehen gehört, wie vielen wäre das
dann erspart geblieben?
SIMON THOMAS: Nun, ich denke, allen.
REPORTER: Allen – vierzig Kindern?
SIMON THOMAS: Ich denke, es wäre ihnen allen erspart geblieben.
REPORTER: Ingleburn, Südwest-Sydney, das Bethel oder Haus Gottes der
Wachtturm-Gesellschaft, die australische Zentrale, erstreckt sich dort. Über
300 Menschen leben und arbeiten auf diesem Anwesen, zu dem auch eine Druckerei
gehört, wo Wachtturm-Stoff in 70 Sprachen gedruckt wird. In der Rechtsabteilung
hier wird jeder Fall von Kindesmissbrauch, den die Kirche kennt, sorgfältig in
Akten verzeichnet, aber er wird nicht den Behörden gemeldet. Die Kirche
betrachtet solche Fälle als vertraulich. Wie viele Kinderschänder sind dort in
den Akten? Nun, die Kirche sagt uns ausdrücklich,, das gehe uns nichts an. Aber
jedes Mal bei dieser Untersuchung stießen wir auf Opfer, die nichts sagen
wollten – nicht wegen der Kinderschänder, sondern wegen der Kirche –, sie
hatten Angst, ihre Freunde, sogar die Familie zu verlieren. Die Kirche nennt
das: „Die Versammlung rein erhalten“. Nicht rein von Pädophilen, sondern
von allem, was den Ruf der Wachtturm-Gesellschaft schädigt. Wie, denken Sie,
wird die Kirche Sie von jetzt an behandeln?
SIMON THOMAS: Ich weiß es nicht. Das bleibt abzuwarten. Aber ich würde
lieber etwas sagen, als ruhig zu sein und länger zu warten.
REPORTER: Erstaunlicherweise rechnet sich Simon noch immer zu den Zeugen,
wohingegen Natalie Webb die Kirche verlassen hat, unfähig, mit dem blinden
Augen fertig zu werden, das sie der Verderbtheit ihres Vaters zuwandte.
NATALIE WEBB: Weil mein Vater Sex mit Tieren und lesbische Beziehungen
und alles so etwas haben wollte.
REPORTER: Und Sie haben ihnen dass gesagt?
NATALIE WEBB: Oh ja, ja, sie wussten das, und sie haben gesagt: „Wir müssen
für eine Entscheidung keine Einzelheiten kennen. Wir werden von Gott
geleitet.“
PREDIGER: Jehova, unser Gott der Liebe, wir kommen vor deinen hohen Thron
und bitten dich, uns zu erhören.
REPORTER: Aber ehe wir diese Fälle im einzelnen untersuchen, müssen wir
etwas verstehen, was die Zeugen Jehovas von anderen trennt, was ihre Kritiker
zweifeln lässt, dass sie durch die Anschuldigungen, die bei den großen Kirchen
wie den Anglikanern und Katholiken Änderungen erzwungen haben, beschämt
werden, so dass sie sich ändern. Besteht irgendeine Chance, dass die
Organisation sich selbst reformiert?
REV WARRYN STUCKEY:
Nein.
REPORTER:
Keine?
REV WARRYN STUCKEY: Keine.
REPORTER: Wenn es also eine Reform gibt, wie sie mit Kindesmissbrauch
umgehen, dann muss sie ihnen aufgezwungen werden?
REV WARRYN STUCKEY: Ja.
REPORTER: Für die Zeugen Jehovas gibt es nur eine wahre Religion –
ihre. Jehova Gott, der einzige Gott, sein Wort in der Bibel wird wörtlich
genommen. Der Akt der Taufe durch völliges Untertauchen symbolisiert die totale
Unterwerfung unter Jehova und seine einzig rechtmäßige Macht auf Erden, die
Wachtturm-Gesellschaft. Die Zeugen nennen das, worin sie leben, die
„Wahrheit“. Der Rest von uns ist „in der Welt“, einer Welt, von der die
Kirche meint, sie werde von Satan beherrscht.
PREDIGER: Wenn Sie beschließen, Sie möchten Ihre eigenen Wege gehen,
gut, dass können Sie. Aber seien Sie vorsichtig, die Welt wird betrogen. Sie
wird vom Teufel betrogen.
REPORTER: Und Satan hat viele Versuchungen, selbst in einem vollen Raum.
Jehovas Zeugen dürfen nicht außerhalb der Kirche heiraten, an sich eine Quelle
vielen Herzeleids. Was waren die Umstände, die Sie dazu führten, zu gehen?
JIM DONALD: Ich ging zur Hochzeit eines Sohnes.
REPORTER: Ihres eigenen Sohnes?
JIM DONALD: Meines eigenen Sohnes, ja.
REPORTER: Was war daran verkehrt?
JIM DONALD: Nun, er hat ein junges Mädchen geheiratet, das Anglikanerin
war. Nun werden alle anderen Kirchen als Abkömmlinge des Teufels angesehen.
Also sagten sie – und ich zitiere den Mann, der damals Zweigkoordinator war
– „Man gibt seine Kinder nicht den Philistern.“
REPORTER: Aber die Kritik geht weiter. Jehovas Zeugen können nicht wählen,
können nicht zum Militär gehen, dürfen kein Weihnachten feiern, nicht einmal
den eigenen Geburtstag.
ANDY FARRELL: Geburtstage, weil man meint, da werde einer einzelnen
Person zu viel Aufmerksamkeit geschenkt Bei
Weihnachten versteht, glaube ich, jeder, dass eine Menge mit Weihnachten
verbundene Symbolik offensichtlich nicht christlich ist, es kommt von anderen
Praktiken auf der ganzen Welt, und das benutzen sie zu ihrer Rechtfertigung.
REPORTER: Am umstrittensten von allem ist, dass Zeugen Jehovas keine
Bluttransfusionen haben können, eine Verfügung, die sich auf eine obskure
Bibelstelle gründet und die Tausende von Menschenleben weltweit forderte.
REV WARRYN STUCKEY: Ich war damals 18, mein Bruder war 20. Er hat sich im
Nebenzimmer erschossen. Äh, er schoss sich in den Kopf. Wir rannten hinein, er
blutete überall – wissen Sie, aus den Ohren, der Nase, aus allem. Mein erster
Gedanke, den ich meinen Eltern sagte, war: „Was immer ihr tut, lasst sie ihm
keine Bluttransfusion geben.“
REPORTER: Man hatte Ihnen also das Gehirn gewaschen?
REV WARRYN STUCKEY: Ich hatte eine Gehirnwäsche. Das war, was ich
dachte, er darf keine Bluttransfusion haben. Mein Bruder lag da sterbend vor
mir, und das war mein erster Gedanke.
REPORTER: Ihr erster Gedanke.
REV WARRYN STUCKEY: Mein erster Gedanke.
REPORTER: Wie denken Sie darüber?
REV WARRYN STUCKEY: Oh, ich bin nahe an den Tränen, wenn ich daran
denke. Es war einfach so herzlos, so ... ja, das ist es, was die Religion tut.
REPORTER: Schlimm.
REV WARRYN STUCKEY: Schlimm. Schlimm.
SIMON THOMAS:
Einiges davon hier im Saal ...
REPORTER: Und dann ist da der Kindesmissbrauch, alle Elemente von
Ausbeutung, Verrat und Vertuschen in der Geschichte, was Simon Thomas passierte.
Er hat Sie tatsächlich in der Kirche selbst belästigt?
SIMON THOMAS: Im Königreichssaal, ja, ja.
REPORTER: Erstaunlich.
SIMON THOMAS: Ja, im Rückblick ist das erstaunlich.
REPORTER: Und ebenso erstaunlich ist Natalie Webbs Geschichte. Der
Missbrauch durch ihren Vater verschlimmert durch die herzlose Teilnahmslosigkeit
der Kirchenführer, als sie sie darauf aufmerksam machte. Sie müssen
niedergeschmettert gewesen sein?
NATALIE WEBB: Nun, ein paar Wochen später versuchte ich, mir das Leben
zu nehmen, weil ich nicht damit fertig wurde.
REPORTER: Sie haben also versucht, Selbstmord zu begehen?
NATALIE WEBB: Mm.
REPORTER: Haben Sie daraufhin überhaupt Hilfe von ihnen bekommen?
NATALIE WEBB: Sie haben sich mit mir zusammengesetzt und mir den Rat
gegeben, das sei gewesen, weil ich meinem Vater nicht vergeben habe, und darum
sei ich nicht damit fertig geworden.
SIMON THOMAS: Nun, mir hat man gesagt, ich solle aushalten, bis das Ende
... ich solle im Glauben bleiben. Das beweise meinen Glauben. Und man hat mir
gesagt, ich solle es Jehova überlassen, weil Jehova es lösen werde, aber warum
können wir diese Dinge, die geschehen, nicht offen legen und sie dann Jehova überlassen?
REPORTER: In Teil zwei die schockierenden Einzelheiten dieser
Vertuschungen. Ja, ich wollte nur über den Fall von sexuellem Missbrauch an
Natalie Webb mit Ihnen reden. Und wir stellen uns den Ältesten gegenüber, die
sich, in Jehovas Namen und mit der Rückenstärkung durch die Kirche, die Behörden
vom Leib hielten. Erinnern Sie sich daran, dass Sie ihr gesagt haben, sie solle
nicht zur Polizei gehen?
MAURICE HADLEY, KIRCHENÄLTESTER: Keineswegs.
REPORTER: Sie hat es aber gesagt?
MAURICE HADLEY: Nun, dann steht ihr Wort gegen meines?
REPORTER: Wie viele Opfer von Kindesmissbrauch behielt Natalie Webb ihr
Geheimnis bis ins Erwachsenenalter, aber mit 26 konnte sie es nicht länger
aushalten. Es war ihr Mann, der die Dinge schließlich zuspitzte.
NATALIE WEBB: Er rief meinen Vater an und sagte: „Wir können damit
nicht mehr leben. Das muss bekannt werden. Ich gebe dir eine Woche, zu den Ältesten
zu gehen.“
REPORTER: Aber Victor Webb hatte nicht vor, ein Geständnis abzulegen, so
wurde er entlarvt. OK, also ging Ihr Mann zu den Ältesten. Zu welchem Ältesten
ging er?
NATALIE WEBB: Zu Maurice Hadley.
MAURICE HADLEY:
Maurice Hadley, ja, ich bin Maurice Hadley.
REPORTER:
Hallo – Graham Davis von Sunday. Ich wollte mit Ihnen über den
sexuellen Missbrauch an Natalie Webb sprechen.
MAURICE HADLEY: Oh, richtig.
REPORTER: Sie kennen ihren Vater?
MAURICE HADLEY: Nun ja, tatsächlich.
REPORTER: Sie spielten immer Tennis mit ihm, nicht wahr?
MAURICE HADLEY: (lacht) Woher haben Sie alle diese Informationen?
REPORTER: Nun, wir haben unsere Quellen. Haben Sie immer noch Kontakt zu
Vic?
MAURICE HADLEY: Oh, gelegentlich.
REPORTER: Was hat Maurice Hadley zu ihm gesagt?
NATALIE WEBB: Äh, er war sehr schockiert und konnte es nicht glauben.
REPORTER: Weil Ihr Vater so fromm gewesen war?
NATALIE WEBB: Und weil sie Freunde waren.
REPORTER: Wie denken Sie über das, was er seiner Tochter angetan hat?
MAURICE HADLEY: Oh, ich denke, das ist bedauerlich. Völlig widerwärtig.
REPORTER: Warum hatte ...
MAURICE HADLEY: Und ich habe das Verhalten dieses Mannes nie gutgeheißen.
REPORTER: Als hoher Ältester im örtlichen Königreichssaal bildete
Maurice Hadley ein Rechtskomitee. Auf diese Weise behandelt die Kirche jedes
Vergehen gegen ihren Verhaltenskodex, vom Rauchen einer Zigarette bis zu
schweren Verbrechen.
NATALIE WEBB: Da waren mit ihm drei Älteste in diesem Komitee. Und
anscheinend – das hat Maurice mir gesagt – sprachen sie mit dem Bethel in
Sydney und entschieden unter sich, dass niemand etwas erfahren sollte, es sollte
eine private Zurechtweisung sein.
REPORTER: Für den sexuellen Missbrauch seiner Tochter von vier Jahren
ab, ein Verbrechen, das er bereitwillig zugab, war alles, was Victor Webb
erhielt, eine private Zurechtweisung hinter verschlossenen Türen. Eine private
Zurechtweisung?
NATALIE WEBB: Eine private … ja, und dann wollte man mit ihm die Bibel
studieren, denn das sei das, was nicht mit ihm stimmte – er sei geistig krank,
hat man ihm gesagt.
REPORTER: Zumindest hatte Natalie Webb gewollt, dass man ihrem Vater die
Gemeinschaft entzog – dass er aus der Versammlung geworfen wurde – die höchste
Strafe für Zeugen Jehovas. Aber das geschah nicht. Warum haben ihm die Ältesten
der Kirche für das, was er tat, nicht die Gemeinschaft entzogen?
MAURICE HADLEY: Warum haben sie nicht?
REPORTER: Ja. Warum haben Sie es nicht getan?
MAURICE HADLEY: Nun, ich bin niemand, der Entscheidungen trifft.
REPORTER: Doch.
MAURICE HADLEY:
Nein, nein, ich war nur einer von ihnen – ich war im Komitee – gehörte
damals zum Komitee.
REPORTER: Können Sie mir sagen, warum ihm nicht die Gemeinschaft
entzogen wurde?
MAURICE HADLEY: Nun, das kann ich jetzt nicht.
NATALIE WEBB: Ich hatte mein ganzes Leben lang immer gedacht, wenn man
etwas Verkehrtes tut, wird einem die Gemeinschaft entzogen, und ich glaube, ich
wurde etwas verrückt und konnte die Sache einfach nicht lösen.
REPORTER: Eine geheime Überlegung, eine private Zurechtweisung, keine
Zuflucht zu den zuständigen Behörden. Gingen Sie zur Polizei?
MAURICE HADLEY: … was vernünftig wäre – nein, ich bin nicht
gegangen.
REPORTER: Warum nicht?
MAURICE HADLEY: Nun, das musste die Familie entscheiden und tun.
NATALIE WEBB: Maurice sagte mir, die Behörden sollten nicht
benachrichtigt werden, weil das ein schlechtes Zeugnis wäre, und sie würden
mit der Situation schon umgehen können.
REPORTER: Also hat Maurice Hadley Ihnen ausdrücklich gesagt ...
NATALIE WEBB: Mmm-hmm, ja.
REPORTER: … nicht zur Polizei zu gehen?
NATALIE WEBB: Ja.
MAURICE HADLEY: Ja, und ich sage, das stimmt nicht.
REPORTER: Das können Sie beschwören?
MAURICE HADLEY: Das beschwöre ich kategorisch.
REPORTER: Sie haben ihr das nie gesagt?
MAURICE HADLEY: Ich habe ihr das nie gesagt.
REPORTER: Und doch gibt es da etwas, das Natalies Behauptung Gewicht
verleiht -- ein Brief ihrer Mutter
an Maurice Hadley und die anderen Ältesten aus dem Jahre 1997.
“Eure Unfähigkeit und euer Widerstreben, sich mit der Polizei abzugeben,
zeigt, dass wir auf ewig hätten warten sollen.“
REPORTER: Inzwischen hatte die Familie genug und war selbst zur Polizei
gegangen.
NATALIE WEBB: Weil ich nie etwas mit der Polizei zu tun hatte, war ich
sehr ängstlich, aber sie waren der mitfühlendste, wunderbarste Haufen Leute,
und ich war so überrascht. Ich habe von ihnen mehr Fürsorge und Interesse
erfahren als von irgendeinem Ältesten. Echtes
Interesse.
REPORTER:
Victor Webb bekannte sich vor dem Gericht von Victorian County in acht Fällen
des unsittlichen Angriffs und in sieben Fällen des Inzests schuldig. Er wurde für
10 Jahre ins Gefängnis geschickt, aber die Kirchenältesten unterstützten den
Verbrecher, nicht sein Opfer.
NATALIE WEBB: Sie schickten drei Vertreter der Versammlung zu Vater, ja,
und ...
REPORTER: Während des Prozesses?
NATALIE WEBB: Während des Prozesses, und mir schickten sie niemanden.
Eigentlich ignorierten sie uns, als wir in den Gerichtssaal kamen, sie wollten
nicht einmal mit uns sprechen. Ich nehme an, sie dachten, ich sei satanisch oder
auf dem Weg dahin.
REPORTER: Aber der wirkliche Übeltäter wird noch hinter Gittern unterstützt.
Gehen Sie zu ihm ins Gefängnis?
MAURICE HADLEY: Ich besuche ihn hin und wieder.
REPORTER: Sie besuchen ihn also im Gefängnis?
MAURICE HADLEY: Etwa zwei Mal im Jahr.
REPORTER: Und warum tun Sie das?
MAURICE HADLEY: Warum ich es tue?
REPORTER: Mm.
MAURICE HADLEY:
Nun, glauben Sie nicht, Leute können sich ändern?
REPORTER: Bis heute ist Victor Webb nicht ausgeschlossen worden, obwohl
die private zu einer öffentlichen Zurechtweisung wurde, als die Polizei
eingeschaltet war.
MAURICE HADLEY: Ja, vor allen Zuschauern wurde anderen Mitgliedern der
Versammlung seine Situation bekannt gegeben, so dass Eltern, wenn sie wollten,
Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, um Situationen zu entgehen, wo ihre Kinder in
Gefahr kämen.
REPORTER: Und das war es dann. Wie denken Sie heute über die Kirche?
NATALIE WEBB: Mm, äh... Ich bin immer noch sehr enttäuscht. Je mehr ich
höre, um so trauriger bin ich, dass das überall so überhand genommen hat. Das
macht einen traurig.
REPORTER: Und dann sind da die anderen Vertuschungen in der Kirche, die
noch schwerwiegendere Folgen hatten, weil Pädophile immer wieder ihre Taten verüben
konnten. Was mit Simon Thomas geschah, ist eine über alle Maßen schockierende
Anklage gegen die Zeugen Jehovas und ein vorsätzliches Missachten des Gesetzes.
Hierher hat er Sie also gebracht oder ist Ihnen gefolgt, nicht wahr?
SIMON THOMAS:
Ja.
REPORTER:
Wir sind hier an der Stelle, wo Simon, gerade einmal 12 Jahre alt, zum ersten
Mal seinen Schänder Robert Souter traf.
SIMON THOMAS: Wissen Sie, er hat mich befummelt und darüber gelacht,
oder er hat mich aufs Ohr geschlagen oder mir einen Hieb versetzt, und ...
REPORTER: Nur um das klarzustellen, Sie gingen mit ihm?
SIMON THOMAS: … nur um sicherzugehen, habe ich, ja. Und dann ist er zurückgekommen.
REPORTER: Und dann gab es da noch das regelmäßige Bibelstudium im Haus
von Robert Souter
SIMON THOMAS: Wahrscheinlich das Schlimmste, was mir in dem Haus
passierte.
REPORTER: Und wir reden über extremen Missbrauch?
SIMON THOMAS: Ja, extrem, ja, extremen Missbrauch. Zuerst war es fast
unwirklich. So, als würde das nicht geschehen, aber ich hatte Angst, etwas zu
sagen. Es ist einfach das Ungewöhnliche – ich hatte einfach Angst, weil ich
nicht wollte, dass meine Eltern sich aufregten, und ich wollte nicht, dass die
Versammlung sich aufregt, ich wollte nicht, dass man Schlechtes über die Zeugen
Jehovas sagt, so habe ich es im Grunde genommen nur ...
REPORTER: Für sich behalten?
SIMON THOMAS: … für mich behalten, mir selbst eins verpasst.
REPORTER: Wie lange?
SIMON
THOMAS: Etwa
drei Jahre.
REPORTER: Dann, eines Abends, eine schockierende Offenbarung. Simons jüngerer
Bruder hatte auf einem Kirchenausflug in die New Territories einen
Nervenzusammenbruch.
SIMON THOMAS: Er rief meine Eltern an und erzählte ihnen, Robert Souter
habe ihn missbraucht, und es war entsetzlich, die Situation war schrecklich. So
ging mein Vater zu einem der Ältesten und sagte: „Schau, Robert Souter hat
mit meinem Sohn dies und jenes getan.“ Der Älteste sagte: „O.K., wir werden
uns der Sache annehmen.“ Und ich hörte dies offensichtlich und ging zu dem Ältesten,
mit dem mein Vater gesprochen hatte, und sagte: „Schau, mein Bruder sagt die
Wahrheit, denn das ist mir auch passiert.“
REPORTER: Können Sie mir den Namen des Ältesten sagen?
SIMON THOMAS: Der Älteste, mit dem wir damals sprachen, war John Wingate.
REPORTER: John Wingate?
JOHN WINGATE,
KIRCHENÄLTESTER: Das ist richtig.
REPORTER: Ja, ich bin Graham Davis vom Programm Sunday auf Kanal
9. Ich wollte mit Ihnen über Robert Souter und den Missbrauch an den
Thomas-Jungen in Wollongong reden.
JOHN WINGATE: Kein Kommentar.
REPORTER: Die Jungen kamen zuerst zu Ihnen, nicht wahr, die Familie kam
zuerst zu Ihnen?
JOHN WINGATE: Kein Kommentar.
REPORTER: Nun, Simon Thomas hat es uns gesagt, daher wissen wir es. John
Wingate ist immer noch Ältester der Versammlung Cooma im Süden von Neusüdwales,
wohin Robert Souter gezogen ist, und wir wissen jetzt, dass er auch dort
angefangen hat, Kinder im Königreichssaal zu missbrauchen. Was hat Wingate
Ihnen gesagt?
SIMON THOMAS: Nun, er sagte -- er schien es sehr ernst zu nehmen und
sagte: „Schau.“ Er sagte: „Wir werden das ausfindig machen, überlass es
mir.“ Und das war das Letzte, was wir davon hörten.
REPORTER: Sie sagten zu ihm: „Überlass es mir.“ Er sagt, das war das
Letzte, was er davon hörte. Glaubten Sie, Sie hatten die Verantwortung, zu der
Familie zurückzugehen?
JOHN WINGATE: Ich habe keinen Kommentar für Sie. Nein, ich habe keinen
Kommentar für Sie.
REPORTER: Was die Familie nicht wusste, John Wingate und die anderen Ältesten
handelten. Sie entzogen Robert Souter die Gemeinschaft, warfen ihn aus der
Versammlung. Aber das war nicht lange bevor die Thomas-Familie eine verheerende
Nachricht erhielt.
SIMON THOMAS: Etwa nach sechs Monaten nahmen sie ihn wieder in die
Versammlung Cooma auf.
REPORTER: Was haben Sie gedacht, als man Ihnen das sagte?
SIMON THOMAS: Ich konnte es nicht glauben. Ich war wie betäubt und
unglaublich verärgert.
REPORTER: Was die Familie wissen will, ist, warum er etwa sechs Monate später
wieder in die Kirche aufgenommen wurde.
JOHN WINGATE: Telefonieren Sie mit der Wachtturm-Gesellschaft von
Australien, und sie werden Ihnen Ihre Fragen zu der Situation beantworten.
REPORTER: Können Sie mir sagen, warum ...
JOHN WINGATE: Ich kann dazu nichts bemerken.
REPORTER: Warum können Sie nicht darüber reden?
JOHN WINGATE: Weil ich dazu nicht berechtigt bin.
REPORTER: Warum?
JOHN WINGATE: Weil ich es nicht bin.
REPORTER: Sie handhabten den Fall.
JOHN WINGATE: Das geht Sie nichts an.
SIMON THOMAS: Ich sprach mit einem Ältesten dort unten, und er sagte,
Robert Souter habe bereut. Wenn man also bereut, darf man wieder in die
Versammlung zurück.
JOHN WINGATE: Haben Sie Probleme mit dem Hören? Haben Sie eine Hörbehinderung?
Ich habe Ihnen eben gesagt ...
REPORTER: Ich versuche, ein paar Antworten zu finden.
JOHN WINGATE: Sie werden keine Antworten aus mir herausbekommen, weil ich
Ihnen gesagt habe ...
REPORTER: Wenn die Ältesten keine Antwort geben, sehen wir uns die
Wachtturm-Richtlinien für die Behandlung von Kindesmissbrauch an.
”Wenn ein Rechtskomitee zu dem Schluss kommt, dass ein Kinderschänder bereut
und ein Glied der Christenversammlung bleiben möchte, dann wäre es angemessen,
mit ihm sehr offen zu reden und ihn sehr auf die Gefahren hinzuweisen, wenn er
Kinder umarmt oder auf dem Schoß sitzen hat.“
REPORTER: Ich meine, welche Art Abschreckungsmittel ist das?
JIM DONALD: (lacht) Nun, keines, offensichtlich, denn diese Dinge wären
einfach das, was sie in den Augen der Öffentlichkeit sind. Was der Sichtweise
der Gesellschaft bei dieser Situation von Kindesmissbrauch entgeht, ist, dass
das alles im Geheimen stattfindet.
REPORTER: So geheim ist Kindesmissbrauch, dass Simon Thomas dachte, er
allein werde von Robert Souter missbraucht, bis er das mit seinem jüngeren
Bruder und dann später auch mit einem anderen Bruder herausfand. Hatten Sie
Schuldgefühle, dass Sie in der Lage gewesen sein könnten, Ihren beiden Brüdern
das zu ersparen?
SIMON THOMAS: Ja, von da ab, und ich habe immer noch Schuldgefühle. Das
ist ein Teil des Grundes, warum ich das tue, was ich heute tue. Wenn ich damals
etwas gesagt hätte, hätte ich viele andere gerettet – ihnen vielleicht in
irgendeiner Weise helfen können, Dutzenden anderer.
REPORTER: Vielleicht auch nicht. Denn die außergewöhnlichste Verfügung,
auf der das Regelbuch der Zeugen Jehovas besteht, lautet: „Es muss zwei oder
drei Augenzeugen geben, nicht nur Personen, die wiederholen, was sie gehört
haben. Wenn nur ein Zeuge da ist, kann nichts unternommen werden.“
REPORTER: Wer meint, ein Kinderschänder sitze da und warte auf zwei oder
drei Zeugen, ehe er etwas tut, muss schon sehr blind sein.
JIM
DONALD: Das
stimmt.
REPORTER: Wie kann das den Ältesten der Kirche entgehen?
JIM DONALD: Sie stützen sich auf einen Bibeltext, wo es heißt, dass
alle Angelegenheiten aus dem Mund zweier oder dreier Zeugen festgestellt werden
müssen.
REPORTER: Wie Jim Donald das sagt, hat diese Regel die traurigen Schreie
der Opfer immer wieder erstickt, und das war ein wichtiger Faktor dafür, dass
er die Kirche für immer verlassen hat.
JIM DONALD: Ein junges Mädchen stellte die Beschuldigung auf, diese
besondere Person habe sich an ihren Geschlechtsteilen zu schaffen gemacht. Ja.