Stumme Zeugen

GRAHAM DAVIS, REPORTER: Im Tenniszentrum von Melbourne machen die Götter des Sportes Platz für das Wahre, wie 10.000 Stimmen den Allmächtigen preisen. Es sind nur einige von etwa 60.000 Australiern, die zur Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft gehören, besser bekannt als Zeugen Jehovas.

PREDIGER: Wir müssen eifrige Verkündiger des Königreiches Gottes sein und als Leuchten für die Welt scheinen.

REPORTER: Es sind die sauberen Evangelisten, die draußen an den Türen erscheinen und Harmagedon und das Paradies, das für die Gläubigen kommen soll, predigen.

PREDIGER: Wir besuchen jeden zum zweiten Mal, der auch nur das leiseste Interesse zeigt, selbst wenn wir nur ein Traktat dagelassen haben.

REPORTER: Und doch haben, wie wir sehen werden, die Hirten, wie sich die Kirchenführer selbst bezeichnen, für einige der verletzlichsten Menschen der Herde die Hölle auf Erden geschaffen, und diese sind Geächtete im klassischen Sinne. Sie haben sich außerhalb der Gesetze gestellt, die Kinder vor Sexualtätern schützen sollen. Als es Ihnen schließlich dämmerte, dass Sie Zeugin einer Politik der Vertuschung von Kindesmissbrauch waren, was empfanden Sie da für sie?

NATALIE WEBB, KINDESMISSBRAUCHSOPFER: Verheerend.
Enttäuscht. Wütend.

REPORTER: Heute erheben Opfer wie Natalie Webb zum ersten Mal die Stimme und klagen die Kirche an, Verbrechen gegen sie zu vertuschen. Sie wurde von ihrem eigenen Vater Victor missbraucht, einem äußerlich angesehenen Mitglied der Versammlung Bentleigh in einem Vorort von Melbourne.

NATALIE WEBB: Meine früheste Erinnerung ist, dass ich mit meinem Vater badete, und er berührte mich, und von den anderen Dingen um mich herum erkannte ich, dass ich so etwa vier Jahre alt gewesen sein muss.

REPORTER: Vier Jahre alt?

NATALIE WEBB: Vier, ja.

REPORTER: Und wie lange ging das so mit dem Missbrauch?

NATALIE WEBB: Bis ich … 17 wurde.

REPORTER: 17?

NATALIE WEBB: Mmm-hmm.

REPORTER: Und vermutlich steigerte sich das von ...

NATALIE WEBB: Berührung bis Verkehr, Eindringen.

REPORTER: Natalie lebte mit ihrem schrecklichen Geheimnis, bis sie verheiratet war – wie alle anderen strahlte ihr Vater an ihrem Hochzeitstag. Dann war sie nicht mehr in der Lage, es noch länger zu ertragen und erzählte ihre Geschichte diesem Kirchenältesten, Maurice Hadley. Hat man irgendwie den Vorschlag gemacht, die Polizei zu rufen?

NATALIE WEBB: Überhaupt nicht. Eigentlich im Gegenteil. Maurice sagte mir, die Behörden sollten nicht benachrichtigt werden, weil das ein schlechtes Zeugnis gäbe und sie in der Lage wären, die Situation zu handhaben.

REPORTER: Maurice Hadley hat Ihnen also recht ausdrücklich gesagt, Sie sollten nicht zur Polizei gehen?

NATALIE WEBB: Ja, ja, und auch keine Psychiater und Psychologen für mich, weil ich dann Schwierigkeiten bekäme.

REPORTER: Warum hat er Ihnen verboten, zu Psychiatern oder Psychologen zu gehen?

NATALIE WEBB: Weil das Weltmenschen sind und möglicherweise satanisch, und sie könnten mir Flausen in den Kopf stecken.

REPORTER: Unglaublich, aber Natalies Geschichte ist die Regel, nicht die Ausnahme für Kindesmissbrauchsopfer bei den Zeugen Jehovas. Simon Thomas war 12, als er diesem Mann, Robert Souter, aus der Versammlung Corrimal an der Südostküste von Neusüdwales zum Opfer fiel. Selbst als Souter seine Verbrechen vor den Kirchenältesten zugab, durfte er weiter ein Zeuge Jehovas bleiben. Er hat auch weiter andere Kinder belästigt. Hat man irgendwie den Vorschlag gemacht, deswegen die Polizei zu rufen?

SIMON THOMAS, KINDESMISSBRAUCHSOPFER: Nein, überhaupt nicht. Meine Eltern sprachen mit den Ortsältesten, sie sprachen mit reisenden Aufsehern, und man hat ihnen gesagt, sie sollten nicht zur Polizei gehen und das Beste wäre, die Versammlung rein zu erhalten, nichts zu sagen, mehr zu beten und es Jehova zu überlassen.

REPORTER: Wie kann man die Versammlung rein erhalten, wenn man schweigt und so etwas vertuscht, wenn der Unreine wieder zurück darf?

SIMON THOMAS: Nun, ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.

REPORTER: Heute gibt es verwirrende Antworten, eindeutige Beweise, dass die Wachtturm-Gesellschaft gewohnheitsmäßig versucht, den Lauf der Gerechtigkeit bei Kindesmissbrauch zu pervertieren, indem sie Polizeiuntersuchungen behindert.

JIM DONALD, FRÜHERER ÄLTESTER: Dies ist mein Exemplar eines Ältestenbuches, und dies sind meine handschriftlichen Notizen, so wie uns der Kreisaufseher angewiesen hat.

REPORTER: Jim Donald ist ein früherer Ältester, der jetzt seine Mitbrüder mit Einzelheiten einer Verfügung warnt, die so heikel ist, dass sie nie zu Papier gebracht wurde.

JIM DONALD: Dies war ein Brief an alle Ältestenschaften.

REPORTER: Und hier heißt es: „Kindesmissbrauch vertraulich halten“. Was steht da?

JIM DONALD: Es heißt da: „Wenn Sozialarbeiter oder die Polizei oder andere Behörden nachfragen, sagt nicht, dass jemand gestanden hat. Setzt euch sofort mit der Gesellschaft in Verbindung.“

REPORTER: Wenn also ein Kinderschänder gesagt hat: „Ja, ich habe es getan“, dann sollen Sie das nicht der Polizei sagen?

JIM DONALD: Nein, keinesfalls.

REPORTER: Glauben Sie, das ist Behinderung?

JIM DONALD: Offensichtlich. Offensichtlich.

REPORTER: Jim Donald ist Friedensrichter, der einmal als Kirchenältester in der Stadt Glen Innes im Norden von Neusüdwales Jehovas Wort verbreitete. Nun beschränkt er sich darauf, nachdem er die Kirche vor vier Jahren verlassen hat, Neuigkeiten in weltlichen Dingen an die Zeitungen in der Umgebung zu verbreiten.

JIM DONALD: Wir sollten jedem Versuch der Behörden widerstehen, freiwillig Informationen preiszugeben.

REPORTER: Und Sie wussten doch wohl auch, dass das Tagesordnungspunkt war, dass Sie nicht zusammenarbeiten sollten?

JIM DONALD: Absolut. Sehen Sie, jeder Fall wie dieser wird als Angriff gegen die reine Anbetung und gegen Jehovas Namen angesehen, und so findet statt, was sie theokratische Kriegsführung nennen.

REPORTER: Theokratische Kriegsführung?

JIM DONALD: Ja.

REPORTER: Was heißt das?

JIM DONALD: Das bedeutet, dass wir uns im Kampf befinden.

REPORTER: Mit der Polizei? Mit dem Staat?

JIM DONALD: Mit dem Staat.

ANDY FARRELL, FRÜHERES MITGLIED: Sie haben da eine Erklärung, was theokratische Kriegsführung ist, und das ist im Grunde genommen, man dürfe lügen oder Dinge vertuschen, wenn es dem Vorhaben Gottes dient.

REPORTER: Andy Farrell verließ die Zeugen Jehovas vor fünf Jahren, nachdem er vorher das ganze Leben lang dazugehört hatte.

ANDY FARRELL: Sie werden nicht gutheißen, dass man das Gesetz bricht, wo es um Schwarz oder Weiß geht, sagen wir um einen Mord oder so etwas, aber es gibt sicher eine Menge Probleme geringeren Ausmaßes, die die Kirche intern zu behandeln versucht, die aber wahrscheinlich vor ein Gericht gehören.

REPORTER: Kindesmissbrauch?

ANDY FARRELL: Ja, genau.

REPORTER: Hier steht: „Durchsuchungsbefehle und Vorladungen“. Was hat man Ihnen gesagt?

JIM DONALD: Sie erzwingen sich ihren Weg in den Saal. Wir wurden also ermutigt, vor der Tür zu stehen und nicht bereit zu sein, die Tür für sie zu öffnen.

REPORTER: Offiziell leugnet die Kirche jedes Wissen dieser Vorstellung von einer theokratischen Kriegsführung,, aber Jim Donalds Bericht über die mündliche Anweisung, nicht mit der Polizei zusammenzuarbeiten, wurde gegenüber Sunday von einem weiteren früheren Ältesten bestätigt. Er wollte allerdings nicht gefilmt werden. Es gibt nichts Schriftliches, richtig?

JIM DONALD: Nein.

REPORTER: Überhaupt nichts Schriftliches?

JIM DONALD: Nein.

REPORTER: Glauben Sie, das ist so, weil ihre Rechtsabteilung gewusst hätte, sie könnte damit in der Zukunft ein Problem haben?

JIM DONALD: Oh, ich denke ja.

REPORTER: Weil sie ein großes Problem bekommen haben, nicht wahr?

JIM DONALD: Ganz sicher, ja.

REPORTER: Und der Mann, der einmal der Anwalt der Gesellschaft war, stimmt zu.

REV WARRYN STUCKEY, FRÜHERER ANWALT DER WACHTTURM-GESELLSCHAFT: Ich glaube, es kann die praktische Auswirkung haben, den Lauf der Justiz zu verdrehen.

REPORTER: Könnte?

REV WARRYN STUCKEY: Es könnte diese praktische Auswirkung haben.

REV WARRYN STUCKEY SPRICHT DIE KIRCHE AN: Wir wollen unseren Gottesdienst mit unserem erstel Lied, Nummer 673, beginnen – „Es gibt einen Erlöser“.

REPORTER: Reverend Warryn Stuckey hat die Juristerei und die Zeugen Jehovas hinter sich gelassen und ist anglikanischer Priester geworden. Körperlich war es eine kurze Reise, denn seine Kirche liegt nur einen Steinwurf weit von der Wachtturm-Zentrale entfernt. Aber persönlich und theologisch war es ein bedeutungsvoller Abfall, denn als früherer Ältester und Direktor von Wachtturm-Untergesellschaften ist er ein mächtiger Zeuge gegen seine früheren Mitverbundenen.

REV WARRYN STUCKEY: Ich könnte mir vorstellen, wenn es um ein anderes Verbrechen ginge, wie Mord oder so etwas, dass sie dann voll mitarbeiten würden. Wenn das in diesem Fall nicht so ist, dann liegt nahe, dass es etwas gibt, das sie schützen.

REPORTER: Schützen sie den Ruf der Kirche oder sogar vielleicht den Kinderschänder?

REV WARRYN STUCKEY: Oder insbesondere Kinderschänder.

REPORTER: Die Zeugen Jehovas schirmen tatsächlich gewohnheitsmäßig Pädophile vor dem Gesetz ab – wie im Fall von Robert Souter, der immer weiter seine Taten begehen konnte. Man hat das „Pädophilenparadies“ genannt. Würden Sie dem zustimmen?

JIM DONALD: Ja, ich habe das gehört, ja.

REPORTER: Würden Sie dem zustimmen?

JIM DONALD: Ja.

REPORTER: Sicher?

JIM DONALD: Ja.

REPORTER: Pädophilenparadies?

ANDY FARRELL: Ja.

REPORTER: Sie würden dem zustimmen?

ANDY FARRELL: Ich denke, das stimmt.

REPORTER: Dies war also die Ältestenschaft des Königreichssaales hier?

SIMON THOMAS: Ja.

REPORTER: Und im größten Verrat von allen, weit entfern, die Kinder nicht zu hindern, hat die Kirche ungezähltes Leid zugefügt, das bis ins Erwachsenenalter andauert.

SIMON THOMAS: Ich erinnere mich, das erste Mal, als er mich berührte und mir etwas antat, bin ich gerade – das war ein Augenblick, der mein Leben verändert hat. Es war entsetzlich. Ich wusste nur, danach war ich nicht mehr derselbe.

REPORTER: Jahrelang hat Simon Thomas den Schmerz einer zerstörten Kindheit im Königreichssaal gepflegt. Nun möchte er, dass seine Geschichte, wie die Kirche seinen Schänder, Robert Souter, schützte, erzählt wird.

SIMON THOMAS: Es sollte wirklich ein schöner, sicherer Ort sein, aber für mich und eine Menge anderer Kinder war es das nicht.

REPORTER: Jetzt wissen Sie, nachdem Souter Sie missbraucht hat, missbrauchte er eine ganze Schar weiterer, nicht wahr?

SIMON THOMAS: Ja.

REPORTER: Wie viele?

SIMON THOMAS: Ich weiß selbst von zehn, aber die Polizei hat gesagt, es ollen etwa vierzig sein.

REPORTER: Vierzig weitere?

SIMON THOMAS: Von denen sie wissen.

REPORTER: Nach Ihnen?

SIMON THOMAS: Nach mir.

REPORTER: Hätte die Kirche auf Ihr Flehen gehört, wie vielen wäre das dann erspart geblieben?

SIMON THOMAS: Nun, ich denke, allen.

REPORTER: Allen – vierzig Kindern?

SIMON THOMAS: Ich denke, es wäre ihnen allen erspart geblieben.

REPORTER: Ingleburn, Südwest-Sydney, das Bethel oder Haus Gottes der Wachtturm-Gesellschaft, die australische Zentrale, erstreckt sich dort. Über 300 Menschen leben und arbeiten auf diesem Anwesen, zu dem auch eine Druckerei gehört, wo Wachtturm-Stoff in 70 Sprachen gedruckt wird. In der Rechtsabteilung hier wird jeder Fall von Kindesmissbrauch, den die Kirche kennt, sorgfältig in Akten verzeichnet, aber er wird nicht den Behörden gemeldet. Die Kirche betrachtet solche Fälle als vertraulich. Wie viele Kinderschänder sind dort in den Akten? Nun, die Kirche sagt uns ausdrücklich,, das gehe uns nichts an. Aber jedes Mal bei dieser Untersuchung stießen wir auf Opfer, die nichts sagen wollten – nicht wegen der Kinderschänder, sondern wegen der Kirche –, sie hatten Angst, ihre Freunde, sogar die Familie zu verlieren. Die Kirche nennt das: „Die Versammlung rein erhalten“. Nicht rein von Pädophilen, sondern von allem, was den Ruf der Wachtturm-Gesellschaft schädigt. Wie, denken Sie, wird die Kirche Sie von jetzt an behandeln?

SIMON THOMAS: Ich weiß es nicht. Das bleibt abzuwarten. Aber ich würde lieber etwas sagen, als ruhig zu sein und länger zu warten.

REPORTER: Erstaunlicherweise rechnet sich Simon noch immer zu den Zeugen, wohingegen Natalie Webb die Kirche verlassen hat, unfähig, mit dem blinden Augen fertig zu werden, das sie der Verderbtheit ihres Vaters zuwandte.

NATALIE WEBB: Weil mein Vater Sex mit Tieren und lesbische Beziehungen und alles so etwas haben wollte.

 
REPORTER: Und Sie haben ihnen dass gesagt?

NATALIE WEBB: Oh ja, ja, sie wussten das, und sie haben gesagt: „Wir müssen für eine Entscheidung keine Einzelheiten kennen. Wir werden von Gott geleitet.“

PREDIGER: Jehova, unser Gott der Liebe, wir kommen vor deinen hohen Thron und bitten dich, uns zu erhören.

REPORTER: Aber ehe wir diese Fälle im einzelnen untersuchen, müssen wir etwas verstehen, was die Zeugen Jehovas von anderen trennt, was ihre Kritiker zweifeln lässt, dass sie durch die Anschuldigungen, die bei den großen Kirchen wie den Anglikanern und Katholiken Änderungen erzwungen haben, beschämt werden, so dass sie sich ändern. Besteht irgendeine Chance, dass die Organisation sich selbst reformiert?

REV WARRYN STUCKEY: Nein.

REPORTER: Keine?

REV WARRYN STUCKEY: Keine.

REPORTER: Wenn es also eine Reform gibt, wie sie mit Kindesmissbrauch umgehen, dann muss sie ihnen aufgezwungen werden?

REV WARRYN STUCKEY: Ja.

REPORTER: Für die Zeugen Jehovas gibt es nur eine wahre Religion – ihre. Jehova Gott, der einzige Gott, sein Wort in der Bibel wird wörtlich genommen. Der Akt der Taufe durch völliges Untertauchen symbolisiert die totale Unterwerfung unter Jehova und seine einzig rechtmäßige Macht auf Erden, die Wachtturm-Gesellschaft. Die Zeugen nennen das, worin sie leben, die „Wahrheit“. Der Rest von uns ist „in der Welt“, einer Welt, von der die Kirche meint, sie werde von Satan beherrscht.

PREDIGER: Wenn Sie beschließen, Sie möchten Ihre eigenen Wege gehen, gut, dass können Sie. Aber seien Sie vorsichtig, die Welt wird betrogen. Sie wird vom Teufel betrogen.

REPORTER: Und Satan hat viele Versuchungen, selbst in einem vollen Raum. Jehovas Zeugen dürfen nicht außerhalb der Kirche heiraten, an sich eine Quelle vielen Herzeleids. Was waren die Umstände, die Sie dazu führten, zu gehen?

JIM DONALD: Ich ging zur Hochzeit eines Sohnes.

REPORTER: Ihres eigenen Sohnes?

JIM DONALD: Meines eigenen Sohnes, ja.

REPORTER: Was war daran verkehrt?

JIM DONALD: Nun, er hat ein junges Mädchen geheiratet, das Anglikanerin war. Nun werden alle anderen Kirchen als Abkömmlinge des Teufels angesehen. Also sagten sie – und ich zitiere den Mann, der damals Zweigkoordinator war – „Man gibt seine Kinder nicht den Philistern.“

REPORTER: Aber die Kritik geht weiter. Jehovas Zeugen können nicht wählen, können nicht zum Militär gehen, dürfen kein Weihnachten feiern, nicht einmal den eigenen Geburtstag.

ANDY FARRELL: Geburtstage, weil man meint, da werde einer einzelnen Person zu viel Aufmerksamkeit geschenkt  Bei Weihnachten versteht, glaube ich, jeder, dass eine Menge mit Weihnachten verbundene Symbolik offensichtlich nicht christlich ist, es kommt von anderen Praktiken auf der ganzen Welt, und das benutzen sie zu ihrer Rechtfertigung.

REPORTER: Am umstrittensten von allem ist, dass Zeugen Jehovas keine Bluttransfusionen haben können, eine Verfügung, die sich auf eine obskure Bibelstelle gründet und die Tausende von Menschenleben weltweit forderte.

REV WARRYN STUCKEY: Ich war damals 18, mein Bruder war 20. Er hat sich im Nebenzimmer erschossen. Äh, er schoss sich in den Kopf. Wir rannten hinein, er blutete überall – wissen Sie, aus den Ohren, der Nase, aus allem. Mein erster Gedanke, den ich meinen Eltern sagte, war: „Was immer ihr tut, lasst sie ihm keine Bluttransfusion geben.“

REPORTER: Man hatte Ihnen also das Gehirn gewaschen?

REV WARRYN STUCKEY: Ich hatte eine Gehirnwäsche. Das war, was ich dachte, er darf keine Bluttransfusion haben. Mein Bruder lag da sterbend vor mir, und das war mein erster Gedanke.

REPORTER: Ihr erster Gedanke.

REV WARRYN STUCKEY: Mein erster Gedanke.

REPORTER: Wie denken Sie darüber?

REV WARRYN STUCKEY: Oh, ich bin nahe an den Tränen, wenn ich daran denke. Es war einfach so herzlos, so ... ja, das ist es, was die Religion tut.

REPORTER: Schlimm.

REV WARRYN STUCKEY: Schlimm. Schlimm.

SIMON THOMAS: Einiges davon hier im Saal ...

REPORTER: Und dann ist da der Kindesmissbrauch, alle Elemente von Ausbeutung, Verrat und Vertuschen in der Geschichte, was Simon Thomas passierte. Er hat Sie tatsächlich in der Kirche selbst belästigt?

SIMON THOMAS: Im Königreichssaal, ja, ja.

REPORTER: Erstaunlich.

SIMON THOMAS: Ja, im Rückblick ist das erstaunlich.

REPORTER: Und ebenso erstaunlich ist Natalie Webbs Geschichte. Der Missbrauch durch ihren Vater verschlimmert durch die herzlose Teilnahmslosigkeit der Kirchenführer, als sie sie darauf aufmerksam machte. Sie müssen niedergeschmettert gewesen sein?

NATALIE WEBB: Nun, ein paar Wochen später versuchte ich, mir das Leben zu nehmen, weil ich nicht damit fertig wurde.

REPORTER: Sie haben also versucht, Selbstmord zu begehen?

NATALIE WEBB: Mm.

REPORTER: Haben Sie daraufhin überhaupt Hilfe von ihnen bekommen?

NATALIE WEBB: Sie haben sich mit mir zusammengesetzt und mir den Rat gegeben, das sei gewesen, weil ich meinem Vater nicht vergeben habe, und darum sei ich nicht damit fertig geworden.

SIMON THOMAS: Nun, mir hat man gesagt, ich solle aushalten, bis das Ende ... ich solle im Glauben bleiben. Das beweise meinen Glauben. Und man hat mir gesagt, ich solle es Jehova überlassen, weil Jehova es lösen werde, aber warum können wir diese Dinge, die geschehen, nicht offen legen und sie dann Jehova überlassen?

REPORTER: In Teil zwei die schockierenden Einzelheiten dieser Vertuschungen. Ja, ich wollte nur über den Fall von sexuellem Missbrauch an Natalie Webb mit Ihnen reden. Und wir stellen uns den Ältesten gegenüber, die sich, in Jehovas Namen und mit der Rückenstärkung durch die Kirche, die Behörden vom Leib hielten. Erinnern Sie sich daran, dass Sie ihr gesagt haben, sie solle nicht zur Polizei gehen?

MAURICE HADLEY, KIRCHENÄLTESTER: Keineswegs.

REPORTER: Sie hat es aber gesagt?

MAURICE HADLEY: Nun, dann steht ihr Wort gegen meines?

REPORTER: Wie viele Opfer von Kindesmissbrauch behielt Natalie Webb ihr Geheimnis bis ins Erwachsenenalter, aber mit 26 konnte sie es nicht länger aushalten. Es war ihr Mann, der die Dinge schließlich zuspitzte.

NATALIE WEBB: Er rief meinen Vater an und sagte: „Wir können damit nicht mehr leben. Das muss bekannt werden. Ich gebe dir eine Woche, zu den Ältesten zu gehen.“

REPORTER: Aber Victor Webb hatte nicht vor, ein Geständnis abzulegen, so wurde er entlarvt. OK, also ging Ihr Mann zu den Ältesten. Zu welchem Ältesten ging er?

NATALIE WEBB: Zu Maurice Hadley.

MAURICE HADLEY: Maurice Hadley, ja, ich bin Maurice Hadley.

REPORTER: Hallo – Graham Davis von Sunday. Ich wollte mit Ihnen über den sexuellen Missbrauch an Natalie Webb sprechen.

MAURICE HADLEY: Oh, richtig.

REPORTER: Sie kennen ihren Vater?

MAURICE HADLEY: Nun ja, tatsächlich.

REPORTER: Sie spielten immer Tennis mit ihm, nicht wahr?

MAURICE HADLEY: (lacht) Woher haben Sie alle diese Informationen?

REPORTER: Nun, wir haben unsere Quellen. Haben Sie immer noch Kontakt zu Vic?

MAURICE HADLEY: Oh, gelegentlich.

REPORTER: Was hat Maurice Hadley zu ihm gesagt?

NATALIE WEBB: Äh, er war sehr schockiert und konnte es nicht glauben.

REPORTER: Weil Ihr Vater so fromm gewesen war?

NATALIE WEBB: Und weil sie Freunde waren.

REPORTER: Wie denken Sie über das, was er seiner Tochter angetan hat?

MAURICE HADLEY: Oh, ich denke, das ist bedauerlich. Völlig widerwärtig.

REPORTER: Warum hatte ...

MAURICE HADLEY: Und ich habe das Verhalten dieses Mannes nie gutgeheißen.

REPORTER: Als hoher Ältester im örtlichen Königreichssaal bildete Maurice Hadley ein Rechtskomitee. Auf diese Weise behandelt die Kirche jedes Vergehen gegen ihren Verhaltenskodex, vom Rauchen einer Zigarette bis zu schweren Verbrechen.

NATALIE WEBB: Da waren mit ihm drei Älteste in diesem Komitee. Und anscheinend – das hat Maurice mir gesagt – sprachen sie mit dem Bethel in Sydney und entschieden unter sich, dass niemand etwas erfahren sollte, es sollte eine private Zurechtweisung sein.

REPORTER: Für den sexuellen Missbrauch seiner Tochter von vier Jahren ab, ein Verbrechen, das er bereitwillig zugab, war alles, was Victor Webb erhielt, eine private Zurechtweisung hinter verschlossenen Türen. Eine private Zurechtweisung?

NATALIE WEBB: Eine private … ja, und dann wollte man mit ihm die Bibel studieren, denn das sei das, was nicht mit ihm stimmte – er sei geistig krank, hat man ihm gesagt.

REPORTER: Zumindest hatte Natalie Webb gewollt, dass man ihrem Vater die Gemeinschaft entzog – dass er aus der Versammlung geworfen wurde – die höchste Strafe für Zeugen Jehovas. Aber das geschah nicht. Warum haben ihm die Ältesten der Kirche für das, was er tat, nicht die Gemeinschaft entzogen?

MAURICE HADLEY: Warum haben sie nicht?

REPORTER: Ja. Warum haben Sie es nicht getan?

MAURICE HADLEY: Nun, ich bin niemand, der Entscheidungen trifft.

REPORTER: Doch.

MAURICE HADLEY: Nein, nein, ich war nur einer von ihnen – ich war im Komitee – gehörte damals zum Komitee.

REPORTER: Können Sie mir sagen, warum ihm nicht die Gemeinschaft entzogen wurde?

MAURICE HADLEY: Nun, das kann ich jetzt nicht.

NATALIE WEBB: Ich hatte mein ganzes Leben lang immer gedacht, wenn man etwas Verkehrtes tut, wird einem die Gemeinschaft entzogen, und ich glaube, ich wurde etwas verrückt und konnte die Sache einfach nicht lösen.

REPORTER: Eine geheime Überlegung, eine private Zurechtweisung, keine Zuflucht zu den zuständigen Behörden. Gingen Sie zur Polizei?

MAURICE HADLEY: … was vernünftig wäre – nein, ich bin nicht gegangen.

REPORTER: Warum nicht?

MAURICE HADLEY: Nun, das musste die Familie entscheiden und tun.

NATALIE WEBB: Maurice sagte mir, die Behörden sollten nicht benachrichtigt werden, weil das ein schlechtes Zeugnis wäre, und sie würden mit der Situation schon umgehen können.

REPORTER: Also hat Maurice Hadley Ihnen ausdrücklich gesagt ...

NATALIE WEBB: Mmm-hmm, ja.

REPORTER: … nicht zur Polizei zu gehen?

NATALIE WEBB: Ja.

MAURICE HADLEY: Ja, und ich sage, das stimmt nicht.

REPORTER: Das können Sie beschwören?

MAURICE HADLEY: Das beschwöre ich kategorisch.

REPORTER: Sie haben ihr das nie gesagt?

MAURICE HADLEY: Ich habe ihr das nie gesagt.

REPORTER: Und doch gibt es da etwas, das Natalies Behauptung Gewicht verleiht  -- ein Brief ihrer Mutter an Maurice Hadley und die anderen Ältesten aus dem Jahre 1997.

“Eure Unfähigkeit und euer Widerstreben, sich mit der Polizei abzugeben, zeigt, dass wir auf ewig hätten warten sollen.“

REPORTER: Inzwischen hatte die Familie genug und war selbst zur Polizei gegangen.

NATALIE WEBB: Weil ich nie etwas mit der Polizei zu tun hatte, war ich sehr ängstlich, aber sie waren der mitfühlendste, wunderbarste Haufen Leute, und ich war so überrascht. Ich habe von ihnen mehr Fürsorge und Interesse erfahren als von irgendeinem Ältesten.
Echtes Interesse.

REPORTER: Victor Webb bekannte sich vor dem Gericht von Victorian County in acht Fällen des unsittlichen Angriffs und in sieben Fällen des Inzests schuldig. Er wurde für 10 Jahre ins Gefängnis geschickt, aber die Kirchenältesten unterstützten den Verbrecher, nicht sein Opfer.

NATALIE WEBB: Sie schickten drei Vertreter der Versammlung zu Vater, ja, und ...

REPORTER: Während des Prozesses?

NATALIE WEBB: Während des Prozesses, und mir schickten sie niemanden. Eigentlich ignorierten sie uns, als wir in den Gerichtssaal kamen, sie wollten nicht einmal mit uns sprechen. Ich nehme an, sie dachten, ich sei satanisch oder auf dem Weg dahin.

REPORTER: Aber der wirkliche Übeltäter wird noch hinter Gittern unterstützt. Gehen Sie zu ihm ins Gefängnis?

MAURICE HADLEY: Ich besuche ihn hin und wieder.

REPORTER: Sie besuchen ihn also im Gefängnis?

MAURICE HADLEY: Etwa zwei Mal im Jahr.

REPORTER: Und warum tun Sie das?

MAURICE HADLEY: Warum ich es tue?

REPORTER: Mm.

MAURICE HADLEY: Nun, glauben Sie nicht, Leute können sich ändern?

REPORTER: Bis heute ist Victor Webb nicht ausgeschlossen worden, obwohl die private zu einer öffentlichen Zurechtweisung wurde, als die Polizei eingeschaltet war.

MAURICE HADLEY: Ja, vor allen Zuschauern wurde anderen Mitgliedern der Versammlung seine Situation bekannt gegeben, so dass Eltern, wenn sie wollten, Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, um Situationen zu entgehen, wo ihre Kinder in Gefahr kämen.

REPORTER: Und das war es dann. Wie denken Sie heute über die Kirche?

NATALIE WEBB: Mm, äh... Ich bin immer noch sehr enttäuscht. Je mehr ich höre, um so trauriger bin ich, dass das überall so überhand genommen hat. Das macht einen traurig.

REPORTER: Und dann sind da die anderen Vertuschungen in der Kirche, die noch schwerwiegendere Folgen hatten, weil Pädophile immer wieder ihre Taten verüben konnten. Was mit Simon Thomas geschah, ist eine über alle Maßen schockierende Anklage gegen die Zeugen Jehovas und ein vorsätzliches Missachten des Gesetzes. Hierher hat er Sie also gebracht oder ist Ihnen gefolgt, nicht wahr?

SIMON THOMAS: Ja.

REPORTER: Wir sind hier an der Stelle, wo Simon, gerade einmal 12 Jahre alt, zum ersten Mal seinen Schänder Robert Souter traf.

SIMON THOMAS: Wissen Sie, er hat mich befummelt und darüber gelacht, oder er hat mich aufs Ohr geschlagen oder mir einen Hieb versetzt, und ...

REPORTER: Nur um das klarzustellen, Sie gingen mit ihm?

SIMON THOMAS: … nur um sicherzugehen, habe ich, ja. Und dann ist er zurückgekommen.

REPORTER: Und dann gab es da noch das regelmäßige Bibelstudium im Haus von Robert Souter

SIMON THOMAS: Wahrscheinlich das Schlimmste, was mir in dem Haus passierte.

REPORTER: Und wir reden über extremen Missbrauch?

SIMON THOMAS: Ja, extrem, ja, extremen Missbrauch. Zuerst war es fast unwirklich. So, als würde das nicht geschehen, aber ich hatte Angst, etwas zu sagen. Es ist einfach das Ungewöhnliche – ich hatte einfach Angst, weil ich nicht wollte, dass meine Eltern sich aufregten, und ich wollte nicht, dass die Versammlung sich aufregt, ich wollte nicht, dass man Schlechtes über die Zeugen Jehovas sagt, so habe ich es im Grunde genommen nur ...

REPORTER: Für sich behalten?

SIMON THOMAS: … für mich behalten, mir selbst eins verpasst.

REPORTER: Wie lange?

 

SIMON THOMAS: Etwa drei Jahre.

REPORTER: Dann, eines Abends, eine schockierende Offenbarung. Simons jüngerer Bruder hatte auf einem Kirchenausflug in die New Territories einen Nervenzusammenbruch.

SIMON THOMAS: Er rief meine Eltern an und erzählte ihnen, Robert Souter habe ihn missbraucht, und es war entsetzlich, die Situation war schrecklich. So ging mein Vater zu einem der Ältesten und sagte: „Schau, Robert Souter hat mit meinem Sohn dies und jenes getan.“ Der Älteste sagte: „O.K., wir werden uns der Sache annehmen.“ Und ich hörte dies offensichtlich und ging zu dem Ältesten, mit dem mein Vater gesprochen hatte, und sagte: „Schau, mein Bruder sagt die Wahrheit, denn das ist mir auch passiert.“

REPORTER: Können Sie mir den Namen des Ältesten sagen?

SIMON THOMAS: Der Älteste, mit dem wir damals sprachen, war John Wingate.

REPORTER: John Wingate?

JOHN WINGATE, KIRCHENÄLTESTER: Das ist richtig.

REPORTER: Ja, ich bin Graham Davis vom Programm Sunday auf Kanal 9. Ich wollte mit Ihnen über Robert Souter und den Missbrauch an den Thomas-Jungen in Wollongong reden.

JOHN WINGATE: Kein Kommentar.

REPORTER: Die Jungen kamen zuerst zu Ihnen, nicht wahr, die Familie kam zuerst zu Ihnen?

JOHN WINGATE: Kein Kommentar.

REPORTER: Nun, Simon Thomas hat es uns gesagt, daher wissen wir es. John Wingate ist immer noch Ältester der Versammlung Cooma im Süden von Neusüdwales, wohin Robert Souter gezogen ist, und wir wissen jetzt, dass er auch dort angefangen hat, Kinder im Königreichssaal zu missbrauchen. Was hat Wingate Ihnen gesagt?

SIMON THOMAS: Nun, er sagte -- er schien es sehr ernst zu nehmen und sagte: „Schau.“ Er sagte: „Wir werden das ausfindig machen, überlass es mir.“ Und das war das Letzte, was wir davon hörten.

REPORTER: Sie sagten zu ihm: „Überlass es mir.“ Er sagt, das war das Letzte, was er davon hörte. Glaubten Sie, Sie hatten die Verantwortung, zu der Familie zurückzugehen?

JOHN WINGATE: Ich habe keinen Kommentar für Sie. Nein, ich habe keinen Kommentar für Sie.

REPORTER: Was die Familie nicht wusste, John Wingate und die anderen Ältesten handelten. Sie entzogen Robert Souter die Gemeinschaft, warfen ihn aus der Versammlung. Aber das war nicht lange bevor die Thomas-Familie eine verheerende Nachricht erhielt.

SIMON THOMAS: Etwa nach sechs Monaten nahmen sie ihn wieder in die Versammlung Cooma auf.

REPORTER: Was haben Sie gedacht, als man Ihnen das sagte?

SIMON THOMAS: Ich konnte es nicht glauben. Ich war wie betäubt und unglaublich verärgert.

REPORTER: Was die Familie wissen will, ist, warum er etwa sechs Monate später wieder in die Kirche aufgenommen wurde.

JOHN WINGATE: Telefonieren Sie mit der Wachtturm-Gesellschaft von Australien, und sie werden Ihnen Ihre Fragen zu der Situation beantworten.


REPORTER: Können Sie mir sagen, warum ...

JOHN WINGATE: Ich kann dazu nichts bemerken.

REPORTER: Warum können Sie nicht darüber reden?

JOHN WINGATE: Weil ich dazu nicht berechtigt bin.

REPORTER: Warum?

JOHN WINGATE: Weil ich es nicht bin.

REPORTER: Sie handhabten den Fall.

JOHN WINGATE: Das geht Sie nichts an.

SIMON THOMAS: Ich sprach mit einem Ältesten dort unten, und er sagte, Robert Souter habe bereut. Wenn man also bereut, darf man wieder in die Versammlung zurück.

JOHN WINGATE: Haben Sie Probleme mit dem Hören? Haben Sie eine Hörbehinderung? Ich habe Ihnen eben gesagt ...

REPORTER: Ich versuche, ein paar Antworten zu finden.

JOHN WINGATE: Sie werden keine Antworten aus mir herausbekommen, weil ich Ihnen gesagt habe ...

REPORTER: Wenn die Ältesten keine Antwort geben, sehen wir uns die Wachtturm-Richtlinien für die Behandlung von Kindesmissbrauch an.

”Wenn ein Rechtskomitee zu dem Schluss kommt, dass ein Kinderschänder bereut und ein Glied der Christenversammlung bleiben möchte, dann wäre es angemessen, mit ihm sehr offen zu reden und ihn sehr auf die Gefahren hinzuweisen, wenn er Kinder umarmt oder auf dem Schoß sitzen hat.“

REPORTER: Ich meine, welche Art Abschreckungsmittel ist das?

JIM DONALD: (lacht) Nun, keines, offensichtlich, denn diese Dinge wären einfach das, was sie in den Augen der Öffentlichkeit sind. Was der Sichtweise der Gesellschaft bei dieser Situation von Kindesmissbrauch entgeht, ist, dass das alles im Geheimen stattfindet.

REPORTER: So geheim ist Kindesmissbrauch, dass Simon Thomas dachte, er allein werde von Robert Souter missbraucht, bis er das mit seinem jüngeren Bruder und dann später auch mit einem anderen Bruder herausfand. Hatten Sie Schuldgefühle, dass Sie in der Lage gewesen sein könnten, Ihren beiden Brüdern das zu ersparen?

SIMON THOMAS: Ja, von da ab, und ich habe immer noch Schuldgefühle. Das ist ein Teil des Grundes, warum ich das tue, was ich heute tue. Wenn ich damals etwas gesagt hätte, hätte ich viele andere gerettet – ihnen vielleicht in irgendeiner Weise helfen können, Dutzenden anderer.

REPORTER: Vielleicht auch nicht. Denn die außergewöhnlichste Verfügung, auf der das Regelbuch der Zeugen Jehovas besteht, lautet: „Es muss zwei oder drei Augenzeugen geben, nicht nur Personen, die wiederholen, was sie gehört haben. Wenn nur ein Zeuge da ist, kann nichts unternommen werden.“

REPORTER: Wer meint, ein Kinderschänder sitze da und warte auf zwei oder drei Zeugen, ehe er etwas tut, muss schon sehr blind sein.

 

JIM DONALD: Das stimmt.

REPORTER: Wie kann das den Ältesten der Kirche entgehen?

JIM DONALD: Sie stützen sich auf einen Bibeltext, wo es heißt, dass alle Angelegenheiten aus dem Mund zweier oder dreier Zeugen festgestellt werden müssen.

REPORTER: Wie Jim Donald das sagt, hat diese Regel die traurigen Schreie der Opfer immer wieder erstickt, und das war ein wichtiger Faktor dafür, dass er die Kirche für immer verlassen hat.

JIM DONALD: Ein junges Mädchen stellte die Beschuldigung auf, diese besondere Person habe sich an ihren Geschlechtsteilen zu schaffen gemacht.
Ja.

 

REPORTER: Und Sie sollten die Sache untersuchen ...

JIM DONALD: Ja.

REPORTER: … diese Anschuldigung untersuchen? Was passierte?

JIM DONALD: Nun, alles, was wir tun konnten, war, unsere Fragen zu stellen.

REPORTER: Ihm?

JIM DONALD: Ihm, und offensichtlich sagte er: „Oh nein, nein, das ist alles ein Fehler, und sie hatte Probleme. Und weißt du, sie kommt aus einer merkwürdigen Familie“, und so etwas.

REPORTER: Weil nach der Kirchenregel nicht wenigstens zwei oder drei Zeugen da waren, wurde diesem Mädchen nicht geglaubt?

JIM DONALD: Das ist richtig.

REPORTER: Und das war der Schluss der Sache?

JIM DONALD: Ja.

REPORTER: Wenn ihr Vater nicht gestanden hätte, wäre das auch Natalie Webb passiert. Hätte er geleugnet, und wäre nur Ihr Wort gegen seines gewesen, dann wäre wegen der Zwei-Zeugen-Regel nichts passiert. Ist das richtig?

NATALIE WEBB: Das ist richtig.

SIMON THOMAS: Dies nennt sich „Der Kampf“. Es ist tatsächlich ein Kampf um die Entscheidung, ob ich zur Polizei gehen sollte.

REPORTER: Bei Simon Thomas vergingen Jahre, in denen er und seine Familie sein Trauma pflegten – schwarze Jahre, die sich auf seinen Gemälden zeigen.

SIMON THOMAS: Dies hier nennt sich „Leben mit 15“.

REPORTER: Dann, vor sechs Jahren, ging Simon noch einmal zu den Kirchenältesten.

SIMON THOMAS: Und ich sagte zu den Ältesten dort, dass ich wirklich mit dem kämpfte, was mit mir geschah, und dass ich Hilfe brauchte. Ich käme nicht mehr damit zurecht.

REPORTER: Und was haben sie Ihnen gesagt?

SIMON THOMAS: Damals haben sie mir gesagt, sie sagten – und das sind die genauen Worte – sie sagten: „Offensichtlich betest du nicht genug, dass dir dieses Problem so lange zu schaffen macht.“

REPORTER: Sie machen Witze.

SIMON THOMAS: Genau das haben sie zu mir gesagt, so habe ich ein oder zwei weitere Jahre den Mund gehalten.

REPORTER: Und dann?

SIMON THOMAS: Und dann beschloss ich, zur Polizei zu gehen.

REPORTER: Robert Souter wurde von Richter John Goldring für mindestens drei Jahre ins Gefängnis geschickt. Goldring hatte der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft zu sagen:

„Die Kirchenautoritäten haben sich angemaßt, so zu handeln, als seien sie die Behörden, wozu sie kein Recht hatten. Die Sache wurde nicht bei der Polizei angezeigt, was hätte getan werden sollen, und ich bin überrascht, dass die Polizei nichts gegen die Kirchenautoritäten unternommen hat. Ich hoffe, das wird sie noch tun. Der Staat trägt die Verantwortung, junge Leute zu schützen, und alle Bürger haben die schwerwiegende moralische Verantwortung, ihm dabei zu helfen. Ich kann die Kirche nicht genug dafür kritisieren, dass sie diese Sache nicht angezeigt hat.“

REPORTER: Fühlen Sie eine moralische Verantwortung für die Tatsache, dass der Missbrauch an anderen Kindern weiterging?

JOHN WINGATE: Ich glaube, Sie haben die moralische Verantwortung, meine Wünsche zu respektieren und sich an das zu halten, was ich gesagt habe, und das ist, mit der Wachtturm-Gesellschaft von Australien Verbindung aufzunehmen. Gehen Sie mir nicht auf die Nerven.

REPORTER: Jedes Kind auf diesem Foto mit Simon Thomas wurde von Robert Souter missbraucht. Wie wir jetzt wissen, könnte die Gesamtzahl aller von Souter Missbrauchten bei 40 liegen.

SIMON THOMAS: Ich denke, sie alle hätten gerettet werden können, aber ich selbst hätte auch gerettet werden können, weil ich herausfand, dass eine der Schwestern in der Versammlung mit einem Ältesten gesprochen und gesagt hatte, sie habe gesehen, wie Robert Souter etwas mit IHREM Sohn anstellte, und das war, bevor Robert Souter mich missbrauchte.

PREDIGER: Denkt daran, unsere Herzen und Sinne sind Jehova geweiht, und wir müssen heilig sein, weil er heilig ist.

REPORTER: Wir haben der Wachtturm-Gesellschaft eine Reihe von Fragen darüber gestellt, wie sie die Fälle Robert Souter und Victor Webb handhabte, und wir baten sie, uns zu sagen, wie viele Kinderschänder sie in ihren Reihen entdeckt hat. Man sagte uns, das gehe die Medien nichts an, die Kirche sagte aber auch, das seien sehr wenige Älteste oder Personen in verantwortlicher Stellung. In diesem Brief lehnte Viv Mouritz, der australische Präsident der Gesellschaft, unsere Bitte um ein Interview ab und sagte über die Behauptungen von Simon Thomas und Natalie Webb:

„Meine Nachforschungen zeigen, dass die betroffenen Ältesten nicht die Anweisung  erteilten, nicht zur Polizei zu gehen.“

REPORTER: Das steht gehen alles, was wir aus einer Anzahl von Quellen, darunter ein Richter, gehört haben. Aber der Form halber wird der Versammlung gesagt, unsere Geschichte sei das Werk Satans.

PREDIGER: Die Medien da draußen stellen mit all ihrer Macht die menschliche Natur in drei Buchstaben dar – A wie Ausschweifungen jeder Art, B wie Betrug jeder Art und D wie Dämonismus jeder Art – und davor müssen wir uns hüten.

REPORTER: Aber die Behörden müssen sich noch einer anderen Sache bewusst sein, einer weitaus finstereren – der Vorstellung der Kirche, was Wahrheit ist. In diesem Buch „Einsichten über ie Heilige Schrift“ heißt es hier: „
Das Lügen schließt im allgemeinen eine Falschaussage gegenüber einer Person ein, die berechtigt ist, die Wahrheit zu wissen.“

JIM DONALD: Ja.

REPORTER: Wäre ein durchschnittlicher Richter oder Friedensrichter jemand, der berechtigt ist, die Wahrheit zu wissen?

JIM DONALD: Es wäre für jemanden sehr schwierig, nicht zu unterstützen, was die Gesellschaft will. Sie würden der Gesellschaft den Rücken stärken, und sie würden das als Jehova den Rücken stärken ansehen, in welchem Fall diese Leute, das Gericht, nicht berechtigt ist, die Wahrheit zu wissen.

REPORTER: Nein?

JIM DONALD: Nein.
Und in dem Fall würden sie sagen, das sei keine lüge.

REPORTER: Nach dieser Definition von Lügen ist es also möglich, dass ein Zeuge Jehovas in diesem Land vor Gericht steht und lügt, was das Zeug hält?

JIM DONALD: Ja.

REPORTER: Und das von dem Mann, der einmal der Anwalt der Gesellschaft war.

REV WARRYN STUCKEY: So lange ich mich erinnere, war das immer so, ist Wachtturm-Lehre gewesen, dass nur die, die berechtigt sind, die Wahrheit zu wissen, die Wahrheit verdienen.

REPORTER: Richtig, aber wenn sie beschließen würden, ein spezieller Richter oder ein spezielles Gericht sei nicht berechtigt, die Wahrheit zu wissen, sagen sie dann nicht die Wahrheit?

REV WARRYN STUCKEY: Richtig.

REPORTER: Erinnern Sie sich daran, dass Sie ihr gesagt haben, sie solle nicht zur Polizei gehen?

MAURICE HADLEY: Überhaupt nicht.

REPORTER: Sie sagt, Sie hätten das getan?

MAURICE HADLEY: Oh, das ist doch wohl ihr Wort gegen meines?

REPORTER: Wer ist nun berechtigt, die Wahrheit zu wissen?

MAURICE HADLEY: Wer sind Sie denn überhaupt? Seit wann halten Sie sich für den Größten?

REPORTER: Vic hat also bereut, ist es das?

MAURICE HADLEY: Nun, ich würde das gerne glauben, aber das kann ich doch wohl nicht beurteilen? Das ist doch letztlich eine Sache zwischen ihm und Gott?

REPORTER: Ihm und seinem Gott?

MAURICE HADLEY: Denken Sie das nicht?

PREDIGER: Brüder, wenn wir weiterhin um Hilfe bitten, unsere sündigen Neigungen unter Kontrolle zu halten, werden wir sehen, dass Jehova uns hilft.

REPORTER: Es Jehova überlassen, der ständige Kehrreim derer, die behaupten, in der Wahrheit zu leben, und die sich als seine einzig wahren Vertreter sehen. Ihre Opfer möchten, dass sie in der Welt zur Rechenschaft gezogen werden, eine offizielle Untersuchung der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft.

NATALIE WEBB: Ihr muss eine Reform aufgezwungen werden, nur auf Jehova warten funktioniert nicht.

JIM DONALD: Das muss aufgedeckt werden, ja, weil das Leben von Kindern ruiniert wird.

REPORTER: Es ist also an der Zeit, dass die Regierung hart gegen die Organisation durchgreift?

NATALIE WEBB: Oh, ganz eindeutig. Ich mag nicht daran denken, wie viele Kinder gerade jetzt missbraucht werden.

REPORTER: Eben jetzt, wo wir reden?

NATALIE WEBB: Wo wir reden.

SIMON THOMAS: Ich finde es schwer, auch wenn wunderbare Menschen bei den Zeugen Jehovas sind – eine Menge sind immer noch meine Freunde – Ich finde es extrem schwierig, jetzt mit ihnen verbunden und Teil ihrer Bruderschaft zu sein. Die Organisation – die Vorgehensweisen der Organisation müssen sich ändern, weil Kinder so nicht mehr leiden dürfen. Das ist verkehrt.