Der Gemeinschaftsentzug von Anders

 

Kürzlich wurde das schwedische Fernsehprogramm "Mission Investigate", das im April dieses Jahre erstausgestrahlt wurde, wiederholt. Nach der Erstausstrahlung nahm kein Ältester Kontakt mit Anders auf, dem jungen Mann, der in dem Programm auftrat und als einziger sein Gesicht zeigte. Anders war nicht vor ein Rechtskomitee geladen worden, auch war keine Entscheidung über seinen Stand in der Organisation anhängig.

 

Am 28. Juni wurde das Programm in ganz Schweden wiederholt. Zwei Tage später, am 30. Juni, kamen zwei Älteste zur Arbeitsstelle von Anders und sagten ihm, er würde nicht länger als Zeuge Jehovas angesehen werden. Anders fragte nach der Grundlage für ihre Entscheidung, und es wurde kein Grund angegeben. Der einzige Kommentar der Ältesten war, "dass seine Handlungsweise zeige, dass er kein Mitglied der Versammlung mehr sein wolle".

 

Der Wortlaut dieser Bemerkung ist insofern interessant, weil er zeigt, dass Anders nicht "die Gemeinschaft entzogen" wurde, vielmehr habe er "die Gemeinschaft verlassen". Ein Verlassen der Gemeinschaft stellt bei den Zeugen Jehovas ein Schlupfloch dar, um jemanden zu exkommunizieren, aber keine Uneinigkeit mit den Behörden zu schaffen, indem Mitgliedern der Militärdienst verboten wird. Die Strafe ist dieselbe; man wird von allen Mitgliedern und Angehörigen völlig gemieden, aber ein Sprecher wird gegenüber Behördenvertretern erklären, es sei nicht "die Gemeinschaft entzogen" worden, man habe vielmehr durch seine Handlungsweise selbst "die Gemeinschaft verlassen". Wenn jemand die Gemeinschaft verlässt, gibt es keine Komiteesitzung, zu der man eingeladen wird, da die begangene Handlung bereits den Ausgang bestimmt. Um ein Beispiel zu geben: ein Zeuge Jehovas geht zum Militär - er hat automatisch die Gemeinschaft verlassen. Er schließt sich einer anderen Religion an - er hat automatisch die Gemeinschaft verlassen. Er erhält eine Bluttransfusion und bekundet keine Reue- er hat automatisch die Gemeinschaft verlassen. Keine Komiteesitzung, keine Chance auf Berufung - die Entscheidung ist endgültig. Es hat jetzt den Anschein, dass diese Handlungsweise neudefiniert wurde, um auch Missbrauchsüberlebende zu erfassen, die mit den Medien sprechen, und eine von der leitenden Körperschaft (der Führung der Zeugen Jehovas) diktierte neue Anweisung ist. Bei einem Bezirkskongress kürzlich in Schweden sprach ein Mitglied des Zeigkomitees ausdrücklich die Neuausstrahlung des Programms “Mission Investigate” von der Bühne herab an. Er erklärte, die meiste Information sei falsch, und auch wenn ein paar Dinge Gewicht hatten, sie seien von den Ältesten behandelt worden. Er fuhr fort, dass nach der Ausstrahlung den Ältesten zahlreiche Missbrauchsfälle gemeldet wurden, und man sei gerade dabei, all diese Anschuldigungen zu untersuchen. (Kein Wort natürlich über eine Anzeige dieser Dinge bei der Polizei.) Er erzählte weiter, er habe mit einem Mitglied der leitenden Körperschaft gesprochen und es seien ausdrückliche Anweisungen erteilt worden, wie diese Dinge zu behandeln seien. Anscheinend erklärt das die landesweite Schmutzkampagne gegen Anders zusammen mit einer neuen Direktive, was alles unter dem Verlassen der Gemeinschaft zu verstehen ist.

 

Die neue Direktive scheint folgende zu sein: Jeder Zeuge Jehovas, der sich öffentlich an die Medien wendet und darüber spricht, dass er missbraucht wurde, steht nun vor einer automatischen Exkommunikation ohne Anhörung oder eine Chance auf Berufung. Das stellt die hinterhältigste Art dar, mit Missbrauchsüberlebenden umzugehen. Wenn ein Zeuge Jehovas versucht, sich zu melden, um anderen zu helfen, wird er durch Direktiven der Führung, der "leitenden Körperschaft" geistlich "getötet", ohne eine Chance, sich zu verteidigen.

 

Gemäß den Vorschriften für Rechtskomiteeanhörungen gibt man einem Zeugen Jehovas, gegen den rechtlich etwas unternommen wurde, sieben Tage Zeit, um Berufung gegen die Entscheidung einzulegen. Im Falle eines Gemeinschaftsentzuges gibt es dann automatisch ein Berufungskomitee. Wenn es um "ein Verlassen der Gemeinschaft" geht, schreiben die Verfahrensweisen vor, dass kein Berufungskomitee gewährt wird. Anders versuchte, innerhalb der sieben Tage Berufung gegen seine Exkommunikation einzulegen, aber sein Recht auf Berufung wurde ihm verweigert. In der darauf folgenden Woche wurde seine Exkommunikation in der Versammlung bekannt gegeben.

 

Nach der Bekanntmachung in der Versammlung führten die landesweiten Medien am 2. Juli ein Interview mit Anders, sie telefonierten auch mit dem Zweigkoordinator in Schweden, Bengt Hansson, um nach seiner Reaktion zu fragen. Hansson bestätigte, dass Anders exkommuniziert worden war, bestritt aber weiterhin, dass das etwas damit zu tun habe, dass Anders in dem Fernsehprogramm aufgetreten war und seine Erfahrungen erzählt hatte, wie Jehovas Zeugen Kindesmissbrauch vertuschen. Hansson lehnte es ab, die Grundlage für die Exkommunikation von Anders zu bestätigen und sagte, das sei vertraulich.

 

Am folgenden Tag wurde Anders von der örtlichen Abendzeitung interviewt, er sagte zu dem Reporter, der Grund sei "geheim", so geheim, dass er ihn nicht einmal selbst wissen dürfe.

 

Zu der Sache lässt sich abschließend vieles sagen, aber vielleicht sagt es die Bibel am besten in Hesekiel 34:4: "Die Erkrankten habt ihr nicht gestärkt, und das Leidende habt ihr nicht geheilt, und das Gebrochene habt ihr nicht verbunden, und das Versprengte habt ihr nicht zurückgebracht, und das Verlorene habt ihr nicht zu finden gesucht, sondern mit Härte habt ihr sie untertan gehalten, ja tyrannisch."