WATCHTOWER
BIBLE AND TRACT SOCIETY OF NEW YORK, INC.
25 COLUMBIA HEIGHTS. BROOKLYN. NEW YORK 11201. USA PHONE (718) 625-3600
23. März 1992

AN ALLE ÄLTESTENSCHAFTEN

Liebe Brüder,

Nach der letzten Königreichsdienstschule erhielt die Gesellschaft viele Äußerungen der Wertschätzung von euch für die gute Anweisung. Und tatsächlich erinnerte uns die Schule nicht nur an unser Vorrecht, das wir als Älteste haben, sondern sie lieferte uns auch praktischen Anleitung, wie wir richtig unserer Verantwortung nachkommen.

Als Älteste habt ihr sicher viel zu tun, um eure Familie geistig stark zu erhalten, zu studieren und sich auf die Zusammenkünfte vorzubereiten, für Rechtssachen zu sorgen und auf Kongressen zu arbeiten. Einige von euch sind bereit, sich beim Bau und beim Unterhalt von Königreichssälen und sogar bei Bauarbeiten am Bethel oder bei Zweigprojekten zu verausgaben. Und all das zusätzlich dazu, dass ihr die Führung im Predigtdienst übernehmt.

eure Hirtentätigkeit für Gottes Volk ist auch sehr nötig und wird wertgeschätzt (1. Petr. 5:1-3). Wir erhalten oft Berichte über eure harte Arbeit, wie ihr geistig ermuntert und persönlich für die Bedürfnisse der Versammlungsmitglieder sorgt, von denen einige schwere Probleme durchmachen. Das trifft auf viele zu, die Opfer von Kindesmissbrauch wurden. Auch sie brauchen unser liebevolles Verständnis und unsere Hilfe. Viele von ihnen leiden, nachdem sie von der Wahrheit erfahren haben, weiterhin unter ihren seelischen Narben und müssen mit unglücklichen Erinnerungen fertig werden. Die Königreichsdienstschule lenkte die Aufmerksamkeit auf einiges, was die Bibel und die Publikationen der Gesellschaft zeigen, das ihr als geistige Hirten tun könnt, um solchen Opfern zu helfen. Wir würden einige dieser Punkte und andere gern mit euch noch einmal durchgehen. Wir hoffen auch, die verschiedenen Fragen zu beantworten, die ihr gestellt habt, wie man den Bedürfnissen von Kindesmissbrauchsopfern nachkommt.

KINDESMISSBRAUCHSOPFERN HELFEN
Viele Kinder, denen ständig durch Erwachsene Gewalt angetan wurde, wachsen mit schweren seelischen Narben auf und brauchen sicher viel liebevolle Aufmerksamkeit. Daher werdet ihr diese Missbrauchsopfer sicher gewissenhaft mit Umsicht und Freundlichkeit behandeln wollen. (Siehe "Gebt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde", Seite 17.) Solch eine Einstellung hilft dem Opfer zu versichern, dass ihr euch wirklich um ihn sorgt und "wie ein Bergungsort vor dem Wind und ein Versteck vor dem Regensturm" seid (Jes. 32:2). Wie Jesus solltet ihr voll "zarten Erbarmens" sein. - Eph.4:32.

Eine Art, wie man aufrichtiges Interesse zeigen kann, ist, ein guter Zuhörer zu sein. Jakobus gab den Rat: "Jeder Mensch soll schnell sein zum Hören, langsam zum Reden" (Jak. 1:19). Überdies sagt Sprüche 21:13: "Wer sein Ohr verstopft vor dem Klageschrei des Geringen, wird selbst auch rufen und keine Antwort erhalten." Hört also als geduldige geistige Ratgeber genau zu, wenn die Probleme eines Opfers besprochen werden. Der Watchtower vom 1. Oktober 1983, Seite 28,warnt davor, einem Leidenden, der Hilfe sucht, einfach zu sagen, er "solle vergessen", was geschah. Viele haben allein dadurch große Erleichterung erfahren, dass sie mit einem mitfühlenden, unvoreingenommenen Ältesten sprachen, der "das gute Wort" der Ermunterung geben kann (Spr. 12:25). Vielleicht ist es nötig, dass du taktvolle Fragen stellst, um dem Opfer zu helfen, sich in der Sache zu äußern, aber vermeide es, unnötig und wiederholt nach Einzelheiten des Missbrauchs zu bohren, was eine entmutigende Wirkung haben kann.

Viele Missbrauchsopfer haben gelernt, ganz gut mit ihren seelischen Narben zurechtzukommen, was lobenswert ist. Wenn das Opfer ein ruhiges und friedliches Leben führt, besteht keine Notwendigkeit, Erinnerungen auszugraben, die früher verarbeitet wurden. Anderen kann geholfen werden, dieses Problem abzulegen. Andererseits gibt es wieder andere, die, wie in Psalm 55:17 beschrieben, 'nicht anders können, als Besorgnis zu bekunden, und zu stöhnen' über ihre Unruhe. In solchen Fällen mag es sehr schwer für sie sein, gesund zu werden. Und doch wollen wir auch ihnen das Gefühl geben, dass Hoffnung besteht. Durch Argumentieren aus der Schrift und Stärken des Opfers mit Worten des Trostes und der Ermunterung sind Älteste vielleicht in der Lage, diesen Beunruhigten zu helfen, ihre schlimmen Erfahrungen hinter sich zu bringen. - Hiob 16:5; 1. Petr. 5:12.

IN EUREN PFLICHTEN AUSGEGLICHEN SEIN
Es muss anerkannt werden, dass die Zeit, die ihr aufwenden könnt, um einem Missbrauchsopfer zu helfen, begrenzt ist. Daher muss diese Hirtentätigkeit mit anderen Verantwortlichkeiten in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden, und darunter zählen die Sorge um die geistigen, seelischen und materiellen Bedürfnisse eurer eigenen Familie und der Beistand für die in der Versammlung, die andere Probleme haben. In einigen Fällen möchte ein Inzestrüberlebender mehr Aufmerksamkeit haben, als ihr geben könnt. Daher haben einige Älteste es als nützlich empfunden, Grenzen für die Zeit, die sie aufwenden, zu setzen. Abhängig von den Bedürfnissen des einzelnen mögen mehrere Besuche nötig sein, um die erwünschte Erleichterung für das Opfer zu bringen, wenn das möglich ist. Wenn der einzelne euch zu einer Zeit um Hilfe angeht, wo ihr das Problem nicht ausführlich besprechen könnt, kann man vielleicht ein paar Worte der Ermutigung äußern und diese Person der Liebe Jehovas versichern, eine passende Bibelstelle lesen oder ein kurzes Gebet sprechen, das wird dem Leidenden euer Interesse und eure Bereitschaft, soweit wie möglich zu helfen, zeigen. Manchmal gehen Missbrauchsopfer fähige ältere Schwestern um Hilfe an. Es ist klar, dass eine Schwester nicht in der schwierigen Lage sein sollte, in einer Situation zu helfen versuchen, die richtigerweise die Sache eines Ältesten ist, aber die Schwester kann dem Opfer seelische Unterstützung und Ermutigung geben, wie es ihre Umstände und ihre Zeit zulassen. (Siehe Wachtturm, 15. März 1990, Seite 28.) Wenn ein Opfer von Kindesmissbrauch auf die Schwester zugeht und sie bemüht sich, ihm zu helfen, sollte sie von Zeit zu Zeit die Ältesten wissen lassen, was erreicht wurde. Wenn ein Missbrauchsopfer ein Mitglied der Christenversammlung beschuldigt, es belästigt zu haben, dann wäre es nicht angemessen, wenn eine Schwester in diesen Aspekt der Angelegenheit verwickelt wird. Es ist das Beste für das Opfer, wenn ihm die Ältesten beistehen.

So wie gutes Urteilsvermögen nötig ist, um Brüder auszuwählen, die in einem Rechtskomitee dienen, je nachdem, um was es geht, so wäre es auch weise, aus eurer Mitte die auszuwählen, die am besten geeignet sind, um bestimmten Missbrauchsopfern beizustehen. Da Älteste unterschiedliche Fähigkeiten haben, mögen einige wirkungsvoller mit diesen Fällen umgehen können als andere. - Vergleiche 1. Korinther 12:4.

WAS IST MIT PROFESSIONELLER THERAPIE?
Es gibt Zeiten, in denen ein seelisch belasteter Christ professionelle Hilfe suchen mag. Ob ein Bruder oder eine Schwester sich einer Behandlung durch Psychiater, Psychologen oder Therapeuten unterzieht oder nicht, ist eine persönliche Entscheidung, so lange die Therapie nicht in Konflikt mit biblischen Grundsätzen steht (siehe Wachtturm, 1. August 1975, Seiten 478-480.) Möglichen Problemen kann man aus dem Weg gehen, wenn der Patient oder ein Begleiter dem Therapeuten die Wichtigkeit des religiösen Glaubens des Leidenden erklärt.

Einige Ärzte oder Therapeuten bieten denen, die an den Auswirkungen von Kindesmissbrauch leiden, eine Gruppentherapie an. Die Teilnahme an einer von einem professionellen Therapeuten durchgeführten Gruppentherapie ist zwar eine persönliche Entscheidung, aber es könnten Probleme damit entstehen, wenn man während dieser Therapie vertrauliche Dinge über andere Mitglieder der Christenversammlung offenbart, wenn der Christ kein Unterscheidungsvermögen anwendet. (siehe Awake!, 8. Juli 1982, Seite 8.) Daher können Älteste ihre Brüder und Schwestern warnen, wie es im Wachtturm vom 15. Oktober 1988, Seite 29, unter der Überschrift "Psychotherapie" dargelegt wird. Man kann ihnen zu erkennen helfen, das unterschiedloses Sprechen zu anderen über Kindesmissbrauch zu um sich greifendem Schaden und schädlichem Gerede führen kann. - Spr. 17:9.

Es muss anerkannt werden, dass Älteste als solche keine Gesundheitsfachleute oder Therapeuten sind, sondern geistige Hirten (1. Petr. 5:2). Folglich sollten sie keine Sitzungen abhalten, bei denen Opfer zu etwas zusammenkommen, was einige als Gruppentherapie ansehen mögen. Älteste sollten auch keine Zeit damit verbringen, weltliche Publikationen zu lesen, die von weltlicher Psychiatrie oder Psychologie handeln. Sie sollten nicht eine ähnliche Rolle annehmen wie ein professioneller Therapeut. Jemand,. der eine schwere seelische Krankheit hat, braucht vielleicht professionelle Hilfe.

Wenn in eurer Versammlung ein aktueller Fall von Kindesmissbrauch ans Licht kommt, sollten Älteste alles ihnen mögliche tun, um Kinder vor weiterem Missbrauch zu schützen. (Siehe “Gebt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde”, Seite 93.) Wie ist das zu erreichen? In den in der Königreichsdienstschule dargelegten Zusätzen wurde die Anweisung gegeben, wenn Älteste Berichte über körperliche Misshandlung oder sexuellen Missbrauch eines Kindes erhalten, sollten sie sofort die Gesellschaft um rechtlichen Rat ersuchen. Danach würde, wenn feststeht, dass ein Mitglied der Versammlung sich des Missbrauchs eines Kindes schuldig gemacht hat, gemäß theokratischem Vorgehen ein Rechtskomitee mit dieser Person zusammenkommen. Wenn derjenige die grobe Sünde nicht bereut, würde dies einen Gemeinschaftsentzug rechtfertigen. Zusätzlich können Älteste Eltern ermuntern, die Awake!-Ausgabe vom 22. Januar 1985 zu lesen, wo Anregungen gegeben werden, was sie tun können, um ihre Kinder vor sexuellem Missbrauch durch jemanden, innerhalb oder außerhalb der Familie, zu schützen . - Siehe auch Awake!, 22. Juni 1982, und 22. Dezember 1986.

Wir hoffen, dass die obige Anleitung euch helfen wird, Missbrauchsopfern wie auch anderen in der Versammlung, die vor unterschiedlichen Problemen stehen, liebevoll beizustehen. Möge Jehovas reicher Segen weiter mit euch sein, wenn ihr euren vielen Pflichten als Hirten der Herde nachkommt. Mit diesem Brief senden wir euch unsere herzliche christliche Liebe und die besten Wünsche.

Eure Brüder,

WTBS

PS: Der vorsitzführende Aufseher sollte Vorkehrungen treffen, damit die Ältestenschaft diesen Brief liest. Danach sollte der Sekretär ihn in die Versammlungsunterlagen legen. Wenn  von einem Ältesten künftig gefordert wird, einem Kindesmissbrauchsopfer beizustehen, sollte er den Brief noch einmal lesen. Eine Kopie des Stoffes "Was Älteste Missbrauchsopfern sagen können", der auf der folgenden Seite steht, kann für jeden Ältesten gemacht werden.

WAS ÄLTESTE MISSBRAUCHSOPFERN SAGEN KÖNNEN
Der Apostel Paulus sagte: "Redet bekümmerten Seelen tröstend zu" (1. Thess. 5:14). In Übereinstimmung mit Jakobus 5:13-15 möchten Älteste daher Gottes Wort benutzen, um Opfern zu helfen, gesund zu werden, wie es im Wachtturm vom 1. April 1990, Seiten 13 und 14, Absätze 12-14, unter der Überschrift Ältesten zu helfen, dass sie Missbrauchsopfern wirkungsvolleren biblischen Beistand geben können. Die Antwort, beschrieben in Erwachet! vom 8. April 1992, zeigt, wie wirkungsvoll und annehmbar sich diese Artikel für die Opfer erwiesen. Der Artikel "Hilfe für Opfer von Blutschande" im Wachtturm vom 1. Januar 1984 erklärt, dass Opfer oft voller Scham und Wut sind und wegen dieses Missbrauchs häufig unter einem überwältigenden Schuldgefühl leiden. Daher strebt danach, ihnen zu helfen, und erkennt, dass es nicht ihre Schuld ist; sie wurden zu Opfern gemacht.

Helft solchen Personen zu erkennen, dass ihr Wert als Menschen nicht durch die schändliche Art, in der sie behandelt wurden, gemindert wird. Das Wichtige ist, wie Jehova sie sieht. Durch das Loskaufsopfer hat Jehova diese Personen mit dem "kostbaren Blut" Jesu erkauft (1. Petrus 1:19). Und wenn Jehova solch einen Preis bezahlt hat, muss er sie sicher so sehr lieben, wie er alle liebt, die ihren Glauben auf das wertvolle vergossene Blut setzen (Joh. 3:16). Jehova betrachtet alle aus der "großen Volksmenge" als ersehnenswert, die "ihre Kleider gewaschen und sie im Blut des Lammes weiß gemacht haben". Trotz ihres früheren Missbrauchs haben sie jetzt einen reinen Stand als Gottes Freunde und werden versichert, dass "Gott jede Träne von ihren Augen abwischen wird". Er ist nicht gefühllos gegenüber ihrem Leid, er wird ihnen vielmehr helfen, ihre seelischen Wunden zu heilen, wenn sie ihn im Glauben anrufen. Er garantiert, die Wunden in der Zukunft völlig zu heilen. - Offb. 7:9,14,17; Jes. 65:17; Hagg. 2:7; siehe "Wirst du Nutzen ziehen aus der unverdienten Güte Gottes?" im Wachtturm vom 15. Februar 1990.

Durch ernstliches Gebet und das Betrachten erbauender, gesunder Dinge wird der überströmende Friede Gottes ihre Herzen und ihre Denkkraft bewahren (Phil. 4:6-9). Erinnert sie daran, wie wertvoll es ist, ihren Sinn auf das Hervorbringen guter Werke zu richten. Wenn dieser göttliche Rat befolgt wird, kann er höchst segensreich sein und sie in die Lage versetzen, weiterzuleben und Freude zu finden (Titus 3:8). Wenn jemand seinen Sinn mit vielen liebenswerten Dingen aus Gottes Wort füllt, wird er gestärkt und erquickt (Ps. 19:7, 8, 14). Das kann nicht nur den Schmerz vergangenen Missbrauchs lindern, sondern auch die geistige Gesundheit wiederherstellen.

In einigen Fällen müssen seelische Schmerzen dieser Art einfach ausgehalten werden. Doch solches Ausharren bringt "einen bewährten Zustand" (Röm. 5:3-5). As "der Vater inniger Erbarmungen und der Gott allen Trostes" verheißt Jehova, uns genügend Kraft zu geben, so dass wir nicht durch Kummer überwältigt werden (2. Kor. 1:3, 4). Der Apostel Paulus kämpfte mit einem "Dorn im Fleisch". Obwohl es dies schwerer für ihn machte, seinen Dienst auszuführen, war er in der Lage, glaubensvoll mit der Kraft auszuharren, die Jehova ihm gab (2. Kor. 12:7-10). Auch heute muss eine niedergedrückte Person so tätig im Predigtdienst, bei den Besuchen der Zusammenkünfte und in enger Gemeinschaft mit der Versammlung bleiben, wie er kann.