JEHOVABEFEHLE:
HALTET DEN MUND ÜBER MISSBRAUCH

DIE KINDER PHANTASIEREN NUR. Alte Sexmissbrauchsfälle nur "Halluzinationen"

In einem geheimen Brief an die örtlichen Führer der Zeugen Jehovas in ganz Dänemark setzte die oberste Führung die Vorschrift in Kraft, dass sexueller Kindesmissbrauch, der viele Jahre später zurückerinnert wird, totzuschweigen ist In dem geheimen Brief wies ein so genannter "Aktionsplan" vom Mai 2003 die lokalen Ältesten in den 200 Versammlungen im Land an, wie Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch zu behandeln seien.

Das Problem für die Jehova-Sekte war, dass neue Gesetze drohten, die langjährige Praxis der Sekte von Heimlichtuerei und Verschwiegenheit in Verbindung mit sexuellem Missbrauch ungesetzlich und damit strafbar zu machen.

Die Pflicht, Missbrauch anzuzeigen

Nach Paragraf 36 des Sozialgesetzbuches von 1997 hat jeder die Pflicht, zu den Behörden zu gehen, wenn er Kenntnis von Kindesmissbrauch hat. Sechs Jahre später wiesen die Jehova-Führer die Ältesten an, Eltern und Opfer zu ermutigen, sexuellen Kindesmissbrauch anzuzeigen. Im Falle, dass die Eltern und das Opfer nichts tun, sollten die Ältesten "erwägen", es zu tun. Aber nicht bezüglich früherem sexuellem Missbrauch. Der Brief hebt auch hervor, dass die örtlichen Führer, die so genannten "Ältesten", Eltern und Opfern nie davon abraten dürfen, zu den Sozialbehörden zu gehen, um "neuen" Missbrauch anzuzeigen.

Über Anzeige bei der Polizei muss "nachgedacht" werden

"Wenn Eltern oder das Opfer den Missbrauch nicht anzeigen, können die Ältesten erwägen, ob sie die Sozialbehörden kontaktieren sollten", schreibt das Hauptquartier - aber zu derselben Zeit weist es die lokalen Ältesten an, feste Verschwiegenheit zu wahren. Eltern und Opfer haben jetzt etwas, das in der Jehova-Sekte neu ist - ihnen wird jetzt erlaubt, zu den Behörden zu gehen, noch bevor ein Jehova-Rechtskomitee gesprochen hat. Aber ohne Rücksicht auf das Ergebnis wird der Schänder nicht aus der Sekte ausgewiesen, wenn er die Anschuldigungen leugnet und es nicht zwei Zeugen für das Verbrechen gibt. Dann muss man den "Fall in die Hände Jehovas" legen, sagt der Brief, der so geheim ist, dass er nicht kopiert werden darf. Sexueller Missbrauch, der in der entfernten Vergangenheit aufgetreten ist, wird nicht behandelt, sondern als "Halluzinationen" angesehen, wenn der mutmaßliche Schänder nicht gesteht.

Altfälle sollen vergessen sein

Punkt fünf im geheimen Brief verweist auf die alten Regeln aus der Zeitschrift Wachtturm vom November 1995. Wie Ekstra Bladet mehrmals berichtet hat, riet dieser Artikel davon ab, bei Sexmissbrauch zu den Behörden zu gehen, wenn der Missbrauch irgendwann in der Vergangenheit geschah und das Ergebnis von so genannten "wiederhergestellten Erinnerungen" ist. Dann ist es als "Halluzinationen" und als "falsche Erinnerungen" abgetan, und die sind streng vertraulich zu behandeln.

Nur wenn der mutmaßliche Schänder gesteht, ergreifen die Ältesten Maßnahmen. Wenn der Schänder die Anschuldigung leugnet, muss es zwei oder drei Zeugen geben, damit die Ältesten irgendetwas tun. Selbst wenn sich ein anderes Opfer meldet und denselben Schänder beschuldigt, wird es am besten sein, alles zu vergessen, heißt es im Wachtturm.

nw@eb.dk

Veröffentlicht in der Ausgabe vom 11.5.2004

(Auf derselben Seite ein riesiges Bild von einem Kongress. Bildüberschrift: "In Jehovas Händen" - Wenn ein sexuell missbrauchtes Kind unter den 20.000 dänischen Zeugen Jehovas außerstande ist, zwei oder drei Zeugen für den Missbrauch vorzubringen, und der Schänder gesteht nicht, müssen sich die Opfer trösten, dass Jehova selbst es in Ordnung bringt.)

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(Interview mit Jehovas-Zeugen-Sprecher Erik Jørgensen)

Die Anordnungen werden nicht zurückgenommen

Die Zeugenführer brauchten sechs Jahre, um einen Aktionsplan aufzustellen. Aber es dauerte nur fünf Monate, ihn zu überarbeiten. Das Sektenhauptquartier in Brooklyn, New York, USA, verfügten prompt eine Neuabfassung des Textes, als man dort entdeckte, dass ihre Vorschriften Verfassungsrecht bezüglich der Sozialbehörden verletzten. Der Sprecher der Zeugen Jehovas in Dänemark, Erik Joergensen, sagt zu Ekstra Bladet: "Der Ausdruck "überdenken" betont, dass die Ältesten nachdenken sollten, wenn der spezielle Umstand sich ergeben sollte, dass Eltern/Opfer den Missbrauch nicht anzeigen.

"Nach Überlegungen mit unserem Hauptquartier in Brooklyn wurde uns klar, dass dieser Ausdruck missverstanden werden konnte. Das ist der Grund, warum der Aktionsplan sofort zurückgezogen und am 20. Oktober durch einen neuen ersetzt wurde, der die Ältesten direkt anweist, alle Anschuldigungen den Behörden zu melden."

Widerlicher Missbrauch

Reporter- Das Gesetz ist von 1997. Warum dauerte es bis Mai 2003, ehe Sie einen Aktionsplan herausgaben?

Erik Joergensen- Wir haben in diesen sechs Jahren eine Menge getan. Wir haben Leuten, die mit uns Kontakt aufnahmen, Anleitung gegeben.

Reporter- Warum haben Sie im ersten Aktionsplan das Recht gebeugt?

Erik Joergensen- Das war nicht unsere Absicht und ist jetzt berichtigt

Reporter- Stehen Jehovas Zeugen über dem Gesetz?

Erik Joergensen- Überhaupt nicht, Wir müssen das Gesetz befolgen wie jeder andere auch. Sexueller Kindesmissbrauch ist abscheulich.

Reporter- Welche Folgen hat ein Bruch der Vertraulichkeit?

Erik Joergensen- Um Gottes Willen, da sage ich nichts.

Reporter- Was bedeutet "Es in Jehovas Händen lassen"?

Erik Joergensen- Wenn Erwachsene Probleme mit wiedererlangten Erinnerungen haben – dann bedeutet das, dass Zweifel bestehen, ob etwas wirklich geschehen oder nur Phantasie ist. Dann ist es für das Komitee sehr schwer, herauszufinden, was richtig oder falsch ist. Daher wird Jehova – d.h. Gott in solchen Dingen entscheiden müssen.

Soweit er weiß, sind alle Missbrauchsfälle, die sich ereignet haben, seit das Gesetz geändert wurde, den Behörden gemeldet worden.

Erik Joergensen- Wir ermuntern Eltern/Opfer, den Missbrauch selbst bei den Sozialbehörden zu melden, es sind nur "relativ wenig" Fälle

a-z@eb.dk

VON KIM AHRENTZEN

(Kasten auf derselben Seite)

DER FALL IN KÜRZE


Ekstra Bladet hat in den vergangenen Wochen beschrieben, wie die Zeugen Jehovas sexuellen Kindesmissbrauch nicht angezeigt haben. Statt das Gesetz des Landes zu befolgen, hat die religiöse Sekte es vorgezogen, die Fälle mit Manipulationen und interner Gerichtsbarkeit zu behandeln. Normalerweise mit Bezug auf ausgewählte Bibeltexte.

Sexueller Missbrauch von Kindern wird oft als "Halluzinationen" oder "wiederhergestellte Erinnerungen" bezeichnet. Die Opfer finden sich selbst angeklagt und wollen über die Demütigungen schweigen. Zeugen Jehovas sind eine extrem geschlossene Organisation mit etwa 20.000 Mitgliedern in Dänemark.

Sie erhalten weit reichende Subventionen in Form von Steuerbefreiung, weil es eine amtlich eingetragene Kirche ist. Die betriebswirtschaftlichen Daten sind geheim - die Jahresabschlüsse kennen nur einige wenige.