Lassen Älteste Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs im selben Raum dem angeklagten Schänder gegenüberstellen? Alleine oder mit anderen im Raum? Fordern Älteste von Opfern sexuellen Kindesmissbrauchs, Matthäus 18:15 zu befolgen?

Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift (1986):

Matthäus 18:15: "Überdies, wenn dein Bruder eine Sünde begeht, so gehe hin, lege seinen Fehler zwischen dir und ihm allein offen dar. Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen."
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SPIEGEL ONLINE, deutsches Nachrichtenmagazin, 12. Juni 2002 :

John Robert (J.R.) Brown, Leiter des Büros für Öffentlichkeitsarbeit der Zentrale in Brooklyn , weist zurück, was Bowen sagt. Brown erklärt, sie ließen den Beschuldigten inicht in Gegenwart von Eltern und drei Ältesten gegenüberstellen.
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Offizielle Erklärung der Wachtturm-Gesellschaft in JW-Media.org, Mai 2002:

Wenn ein Zeuge Jehovas des Kindesmissbrauchs beschuldigt wird, wird von den Ältesten der Ortsversammlung erwartet, dass sie eine Untersuchung vornehmen. Zwei Älteste treffen sich getrennt mit dem Beschuldigten und den Beschuldigenden, um zu sehen, was jeder zu der Sache sagt. Wenn der Angeklagte die Beschuldigung bestreitet, mögen die Ältesten dafür sorgen, dass er und das Opfer die eigene Position in der Gegenwart des jeweils anderen wiederholen, wobei auch die Ältesten anwesend sind. Wenn der Beschuldigte die Anschuldigung bei dem Treffen immer noch bestreitet und niemand anderer die Beschuldigung erhärten kann, können die Ältesten zu dieser Zeit nichts in der Versammlung unternehmen.
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Zitate aus dem Wachtturm, 1. November 1995, Seiten 28-29, auch online unter <http://www.watchtower.org/library/w/1995/11/1a/article_01.htm>

Jemand könnte auch das Gefühl haben, ein Verwandter oder ein Angehöriger habe etwas [mit sexuellem Missbrauch] zu tun gehabt. Man sollte allerdings die teilweise zweifelhafte Natur von „verdrängten Erinnerungen" berücksichtigen, wenn es darum geht, jemanden zu identifizieren, den man als Täter verdächtigt. Solange die Angelegenheit nicht einwandfrei bewiesen ist, sollte man in dieser Situation den Kontakt mit der Familie aufrechterhalten — zumindest durch gelegentliche Besuche oder auf brieflichem oder telefonischem Wege —, wodurch man sein Bemühen zeigt, gemäß der Bibel zu leben. (Vergleiche Epheser 6:1-3.)

Was wäre, wenn sich der Betroffene zu einer Anzeige entschließt? [IN DER FUSSNOTE HEISST ES: Der in diesem Absatz umrissene Schritt ist möglicherweise unumgänglich, wenn die Angelegenheit in der Versammlung allgemein bekanntgeworden ist.] Die beiden Ältesten sollten ihm dann raten, den Beschuldigten im Einklang mit dem Grundsatz aus Matthäus 18:15 selbst anzusprechen. Falls sich der Ankläger emotionell außerstande fühlt, mit dem Betreffenden ein persönliches Gespräch zu führen, kann dies telefonisch oder gegebenenfalls brieflich geschehen. Auf diese Weise kann sich der Angeklagte vor Jehova zu der Beschuldigung äußern. Vielleicht kann er sogar Beweise vorlegen, daß er den Mißbrauch nicht begangen haben kann. Es könnte auch sein, daß der Beschuldigte gesteht und es zu einer Aussöhnung kommt. Welch ein Segen das doch wäre! Wird ein Geständnis abgelegt, können die beiden Ältesten die Angelegenheiten im Einklang mit den biblischen Grundsätzen weiterverfolgen.

Wird die Beschuldigung zurückgewiesen, sollten die Ältesten dem Ankläger erklären, daß rechtlich nichts weiter unternommen werden kann. Und die Versammlung wird den Beschuldigten weiterhin als unschuldig betrachten. Gemäß der Bibel müssen zwei oder drei Zeugen vorhanden sein, damit rechtliche Schritte unternommen werden können (2. Korinther 13:1; 1. Timotheus 5:19). Selbst wenn sich mehr als eine Person an einen Mißbrauch durch dieselbe Person „erinnert", ist die Natur dieser Erinnerungen doch zu ungewiß, um ohne weitere belastende Beweise rechtliche Entscheidungen darauf zu stützen. Das bedeutet nicht, daß solche „Erinnerungen" als falsch (oder als wahr) betrachtet werden. Aber bei einem Rechtsfall muß man sich an die biblischen Grundsätze halten.

Was ist, wenn der Beschuldigte — obwohl er die Missetat bestreitet — tatsächlich schuldig ist? Kommt er sozusagen ungestraft davon? Ganz gewiß nicht! Die Frage der Schuld oder Unschuld ist bei Jehova in besten Händen. „Die Sünden einiger Menschen sind öffentlich kund und führen direkt zum Gericht, bei anderen Menschen aber werden die Sünden später ebenfalls kund" (1. Timotheus 5:24; Römer 12:19; 14:12). Im Bibelbuch Sprüche heißt es: „Die Erwartung der Gerechten ist Freude, aber selbst die Hoffnung der Bösen wird zugrunde gehen." „Wenn ein böser Mensch stirbt, geht seine Hoffnung zugrunde" (Sprüche 10:28; 11:7). Jehova Gott und Jesus Christus werden schließlich ein für allemal ein gerechtes Urteil fällen (1. Korinther 4:5).

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Zitate aus Erwachet!, 8. Oktober 1991, Seiten 10-11:

Es ist völlig normal, zornig zu sein, wenn man mißbraucht wurde. Trotzdem können die Familienbande stark sein, und du möchtest den Kontakt zu deinen Eltern nicht gänzlich abbrechen. Möglicherweise ziehst du sogar eine Versöhnung in Betracht. Doch viel hängt von den Umständen ab. Manchmal sind Opfer geneigt, ihren Eltern vorbehaltlos zu verzeihen — nicht die Mißhandlung an sich, aber sie wehren sich dagegen, von Groll verzehrt oder von Angst beherrscht zu werden. Um eine emotionale Konfrontation zu vermeiden, sind einige damit zufrieden, sich ‘in ihrem Herzen auszusprechen’, und lassen es dabei bewenden (Psalm 4:4).

Du magst jedoch zu dem Schluß kommen, die Dinge könnten nur geklärt werden, indem du deine Eltern mit dem Mißbrauch konfrontierst — persönlich, telefonisch oder brieflich. (Vergleiche Matthäus 18:15.) Wenn dem so ist, solltest du dich bereits ausreichend erholt haben — oder zumindest genügend Unterstützung haben —, um einem eventuellen Gefühlsausbruch standhalten zu können. Da durch eine lautstarke Auseinandersetzung nur wenig erreicht wird, versuche, bestimmt, doch ruhig zu sein (Sprüche 29:11). Du könntest sagen, 1. was geschehen ist, 2. wie es sich auf dich ausgewirkt hat und 3. was du jetzt von ihnen erwartest (zum Beispiel eine Entschuldigung, die Begleichung von Arztrechnungen oder Verhaltensänderungen). Auf jeden Fall können dadurch, daß du die Sache zur Sprache bringst, irgendwelche zurückgebliebenen Gefühle der Machtlosigkeit zerstreut werden. Und es könnte der Weg für ein besseres Verhältnis zu deinen Eltern geebnet werden.

Zum Beispiel mag dein Vater den Mißbrauch zugeben und tiefe Reue zum Ausdruck bringen. Er mag auch echte Anstrengungen unternommen haben, sich zu ändern, vielleicht durch eine Behandlung für Alkoholabhängige oder durch ein Studium der Bibel. Deine Mutter bittet dich womöglich um Vergebung, weil sie dich nicht beschützt hat. Manchmal kann es zu einer völligen Aussöhnung kommen. Wundere dich jedoch nicht, wenn du dich bezüglich deiner Eltern immer noch im Zwiespalt befindest und es vorziehst, nicht vorschnell ein enges Verhältnis zu ihnen zu haben. Zumindest kannst du eventuell den normalen Familienkontakt wiederaufnehmen.

Andererseits könnte das Gespräch bei dem Sexualtäter und bei anderen Familienangehörigen Ablehnung und verbale Übergriffe auslösen. Noch schlimmer wäre es, wenn du herausfändest, daß er für dich immer noch eine Bedrohung darstellt. Vergebung mag dann unangebracht sein und ein enges Verhältnis unmöglich. (Vergleiche Psalm 139:21.)

Wie dem auch sei, es kann lange dauern, bis deine verletzten Gefühle nachlassen. Du magst dich wiederholt daran erinnern müssen, daß Gott letzten Endes Recht spricht.
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Ende der Zitate über die "Matthäus 18:15-Vorschrift"
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