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   http://writ.news.findlaw.com/hamilton/20070125.html

 

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Entwicklungen bei Missbrauch durch Geistliche in Dänemark und Kalifornien in b´Bezug auf Jehovas Zeugen und die katholische Kirche, sowie ein für den Oscar nominierter Dokumentarfilm
Von MARCI HAMILTON
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Donnerstag, 25. Januar 2007

Der Religionsorganisation der Zeugen Jehovas werden zu Recht wichtige Präzedenzfälle zur Bestätigung der Redefreiheit in den USA zugute gehalten. Unter vielen Meilensteinen sicherte die Organisation Urteile, in denen das Recht anerkannt wird, der Regierung das Treuegelöbnis zu verweigern, in West Virginia Board of Ed. gegen Barnette, und das Recht, friedlich Menschen zu bekehren, in Cantwell gegen Connecticut. Der neuere Dokumentarfilm "Knocking" stellt die Beiträge auf deisem Gbiet in den Mittelpunkt.

Es ist daher außerordentlich ironisch, dass die Zeugen Jehovas kürzlich in Dänemark die Haltung eingenommen haben, die Redefreiheit, einschließlich der Pressefreiheit, sollte bestraft und unterdrückt werden. Es hat den Anschein, wenn es um mutmaßlichen Missbrauch in der Organisation durch Geistliche geht, macht sie in ihrer Haltung zur Redefreiheit eine Wendung um 180 Grad. Offensichtlich unterstützen die Zeugen Jehovas die Redefreiheit für sich selbst, aber nicht für ihre Kritiker.

Die Tatsachen, Beschuldigungen und das Urteil im Fall Dänemark

Der Fall nahm seinen Anfang, als im Jahre 2004 eine der größten Zeitungen in Dänemark, Ekstra Bladet, eine Artikelserie über glaubwürdige Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung bei den Zeugen Jehovas und deren Vertuschung brachte. Die Überschriften der Artikel lauteten unter anderem: "Jehova-Führer vertuscht Kindesmissbrauch", "Sei still zu sexuellem Missbrauch" und "Jehova-Order: Schweigen zu Kindesmissbrauch", sowie weitere.

Die Zeitung berichtete, dass Personen, die sehr glaubwürdig geltend machten, sie seien Opfer sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit in der Organisation, gezwungen wurden, ihre Beschuldigungen geheim zu halten. Wie die Artikelreihe im Boston Globe über die Vertuschungen von Missbrauch durch Geistliche in der römisch-katholischen Kirche in der Erzdiözese Boston, die vor fünf Jahren lief, konzentrierte sich diese Artikelserie nicht nur auf die Taten von Einzelpersonen, sondern auf organisationsweite Verfahrensweisen, die zu institutionalisierter Geheimhaltung von Kindesmissbrauchsbeschuldigungen führten. Die Serie konzentrierte sich auch auf die Auswirkungen dieser Vorschriften und den zugrunde liegenden Missbrauch auf Opfer und ihre Familien.

Das örtliche Zweigkomitee der Zeugen Jehovas, gebildet aus sieben Mitgliedern, die die Organisation leiten, verklagte die Zeitung, Ekstra Bladet, und ihren Chefredakteur, Bent Falbert, wegen Verleumdung. Sie forderten 350.000 dkr, und dass der Chefredakteur wegen Verleumdung vor ein Strafgericht kommt. Im vergangenen Dezember wies Richterin Anne Grethe Stockholm alle ihre Ansprüche ab und erlegte ihnen auf, die Gerichtskosten der Gegenseite zu zahlen, die sich auf 50.000 dkr beliefen.

Das Gericht argumentierte, die angesprochenen Themen seien einer Berichterstattung wert und eine Sache von öffentlichem Interesse, außerdem enthielten die diese Themen besprechenden Berichte eine gerechtfertigte juristische Analyse.

Urteile in Prozessen gegen die Zeugen Jehovas und andere in Kalifornien

Inzwischen stehen die Zeugen Jehovas auch in Kalifornien vor Gerichtsverfahren, die mutmaßliche Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs anstrengten - und verlieren auch in Schlüsselfragen. In einer Entscheidung aus Oktober 2006 zum Beispiel heißt es aus einem Gericht in Napa, das Kirchenprivileg zwischen Beichtendem und Beichtvater erstrecke sich nicht auf Gespräche in der Organisation bezüglich mutmaßlichen sexuellen Kindesmissbrauchs.

Inzwischen hat die katholische Kirche in Kalifornien dasselbe Argument angeführt und ebenfalls verloren. Und das zu Recht: Gespräche über mutmaßlich von Organisationsmitgliedern begangene Verbrechen gehören wohl kaum zu den religiösen Gesprächen, die das Kirchenprivileg schützen soll.

Eine wohlverdiente Oscar-Nominierung betont die Rolle der Redefreiheit bei der Beendigung von Missbrauch durch Geistliche und der Gerechtigkeit für die Opfer

Inzwischen ist Kalifornien auch in anderer Weise wichtig im Kampf gegen Missbrauch durch Geistliche: In Los Angeles schlossen die Oscar-Nominierungen eine reich verdiente für den starken und beunruhigenden Dokumerntarfilm "Deliver Us from Evil" ein. Wie in einer früheren Kolumne besprochen, bringt der Film beunruhigende Interviews mit einem Kinder schändenden Priester, einem Pater. O'Grady - der unter der Obhut von L.A.'s Kardinal Mahony stand. Dieser Film hat so viel Kraft, er verdient es wahrlich, den Preis zu gewinnen.

Freie Rede und eine freie Presse - wie auch eine Bloßstellung in der Öffentlichkeit - sind Schlüssel, um Missbrauch durch Geistliche zu besiegen und den Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen. Als der Boston Globe vor fünf Jahren den Sknadal in der katholischen Kirche losbrach, wussten sehr wenige außerhalb der Kirche von Missbrauch durch Geistliche. So ist unklar, ob ein schockierender Film wie "Deliver Us from Evil" mit größerer Wahrscheinlichkeit als Ausnahme denn als Beweis für ein tiefes entsetzliches Problem der Institution angenommen worden wäre.

Jetzt hat sich die Kirche nicht nur als unfähig erwiesen, ihre hässlichsten Geheimnisse bei sich zu behalten, sondern ihre Public-Relations-Kampagne ist auch völlig gescheitert. Die lange Ära, in der es niemand gewagt hätte, die Kirche in dem Licht zu zeichnen, das "Deliver Us from Evil" auf sie wirft, ist für immer vorbei.

Der Prozess der Zeugen Jehovas in Dänemark zeigt dieselbe innere Dynamik wie ei der katholischen Kirche, und aufgrund der Beschuldigung haben die Institutionen zu den gleichen Strategien gegriffen: so viel wie möglich verbergen, und wenn doch etwas an die Öffentlichkeit gerät, in die Offensive gehen. Irgendwie haben sich die Institutionen den Glauben angeeignet, sie hätten ein Recht auf eine interne, geheime Sphäre, wo sie für das Leid der Kinder nicht rechenschaftspflichtig gemacht werden können. Glücklicherweise zeigen sowohl dänische wie kalifornische Gerichte und die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, dass sie damit sehr verkehr liegen.

[Marci A. Hamilton ist Inhaberin des Paul R. Verkuil-Lehrstuhls für Öffentliches Recht der Benjamin N. Cardozo School of Law an der Yeshiva University. Professor Hamiltons neuestes Buch ist God vs. the Gavel: Religion and the Rule of Law (Cambridge University Press 2005)]